Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Louis Couperus >

Heliogabal

Louis Couperus: Heliogabal - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorLouis Couperus
titleHeliogabal
publisherZenith-Verlag Erich Stolpe
addressLeipzig
editorElse Otten
year1928
firstpub
translatorElse Otten
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100406
projectidfaf380a2
Schließen

Navigation:

Erstes Kapitel

In schwüler Spätsommernacht flimmerten über Emesa die kristallenen Sterne am weiten klaren, wolkenlosen Himmel. Zwischen den schimmerndsten war der Himmelsgrund übersät mit feinerem Lichtgesprenkel, während in buntem Wechsel die Gestirne, jäh aufflammend und wieder verblassend, in unermeßlichem Überfluß blitzten, gleich als hätten sie die Götter, vor Sternenwonne trunken, in taumelnder Lichttrunkenheit ausgestreut. Der breite Strom der Milchstraße blinkte wie ein Schleier, wie eine Glorie, wie eine Siegesbahn für den obersten Gott, von Lichtstaub überfunkelt, mit Sternen bestreut, so dicht, daß seine Füße, darüber hinschreitend, wohl versinken konnten in dem goldenen Sandmeer.

Die wundersame Spätsommernacht ließ die Umrisse der Tempelgebäude erkennen, die da standen, breit, fern und hoch, mit einem seltsamen terrassenförmigen Turm, der sich verjüngte und im leuchtenden Nichts verschwamm. Im dichten Blättergeheimnis windstiller Gärten breiteten sich in dem weiten Park die Tempel, jetzt blank wie leuchtender Marmor, dann wieder stumpf grau wie Granit. Säulen reckten sich schlank und endlich einte sich alles dem Schatten riesiger Agaven, deren Blätterklingen im Mondlicht glänzten oder sich im Dunkel badeten und untertauchten in der Nacht. Orangenduft lag über allem, gleich Weihrauch schwer und atemraubend, und syrische Rosen hauchten ihr Lustverlangen aus. Alles still, nur der zwei-, dreimal sich wiederholende Schrei eines Pfaus in der Ferne ließ sich in den Tempelgärten vernehmen, und die wirren Gebäudemassen ragten schlummernd und träumend ins Licht empor und verschwanden dann wieder formlos im Dunkel der Sykomoren und des weihrauchduftenden Zitronenhains.

Von den lichtumflossenen Terrassen des Turmes hob sich düster der Würfel des schlafenden Sonnentempels ab, kaum daß die gewundenen Säulen der Seitengalerie sichtbar wurden mit ihren schlanken Schäften auf Sockeln mit persischem Blätterornament, in steter Wiederholung, ahnungsvoll angedeutet in dem nächtlichen Licht. Die zahllosen Säulen verschwanden und verbargen sich hintereinander, schienen zurückzuweichen in lichtscheuer Flucht. Dann wieder ragten sie hoch auf und plötzlich, ganz unerwartet, wandelte sich ihre schlanke Anmut und sie reckten sich mit fast übermächtiger Kraft zu Kapitellen aus, die zwei halbe Stiertorsen bildeten. All die Stierköpfe mit den muskelstarken, gekrümmten Nacken schienen den Architrav nicht zu berühren, so daß es war, als schwebe der breite Fries in dem nächtlichen Licht. Die Säulen hoben sich gleich dunklen Schatten von dem sternschimmernden Himmel ab und regungslos, doch von geheimnisvollem Leben erfüllt, starrten die Stierköpfe abwärts.

Breit um das Heiligtum zogen sich die Seitenperistyle und der vordere Portikus, die den Durchgang freiließen zu der in tiefste Nacht gehüllten Apadana, dem mittleren Hof des Säulengeschiebes, das unabsehbar war und undurchdringlich, weil das Mondlicht nur die äußeren Säulen traf, die folgenden noch flüchtig streifte, die Mittelsäulen aber unsichtbar ließ in dem geheimnisvollen Innern. Doch um so mächtiger verstärkten sich die sichtbaren hoch oben zum ungeheuren Kapitell des Doppelstiertorsos, krümmten sich die gedrungenen Stiernacken, starrten die zahllosen Steinaugen mit dem gleichen, harten und doch lebensvollen Blick hernieder. An jener basaltenen Tierwelt, unbeweglich hoch dort oben, leuchtete das Gold zarter Motive flüchtig auf; zu zierlich fast erschienen sie für die Nachtbeleuchtung. Einen Augenblick nur blitzte das Goldgefunkel auf, zitterte und erlosch, um dann von neuem aufzuglühen. So war es, als ob in dem unabsehbaren und undurchdringlichen Heiligtum das Gold unablässig auflebte und erstürbe im hell leuchtenden und im erblassenden Mondenscheine.

 

Wieder hatte in weiter Ferne der Pfau geschrien, als in der Tiefe der nachtumschatteten Apadana, anders als das Gold hier und dort, ein Funke aufblitzte, nicht so still und metallklar, sondern mehr einer kleinen, rötlichen Flamme gleich, die von einer Hand sorgsam verborgen wird. Die Flamme bewegte sich durch die Dunkelheit und in kurzen Abständen malte ihr Schein einen rötlichgelben Streifen auf die Säulen; dann erlosch er, um gleich darauf an einer anderen Säule von neuem sichtbar zu werden, während oben die Stierkapitelle den gekrümmten Nacken zeigten und wiederum im Dunkel verschwanden. Zwei Gestalten tauchten auf unweit der linken Seitengalerie, wurden sichtbar im Scheine des Mondes und der Fackel: zwei junge Knabengestalten, schwarz und nackt der eine, der die Fackel trug und den Lichtschein mit der schwarzen Hand dämpfte, rosig und zart der andere.

Rot leuchtete im Fackelschein der hyazinthfarbene Mantel auf, der ihn umhüllte.

Sacht schlichen sie weiter, der eine auf nackten Sohlen, der andere auf lautloser Sandale, als der im Mantel plötzlich aufblickte, scheu und erschreckt, und mit der weißen Hand den Arm des Schwarzen umklammerte. Denn aus der Tiefe der Apadana, woher sie kamen, tauchte zur Seite der ungeheuren Vorhänge, die das Allerheiligste abschlossen, kaum sichtbar, eine Gestalt auf, die ihnen gefolgt zu sein schien und deren weißes, faltenschweres Gewand in dem Schein einer matten kleinen Lampe spukhaft schimmerte. Gleich darauf erklang die schrille Stimme einer bejahrten Frau durch die Stille.

