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Heliogabal

Louis Couperus: Heliogabal - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorLouis Couperus
titleHeliogabal
publisherZenith-Verlag Erich Stolpe
addressLeipzig
editorElse Otten
year1928
firstpub
translatorElse Otten
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100406
projectidfaf380a2
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Zwölftes Kapitel

So wie das Wasser seine Farbe wechselt, wenn die Brise darüber hinstreicht, so wie der Himmel sich umwölkt und wieder blau wird, so wandelte sich in der Seele des Knaben Antoninus die leicht bewegliche Erregung, und an jenem Abend nach dem Mahl schien er die morgendliche Verstimmung um den kleinen Cäsar vergessen zu haben. Ausgelassen fröhlich war er gewesen, während er zwischen den Präfekten, den Tribunen, Aristomachos, Antiochianus an der Tafel lag, umgeben von den Günstlingen, und sie alle waren erfreut, weil Hierokles nicht geladen war und vergessen schien nach der ersten, allzu jähen Gunst. Sich innerlich in Groll verzehrend, hatten sie den Verhaßten durch die Säulengänge streifen sehen; denn wohl war es ihm vergönnt, künftighin im Palatium zu bleiben. Doch die Günstlinge wußten es gewiß, daß der Kaiser ihm im Stadion nicht mehr gestattet hatte als den Kniekuß. Ihn jetzt aus dem Palast zu entfernen, war ihr Bestreben, und Aristomachos und Antiochianus hatten sich an die Clarissima Mäsa gewandt. Doch die hochmütige Frau hatte verächtlich die Achseln gezuckt. Sie duldete es, daß Antoninus seine Günstlinge nach eigenem Wunsch wählte, weil sie meinte, daß er kein Kind mehr sei sondern Kaiser von Rom. Solange er ihr, der Clarissima, die Macht überließ, verwöhnte sie ihn, soviel sie ihn nur verwöhnen konnte, mit der anbetenden Liebe, die sie für ihr liebstes Enkelkind, ihr liebstes, schönstes und herrlichstes, stets gehegt hatte. Sie war übermächtig in Palast und Senat; sie herrschte. Ihr stolzes Ziel hatte sie gleichsam schon erreicht. Wohlfahrt verbreitete sich im Reich. Handel und Schiffahrt blühten, die Wege waren gesichert; höhere Steuern wurden nicht erhoben. Die Pax Romana umstrahlte Roms Allmacht mit des Friedens Nimbus. Es herrschte Gerechtigkeit. Den Ruhm des Weltreiches, von Septimius Severus vorbereitet, auf Antoninus zu leiten, den Kaiser, der die Sonne anbetete: das war das höchste Ziel der Clarissima, das ihr nahe schien wie der morgige Tag. Heliogabal schien zum Heil der Welt triumphieren zu sollen. Was galten in seinem Lichte die Motten?

Der kleine Kaiser hatte seine Morgenstimmung ganz vergessen und war ausgelassen fröhlich gewesen, hatte seine Freudigkeit genossen wie ein Kind, so heiter, ungezwungen und spielerisch, wie er sich bei den lange währenden, späten Abendmahlzeiten mehr und mehr zeigte. Heiter war er stets gewesen, auch zu Emesa; aber so ausgelassen wie hier hatte man ihn dort nie gesehen. Götter, was für ein Liebling war er doch! Tausendfältig wa er! Er war alles, was er nur sein wollte, und es gab keinen Menschen, dem nicht der herrliche Antoninus einen Genuß zu verschaffen vermocht hätte.

 

Der Kaiser war umhergewirbelt wie ein Kreisel; sein schleppendes Gewand hatte sich um seine schlanken Beine geschlungen. Plötzlich hielt er inne. Seine Augen schmachteten, lachten unter den gemalten Brauen, die Lippen spitzten sich wie zu einem Kuß, in dem sich alle Wollust fand, und er winkte und rief:

»Aristomachos! Antiochianus! Hört, hört! Niemand soll es wissen! Heut nacht gehen wir in die Subura. Aber niemandem sagen, hört ihr? Mund halten! Legt eure dunkelste Pänula an. Ich vermumme mich so, daß ich unkenntlich bin!«

Nochmals drehte der Kaiser sich in wirbelndem Tanz und tanzte, Kußhände werfend, davon. Lachend, vom Rosenwein trunken, eilte er davon, vorbei an den Cubicularii, die er zur Seite stieß, und eilte in seine Gemächer, noch bevor Narr seine Ankunft verkünden konnte.

