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Friedrich Lienhard: Helden - Kapitel 6
Quellenangabe
typelegend
authorFriedrich Lienhard
titleHelden
publisherGreiner und Pfeiffer
printrunZehnte Auflage
editorVerlag von Greiner und Pfeiffer
year1920
firstpub1900
illustratorKurt Jäckel
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150124
projectid6f7b6ee2
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Moses auf dem Nebo

Und Mose ging von dem Gefilde der Moabiter auf den Berg Nebo, auf die Spitze des Gebirges Pisga, gegen Jericho über. Und der Herr zeigte ihm das ganze Land ... Und sprach zu ihm: »Dies ist das Land, das ich Abraham, Isaak und Jakob geschworen habe. Du hast es mit deinen Augen gesehen, aber du sollst nicht hinübergehen.« (5 Mos. 34.)


* * *

... »Meine Hand, die deine Gebote schrieb, hart geworden in des Lebens Mühsal wie diese Felsen des Nebo, hab' ich emporgehalten über ungealterte Augen und habe klar im Abendlichte geschaut das Land deiner Verheißung: Kanaan!

Kanaans Ströme sind Bänder und Seile von Gold, bereitgelegt für deines Volkes Hände, daß wir dies Land ketten an unsre Macht! Aus Kanaans Abendbergen sehe ich Kronen aus zackigen Flammen; sie sind angetan mit Gewändern der Freude. Feurige Arme sehe ich: sie winken uns hinüber in das Land der Wonne!

Nun ist mein Werk erfüllt, gewaltiger Gott! Nun laß auseinanderfallen diesen Leib und nimm heraus meine jubelnde Seele! Hundertundzwanzig Jahre hab' ich gerungen mit diesem halsstarrigen Volke. Aus Feuerhöhen trug ich ihnen hinab deines Hauches ewige Kraft. Hart geworden ist meines Herzens Schale, hart mein Wille wie Knochen und Stein – die Blitze meiner Seele verlangen hinaus aus diesem steinernen Gehäuse, wie sich das Gewitter entlädt an den Bergen der Nacht. Schau' her, wie ich stehe mit ausgebreiteten Armen auf diesem Gebirge der Klarheit! Löse deines Sendlings Atem, gewaltiger Gott!

Dein Atem bin ich, siehe, ausgefahren bin ich aus deinem Geiste zu den dunklen Menschen! Dein Feuerwille hat gezwungen diesen Leib, ihm zu dienen hundertundzwanzig Jahre! Siehe, eine Stimme Gottes war ich, eingebaut in diese Hülle von Erde, sprechend zu ihnen mit Schall und Zeichen der Menschen. Nun aber zerbrich dies Haus – deine Stimme aber laß ihnen!

Laß ihnen deine Stimme, allbarmherziger Gott! Siehe, ich will beide Hände legen auf Josua, deinen Knecht, daß hinüberflamme von mir zu ihm deine heilige Macht. Laß nicht von der Erde weichen dein unentbehrlich Licht! Sie alle gehen irre, sie alle fahren dahin wie die Karawane im Sandsturm, wenn deine Feuersäule von ihren Augen weicht. Nicht für mich bet' ich, denn eingehen darf ich in dein Haus: aber für diese bet' ich, die ich zurücklasse in Drangsal und Kämpfen.

Und da sie schwach sind – damit sie nicht beweinen und lobpreisen den Menschen, der von ihnen geht, siehe, mein Gott, so verbirg ihnen die Stätte meines Todes! Ich will nicht, daß sie meinem Leib und Namen einen Denkstein setzen: dich sollen sie ehren, Unsichtbar-Ewiger, einen Feuerhauch von dir sollen sie dahintragen in ihres Körpers Behausung, wie man Fackeln trägt durch eine nächtliche Stadt! Nicht sollen sie pilgern zu meiner Gruft, noch beten an meinem Grabmal: pilgern sollen sie zu dir, beten sollen sie in ihres Herzens heimlichstem Gelaß! Verbirg ihnen die Stätte meines Todes! ...

Aber der Mensch Mose, der tausendmal seine Sendung vergaß in Jähzorn und Kleinmut – schau' her, o mein Herr und Gott, auf beiden Armen lieg' ich gebeugt vor den verzehrenden Flammen deines Angesichtes, hingeweht von Reue auf Sand und Gestein dieses dunkelnden Berges, flehend zu dir: Entsühne mich! Streif' ab von meiner Seele, was von dieser Erde Unflat hangen blieb, laß mich hindurchgehen durch das enge Tor der Demut, dadurch ich fernher übermächtig lodern sehe deine Herrlichkeit: – vergib mir! Nimm dies letzte Opfer, das dir Mose bringt: nimm diese Träne! Mich hat die Welt verwundet, und ich hinwiederum habe wehgetan der Welt: mit Narben kehr' ich heim zu dir! Mit meinen Narben nimm mich an, ewiger Gott, komm, o komm, zerflamme meinen Leib und laß eingehen meine Seele in deines Reiches Herrlichkeit! Amen.«

* * *

So starb Mose, der Knecht des Herrn, im Lande der Moabiter, nach dem Wort des Herrn. Und niemand hat sein Grab erfahren bis auf diesen heutigen Tag.

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