»Bassianus!«

Der Knabe im hyazinthfarbenen Mantel stampfte auf vor Zorn. Fester packte er den Arm des Schwarzen und zwang ihn, sich mit ihm hinter einer Säule zu verbergen und das Licht seiner Fackel mit behutsamer Hand zu decken. Doch alsbald löste sich sein Zorn zu kichernder Fröhlichkeit und er flüsterte seinem Sklaven ins Ohr:

»Still! Wahrhaftig, wieder die Alte!«

Noch einmal rief die mit dem Lämpchen und das Echo hallte wider, hier und dort durch die Apadana zurück.

»Bassianus, ich sehe dich wohl!«

Der Knabe machte eine ungeduldige Bewegung. Er versteckte sich nicht mehr und rief:

»Was gibt's denn schon wieder, Großmutter?«

»Wohin gehst du, Bassianus?«

»Was kümmert's dich?« gab der Knabe ärgerlich zurück. »Geh schlafen! Bin ich dein Sklave oder dein Freigelassener?«

»Nein, aber mein Enkel bist du. Wenn ich dich nicht behütete, würde niemand es tun, denn deine Mutter läßt dich ruhig gewähren. Wohin willst du jetzt in der Nacht, in der Nacht vor dem Opferfest? Zu den Priestern? Zu den Sklaven? Zu den Tänzerinnen? Zu den Tempelmädchen? Und gerade in dieser Nacht! Die Stadt ist voll von Soldaten und Fremdlingen, die zu Hunderten den Lupanaren zuströmen. Oder vielleicht gar hinaus zu den Parktoren der Altstadt, um morgen, wenn die heilige Sonne hoch am Himmel steht, bleich und mit umschatteten Augen zurückzukehren? Achtest du deine Göttlichkeit denn so gering, und gar am Vorabend des Tanzes? Hörte ich dich nicht aus deinem Gemach schleichen? Hörte ich nicht, wie du Narr, den Sklaven, wecktest? Was bedeutet es, daß du durch das Heiligtum gehst? Du wähltest diesen Weg, Bassianus, weil du weißt, daß du Verbotenes tust. Rasch zurück ins Bett! Soll ich dich holen? Soll ich dir meine Sandale um die Ohren schlagen?«

In seinen hyazinthfarbenen Mantel gehüllt, stand Bassianus da und schüttelte sich vor Lachen, ohne einen Laut von sich zu geben; denn er wollte die Großmutter nicht allzusehr kränken. Er klammerte sich an den Schwarzen, der sich auch vor Freude wand, aber doch mit seiner Hand den Fackelschein dämpfte und die Zähne zusammenbiß, damit die alte Julia Mäsa ihn, den Sklaven, nicht höre und kreuzigen oder den wilden Tieren vorwerfen lasse. Dann rief Bassianus mit seiner hellen, jungen Stimme, so daß es spöttisch durch die Apadana klang:

»Nein, Großmutter, ich bin flinker als du, bemüh' dich nicht, du holst mich doch nicht ein. Für die Sandale bin ich nun auch zu alt. Ich bin fünfzehn Jahre und dulde es nicht länger, ich leide es nicht mehr! Hörst du! Ich bin kein Kind mehr, ich bin der Hohepriester der Sonne und ich tue künftighin, was mir beliebt! So verstehe ich meine Göttlichkeit! Durch das Heiligtum ging ich, weil so der Weg zum Turm kürzer ist. Denn heut nacht will ich weder zu den Sklaven noch zu den Tempelmädchen, auch nicht in die Altstadt, sondern zu Hydaspes, der mich auf der sechsten Terrasse erwartet. Er hat versprochen, mir das Horoskop zu stellen. Ich will mit ihm in den Sternen lesen und die geheimen Dinge erforschen.«

Anfangs spöttisch, klang seine mit Absicht etwas singende Stimme zuletzt sehr fest, und die alte Mäsa sah ihn, als sie näher kam, hoch und schlank vor sich stehen, wie er sie, den Kopf trotzig im Nacken, mit seinem lachenden Blicke maß. Sie bereute ihre zornige Aufwallung dem Liebling gegenüber und zeigte sich nicht gekränkt, sondern sagte ruhiger: »Du Schatz meiner Seele, du willst auf den Turm! Hättest du mir das doch schon heut abend gesagt, dann hättest du mich nicht aus dem Schlafe geschreckt, dann hätte ich nicht an Mord und Untat denken müssen in banger Sorge um dich, mein Liebling. So, so, du willst zum Magier!.... Geh, Bassianus, geh! Ja, es ist gut, wenn möglichst wenige wissen, daß du in den Sternen liesest, damit nicht Unbescheidene das Geheimnis deiner Zukunft zu ergründen versuchen. Bassianus, mein geliebtes Kind, wer könnte sie mehr als deine Großmutter herrlich wünschen und voll Ruhm, voll von strahlendem Ruhm! O, daß ich dich noch sähe, herrlich und ruhmvoll über der ganzen römischen Welt! Dann erst kann ich ruhig sterben! So, mein Kleinod, auf den Turm gehst du! Geh, geh, Bassianus, und ich werde wachen, bis du zurückkehrst, und den Vorhang zu deinem Gemach dir leise öffnen, damit niemand etwas merke, deine Mutter nicht und Mammäa nicht und auch nicht der kleine Alexianus. Höre auf deine Großmutter, Kind, meide die Tempelgebäude und gehe lieber durch die Zitronenhaine, auf daß niemand dich sehe. Geh, Bassianus, geh!«

Die Stimme der alten Frau hatte sich von schrillem Zorn und aufflammender Wut zu weicher Nachgiebigkeit gelöst, jetzt, da sie glaubte sicher zu sein, daß Bassianus in den Turm ginge zum Magier. Aus der Palla, die sie hastig umgeworfen hatte, streckte sie die Hand hervor und streichelte ihm die Wangen, während er, noch trotzig und herausfordernd, vor ihr stand. Er lächelte und ließ sich, schon halb versöhnt, liebkosen, sagte aber, noch immer in spöttischem Ton:

»Es fehlte noch, Großmutter, daß du die ganze Nacht um meinetwillen wach bliebest... Geh schlafen! Ich komme behutsam zurück, ehe es Tag wird, und verspreche dir: Niemand soll erfahren, daß ich in den Turm gegangen bin ... Geh schlafen, Großmutter ...«

»Komme nicht zu spät zurück, mein Kind. Verbringe die Nacht nicht schlaflos. Bringe nicht uns alle in Verwirrung. Die Ankleiderinnen haben morgen lange zu tun ... viel hängt vom morgigen Tag ab ... vielleicht, mein herrlicher Bassianus – alles!«

Ihre Stimme verhieß geheimnisvolle Dinge und er schaute ihr tief in die Augen.

»Kennst du die Zukunft?« fragte er in plötzlicher Ehrfurcht vor ihrem sibyllischen Alter.

