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Gutenberg > Johann Wolfgang von Goethe >

Helena im Mittelalter

Johann Wolfgang von Goethe: Helena im Mittelalter - Kapitel 1
Quellenangabe
typedrama
authorJohann Wolfgang von Goethe
titleHelena im Mittelalter
publisherbtb
seriesSämtliche Werke
volume6.1
printrun1. Auflage
year2006
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
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senderwww.gaga.net
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Johann Wolfgang von Goethe

Helena im Mittelalter

Satyrdrama. Episode zu »Faust«

 

Helena
Vom Strande komm ich, wo wir erst gelandet sind,
Noch immer trunken von der Woge schaukelndem
Bewegen, die vom phrygischen Gefild uns her
Auf ihrem hohen Rücken, mit Poseidons Gunst
Und Euros' Kraft, an heimisches Gestade trug.
Dort unten freut sich nun der König Menelas
Der Rückkehr mit den tapfersten der Krieger sich.
Du aber heiße mich willkommen, hohes Haus,
Das Tyndareus, mein Vater, an dem Hange sich
Von Pallas' Hügel, wiederkehrend, aufgebaut
Und, als ich hier, mit Klytämnestren, schwesterlich,
Mit Kastor und mit Pollux, fröhlich spielend, wuchs,
Vor allen Häusern Spartas herrlich ausgeschmückt.
Seid mir gegrüßt, der ehrnen Pforte Flügel ihr,
Durch deren weit einladendes Eröffnen einst
Der mir aus vielen Auserwählte, Menelas,
In Bräutigams Gestalt entgegen leuchtete.
Eröffnet mir sie wieder, daß ich das Gebot
Des Königes erfülle, wie der Gattin ziemt.
Laßt mich hinein! und alles bleibe hinter mir,
Was mich bisher und andere verworren hat.
Denn seit ich diese Schwelle sorgenlos verließ,
Zu Kypris' Tempel wandelnd, heil'ger Pflicht gemäß,
Mich aber dort ein Räuber griff, der phrygische,
Ist viel geschehen, was die Menschen weit und breit
So gern erzählen, aber der nicht gerne hört,
Von dem die seltne Fabel ihren ersten Ursprung nahm.
Genug! mit meinem Gatten bin ich hergeschifft
Und bin von ihm zu seiner Stadt vorausgesandt;
Doch welchen Sinn er hegen mag, errat ich nicht.
Komm ich als Gattin? komm ich eine Königin?
Komm ich ein Opfer für des Fürsten bittern Schmerz
Und für der Griechen lang erduldetes Mißgeschick?
Erobert bin ich; ob gefangen, weiß ich nicht!
Denn Ruf und Schicksal gaben die Unsterblichen
Zweideutig mir, der Schönheit zu bedenklichen
Begleitern, die mir an der Schwelle des Palasts,
Mit ihrer düstern Gegenwart, zur Seite stehn.
Denn schon im hohlen Schiffe blickte der Gemahl
Mich selten an und redete kein freundlich Wort.
Als wenn er Unheil sänne, saß er gegen mir.
Nun aber als wir des Eurotas tiefe Bucht
Hineingefahren und die ersten Schiffe kaum
Das Land berührten, sprach er, wie vom Gott bewegt:
»Hier steigen meine Krieger, nach der Ordnung, aus,
Ich mustre sie, am Strand des Meeres hingereiht;
Du aber ziehe weiter, an des heiligen,
Befruchtenden Eurotas Ufer immer fort
Die Pferde lenkend auf der feuchten Wiese Schmuck,
Bis du zur schönen Ebene gelangen magst,
Wo Lakedämon einst ein fruchtbar weites Feld,
Von ernsten Bergen nah umgeben, angebaut.
Betrete dann das hochgebaute Fürstenhaus
Und mustere die Mägde, die ich dort zurück
Gelassen, mit der klugen alten Schaffnerin.
Die zeige dir der Schätze reiche Sammlung vor,
Wie sie dein Vater hinterließ und die ich selbst,
In Krieg und Frieden, stets vermehrend aufgehäuft.
Du findest alles nach der Ordnung stehen. Denn
Das ist des Fürsten Vorrecht, daß er alles treu
In seinem Hause, wiederkehrend, finde, noch
An seinem Platze jedes, wie er es verließ.
Denn nichts zu ändern hat für sich der Knecht Gewalt.
Wenn du nun alles nach der Ordnung durchgesehn,
Dann nimm so manchen Dreifuß, als du nötig glaubst,
Und mancherlei Gefäße, die der Opfrer sich
Zur Hand verlangt, um die Gebräuche zu vollziehn,
Die Kessel und die Schalen, wie das flache Rund.
Das reinste Wasser aus der heil'gen Quelle sei
In hohen Krügen, ferner sei das trockne Holz,
Das Flammen schnell empfangende, bereit,
Ein wohlgeschliffnes Messer fehle nicht zuletzt;
Doch alles andre geb ich deiner Sorge heim.«
So sprach er, mich zum Scheiden drängend; aber nichts
Lebendiges bezeichnet' mir der Ordnende,
Das er, die Götter zu verehren, schlachten will.
Bedenklich ist es, doch ich sorge weiter nicht,
Und alles bleibe hohen Göttern heimgestellt,
Die das vollenden, was in ihrem Sinn sie deucht,
Es werde gut von Menschen oder werde bös
Geachtet, und wir Sterblichen ertragen das.
Schon manchmal hob das schwere Beil der Opfernde
Nach des gebeugten Tieres Nacken weihend auf,
Und könnt es nicht vollbringen, denn ihn hinderte
Des nahen Feindes oder Gottes Zwischenkunft.