»Rasch, rasch, Vasthi, Statira, Livilla, entkleidet mich! Livilla, binde mir die Sandalen los! Rasch, Statira, färbe mir die Wangen etwas dunkler und die Augenbrauen. Schade, daß sich die Farbe des Augapfels nicht verändern läßt, daß dafür noch nichts erfunden wurde! Gib mir eine Lockenperücke, versuch mich unkenntlich zu machen, Vasthi. Reich mir aus der Truhe, in der die Masken verwahrt sind, die kleine Tunika des Pastetenbäckers – du weißt doch, so eine kleine weiße mit einem Schurz und die ganz einfachen weißen Schuhe mit weißen Bändern und die weiße Kochmütze. Schnell, schnell, Vasthi, Statira ... vorwärts! Du brauchst mich nicht so fein zu malen wie zum Tanz, aber unter den Augen recht schwarz, denn man soll mich nicht erkennen. Vorwärts, Statira, es ist doch ein so einfacher Anzug. Rufe Narr und sage ihm, daß er mitgehen soll. Aber er soll seine okerfarbene Tunika ablegen und eine dunklere anziehen und gib uns beiden eine braune Pänula, damit wir unerkannt aus dem Palast gelangen. An dem hinteren Peristyl und den Latrinen wollen wir vorbeigehen. Da ist schon der Präfekt. Antiochianus erwartet mich an der hinteren Pforte!«

Er spornte die Frauen zu immer größerer Eile an. In einem Augenblick hatten sie ihn unkenntlich gemacht. Sie lachten, und auch Antoninus war ausgelassen. In dem Spiegel, den Narr ihm nun vorhielt, sah er, daß er in der Tat unkenntlich war: ein sehr junger, schalkhafter Pastetenbäcker, der noch etwas anderes als Ölkrapfen zu verheißen schien. So eilte er, von Narr begleitet, nachdem beide sich in braune Pänulä gehüllt und die Kapuze über die Augen gezogen hatten, die Latrinen entlang zur hinteren Pforte. Dort warteten die getreuen Tribunen, der Präfekt und sechs Prätorianer, vertraute Leute, dunkel vermummt und ohne Helm, barhäuptig. Drei gingen voran, drei folgten, Antoninus ging zwischen den beiden Offizieren und Narr kaufte an einem kleinen Stand ein an Riemen befestigtes Tragbrett zum Umhängen und viel fette Ölkrapfen.

Antoninus kostete einen und warf ihn Aristomachos ins Gesicht. Der Tribun brüllte vor Lachen, glückselig. Des Kaisers Gunst und Vertrauen genossen die beiden Offiziere wie ein Glück; und behenden, leichten Schrittes eilten sie nach der Subura, durch die kleinen, engen Gäßchen, wo Kupplerinnen sie anriefen. Unter verfallenen Arkaden, wo man Satyrion verkaufte – das aufreizende Stendelkraut –, über das schmutzige geborstene Pflaster, vorbei an dem Unrat, der nach Fischgräten und verfaultem Gemüse stank, eilten sie nach der engen Gasse, dorthin, wo sich die Tabernen und Bordelle reihten, wo Genußsüchtige schnüffelten und wo auf der Schwelle die Wirte und Wirtinnen an den Fingern herzählten, was sie beschaffen konnten und um welchen Preis: ein Zimmer allein, ein Bett im gemeinschaftlichen Saal, eine Abendmahlzeit, eine Frau oder einen Knaben. Auf kleinen Bühnen sollten mystische Spiele gezeigt werden; in die Sellariae durfte man einen Blick werfen, auf die spinthrischen Wirrnisse, die der Kaiser Tiberius erfunden hatte; Tänze schlangen sich durch die engen Gassen, Musik von kleinen ägyptischen Harfen ertönte schrill; die Wirte brüllten und die Wirtinnen schrien und luden zum Eintritt und zeigten die Kaufware.

 

Jetzt hat Antoninus seine Pänula abgenommen und sie einem der vermummten Soldaten zugeworfen; und obwohl man ihn aus einer gewissen Entfernung im Auge behält, geht er allein. An seinem etwas brauner gefärbten Hals hängt das Tragbrett mit den fetten Ölkrapfen, er ahmt den Gang eines Gassenjungen nach und ruft, seine Ware feilbietend, mit einem schrillen Gassenakzent:

»Wer kauft Ölkrapfen? Wer kauft Ölkrapfen? Einen Ölkrapfen für einen Obolos!«

Nein, das Volk erkennt ihn nicht. Er geht, er schreit wie ein kleiner Händler, er drängt sich mit seinem Tragbrett durch die Menge und läßt immer wieder den gleichen schrillen Ruf ertönen:

»Wer kauft Ölkrapfen? Wer kauft Ölkrapfen? Einen Ölkrapfen für einen Obolos?«

Er verkauft seine Ölkrapfen; er läßt mit sich handeln: drei für zweieinhalb Obolen. Er steckt die Münzen ein. Er betritt eine Taberne. Dort liegen sie quer über den Tischen, dort fließt Wein aus Krügen in die Kehlen und über den Boden; dort werfen sie die Würfel und der Pastetenbäcker wiederholt seinen Ruf;