»Nein«, sagte sie abwehrend.

»Ehrwürdige Großmutter, kennst du die Zukunft?«

»Nein, mein Kind, wie sollte ich die Zukunft kennen ?«

»Großmütterliche Hoheit, ich bitte dich, sage mir, was du weißt!«

Er flehte, die Hände gefaltet, mit einer lieben, ehrfurchtsvollen Gebärde und sein mädchenhaft schönes, weißes Gesicht lächelte bittend zu ihr auf, mit dem verführerischen Schmachten der großen veilchendunklen Augen.

»Nein, mein Bassianus, ich weiß nichts. Aber wenn du mich lieb hast, Kind, dann sage mir morgen, noch vor dem Opferfest, was du mit dem Magier in den heiligen Sternen gelesen. Bin ich doch die Mutter, die nichts sehnlicher wünscht als Herrlichkeit für dich! Aber geh jetzt, geh und lies deinen Ruhm in den Sternen, bevor sie sinken ...« Sie hob beide Hände empor und streichelte ihm die Wangen, einmal über das andere. In ihm liebkoste sie ihren unermeßlichen Ehrgeiz und ihre Schwäche war, daß sie ihn unendlich mehr liebte und ihn größer zu sehen begehrte als ihren jüngeren Enkel Alexianus, den Sohn ihrer Tochter Mammäa, obwohl sie nicht blind war und oftmals gewahren mußte, daß Alexianus viel eher der Sohn des Antonius Bassianus Caracalla sein konnte als ihr Liebling, für sie die Inkarnation des Sonnengottes und ihr Sonnenpriester, der Sohn ihrer Tochter Semiamira.

»Geh jetzt, geh, mein göttlicher Knabe, und lies in den Sternen – bevor sie sinken«, wiederholte sie.

Sie umarmte ihn voller Anbetung. Dann schaute sie sich um, ob auch niemand gespäht habe, und schlich zurück, gebückt und mit trippelnden Schritten, betagt schon, doch lebhaft noch und beweglich, verdorrt und hager zwar, doch aufrecht durch ihren Ehrgeiz und die Liebe zu ihrem Enkel, die beiden Leidenschaften ihrer Seele... Schemengleich verschwand ihre weiße Palla im Dunkel zwischen den Säulen und der Schein ihres Lämpchens erlosch nach einem allerletzten Aufleuchten hoch oben an der Krümmung eines doppelnackigen Stierkapitells.

»Vorwärts, Narr!« Bassianus feuerte den Schwarzen an und redete zu ihm in drolligem Volksakzent.

Höher hielt Narr seine Fackel, während sich Bassianus fester in den Mantel hüllte und einen Zipfel über die Schulter warf. Sie ließen die Reihen der unter dem sternfunkelnden Himmel schlafenden Tempelgebäude seitwärts liegen und gingen durch die schwülen, üppig duftenden Zitronenhaine. ... Schnell und elastisch schritt der kindliche Hohepriester der Sonne auf leichten Sandalen hinter dem fackeltragenden Sklaven her und wiegte sich in den Hüften wie ein Mädchen. Spielerisch spornte er den Sklaven zu größerer Eile an und als Narr über dieses Gebaren seines Herrn die Achseln zuckte, strich Bassianus mit dem Zeigefinger über die schöne Furche seines schon muskelstarken schwarzen Rückens.

»Mach', daß du weiterkommst, Narr!« rief er übermütig.

Der junge Mohr beeilte sich. Plötzlich strauchelte Bassianus. Er fiel Narr um den Hals, lehnte sich an ihn mit absichtlicher Schwere, preßte ihn wild an sich, ließ ihn wieder los und spornte ihn mit einem Fußtritt zu neuer Eile an. Aber als Narr dann vorwärts stürmte, rief Bassianus ihm zu, nicht so sehr zu eilen, und fluchte, daß er nichts sähe und daß er gleich stolpern und fallen würde, umklammerte dann, als fiele er wirklich, den Fackelträger mit beiden Armen, betastete mit begehrlichen Fingern die Muskelschwellungen seiner schon kräftigen Arme, stieß einen Schrei aus wie eine Katze in der Nacht, ließ Narr wieder los und hieß ihn sich sputen. So eilte Narr dahin, stets betrogen, nun zurückgehalten und geliebkost, dann wieder gepackt und vorwärts gestoßen, ohne ein Wort, nur mit einem Lächeln um die dicken, aufgeworfenen Lippen und einem seltsamen Glanz im Weiß des Auges.

Gleichsam aus sechs, sieben stets kleineren Würfeln aufgebaut, ragte der Turm empor: eine Treppe zum Himmel. Aus Sykomoren und wildem Gestrüpp syrischer Rosen, die ihren Duft aus weiten Kelchen ergossen, erhob er sich. Umfangen von dem betäubenden Duft, eilten die beiden Knaben auf die Pforte zu. Sie war offen, wie Bassianus erwartet hatte. Während Narr ihm leuchtete, schritt er die Treppe empor, die zur ersten Terrasse führte. Die Stufen waren hoch und bei jedem Schritt schlug der hyazinthfarbene Mantel weite Falten um ihn. Währenddessen stieß er Narr, fuhr ihm mit dem Zeigefinger den Rücken entlang, schüttelte ihn scherzend, trat ihn mit Füßen. Endlich schleuderte Narr seine Fackel weg, die weiter brannte, wandte sich mit einer zornigen Bewegung plötzlich knurrend um, stand drohend vor seinem Herrn, packte ihn mit seinen onyxfarbenen Fäusten und schüttelte, schüttelte ihn so lange, bis Bassianus ihm mit der flachen Hand einen klatschenden Schlag auf den dunklen Kopf gab. Der Mohr wollte weiter ringen, drückte Bassianus seine schwellenden Lippen auf die Schulter, setzte aber die Zähne nicht an, sondern küßte ihn auf das blanke Fleisch. Wie eine Katze in der Nacht schrie Bassianus auf, schlug alle Finger in den Krauskopf, der sich an seiner Schulter festsog, während er ihn zugleich an sich drückte. Der Mohr ließ nicht los und sie rangen weiter, bis Bassianus stürzte und sein Mantel zerriß.

»Genug, Narr!« schrie Bassianus entnervt, »genug! Weiter!« Während er sich rasch erhob, versetzte er dem Sklaven einen Tritt. Narr grinste vergnügt, schwenkte die Fackel und stieg empor. Bassianus hüllte sich dichter in den weiten Stoff und folgte ruhig. Vor einer Bronzetür blieben sie stehen. Bassianus klopfte dreimal.

