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Heliogabal

Louis Couperus: Heliogabal - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorLouis Couperus
titleHeliogabal
publisherZenith-Verlag Erich Stolpe
addressLeipzig
editorElse Otten
year1928
firstpub
translatorElse Otten
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100406
projectidfaf380a2
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Zehntes Kapitel

Bei Sonnenuntergang wurden die Thermen geschlossen. Sklaven gaben das Zeichen; Fackeln wurden hier und dort entzündet. Aber die Beleuchtung war noch spärlich. Und wenn auch die Menge abnahm, so konnten sich doch nicht alle entschließen, der Aufforderung des Pförtners sogleich zu folgen, und so irrten sie auf die Gefahr hin, eingeschlossen zu werden, hierhin und dorthin, suchten nach dem zweiten, nach dem dritten Bad heimliche Winkel auf, schlichen in die kleinen Ankleideräume, wo in Nischen, die Taubenschlägen glichen, Vasen, kleine Lekythen standen und wo die abgelegten Juwelen von den Capsarii sorgsam behütet wurden. Angesichts der verwirrenden Lüste, die die Gewinde verschlungener Wassergeschöpfe verrieten, befolgten die letzten Badenden die Lehren jener Mosaiken, während die Stimme des Torwarts durch die Peristyle laut verkündete, daß die Pforten nach Sonnenuntergang geschlossen würden. Doch die letzte Anhäufung der Menge drängte sich im Gemach des Kaisers selbst und besichtigte die silbernen Wasserschlangen; verliebte Hände betasteten die Polster seines Lagers und streichelten das wohligrunde Becken, in das Antoninus seine knabenhaften, gottähnlichen Glieder getaucht hatte. Als einige in hysterischer Anbetung wildekstatische Küsse auf die Polster preßten, auf denen Antoninus geruht hatte, vertrieben die Capsarii und die Diener, die eine Besudelung der seidenen Kissen befürchteten, die widerstrebende Menge mit barschem Befehl. Dunkler senkten sich die Schatten herab. Der Kaiser war, nachdem er das zweite Bad genommen, zur abendlichen Mahlzeit in den Palast zurückgekehrt, wohin ihm die Frauen vorangegangen waren. Gordianus war einer der letzten, der inmitten seiner Klienten langsam schlendernd die Thermen verließ. Lautes Sprechen wurde hörbar und Gelächter.

»Die Christen stehen doch nicht in Ansehen!« rief Sertorius aus und die Klienten wiederholten diese Worte. Sertorius, der Zeuge gewesen war, berichtete dem Gordianus, wie schmachvoll Pappias davongejagt worden sei. »Ihr Götter, wie possierlich ist der Kaiser!«

»Noch einer fiel in Ungnade.«

»Der Tribun Maximus.«

»Oh – die Belagerung der Livilla!«

»Die dreißig Bestürmungen, die der Kaiser forderte!«

Heller lachte Gordianus auf.

»Antoninus kennt kein Maß in seinen Wünschen!« rief der junge Römer aus. »Hätte er von Maximus weniger verlangt, so würde der Tribun gewiß willig gehorcht haben.«

»An einem einzigen Morgen zwei in Ungnade gefallen!«

»Und einer in Gnaden aufgenommen!«

»Hierokles ...?«

»Der fremde Lenker ...«

»Der Kaiser befahl, er solle ihm das Knie küssen.«

»Wohl ein wenig allzuschnell,« meinte Gordianus.

»Still, edler Gordianus!« flüsterte Sertorius warnend.

»Warum?«

»Still, still, da geht er!«

Hierokles schritt zwischen zwei Sonnenpriestern an der Gruppe der jungen Patrizier vorüber. Er hatte gehört. Er wandte sich um und schaute, vom tanzenden Licht der Fackeln beleuchtet, Gordianus in die Augen mit einem Blick, der tief war und grausam und stechend, wie ein spitzer Dolch. Doch des Gordianus Augen blitzten in verächtlichem Spott auf. Er, der Römer von edler Herkunft, wollte sein höheres Ansehen den Wagenlenker tief empfinden lassen. Die Jünglinge umdrängten ihn dichter. Hierokles ging vorüber; elastischen Schrittes eilte er, mit stolz erhobenem Haupt und freudig, dem Glück entgegen.

