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Heliogabal

Louis Couperus: Heliogabal - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorLouis Couperus
titleHeliogabal
publisherZenith-Verlag Erich Stolpe
addressLeipzig
editorElse Otten
year1928
firstpub
translatorElse Otten
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100406
projectidfaf380a2
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Elftes Kapitel

Die erste Morgenstille wob zarte Ruhe durch die Säulenhallen, die sich rings um die Atrien der Frauenwohnung reihten. Ruhig schoben sich große Schattenflächen langsam die roten Stuckwände mit der feinen Freskoverzierung entlang oder senkten sich violett über die Mosaike des Fußbodens. Jenseits der Schatten fiel der Sonnenschein unablässig herab in ruhiger Glanzflut.

In den inneren Säulenhallen gingen zwei Cubicularii des Dienstes auf und ab; sechs Prätorianer hielten in einer seitlichen Laube die Wache. Schritte näherten sich, und Narr, bekleidet mit seinem leuchtenden, okerfarbenen Gewände, die Münzenkette um den kräftigen schwarzen Nacken, lüftete einen Vorhang und rief:

»Der Kaiser!«

Antoninus folgte ihm auf dem Fuß, hastigen Schrittes. Er trug eine kurze, sehr eng anliegende Morgentunika aus weißer Seide, mit goldenen Palmen bestickt, und einen wallenden persischen Mantel mit langer Schleppe. Die Gemmen an seinen Schuhriemen, die Fibel seines Mantels, die Steine in seinem Haarband waren alle gleich: Amethyste, in die ein dem Uneingeweihten unbekanntes Symbol eingraviert war. Die beiden Cubicularii standen in aufrechter Haltung. In der Loggia verharrten die Prätorianer schweigend und der Sonnenpriester verbarg sich.

»Die erhabene Mäsa?« fragte Antoninus.

»Eure Ewigkeit, die Clarissima hat sich in den Senat begeben,« antwortete einer der Cubicularii.

Die Großmutter hatte im Senat ihren Sitz eingenommen, und darum nannte man ihn den Tempel der Clarissima. Sie war die erste Frau, deren Herrschsucht dies gewagt hatte, und Rom war, wenngleich befremdet, so doch bezaubert von diesem Neuen.

»Semiamira?« fragte Antoninus.

»Eure Ewigkeit, die Augusta hat ihre Gemächer noch nicht verlassen.«

Antoninus entsann sich, daß Narr ihm verraten hatte, seine Mutter Semiamira sei, gleich Messalina, in der Nacht aus dem Palast geschlichen.

Antoninus wurde ungeduldig.

»Mammäa?«

»Eure Ewigkeit, die Serenissima hält sich mit dem Cäsar im Atrium ihrer Gemächer auf.«

»Ich will sie sprechen!« sagte Antoninus.

Der Cubicularius ging ihm voran. Die hohe Stimme des Kaisers hatte zornig und zitternd geklungen; seine veilchendunklen Augen blickten starr. An diesem Morgen buhlten sie nicht. Dennoch streichelte er Narr den krausen Kopf, während er ihm befehlend zurief:

»Laß mich allein!«

Der Mohr ging zurück; der Cubicularius führte den Kaiser, durch Portikus und Vorraum, lüftete einen Vorhang und verkündete:

»Der Kaiser!«

 

Mammäa saß auf hohem Thronsessel im Atrium. Zu ihren Füßen lag Theokleia, ihr Töchterlein, während Alexianus mit einem griechischen Athleten kämpfte, der ihn unterwies. Die kräftigen Glieder des nackten Knaben – er war dreizehn Jahre alt – leuchteten auf dem sonnenüberfluteten Teppich wie die eines jungen Mars. Mammäa war umgeben von des Alexianus Lehrmeistern, dem griechischen Grammatiker Nebo, dem Rhetor Serapion, Stilo, dem Philosophen, und Scaurinus, einem Gelehrten von großem Ruf. Wohlgefällig um die Mutter geschart, gewahrten sie freudig, wie die Kräfte des Alexianus, der stolz und nach allen Regeln dieser Kunst sich mit dem Athleten maß, sich langsam entwickelten. Als Antoninus gemeldet ward, erhoben sich alle, und etwas wie Schrecken zuckte über ihre Züge. Der Athlet und Alexianus ließen einander los.