»Du wartest hier, Narr ... meinetwegen magst du schlafen!« sagte er in bewußt singendem und zugleich gebietendem Ton. Der Sklave hockte nieder und legte seine noch immer brennende Fackel hin. Bassianus drückte die Hand fest auf seinen Krauskopf. Unter dieser Liebkosung zuckte Narr zusammen und verharrte regungslos. Die Tür öffnete sich.

»Bassianus ... so spät?« »Komme ich zu spät?« rief der Knabe hastig und blickte zu den Sternen empor.

»Nein, zu spät noch nicht. Tritt ein!«

 

Bassianus faßte die Hand, die sich ihm entgegenstreckte. Der Magier führte ihn über eine innere Treppe hinauf und trat auf die höchste Terrasse. Dort wandte er sich um und sah dem Knaben tief in die Augen.

»Mein Liebling,« sagte er, »wer weiß, vielleicht ist es das letztemal ...«

»Warum das letztemal?« fragte Bassianus. »Sollte morgen wirklich ...?«

Er stockte. Der Magier umarmte ihn. Hydaspes war es, der Obermagier, hoch aufgerichtet im weißen Priestergewande. Dunkel lockten sich seine langen Haare um die bleichen Züge, verklärt strahlten seine Augen unter dem Doppelbogen der Brauen.

»Sollte morgen wirklich ...?« wiederholte der Knabe zögernd. »Ich weiß nicht, ob ich es wünschen soll. Ich glaube, beinah nicht ... Ich bin zufrieden mit meinen Ehren. Ich bin Hoherpriester des Heliogabal und das Volk strömt herbei, mich tanzen zu sehen und mich anzubeten. Nein, Hydaspes, ich verlange nicht mehr ... Großmutter ist es, die mehr will ... Sage mir, hast du es in den Sternen gelesen?« Der Magier zog den Knaben zu sich auf die steinerne Bank und schlang den Arm um seine Schulter.

»Schau hin«, sagte er. »Waren je die Sterne leuchtender in diesem Monat? Und dort, Bassianus, siehst du deinen Stern? Dort oben? Er strahlt wie eine Sonne!«

»Hat er sich der Erde genähert?«

»Nein, er zieht die Erde zu sich empor ...«

»Er zieht die Erde ...?«

»... zu sich empor ...«

»Was bedeutet das?«

»Vielleicht das Höchste ...«

»Aber sage mir, sage mir doch, Hydaspes...«

»Gib wohl acht... Rings um deine Ruhmessonne stehen die Sterne. Die ihr folgen, das sind jene, die vor dir waren. Die ihr vorangehen, werden noch kommen ... Merk auf, wenn du länger hinschauest, drehen sie sich in ewig gleicher Bewegung rundum... Wir, mein Kind, auf dieser Erde, drehen uns mit, wie mit unsichtbaren Schnüren an ihre Bewegung gefesselt. Einzelnen von uns leuchtet aus der Vermenschlichung unserer Seele der Geist auf und will zurück zu seinem Mutterstern und es findet eine Wechselwirkung statt zwischen dem Geist und dem Stern. Zwischen beiden schweben Fäden des heiligsten Lichtes und binden für ewig den Geist an seinen Stern, immer fester und fester, doch nur, sofern die Fäden nicht zerreißen, nicht ziellos im All umherschweben, um dann gleich Tau in nichts zu vergehen ...«

»Hydaspes, wir bleiben nicht unbeweglich?«

»Nein, mein Kind ... denn sieh, so wie du nach langem Schauen die Sterne sich bewegen und uns umkreisen siehst, so umkreisen wir die Sterne und drehen uns um uns selber. Siehst du deinen eigenen Stern?«

»Ja, er hat sich verschoben, Hydaspes.«

»Unablässig verschiebt er sich. Doch so innig, wie er in diesem Augenblick der Erde und deiner Seele verbunden ist, so innig, mein Kind, war er es noch nie. Und dennoch ...«

»Und dennoch ... ?«

»Ich hoffe und fürchte zugleich.«

»Was siehst du?«

»Viel, sehr viel.«

»So zeige, Hydaspes, zeige es mir.«

»Die Sterne, die dir folgen, sind jene, die waren ... Ich schaue ... und sehe sie als den Abglanz entschwundener Seelen. Gleich Lichtphantomen gebärden sie sich im Äther... Gelöst sind ihre unsichtbaren Flügel, die durch das Weltall schweben. Zerstört ist ihr Gewebe und sie flattern ... und treiben. Schau doch! Sie treiben einher auf einem Meer von Blut!«

»Auf einem Meer von Blut? Hydaspes!«

»Auf einem Meer von Blut! Blut, Blut, nichts als Blut! Während ich starre, ohne meinen Blick mehr abzuwenden, sehe ich ein Meer von Blut, Bassianus ... Unendlich, unendlich! Blut von Menschen, von Tieren, von Tausenden, Tausenden. Sieh dort... Marcus Aurelius stirbt und dort flutet herbei das Blut, das Commodus, der Gladiator, vergießt; das Blut all seiner Schlachtopfer, der Tiere und Menschen, der Gladiatoren und Bestien. Dort im Äther wälzen sie sich sterbend, in einem Ozean von Blut. Blut von seltsamen Tieren aus indischen Wildnissen, in Roms Arena dem Gladiator vorgeführt, gewiß des Pfeiles und Wurfspießes ... Blut von Hunderttausenden, die Ankläger, Verleumder oder des Kaisers Laune dem Dolch und dem Schwerte preisgaben. Mein Kind, wie eine rote Vision ist der Himmel! Zuletzt fließt des Commodus eigenes Blut und das des greisen, würdigen Pertinex ... Ich sehe, o Schmach, wie ein Kaiserreich öffentlich versteigert wird: Rom feilgeboten von seinen eigenen Truppen. Ich sehe, wie ein Konsul Rom, die Kaiserwürde und den Purpur kauft, weil er der Reichste ist: Julianus! Er blutet, der Händler, Kaiser; Niger blutet, Albinus blutet, sie alle wälzen sich im Blut, dieweil schon Severus auftaucht. Der Krieger, der große Septimius Severus.«

»Septimius Severus... Hydaspes! Den Mäsa meinen Großvater nennt...!«

»Sieh, Bassianus, der ganze Sternenhimmel ist in Blut getaucht! Antoninus, genannt Caracalla...« »Ich sehe ihn dort! Antoninus, erdolcht in den Armen seines Halbbruders, des Sohnes der Julia Domna: des Geta!«

»Meines Oheims... Geta!«

»Doch er selbst taucht unter in einem Strom von Blut; nach ihm Macrinus...«

»Blutet??«

»Noch nicht... Noch umglüht kein purpurnes Blut des Macrinus Stern. Doch um deinen eigenen Stern, Bassianus...«

»Blut??!«

»Noch nicht...«

»Hydaspes, mir wird so bang!«

»Mein Kind, ich sehe nichts mehr. Rot schwimmt es vor meinen Blicken und in all diesem Rot stauen sich die Leichen von Unzähligen im Durcheinanderblitzen von Schwertern!« Bassianus stößt einen Schrei aus. In zitternder Angst klammert er sich an den Magier, birgt den Kopf in seinem weißen Mantel und will nichts mehr sehen: denn schon hat er in seinem Wahn den silbernen Himmel purpurfarben gesehen, purpurn auch von seinem eigenen Blut.