»Der ist gefährlich!«

»Er brüstet sich schon mit der Gunst des Kaisers!«

»Sieh, wie er geht, wie er um sich schaut!«

»Wo mag er hingehen mit den beiden Priestern?«

Andere Badende folgten.

»Hierokles ist in den Palast befohlen worden!« riefen die zuletzt Kommenden.

»Die beiden Sonnenpriester haben Hierokles gesucht; bis in die Ställe sind sie gedrungen.«

»Gestern wußte noch niemand, wer er sei.«

»Des Kaisers Liebe erwacht schnell,« sagte Gordianus, »der Kaiser hält kein Maß, ihr Freunde, aber dafür ist er auch ein Gott. Ich, der ich kein Gott bin, ich halte Maß. Darum sage ich euch, meine Freunde, nach der gestrigen Orgie und der lieblichen Baderuhe, die wir heute genossen, bis morgen Lebewohl, um mich für diesen Abend in die Einsamkeit meiner Bücherei zurückzuziehen.«

Er ließ sich in seine Sänfte fallen, deren Vorhänge sofort von den Sklaven zugezogen wurden. Unschlüssig standen die Parasiten and Klienten umher. Ihnen fehlte die Abendmahlzeit und verdrossen blickten sie einander an. Gordianus war mäßig; oft nahm er die Mahlzeiten sehr eilig zu sich, sie hatten in der Regel keinen Reiz für ihn, es sei denn, daß er ein prunkvolles Bankett veranstaltete. Zehn Sklaven trugen die Sänfte nach den Carinae, wo er sein Landhaus mit den berühmt schönen Gärten bewohnte. Der Gelehrte Serenus Sammonicus, sein Lehrer und ein Freund des alten Gordianus, hatte dem jungen Mann aus Zuneigung seine Bücherschätze vermacht. Es waren zweiundsechzigtausend Bände, und diese Bücherei war wertvoller selbst als die der Thermen. Der junge Gordianus, der berühmt war wegen seines Reichtums und seiner künstlerischen Lebensauffassung und Lebensführung, war ein stiller Gelehrter.

 

Die Parasiten schlössen sich ziellos der Menge an, strömten mit ihr nach der Porta Capena und zerstreuten sich durch ganz Rom. Die Luft war schwül, doch nicht nur die Schwüle war es, die die Straßen betäubend erfüllte. Seit Heliogabals Ankunft fuhr es wie ein heißer Hauch durch ganz Rom. Der Atem des Orients durchglühte mit fieberndem Verlangen die Kühle der römischen Nächte; Unmäßigkeit und Ausschweifung bemächtigten sich der Römer wie wilde Lüste.

Jahrelang, seit dem Tode des Commodus, hatte das Volk keine anderen Erregungen gekannt als die Furcht vor der Strenge des Severus und das Entsetzen über die Grausamkeit seines Sohnes Caracalla mit dem Stierkopf. Nun war eine Glorie erstrahlt; eine Lebensraserei begann. Es gab Geheimnisse des Lebens, die Magier wußten um sie, die Magier, die mit dem Kaiser aus Emesa gekommen waren, und diese Geheimnisse sollten in fieberheißen Nächten dem staunenden Rom entschleiert werden. Die Sonnenpriester in ihren weitärmligen Samaren, die Mitra auf den duftenden Locken, waren die verführerischen Lehrmeister.