»Oh«, sagte Antoninus spottend, »mein Vetter Alexianus wird erzogen wie ein kleiner Achilles inmitten so vieler würdiger und gelehrter Männer, die strahlenden Auges seine Fortschritte bewundern, geschart um die stolze Mutter, die freudige Serenissima Mammäa. Heil, heil dem tugendhaften Cäsar! Es setzt mich in Erstaunen, Mutter des kleinen Alexianus, daß der Cäsar so wenig Interesse zeigt für die Wettrennen im Stadion und daß er von so hervorragenden Pädagogen nicht auch vertraut gemacht wird mit den Regeln der Höflichkeit. Sonst wäre er gestern sicherlich im Stadion erschienen, um seinen Vetter und Kaiser als Wagenlenker zu sehen. Denn wenn diese Athletik auch weniger gilt als der Ringkampf, so ist sie doch nicht ganz ohne Verdienst. Darf ich Euch fragen, Serenissima, warum Euer viel verheißender Sohn gestern in der kaiserlichen Loge durch Abwesenheit glänzte?«

»Antoninus,« antwortete Mammäa, sich entschuldigend, »hätte ich erraten können, daß Ihr auf Alexianus Gegenwart Wert legtet ...?«

»So würdet Ihr Euch beeilt haben, Alexianus nach dem Stadion zu rufen, ich verstehe das, Serenissima. Es mag auch schwer sein, alle Wünsche des Antoninus zu erraten und ihnen zu willfahren. Doch um das vorgestrige Gastmahl und die gestrige Abendmahlzeit müßt Ihr doch sicherlich gewußt haben. Warum, Serenissima, durften wir bei dieser Veranlassung weder Euch noch unseren jungen Achilles im Triklinium erscheinen sehen?«

»Zu lange währen die abendlichen Mahlzeiten, Augustus, als daß ich meinen Sohn an den Gelagen, die seine Gesundheit gefährden könnten, dürfte teilnehmen lassen.«

»Ah, ist es das, Mammäa? Als getreue Henne bleibt Ihr bei Eurem Küken. Ich verstehe, Serenissima. Die Erziehung, die Ihr Eurem Sprößling zuteil werden laßt, ist der römischen Matrone würdig und ich achte sie sehr hoch, obwohl ich für meinen Teil die vorziehe, welche mir die Augusta angedeihen ließ. Ihr, Mammäa, huldigt, um unseren teuren Alexianus noch tugendhafter werden zu lassen, als er es schon ist, wohl etwas gar zu veralteten Traditionen! Pfropft ihn voll, ihr Gelehrten, mit Tugend und mit Wissenschaft; entwickele deine Muskeln, Alexianus, auf daß du einem Mirmillo gleich werdest, doch verachte auch nicht völlig die innige Liebe, die dir dein Vetter Antoninus entgegenbringt, Cäsar, und willfahre jetzt seinem Wunsche: ich möchte einen kurzen Augenblick vertraulich mit dir allein sein, auf daß wir einander nicht fremd werden, denn deine vielfältigen Beschäftigungen halten dich oft gar zu lange meiner Umarmung fern.«

Ironisch-zärtlich und zugleich vor Kränkung und Erbitterung zitternd, hatte des Antoninus Stimme geklungen. Jetzt schlang er mit einer energischen Bewegung den Arm um des Alexianus Schultern und zog diesen sanft mit sich. Mammäa zeigte eine gewisse Unruhe; die kleine Theokleia warf sich weinend in ihre Arme. Sichtlich fuhr eine Angst durch die Gruppe der Pädagogen, doch keiner wagte ein Wort zu sagen. Antoninus war der Kaiser, durfte tun, was ihm beliebte. Er fühlte in seiner halben Umarmung das kaum merkbare Widerstreben des Knaben, setzte aber dennoch den Weg mit dem Vetter fort. Mammäas Augen folgten ihm ängstlich, während sie Theokleia zu beschwichtigen suchte. Soviel es irgend anging, hielt sie ihren Sohn dem Antoninus fern, denn sie fürchtete dessen verderblichen Einfluß und es war ihr Wunsch, daß Alexianus keusch und kräftig bleibe. Antoninus stellte sich so, als gewahre er nichts von der Erregung der anderen; langsam schritt er dahin mit dem kleinen Cäsar, während sein persischer Mantel in breiten, seidenrauschenden Falten über das Mosaik schleppte. Durch den Portikus ging er zum Atrium, den Gemächern der Clarissima, der Großmutter; unabsehbar reihten sich die Innenhöfe und die Säulen der Galerien, die um das Gynäceum liefen. Von Rinnen und Becken eingefaßt, murmelten kleine Wasserläufe, Lotos und Kresse wuchsen in Fülle. Weiße und rosige Pfauen flatterten auf, als die beiden Knaben sich näherten.