So bleibt er, bis der Magier ihn am Kinn berührt.

Er schaut sich um und sucht das Blutmeer.

Er sieht es nicht...

Der Mond steht hoch und entschleiert die leuchtende Göttlichkeit der Astarte Urania: Allüberall und allmächtig geht sie um in dieser ihrer Stunde ...

Nicht in ein Meer von Blut, in einen See von lauterem silbernem Glanz taucht sie all die Sterne; die großen, kristallenen, die umherirrenden Funken und dazwischen all die anderen, kleinere und größere, mattere und hellere, und auch die Milchstraße, die Siegesbahn des Gottes Heliogabal, der da wohnt auf dem Berg des Lichts, taucht sie verliebt in ihren übermächtigen Glanz. Nein, Bassianus sieht nicht das Rot von Blut; er sieht nur den Glanz der Astarte. Er atmet den Glanz, das göttliche Element, und um seine Lippen erblüht ein Lächeln, indes seine Augen träumerisch auf die silberne Ebene starren, auf die silbernen Höhen, und dann, ruhiger wiederum, den eigenen Stern suchen... Dort strahlt er; Bassianus lächelt... In seiner Kinderseele erwacht ein Ehrgeiz, doch stärker ist die fromme Ekstase, die erwächst aus der silberschimmernden Nacht. Flüchtig ersteht in seiner kindlichen Vorstellung das Bild von Rom, wo er geboren ward in dem Palatium des Palatin. Er sieht sich sorglos spielen mit Sklaven, Sklavinnen und Freigelassenen in den mit Wohlgerüchen geschwängerten Gemächern seiner Mutter Semiamira, der Syrierin, der Gemahlin des Senators Avitus, die mit ihrer Schwester Mammäa und deren kleinem Sohn Alexianus in dem Palatium wohnt, mit ihrer Mutter Mäsa, der Schwester der Kaiserin Julia Domna, die die zweite Gemahlin von Septimius Severus und die Mutter von dessen zweitem Sohne Geta war. Aber nicht Avitus, sondern Antoninus Bassianus, der älteste Sohn des Kaisers, war der Vater des jungen Bassianus, und Semiamira hatte voll Stolz ihren Sohn nach dem Vater genannt. Antoninus Bassianus war ganz Soldat: robust, grausam, wollüstig, sinnlich; mit niedriger Stirn unter dickem Kraushaar, Mund und Nase, die sich fast berührten, in blutdürstiger Wollust zugekniffenen Augen und Kiefern, breit wie die eines Tieres. Caracalla nannten ihn die Soldaten, weil er den gallischen Mantel, die caracalla, selbst trug und auch im Heere tragen ließ. Sie beteten ihn an, denn er war ein schlichter Krieger wie sie, schlief mit ihnen im Zeltlager, verzehrte wie sie die unschmackhafte Suppe, war stark wie kein anderer, trug selbst seine Waffe und schleppte oft genug sogar die schweren Adler.

Caracalla, nicht Avitus, war des Bassianus Vater; wenigstens brüstete sich Semiamira damit, und Mäsa versicherte es jedem, der es hören wollte, geheimnisvoll und unter dem Siegel der Verschwiegenheit, aber in der stolzen Hoffnung, das, was sie insgeheim anvertraute, werde allgemeine Verbreitung finden.

Kaiser Caracalla war ermordet worden und Macrinus, sein Mörder und Nachfolger, hatte nicht geduldet, daß die alte Mäsa mit ihren Töchtern und den beiden Enkeln im Palatium zu Rom verbleibe. So ward die Syrierin verbannt und mußte aus dem üppigen Leben Roms zurückkehren nach Emesa, der Stadt des Sonnentempels, wo die Hohepriesterschaft vererbt ward von Geschlecht zu Geschlecht

Aber hatte nicht Mäsa in Rom Schätze gesammelt, so viele, daß niemand wußte, wo sie sie bergen konnte und wie viele Milliarden Sesterzen sie ihr eigen nannte? Hatte sie nicht mit ihrem Gold die Magier ganz in ihrer Macht, so daß sie im Sonnentempel in kürzester Zeit allmächtig geworden und er, Bassianus, nebst seinem jüngeren Vetter Alexianus dem heiligen Dienst geweiht worden war, bei dem er sich – schlank, geschmeidig und von androgynisch schönem Körperbau – alsbald vor allen anderen hervortat, im Tanz um den schwarzen Stein?