Chorführerin
Verlasset des Gesanges freudumgebnen Pfad,
Und wendet zu der Türe Flügel euren Blick!
Was seh ich, Schwestern! schreitet nicht die Königin,
Mit heftiger Bewegung, wieder zu uns her?
Was ist es, große Königin? was konnte dir
In deines Hauses Hallen, statt der Deinen Gruß,
Erschütterndes begegnen? Du verbirgst es nicht;
Denn Widerwillen seh ich an der Stirne dir,
Ein edles Zürnen, das mit Überraschung kämpft.

Helena
Der Tochter Zeus' geziemet nicht gemeine Furcht,
Und flüchtig-leise Schreckenshand berührt sie nicht;
Doch das Entsetzen, das, dem Schoß der alten Nacht
Von Urbeginn entsteigend, vielgestaltet noch
Wie glühende Wolken, aus des Berges Feuerschlund,
Herauf sich wälzt, erschüttert auch des Helden Brust.
So haben mir die Götter heute grauenvoll
Den Eintritt in mein Haus bezeichnet, daß ich gern
Von oft betretner, lang ersehnter Schwelle mich,
Gleich einem Fremden, Scheidenden, entfernen mag.
Doch nein! gewichen bin ich her, ans Licht, und weiter sollt
Ihr mich nicht treiben, Mächte, wer ihr immer seid.
Auf Weihe will ich sinnen, und, gereinigt, soll
Des Herdes Glut die Frau begrüßen und den Herrn.

Chor
Entdecke deinen Dienerinnen, edle Frau,
Die dir verehrend beistehen, was begegnet ist.

Helena
Was ich gesehen, sollt ihr selbst mit Augen sehn,
Wenn ihr Gebilde nicht die alte Nacht sogleich
Zurückgeschlungen, in den tiefen Wunderschoß.
Doch daß ihr's wisset, sag ich's euch mit Worten an:
Als ich des königlichen Hauses Tiefe nun,
Der nächsten Pflicht gedenkend, feierlich betrat,
Erstaunt ich ob dem öden, weiten Hallenraum.
Kein Schall der emsig Wandelnden begegnete
Dem Ohr, kein Eilen des Geschäftigen dem Blick;
Und keine Magd und keine Schaffnerin erschien,
Die jeden Fremden freundlich sonst Begrüßenden.
Als aber ich des Herdes Busen mich genaht,
Da sah ich, bei verglommner Asche lauem Rest,
Am Boden sitzen ein verhülltes großes Weib,
Der Sinnenden vergleichbar, nicht der Schlafenden.
Mit Herrscherworten ruf ich sie zur Arbeit auf,
Die Schaffnerin vermutend, die, mir unbekannt,
Des scheidenden Gemahles Vorsicht angestellt;
Doch eingefaltet sitzt die Unbewegliche;
Nur endlich rührt sie, auf mein Dräun, den rechten Arm,
Als wiese sie von Herd und Halle mich hinweg.
Ich wende zürnend mich von ihr und eile gleich
Den Stufen zu, auf denen sich der Thalamos
Und nah daran der königliche Schatz erhebt.
Allein das Wunder reißt sich schnell vom Boden auf,
Gebietrisch mir den Weg vertretend, zeigt es sich
In hagrer Größe, hohlen, blutig trüben Blicks,
Seltsamer Bildung, wie sie Aug und Geist verwirrt.
Doch red ich in die Lüfte; denn das Wort bemüht
Sich nur umsonst, Gestalten schöpfrisch aufzubaun.
Da seht sie selbst! sie waget sich ans Licht heraus.
Hier sind wir Meister, bis der Herr und König kommt.
Die grausen Nachtgeburten drängt der Schönheitsfreund,
Phöbus, hinweg in Höhlen oder bändigt sie.

Chor Vieles erlebt ich, obgleich die Locke,
Jugendlich, wallet mir um die Schläfe!
Schreckliches hab ich vieles gesehen,
Kriegrischen Jammer, Ilions Nacht,
Als es fiel!

    Durch das umwölkte, staubende Tosen
Drängender Krieger hört' ich die Götter
Fürchterlich rufen, hört' ich der Zwietracht
Ehrene Stimme schallen durchs Feld,
Mauerwärts!

    Ach! sie standen noch,
Ilions Mauern;
Aber die Glut zog
Schon, vom Nachbar
Zum Nachbar sich
Verbreitend,
Hier und dort her,
Über die Stadt.