»Alexianus,« sprach Antoninus sanft.

Seine Stimme, meist schrill und gekünstelt, konnte auch weicher, inniger, schmeichlerischer klingen, wenn er bezaubern wollte.

»Sage mir, Alexianus, warum tust du mir weh?«

»Tue ich dir weh, Antoninus?« fragte der Knabe unsicher. Straff aufgerichtet schritt er einher an der Seite seines Vetters, gehindert durch den Arm, der über seiner Schulter lag. »Ich weiß nicht, warum?«

»Weil du dem Stadion fern bleibst, wenn ich lenke, weil du nicht zum Bankett kommst, mein Kind, sondern nur zur täglichen abendlichen Mahlzeit.«

»Mutter wünscht ...«

»Ja gewiß, Mutter wünscht ... Sie wünscht oft recht viel und recht Unbilliges.«

»Ich komme doch jeden Morgen mit Mutter zum Dienst in den Tempel der Sonne.«

»Fromm bist du, Alexianus. Könnte ich es auch anders erwarten? Ein Sonnenkind warst du zu Emesa und während des Dienstes ließ ich meine Mitra, meine Schnur und meinen Gürtel in deine Hände gleiten. Seitdem man dich zum Cäsar ausgerufen hat, bist du kein Kind der Sonne mehr; aber warum hat sich Mammäa geweigert, dich Priester werden zu lassen? – Du bist alt genug, Alexianus, wiewohl du noch sehr jung bist. Übrigens: die Gesetze diktiere ich. Kein Magier wird sich weigern, dich in das Kollegium der Priester aufzunehmen; du würdest unverzüglich zum Oberpriester ernannt werden. Mammäa hat es nicht gewollt. Ich frage mich, warum, und was sie damit bezweckt, daß sie dich nicht in jener Frömmigkeit groß zieht, die dem Licht wohlgefällig ist. Gewiß, du wohnst dem Dienst bei, an jedem Morgen, aber doch nur, um nicht der Gottlosigkeit beschuldigt zu werden. Warum, mein Kind, bleibst du mir stets so fern? Denke an Emesa, an den Turm, an den Tempel, an die Gärten ... Erinnerst du dich noch? Wir waren zusammen, zusammen wuchsen wir auf, zusammen spielten wir ... Damals miedest du mich nicht, Alexianus, du suchtest mich, wir waren heiter in den Rosengärten und du küßtest mich, küßtest mich auf den Mund und sagtest: Ich liebe dich, Bassianus! Weißt du das noch? Mit mir gingst du zum Sternenturm und Hydaspes deutete uns die heiligen Sternbilder. Warum meidest du mich, seit wir in Rom sind? Schon in Nikomedia empfand ich das. Nur, weil Mammäa es so wünscht? Sie liebt mich nicht, nie hat sie mich geliebt! Aber wenn du wirklich so stark und tapfer bist, Alexianus, dann sei ein kleiner Mann, sei Cäsar, und tue, was du wünschest. Wenn du mich noch liebst, dann sage zu Mammäa: Ich will Antoninus öfter sehen ... Es bekümmert mich, Alexianus, daß du mich so förmlich begrüßest und daß du mir nur noch hin und wieder das Knie küssest, aber nie mehr meine Lippen suchst. Warum nicht, Alexianus?«

»Mutter ...«

»Mutter, Mutter! ... Ja, ich weiß wohl, daß sie ... und du, Alexianus, sollst ein gehorsamer Sohn sein, aber zugleich auch mein teures Kind. Willst du das, Alexianus? Viele lieben mich! Zu Emesa beteten sie mich an, aus allen Städten Syriens, Phöniziens, Mesopotamiens strömten sie herbei. Jetzt beten sie mich in Rom an. Aber ich leide mehr um eine Liebe, die ich verliere, als mich Millionen Liebender, die die Hände nach mir ausstrecken, beglücken können. Liebe du mich, Alexianus! Habe Antoninus lieb, denke an Emesa und gelobe mir, daß du mir dein Vertrauen wieder schenken willst.«

»Ja, Antoninus ... ich gelobe es dir!«

»Und nun küsse mich, küsse mich auf den Mund!«

»Antoninus, Mutter wünscht ...«

»Küsse mich auf den Mund!« rief Antoninus heftig. Er stampfte mit dem Fuß.

Alexianus küßte ihn.

»Dein Kuß ist kalt,« sprach Antoninus.

Der Knabe errötete.

»Du küssest mich, weil ich es dir befehle. Nicht, weil du mich liebst ...«

Tränen glänzten in den Augen des kleinen Cäsar. Starr heftete Antoninus den Blick auf ihn, gebieterisch streckte er den Finger aus.