In Emesa hatte Bassianus bald empfunden, daß er seinem Blut nach nicht Römer war, sondern Syrier, Asiat und Orientale. Kaum den Kinderschuhen entwachsen, spürte er, verwundert, zu Emesa sogleich eine seltsam vertraute, wohlige Atmosphäre, die er lächelnd atmete. Das Blut der urmütterlichen Mäsa, das Blut seiner eigenen Mutter, jubelte in ihm auf in wilder Freude, und wie sorglos auch seine Kinderjahre im Palatium verflossen sein mochten, in den Gemächern der beiden Frauen, umgeben von den Wohlgerüchen und weichen Stoffen, den Gemmen und blanken Spiegeln des Gynaeceums – zwischen all den Sklavinnen, die ihn badeten und salbten, wie sie seine Mutter badeten und salbten, ihm die Haare lockten, das Blond mit Goldstaub überpuderten und ihm die Schuhbänder hinaufschnürten bis unter das Knie, wo sie sie mit großen Kameen befestigten –: zu Emesa war es ihm doch, als hätte er in Rom stets etwas vermißt: ein schwüles Lächeln, das ihn allüberall umgab, ein Lächeln der Zuneigung, der Huldigung, den warmen Kuß wohlbekannter Lüste, eine geheimnisvolle, mystische Umarmung. Ihm war, als habe er als Kind unbewußt entbehrt, was ihm jetzt in Fülle zuteil ward... Die Stadt, der Tempel, der Ehrendienst um den Schwarzen Stein, das Phallossymbol des Heliogabal, die Wohlgerüche, die Tänze, die Gewänder – alles war seinen erstaunten Sinnen fremd und doch vertraut wie ein halb vergessener Traum, der plötzlich sich verwirklicht: der Turm, der Sternendeuter, die Apadana und ihre Säulenreihen mit den Stierkapitellen. Links die Priestergebäude, wo er jetzt wohnte, mit der Großmutter, der Mutter, deren Schwester Mammäa und dem kleinen Alexianus, umgeben von mehr als hundert Sonnenpriestern, tausend Tempelmädchen, tausend Dienern und Sklaven, einer ganzen Stadt im Herzen von Emesa, wollüstig und mystisch, erfüllt von dem Geheimkult, den die Magier neidvoll verborgen hielten, und zugleich rituell unzüchtig in Zeremonie und Tempeldienst. Dann rechts die Behausung der Tempelmädchen, eine Folge kleiner Räume unter hohem Säulenportikus – eigentlich nichts anderes als ein Lupanar. Diese Stätte kannte der Knabe Bassianus gut, er wußte um ihre Wollust, hatte sie schon häufig erlebt. Nichts setzte ihn in Erstaunen, alles lächelte ihm zu, alles liebkoste ihn mit schmeichelnden Berührungen, mit Duft und Glanz, mit Flötenklang und Zimbelschlag, Licht und Schatten, Sonnenschein und Sternengefunkel, als sei er der Prinz dieses schwülen Reiches, zurückgekehrt zu allem, was sein war und seiner Seele verwandt. Nein, wahrlich, ihn, den jungen Prinzen dieser seltsamen Welt, wunderte es nicht im mindesten, daß ihn das Priesterkollegium, an das Mäsa viele tausend Sesterzen verteilt hatte, zur Hohenpriesterschaft der Sonne weihte, auf daß er seine nackten schlanken Knabenglieder in rituellen Tänzen vor dem Schwarzen Stein winde. Er war der Prinz, also wurde er Hoherpriester, alles vollzog sich, wie es sich vollziehen mußte und nichts Seltsames oder Verwunderliches war dabei: er war Prinz und Priester der Tempelstadt gewesen, von Kindesbeinen an.

Einen Augenblick durchfuhr dies alles den Bassianus, nicht wie eine deutliche Vorstellung, nur wie ein Hauch, wie ein Duft, während der Magier, der an dem weiten Himmel kein Blut, sondern nur Ruhm und Glanz schaute, dem Knaben das Haupt emporrichtete. Sein Ehrgeiz erträumte das Höchste; doch nur um des sexuell-mystischen Rausches willen von jenem Höchsten, das er sich als irdische Vergöttlichung seiner Hohenpriesterschaft vorstellte: eine Gemeinschaft mit dem Gotte Heliogabal! Dieser Ehrgeiz wurde genährt durch die Großmutter, die auf Bassianus all ihre Hoffnung gründete, nach Rom zurückzukehren, zurück in das Palatium, zurück auf die höchste Stufe der obersten Macht. Der Knabe selbst aber sah diese oberste Macht vor allem in seiner Sonnenpriesterschaft über die gesamte Welt.

»Hydaspes,« fragte Bassianus ruhiger, »ist kein Blut mehr am Himmel?«

Der Magier lächelte geheimnisvoll und wehmütig.

»Nein, mein Kind.«

»War es eine Vision?«

»Eine Vision der Wahrheit!«

»Die vorüber ist ...?«

»... und vielleicht noch kommen wird.«

»Hydaspes, sahst du mein Blut?«

»Nein ... nein!«

»Warum denn solltest du es nicht gesehen haben, da du es doch sahst von so vielen, so vielen, die ...«

Ihn schauderte.

»... Was, mein Kind?«

»Die einst Herrscher waren. Hydaspes, sage mir: lasest du in den Sternen rings um meinen Stern, daß ich einst Herrscher werden würde?«

»Ja, ich las es ...«

»Du sahst mich als Kaiser, als den Mäsa mich wünscht?«

»Ja, Kind, ich sah dich als Kaiser!«

»Ist das wahr?«

»Ja!«

»Warum zaudertest du, es mir zu sagen?«

»Ist mein Wissen unfehlbar? Wenn ich mich täuschte ...?«

»Nein, du täuschtest dich nicht«, antwortete der Knabe Bassianus beinahe wehmütig. »Ich fühle es, ich werde Kaiser, gewiß werde ich Kaiser! Wenn auch nicht heute oder morgen, so doch in drei, in sechs Monaten, in einem Jahr! Du sahst des Macrinus Blut ... Die ihn zu Fall bringen, werden mich ausrufen ... ich weiß nicht, ob ich es wünschen soll. Emesa ist mir lieber als Rom, meine Hohepriesterschaft ist mir so teuer, wie mir die Kaiserwürde niemals sein könnte. Aber ich möchte Hoherpriester der Sonne werden, für die ganze Welt. Darum allein wünsche ich mir die Herrschaft! Doch ich weiß nicht ... Hydaspes: lies weiter in den Sternen, bevor sie ganz verlöschen! Sieh, der meine neigt sich schon über dem Libanon! Lies meine Zukunft, schnell, Hydaspes!«

»Kind, ich sehe die Zukunft nicht mehr; all das Blut hat mich geblendet, ich sehe nicht mehr, was kommen wird. Aber wohl ...«

»Was ...?«

»Wohl weiß ich, wie ich dich mir wünschte, wenn du Kaiser würdest.«

»Wie wünschtest du mich, Hydaspes? Sag es mir. Bin ich nicht der Freund deines Herzens, deines Leibes, deiner Seele? Hast du mir nicht stets gesagt, du hättest nie einen Menschen, weder Weib noch Mann, so lieb gehabt wie mich, seit jener Nacht, da ich zum erstenmal die sechs Terrassen erklomm, um mit dir in den Sternen zu lesen? Ich war ein schlechter Schüler und habe nicht viel gelernt. Doch sind mir nicht die Abende hier mit dir das Lieblichste und Geheimnisvollste meiner heiligen Weihung, Hydaspes? Oft bin ich nur ein übermütiger Knabe, dann wieder bin ich Hoherpriester des Heliogabal. Doch hier, in diesem Meer der Verzückung, bin ich nur dein gehorsamer, vertrauender Freund, der an dir hängt mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele! Sag mir: Wie soll ich sein, wenn ich einmal Kaiser werde? Ich will, daß du es mir sagest. Deine Worte sollen mir Gesetz sein. Ich bin ein Kind und weiß nichts. Werde ich Kaiser, dann wird Mäsa, die Mutter, für mich herrschen wollen. Aber werde ich in Wahrheit Kaiser, dann will ich herrschen, nicht nach ihrem Willen, sondern nach den heiligen magischen Gesetzen, nach deinem ureigenen Wunsch, mein Hydaspes! Sage mir, wie wünschtest du mich, sollte ich jemals zur Herrschaft gelangen?«

Der Knabe Bassianus sprach mit weicher, einschmeichelnder Stimme; zärtlich klang sie, flehte wie um Gunst mit all den weichen Lockungen der Stimme einer gefallsüchtigen Frau. Die kleinen Hände hatte er auf die Schultern des Magiers gelegt; mit seinen veilchendunklen Augen, aus denen ein seltsames Schmachten und lockender Spott sprachen und sehnsüchtiger Ernst und übermütige Torheit, eine Mischung von Sphinx und Dirne, sah er tief in die schwarzen, ekstatischen Augen des Hydaspes. Liebkosend legte er seinen Kopf an die Brust des Magiers, so daß dieser den Myrrhen- und Moschusduft der goldgepuderten Locken atmete.