»Wer kauft Ölkrapfen? Wer kauft Ölkrapfen? Einen Ölkrapfen für einen Obolos?«

Er geht in ein Bordell und bittet die Wirtin, den Wirt um die Bewilligung. Er ist ganz und gar Gassenjunge und ein kleiner Händler; seine Ware preist er an mit einem Lächeln hier und einem Lächeln dort, so wie es die kleinen Bäcker tun, die noch andere Süßigkeiten verheißen als ihre Kuchen. Ein dicker Leinwandhändler folgt ihm auf dem Fuß und bietet ihm Unterkunft an für diese Nacht. Doch der Kleine sagt, er habe keine Zeit und müsse seine Kuchen verkaufen, da sein Meister sonst sehr böse sein werde. Zwei junge Leute, in braune Fänulä gehüllt, schauen ihm einen Augenblick tief in die Augen und plötzlich sagt der eine, Gordianus: »Sertorius, bei der Venus der Subura – siehst du den kleinen Bäcker?«

»Ein hübsches, schlankes Kerlchen.«

»Sieh ihn dir genau an ... Erkennst du ihn nicht, Sertorius?«

»Ihr Götter!« ruft Sertorius aus und hüllt sich dichter in seine Kapuze.

»Still, laß dir nichts merken!«

»Antoninus!?«

»Ja, Antoninus! Still!«

 

Sie haben den Kaiser erkannt. Der geht dicht an ihnen vorüber und schreit ihnen in die verhüllten Gesichter, die er, gleichgültig, kaum ansieht.

»Wer kauft Ölkrapfen? Wer kauft Ölkrapfen? Einen Ölkrapfen für einen Obolos?«

Gordianus kauft ihm einen Kuchen ab.

»Hast du noch was anderes zu verkaufen als Kuchen?«

Zweideutig und herausfordernd beantwortet der Kleine diesen Scherz. Er ist zwar kunstvoll geschminkt, aber Gordianus hat ihn doch erkannt an seiner Grazie, die sich auch durch die herausfordernd zur Schau getragenen Gassenjungenmanieren nicht verwischen läßt. An dem Patrizier und seinen Klienten vorbei eilt der Kleine in ein größeres Bordell. Dort erklingt laute Musik: ägyptische Frauen spielen die Harfe und syrische Knaben zupfen die Sistren dazu. Gallische Frauen singen und dicke Negerinnen führen Bauchtänze auf, umhüllt von einer Dunstwolke aus heißem Atem und Qualm von Ölfunzeln. Durch diese Wolke wird man der Fresken gewahr, die die Wollust lehren in unnachahmlichen, schier fabelhaft erscheinenden Verschmelzungen.

Der kleine Kuchenhändler wird bestürmt. Er verkauft seine Kuchen, wird hier geküßt und dort, bis er plötzlich in toller Ausgelassenheit zehn übriggebliebene Kuchen seinen Angreifern ins Gesicht wirft. Sie zerplatzen auf den Mäulern; Fett trieft aus den Augen, an den Bärten hinab.

Der Kleine lacht, lacht, läßt sich, immer ausgelassener, halb widerstrebend mitschleppen nach dem gemeinschaftlichen Saal; doch alle Lager sind besetzt und zwei Matrosen zerren ihn weiter in den engen Gang, der die kleinen Gemächer voneinander trennt. Auch Aristomachos und Antiochianus sind eingetreten, sie erkennen Gordianus nicht, ebensowenig wie Gordianus sie erkennt. Draußen halten sechs Prätorianer Wache. Da wird der Vorhang eines Gemaches gelüftet und ein Frauenantlitz späht neugierig heraus, aufmerksam geworden durch die bekannt klingende kreischende Stimme des kleinen Händlers. Die Frau blickt Antoninus in die Augen; Antoninus, in der brutalen Umklammerung der zwei betrunkenen Matrosen, die versuchen, ihn mitzuziehen, blickt in die Augen jener Frau und erkennt sie – seine Mutter, so wie Semiamira ihren Sohn erkennt. Doch blitzartig schließt sie den Vorhang, Antoninus aber reißt ihn, laut auflachend, wieder zurück und der Kaiser von Rom, von den beiden betrunkenen Matrosen umklammert, sieht seine Mutter in den Armen eines riesengroßen Mirmillo. Laut auflachend wirft Antoninus sich hintenüber. Mit einem wilden Ruck wird der Vorhang geschlossen, die Matrosen schleppen den kleinen Kuchenhändler mit. Sie verstehen nicht recht, da sie weder die Frau noch das Kind erkannt haben. Sie kommen von Ostia, noch niemals sahen sie Roms Aufzüge und Zeremonien. Vorn im Peristyl wechseln die Orchester miteinander ab; auf Trommeln wird geschlagen, mit Krotala geklappert und plötzlich, sich dicht gegenüberstehend, erkennen Gordianus und Sertorius den Praefectus Praetorio und seinen Tribunen. Sie lächeln einander zu; sie haben einander verstanden...

Auf der Schwelle hockt Narr, traurig und vergessen.

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