»Geh!« sprach er, »geh zurück zu deiner Mutter! Niemals, hörst du wohl, niemals wird Antoninus mehr deine Zuneigung erbitten, niemals mehr deinen Kuß! Ich, der Kaiser, der göttliche Heliogabal, den die ganze Erde um eine Liebkosung anfleht: ich habe mich gedemütigt, dich um einen Kuß zu bitten, doch nie, nie mehr werde ich es tun! Geh, kämpfe und werde weise!«

Er lachte höhnisch auf; das weinende Kind entfloh. Antoninus blickte ihm nach. Schluchzend warf sich Alexianus in die Arme seiner Mutter.

 

Der Kaiser war verstimmt. Durch die Säulengänge schlenderte er an den Gemächern der Clarissima entlang und die prätorianischen Wachen schnellten empor, standen soldatisch- straff. Antoninus pflegte ihnen zumeist mit einem Gruß, der wie ein Lächeln war und wie eine Gnade, für ihre Ehrfurcht zu danken, denn er wollte ihre Herzen gewinnen. An diesem Morgen aber ging er vorüber, als sähe er sie nicht; klatschte ungeduldig in die Hände. Ein Cubicularius eilte herbei und Antoninus befahl:

»Narr komme sofort zu mir in den Turm!«

Durch das Atrium und die Gärten schritt Antoninus nach dem Turm der Gemmen. Während des Sommers hatte man ihn errichtet, ein Oktogon, das seltsam emporstrebte mit Quadern aus Alabaster und Chrysolith über den Laubmassen der Oleander- und Lorbeerbäume, dem Blau des Himmels entgegen. Eine sehr ausschweifende Laune des Kaisers. Aus Elfenbein war die Pforte; Riesensardonyx und Beryll rundeten sich in Arabesken um den Chrysolith; große Schalen aus Schildpatt waren eingelegt und erschienen wie geheimnisvolle Fenster. Niemand hatte hier Zutritt, außer Narr. Die Architekten waren verbannt, ermordet, wie man sich zuraunte ... Der Kaiser suchte an seiner Kette nach einem goldenen Schlüssel und öffnete das Schloß. Eine Wendeltreppe, schmal, aus polierten Onyxstufen, schlängelte sich hinauf und gewährte Zutritt zu einem kleinen achteckigen Saal mit acht Fenstern aus transparentem Email. In der Mitte stand ein großes Sigma mit Polstern aus golddurchwirkter Seide. Antoninus warf sich darauf nieder. Gelangweilt, hüllte er sein Haupt in den persischen Mantel. Er schluchzte; auf ihm lastete die Einsamkeit. Kein Geräusch aus dem noch morgenstillen Garten drang zu ihm.

Doch plötzlich erschollen Trompeten; die Clarissima kehrte vom Senat nach dem Palast zurück. Es nahte die Stunde des Dienstes und des Opferfestes im Tempel, dem der gesamte Hof beizuwohnen pflegte. Doch Antoninus, noch in sein Morgengewand gehüllt, blieb liegen. Unten knarrte die elfenbeinerne Tür; ein Schritt ward auf der Onyx treppe hörbar. Es war Narr in seinem okerfarbenen Gewand. Er trat ein und warf sich vor dem Lager zu Boden. Antoninus fuhr ihm zärtlich mit der Hand über den Krauskopf.

»Steh auf, Narr!«

»Ja, Herrchen.«

»Hast du es?«

»Ja, hier.«

»Was ist es?«

»Ein ausgehöhlter Donnerstein, sieh.«

»Seltsam ist er und schön.«

»Ja, sieh nur, wie er funkelt, hellbraun mit goldenem Glanz! Zwölf Tropfen sind darin. Zwei genügen, um so krank zu machen, daß man nach wenigen Tagen stirbt. Zwölf Tropfen, auf einmal genommen, töten gleich einem Blitz.«

»Weißt du das gewiß?«

»Der Duft- und Giftbereiter hat vor meinen Augen das gleiche Gift einem Kinde eingegeben, fünf Tropfen nur ... Es sank um, wie vom Blitz getroffen.«

»Gut! Wie läßt sich der Stein öffnen?«

»Es ist ein beinahe unsichtbarer Verschluß. Sieh, Herrchen ...«

»Ich sehe ... Der Preis?«

»Noch nicht einmal viertausend Sesterzen.«

»Die übrigen tausend magst du behalten.«

»Ich danke dir, Herrchen; aber ich brauche nicht so viel.«

»Hast du denn keinerlei Wünsche?«

»Ich besitze alles. Ich bin nur ein Sklave, aber ich besitze alles. Wenn ich um dich sein darf ...«

»Bist du dann zufrieden?«

Narr lächelte beseligt.