    Flüchtend sah ich,
Durch Rauch und Glut,
Zürnender Götter
Gräßliches Nahen,
Wundergestalten,
In dem düstern,
Feuerumleuchteten Qualm.

    Sah ich's? oder bildete
Mir der angstumschlungene
Geist solches Verworrene?
Sagen kann ich's nicht;
Aber daß ich dieses
Gräßliche hier
Mit Augen sehe,
Weiß ich.

    Könnt es mit Händen fassen,
Hielte die Furcht
Vor dem Gefährlichen
Mich nicht zurück.

    Welche von Phorkos'
Töchtern bist du?
Denn ich vergleiche dich
Diesem Geschlecht.
Bist du der Gorgonen
Eine? bist du
Eine der fürchterlich sie,
Schwesterlich Hütenden?
Bist du der graugebornen,
Einäugigen, einzähnigen
Graien eine gekommen?

    Wagest du Gräßliche,
Neben der Schönheit
Vor dem Kenner
Phöbus dich zu zeigen?
Doch tritt immer hervor;
Denn das Häßliche
Sieht er nicht,
Wie sein heiliges Aug
Niemals den Schatten sieht.

    Aber uns nötigt
Ein trauriges Geschick
Zu dem Augenschmerz,
Den das Verwerfliche
Schönheitsliebenden rege macht.

    Ja! so höre denn,
Wenn du frech
Uns entgegenstehst,
Höre Fluch und Schelten
Aus dem Munde der glücklich
Von den Göttern Gebildeten.

    Stehe länger, länger!
Und grins uns an!
Starre länger, länger!
Häßlicher wirst du nur.
Ausgeburt du des Zufalls,
Du, verworrener,
Du, erschöpfter Kraft
Leidige, hohle Brut.

Phorkyas
Alt ist das Wort, doch bleibet wahr und hoch der Sinn:
Daß Scham und Schönheit nie zusammen, Hand in Hand
Den Weg verfolgen auf des Menschen Lebenspfad.
Tief eingewurzelt wohnet in beiden alter Haß,
Und wenn sie auf dem Wege sich auch irgendwo
Begegnen, jede sogleich der Gegnerin den Rücken kehrt.
Dann eilet jede wieder heftiger, weiter fort,
Die Scham betrübt, die Schönheit aber frech gesinnt,
Bis sie zuletzt des Orkus hohle Nacht umfängt,
Wenn nicht das Alter sie vorher vernichtet hat.
Euch find ich nun, ihr Frechen, aus der Fremde her,
Mit Übermut ergossen, gleich der Kraniche
Laut-heiser klingendem Zug, der über unser Haupt,
Wie eine Wolke ziehend, krächzendes Getön
Herabschickt, das den stillen Wandrer über sich
Zu blicken lockt; doch ziehn sie ihren Weg dahin,
Er geht den seinen; also wird's mit uns geschehn.
Wer seid denn ihr? daß ihr des Königs hohes Haus
Mit der Mänaden wildem Getümmel umtönen dürft?
Wer seid ihr? daß ihr seiner ernsten Schaffnerin
Entgegenheulet, wie dem Mond der Hunde Schar?
Wähnt ihr, daß ich nicht wisse, welch Geschlecht ihr seid,
Du kriegerzeugte, schlachterzogne junge Brut?
Du männerlustige, verführt verführende,
Entnervende des Kriegers und des Bürgers Kraft?
Seh ich zuhauf euch, scheint mir ein Zikadenschwarm
Herabzustürzen auf des Feldes grüne Saat.
Verzehrerinnen fremden Fleißes! Naschende
Vernichterinnen aufgekeimten Wohlstands ihr,
Eroberte, verkauft', vertauschte Ware du.

Helena
Wer in der Frauen Gegenwart die Mägde schilt,
Beleidiget die Hoheit der Gebieterin.
Denn ihr gebührt allein, das Lobenswürdige
Zu rühmen und zu strafen das Verwerfliche.
Auch bin ich wohl zufrieden mit dem Dienste, den
Sie mir geleistet, als die Kraft von Ilion,
Die hohe, stand, und fiel und lag. Nicht weniger,
Als wir der Irrfahrt kummervolle Wechselnot
Ertrugen, wo sonst jeder sich der Nächste bleibt.
Auch hier erwart ich Gleiches von der muntren Schar.
Nicht, was der Knecht sei, fragt der Herr, nur, wie er dient.
Drum schweige du und grinse sie nicht länger an.
Hast du das Haus des Königs wohl verwahrt bisher,
Anstatt der Hausfrau, dienet es zum Ruhme dir;
Doch jetzo kommt sie selber, tritt nun du zurück,
Damit nicht Strafe werde statt des Lohnes dir.

Phorkyas
Den Hausgenossen drohen ist ein großes Recht,
Das eines gottbeglückten Herrschers Gattin sich
Durch langer Jahre weise Leitung wohl verdient.

 


 








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