Nachdem die Menge versucht hatte, ihren Hunger zu stillen, versammelte sie sich in der Nacht vor den Arkaden des Palastes, dessen Säulen sich emporrankten wie eine olympische Wohnstatt und der in der Sternennacht erstrahlte in blauer, rosiger und weißer Glut, wie das Paradies des Baal. Dichter und dichter drängte die Menge herbei. Tausende von Köpfen schauten, aufwärts gerichtet, nach der Apotheose. Worauf man wartete, wußte niemand, aber weil viele, so viele wartend dastanden, kamen immer mehr und mehr und die Menge wuchs stetig. Es erhob sich ein Summen wie das Rauschen des Meeres.

»Wieviel Lichter, wieviel Blumen! Feiert der Kaiser heute abend wieder ein Fest? – Sag, Aurelius, kannst du sehen? – Nein, nein, ich sehe nichts. – Wozu warten wir denn eigentlich hier? – Geh du nur nach Haus, wenn es dir nicht länger paßt, ich bleibe noch, man kann nie wissen, vielleicht gibt es noch etwas zu sehen. – Ihr habt ihn heute in den Thermen gesehen. – Ich nicht, ich war nicht in den Thermen. – Möglich, daß er sich noch einmal zeigt. – Das glaube ich nicht, es ist schon spät. – Hörst du die Musik? – Ja, ich höre Sistren. Das Gastmahl ist noch nicht beendet... Es ist kein Gastmahl, das hat gestern stattgefunden. Es ist eine gewöhnliche Mahlzeit. Nimmt er die denn so spät ein? Ja, immer später und später, und morgens schläft er sehr lange. Das ist doch eigentlich seltsam, wenn man bedenkt, daß er die Sonne verkörpert. – Warum? sie scheint, wann sie scheinen will. Er ist Gott: Heliogabal. Kommt, wir wollen ihn rufen. Heliogabal! Heliogabal!«

Sie riefen. Laut, sehnsüchtig, verschmachtend riefen sie. Wie fern war er, wie unerreichbar fern! Dort war er, dort! Geborgen im Geheimnis der Apotheose, im Heiligtum der Vergötterung, und sie sahen ihn nicht. Heute abend würden sie ihn sicherlich nicht mehr sehen. Dennoch konnte keiner sich entschließen fortzugehen. Auf Weiberarmen begannen Kinder zu weinen. Zwischen den Flammen der Dreifüße sah man hin und wieder, wie Offiziere und Cubicularii herabschauten. Sie deuteten auf die Volksmenge, auf die unzähligen, aufwärts gerichteten Köpfe, auf die geöffneten Lippen, die hungernd riefen. Plötzlich ging ein Gerücht um. Einer der Cubicularii hatte sich hinabgebeugt und etwas gerufen, doch die Menge wußte noch nicht, was; sie wußte nur, daß ein rasendes Verlangen, gleich einer Woge, sie durchzitterte. Irgendein Würdenträger erschien unter dem mittleren Bogen und seine lauthin tönende Stimme verkündete:

»Der Kaiser!«

Ein einziger Aufschrei! Sicherlich hatte man ihm gesagt, daß das Volk von Rom draußen warte, schmachte in der Hoffnung, ihn noch einmal zu erblicken.

»Der Kaiser!«

Die Diener breiteten einen Teppich aus – die da unten sahen babylonische Monstren über den Marmoraltan grinsen. Er erschien. Ihr Götter, er erschien! Sie würden ihn sehen! Wie war er? War er es wirklich? Ja, er war es! Da sie ihn stets wieder anders sahen, erkannten sie ihn nicht immer gleich. Allein er war es. Er trug ein weißes phönizisches Festgewand und seine rundlichen Arme kamen aus den weiten Ärmeln zum Vorschein, nun, da er die Hände emporhob mit der Gebärde eines Gottes, der die Huldigung der Menge empfängt. Um sein Haupt trug er den Kranz aus Rosen, wie die Römer bei den Gastmählern. Er lachte, froh, daß man ihn anbetete. Wie süß er aussah mit den herrlichen Rosen im blonden Haar! Liebling! Heliogabal! Grobe Hände warfen ihm Kußhände zu.