»Auch wenn ich dich schlage?«

»Auch dann, gerade dann!«

»Liebst du mich, Narr?«

Der Mohr antwortete nicht; zwischen den Riemen der Sandale suchte er des Antoninus Fuß und küßte ihn.

»Narr, der Cäsar liebt mich nicht.«

»Der Cäsar ist eifersüchtig ... oder vielmehr – die Serenissima.«

»Ich hasse den Cäsar, Narr!«

»Soll ich ihn vergiften?«

»Nein, Narr, noch nicht ... Ich will nicht unnütz grausam sein. Hat das Kind ... gelitten?«

»Nein, Herrchen, es fiel hin, wie vom Blitz getroffen. Es war ein Kind armer Leute; es hatte nichts zu sagen.«

»Gut. Lege den Donnerstein zu den phönizischen Krügen, Narr. Wie viele sind da?«

»Fünf. Nun hast du also sechs verschiedene Gifte, sie wirken alle rasch.«

Der Mohr legte den Stein in eine der Nischen des Gemaches, wo die phönizischen Krüge verwahrt wurden.

»Narr,« sagte Antoninus, »du mußt mir wieder seidene Stränge bringen, aber unzerreißbare.«

»Ja, Herrchen.«

»Der goldene Dolch?«

»War noch nicht fertig. Der Goldschmied ist ein Künstler.

Der Dolch wird herrlich; der Griff mit Perlen eingelegt ... Herrchen, die heilige Stunde naht ...«

»Ich habe heute keine Lust, Narr. Nicht einmal ich bin heute morgen dem Licht fromm gesinnt.«

»Höre, man ruft dich schon ...«

»Ich komme ... ich komme! Hast du heute morgen Hierokles schon gesehen?«

»Ja, er irrte vor deinen Gemächern umher; er wollte dich sehen. Ich sagte ihm, du schliefest noch, Herrchen. Den Mann würde ich gern vergiften.«

»Nicht, Narr ...«

»Gestern sahst du ihn zum erstenmal und gestern hat er an deiner Tafel gespeist. Als du die Gaben über das Volk ausstreutest, stand er an deiner Seite. Während der Nacht wollte er den Portikus nicht verlassen und nun suchte er dich, Herrchen. Hüte dich vor diesem Mann!«

»Warum?«

»Schenke ihm deine Gunst nicht.«

»Warum, Narr?«

»Er liebt dich nicht.«

»Meinst du?«

»Ich bin nur ein Mohr, Herrchen, ich habe nicht das Recht, eifersüchtig zu sein, bin es auch nicht auf Aristomachos oder Antiochianus, nicht einmal auf Gordus, Murissimus und Protogenes. Doch diesen hasse ich, weil ich sehe, daß er dich nicht wie die anderen liebt ...«

»Vielleicht nicht so, aber anders.«

»Nein, Herrchen. Wie gern würde ich ihn töten!«

»Nicht, Narr ...«

»Höre, Herrchen, wie die Gongschläge dröhnen ...«

»Ich komme.«

»Ich gehe zu den Ankleiderinnen.«

»Ich folge dir.«

 

Der Mohr eilte die Treppe hinab; Antoninus folgte ihm. Nun, da die heilige Stunde des Sonnendienstes nahte, zog ihn ein wohltuendes Gefühl der Frömmigkeit hin zu jenem Licht, in dem sich einst alles auflösen würde. In seiner Seele legte sich der Aufruhr. Er sah den Mohren davoneilen und hörte ihn rufen:

»Der Kaiser! Der Kaiser!«

Vasthi und die Ankleiderinnen warteten schon. Die Gongschläge durchdröhnten die Stadt. Im Tempel der Sonne, im Heiligtum des Heliogabal, strömte die Menge zusammen, obwohl der Dienst nur der alltägliche war. Die Herde der blökenden Opfertiere wurde herbeigetrieben. Die Hörner waren vergoldet und mit Bändern geschmückt. Hinter bronzenen Vorhängen war der Schwarze Stein noch unsichtbar. Der Kaiser würde nicht tanzen heute und dennoch strömte die Menge herbei ... Sie hatte in diesen Tagen viel zu schauen; sie schwelgte im Ungewöhnlichen, in der Pracht vieler Symbole, seltsamer und ungeheuerlicher, und war dankbar.

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