»Wie ich dich wünsche, mein Kind ...?«

»Das große Gute tuend?«

»Ja.«

»Strebend nach dem Allichten?«

»Ja.«

»Die heilige Sonne anbetend?«

»Doch vor allem das heilige Licht.«

»Dessen heiliges Symbol die Sonne ist?«

»Ja, aber um derentwillen wir nicht das heilige Licht vergessen dürfen.«

»Unsern Lichtdienst mit mir führend durch das ganze Reich, bis nach Rom?«

»Ja.«

»Allen kaiserlichen Einfluß aufbietend, um den Dienst des Lichtes zu verbreiten unter allen Völkern, die Rom zugehören?«

»Ja ... ja.«

»So, Hydaspes – so muß ich sein, sollte ich zur Herrschaft gelangen?«

»So, Bassianus, in den Offenbarungen deines Lebens, aber mehr noch und anders in der heiligen Stille deiner Seele. Höre, mein Kind ... wir streben zurück zum Licht, aus dem unsere Seele wie ein Funke hinausgeschleudert ward in die Weite der Ewigkeit, bis sie in immer tiefere Erniedrigung versank und zu einer unreinen Flamme ward und zu einer Seele aus Gold sich verdichtete. Denn Gold ist das Körper gewordene Licht und im Golde harrt die Seele, erniedrigt, des Lichts. Darum ist das Gold das weltliche Symbol von Macht und Glanz, von Hoheit und Reichtum. Unsere Seele strebt zu ihrem Ursprung zurück, zum Licht ... unbewußt bei jenen, die nicht verstehen, bewußt und immer mehr bewußt bei jenen, mein Kind, die eingeweiht wurden und verstehen.«

»Hydaspes, strebt meine Seele bewußt? Lehre du mich ...«

»Sammle all deine Gedanken, ziehe sie ab von der Welt und richte sie gleich einem Strahlenbündel ...«

»Auf die Sonne?«

»Auf das Licht!«

»Die Sonne ist das Licht?«

»Nur das Symbol seiner Heiligkeit. Laß deine Seele von diesem Symbol durchleuchten.«

»Ich will versuchen, alle Gedanken von der Welt loszulösen, um sie wie ein Strahlenbündel zu richten ... auf ...«

»Das Licht.«

Der Knabe schloß die Augen, als versuche er es.

»Aber nicht nur von der Welt, auch von dir selber, Bassianus, mußt du alle deine Gedanken loslösen ...«

»Von mir selber?«

»Von dir selber ... Vergessen, wer du bist ...«

»Selbst wenn ich Kaiser bin?«

»Selbst dann ... und gerade dann ... Vergessen, wer du bist, vergessen, was du bist, und zurückstreben zum Ursprung des Lichtes, das Gott selbst war.«

»Das Unaussprechliche ...?«

»Ja.«

»Der unaussprechliche Gott ...«

»Ja, er selber! ... Vergessen, daß du Kaiser bist.«

»Wer ich bin ...«

»Was du bist, und zurückstreben von Wandlung zu Wandlung, bis zum Ureins, das urheilig und geschlechtslos war; bevor es, in unergründlichem Geheimnis, die Geburt ersann und die Schöpfung und beide Geschlechter in sich barg.«

»Das Ureins ...?«

»Das, urheilig und einst geschlechtslos, Schöpfung und Geburt ersann und Mann ward und Weib zu gleicher Zeit im mann-weiblichen Licht. Das Licht befruchtete sich selber: seine Gott-Männlichkeit umarmte in urerster Liebe seine eigene Gott-Jungfräulichkeit.

Götter wurden geboren, in einem Meer von Sonnen und Sternen, und es entstand die Harmonie.«

»Und ist in den höchsten Sphären allzeit erhalten geblieben?«

»In den Sphären der Götter. Erst in der menschlichen Sphäre wurde sie zerstört. Die Menschen sind Kinder der Götter, erniedrigt zu geheimer Buße: niemand weiß, warum und um welcher Sünde willen ...«

»Die Sünde ist das Geheimnis?«

»Ja.«

»Niemand weiß, was Sünde ist?«

»Nein, mein Kind.«

»Aber sie ist? ..«

»So lehrte ich es dich.«

»Ich habe es nicht vergessen ... Ich möchte gern, daß du mir das Geheimnis enthülltest, warum der Stein zu strahlen beginnt im heiligsten Augenblick des Dienstes!«

»Laß das, mein Kind«, sagte der Magier ungeduldig. »Das ist ein Geheimnis, fast ohne Wert...«

»Enthülle es mir.«

»Ich sage dir tiefere Geheimnisse ... schweife nicht ab. Du willst wissen, wie ich dich im stillen Geheimnis deiner Seele wünschte, so du Kaiser würdest?«

»Ja.«

»Ich wünsche, du strebtest zurück zum Ureins, das geschlechtslos war. Aber um zu werden wie das geschlechtslose Licht, muß die auserkorene Seele erst zurückstreben zu seiner menschlichen Form: der Form des doppelgeschlechtlichen Wesens, muß die auserkorene Seele zurückstreben zu der androgynen Seele ...«

»So geartet war unser aller Vater?«

»Adam ...«

»Adam-Heva.«

»Ja, so war er ... als er im Paradies wohnte, am Euphrat... Adam-Heva war er, unser Vater, Mann-Jungfrau, doppelgeschlechtlich und zwei-einig ... Doch wie das geschlechtslose Licht sich in sich selber zu Mann und Weib teilte, so teilte – ein unergründliches Geheimnis des Geschehens! – Adam-Heva sich in heftigem Schmerz über sein Wesen in zwei Formen: in Adam, in Heva.«