Er, dort oben, lachte. Seine Hände, juwelenblitzend, ruhten auf dem babylonischen Teppich. Den vom Rosenwein leicht Betäubten berauschte mehr noch die Anbetung Roms, wie mit einem großen Glück. An diesem Abend umfing ihn eine schwere Wehmut, eine beinah schmerzliche Sehnsucht nach Emesa, nach dem verlassenen Tempel, nach dem Sternenturm, nach Hydaspes. Ihm war, als höre er den Schrei der sterbenden Pfauen. Gewiß, er war allmächtig. Was er befahl, geschah. In dieser Nacht hatte er befohlen, daß man Hierokles zum kaiserlichen Mahl lade. Rosenumkränzt hatte der Lenker dagelegen. Die Mädchen hatten sich im Tanz gedreht, die Zwerge waren toller gewesen denn je, und köstlicher denn je hatte man den Rosenwein bereitet. Und dennoch ... dennoch! Diese Wehmut, diese Sehnsucht nach dem Tempel, dem Turm, nach Emesa, nach dem heiligen Dienst, nach dem Opferfest, nach der Ekstase des Tanzes, nach Hydaspes, nach den unsichtbaren Dingen, in denen jener ihn unterwiesen! Doch dort unten, auf dem Platz, betete das Volk von Rom ihn an. In seiner Wehmut, die halb Trunkenheit war, halb Heimweh, lächelte er hold und zärtlich. Neben Gordianus, Murissimus und Protogenes stand Hierokles, rosenumkränzt, und seine Blicke stachen gleich Dolchen. Eine seltsame Schwere umfing Antoninus, wenn des Hierokles Lippen sich spöttisch kräuselten. Neben dem Kaiser standen der Präfekt und der Tribun, Aristomachos und Antiochianus, seine beiden Getreuen, und er fühlte sich geborgen. – Und dennoch, war es nicht, als streifte ihn der Hauch des Schicksals?

Das Volk jubelte, raste. Der Kaiser erteilte einen Befehl. Körbe voll Rosen wurden von den Sklaven herbeigeschleppt und lachend warf der Kaiser die Blumen hinab. Dort unten kämpfte man um die Blüten, die er mit eigenen Händen gestreut hatte, man aß die Rosenblätter. Doch die Befehle des Kaisers folgten einander, man brachte farbige Tücher und mit beiden Händen streute Antoninus sie hinab über die Menge. Plötzlich, froh wie ein Kind, seine Wehmut vergessend, lachte er laut auf, weil die luftigen Tücher so träge flatterten und gleich Faltern in die krampfhaft gestreckten begehrlichen Finger Jener dort unten sanken. Nun warfen Cubicularii kleine Mäntel, Paenulae, hinab, zu hunderten warfen sie sie; es war, als senkten sich verwundete Nachtvögel auf die Menge. Vergoldete und silberne Vasen ließ der Kaiser sodann hinabschleudern. Sie wurden, während man um sie kämpfte, zertrümmert, zerstampft, und unzählige Opfer fielen. Antoninus sah nur die jubelnde Menge, die ihn anbetete und sich seiner Gaben freute. Mit hieratischer Gebärde führte er beide Hände an die Lippen und sandte seinen Kuß hinab, wie einen Segen und eine Seligkeit. Während er dies tat und den Kopf etwas rückwärts neigte, glitt ihm der Rosenkranz von den Schläfen. Er wurde von vielen Fäusten gepackt, die, eifersüchtig, die Rosen herausrissen und sie entblätterten. Es war ein übles Vorzeichen, den Kaiser schauderte. Er wankte, als er hineintrat, so daß Aristomachos und Antiochianus ihn stützen mußten. Doch lachte er, glücklich, trunken und wehmütig zugleich.

In der tieferen Nacht lohten die duftenden Flammen und die Glut der festlichen Beleuchtung verschwamm allmählich. Die Menge zog sich befriedigt zurück und wogte in breitem Strom, von ekstasischer Erregung umfangen, dem Palatium zu.

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