»In Mann und Weib ...«

»In Mann und Weib ... Bevor er sich teilte, vergeudete er – denn es war ihm nicht gegeben, sich zu befruchten, wie das Licht sich selber befruchtet hatte – in schmerzlichen Träumen unerfüllbaren Verlangens allnächtlich die Kraft seines Wesens und auf die vergeudete Kraft stürzten sich die dämonischen Larven, die uns allzeit gespenstisch umringen, uns, die Nachkommenschaft von Mann und Weib. Aber die auserkorenen Seelen streben zurück zu der Form der Doppelgeschlechtlichkeit. Zu der androgynen Form.«

»Des Zwei-Einigen ...«

»Des Zwei-Einigen... O Bassianus, möchtest du doch eine auserkorene Seele sein! Viele schon schaute ich, doch keinen, bei dem ich mit solcher Gewißheit dachte, ja beinahe wußte: er ist die auserkorene Seele! Denn sie muß ernst sein und lebensfroh zugleich, eine Seele voll Frömmigkeit und Liebe, eine Seele voll Verzückung und Wollust, eine Seele voll verstehender Weisheit und kindlichen Frohsinns; so ward der Auserkorene geweissagt: mit einem Körper gleich einem kostbaren Gefäß voll Schönheit, mit schlanken Epheben-Gliedern, doch runden Schultern und Brüsten, mit schmalen Leisten und breiten Hüften, mit kräftigen Beinen, doch leicht einherschwebenden Füßen, die Züge schön geschnitten und makellos, der Mund schmachtend und die Augen schon in dem ersehnten Licht erstrahlend. Bassianus, mein Bassianus, bist nicht du so? Nicht zu weiblich, nicht zu männlich, beide Geschlechter im Gleichmaß, verschmolzen zu vollkommener Harmonie?«

»Ja, ja, so bin ich, Hydaspes! Sicherlich bin ich die auserkorene Seele! Ich werde beides sein, Mann und Weib, und ich werde ... ich werde ... Doch, Hydaspes, enthülle mir jetzt auch noch das Geheimnis des Steines, der zu strahlen beginnt ...«

»Kind, das ist eine Naturmacht, die wir anzuwenden wissen, um den Stein, das Phallossymbol, das Symbol der Männlichkeit, dem Volk eindrucksvoller zu gestalten. Was tut es, mein Kind? Es ist kein wertvolles Geheimnis, es bringt uns dem Lichte nicht näher. Bassianus, bist du die auserkorene Seele ...?«

»Ja, Hydaspes, ja!«

»So strebe dem Licht entgegen, mein Kind.«

»Durch die Form der Zwei-Einigkeit?«

»Strebe, strebe!«

»Ich will dahin streben, Hydaspes, ich muß es erreichen, ich will es erreichen! In der Verzückung dieser Nacht fühle ich, weiß ich, daß ich es erreichen werde! Ich werde der Zwei-Einige sein! Ich flamme zurück zum Licht!«

Es war, als öffne sich der Himmel, als offenbare er den Berg des Lichtes, auf dem Heliogabal wohnt.

 

Doch hinter dem Libanon dämmerte es rosenfarben. Die Sterne verglühten einer nach dem andern. Der Mond ward bleicher und verging schemenhaft. Draußen vor der Pforte schlief Narr. Bassianus schreckte ihn mit einem kräftigen Schlag auf.

Noch schlaftrunken, griff der Mohr nach der ausgebrannten Fackel.

»Vorwärts, Narr, vorwärts!« rief Bassianus und zog den Zipfel des hyazinthfarbenen Mantels fester um die Schultern.

Der Fackelträger ging vor ihm her, durch den im morgendlichen Licht dämmernden Zitronenhain. Plötzlich sprang Bassianus ihm auf den Rücken.

»Vorwärts, Narr, trage mich!«

Der Sklave faßte seinen Herrn vorsichtig bei den Fußknöcheln und Bassianus hing ihm über den Rücken; mit beiden Armen umklammerte er Narrs Nacken, so daß der Sklave beinah erstickte in der enger und enger werdenden Umarmung. Es war noch ein letztes Spiel. Sie erreichten den Tempel, in der Apadana sprang Bassianus ab, warf Narr seinen Mantel über den Kopf und verknotete die Enden. Der Mohr zerrte und zerrte. Er befreite sich wie aus einer Schlinge und sah seinen jungen Herrn kichernd zwischen den im Morgengrau dämmernden Säulen hinter einem Vorhang verschwinden. Tempelsklaven, die bereits an ihr Tagewerk gingen, kamen erstaunt zum Vorschein. Doch Narr gab keinerlei Auskunft, warf den Mantel über den Arm und eilte hinter seinem Herrn her, nach dem hohenpriesterlichen Hof. Dort herrschte noch die Ruhe des letzten Schlafes; doch hörte Narr Mäsas Stimme und verkroch sich ängstlich.

»Aber, Bassianus, so spät heimzukommen! Ich habe die ganze Nacht auf dich gewartet. Was hat Hydaspes gelesen in den Sternen?«

Narr hörte, wie Bassianus sehr laut gähnte und sagte, er wolle noch schlafen. Die alte Frau schlich hastig in ihre Gemächer zurück.

Sobald Mäsa verschwunden war, kam der Mohr wieder zum Vorschein, lüftete den Vorhang zum Schlafgemach und trat ein. Bassianus war schon in Schlaf gefallen ...

 

In der opalleuchtenden Morgenklarheit, die sich in dem vergoldeten Gemach den braun-goldenen Schatten gesellte, lag der Knabe Bassianus nackt und weiß auf dem gelbseidenen Lager, bäuchlings, den Kopf auf den gebeugten Armen, und schlief, nach Ernst und Spiel, fest und ruhig. Über den geheimnisvollen Augen lagen die ovalen Lider, bläulich umrandete Muscheln, geschlossen, schon drang sein Atem wie ein Rauschen aus den tiefsten Tiefen des Schlummers. Weiß und nackt gleich Hermaphroditos ruhte Bassianus in tiefstem Schlaf.

Narr setzte sich auf den Boden, lehnte sich gegen das Lager und während er in Schlaf fiel, sank sein schwarzer Krauskopf auf den Fuß seines jugendlichen Herrn. Noch im Halbschlummer küßte der Mohr diesen Fuß.

Draußen im Lupanar begann das Leben zu erwachen.

Unter einer niedrigen Tür erschien in einer Umrahmung blauer Winden ein Tempelmädchen, matt und schwerfällig. Unter ihren Brüsten trug sie einen blauen Stofflappen; er hing schwer an ihr herab, wie von Wasser triefend.

Sie reckte die Arme hoch und weit, müde von der Nacht ... Zu ihren Füßen schleifte ein Pfau seinen tausendäugigen Schweif und während sie gähnte, stieß der Vogel seinen kurzen schrillen Schrei aus.

 Kapitel 2 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.