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Friedrich Lienhard: Helden - Kapitel 5
Quellenangabe
typelegend
authorFriedrich Lienhard
titleHelden
publisherGreiner und Pfeiffer
printrunZehnte Auflage
editorVerlag von Greiner und Pfeiffer
year1920
firstpub1900
illustratorKurt Jäckel
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150124
projectid6f7b6ee2
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Die Sintflut

Langsam kamen nun die gewaltigen Wasser zur Ruhe. Die tausend Donnerstimmen entschliefen. Sie waren verschlungen von einem Nebel, der allen Farben und Lauten vollends den Tod gab.

Selbst die Arche drohte in diesem Nebel zu ersticken. Aber tags darauf war die Wolkenschicht auf dem breiten Rücken der lautlos steigenden Flut überschwommen – und nun lag die Gewässermasse, die diese Erde vernichtet hatte, in ihrer furchtbaren Unendlichkeit vor dem Entsetzen der Überlebenden.

Grauenhafte Stille!

Dann und wann, wie ein letztes Aufschluchzen der Menschheit, wie das plötzliche Aufweinen eines träumenden Kindes, dem man den Tag über weh getan, gurgelten verlorene Wellen an die Planken der Arche. Dann und wann, mit leisem Stoße, rannten Gegenstände und Menschenkörper an den schwerfälligen Rumpf. Manchmal auch, aus unbekannten Tiefen, schossen plötzliche Wirbel an die Oberfläche. Da unten war ein Bergwald unter der Wucht des Wassers gebrochen, oder eine einstürzende Höhle, ein brechend Gewölbe ließ seufzend seine Luft aus.

Und wieder Stille.

Die Arche stand, eine Toteninsel, ohne Bewegung in der schlammigen Masse. Aller Lebensmut war ihren Bewohnern entwichen. Menschen und Tiere kauerten in trostloser Abspannung durcheinander. Auch bei ihnen nur selten ein Aufschluchzen wie das Gurgeln der Gewässer draußen. Nur selten ein engeres Anschmiegen der Frauen an die müden Männer; die Menschen untereinander und die Tiere dicht aneinandergedrückt, die Gesichter noch in den starren Falten des Entsetzens der letzten Tage. Löwe neben Lamm, Fuchs neben Taube, Schlangen zwischen den warmen Körpern der Gazellen. Das nie erlebte Brausen, Donnern und Tosen dieses Weltunterganges hatte ihnen alle ihre Natur genommen. Sie waren nicht mehr von der Welt.

Sie waren nicht mehr von der Welt. Vor allem nicht Noah. Unter dem Vordach der Türe stand er, der ernste Greis mit den Riesengliedern jener vorsintflutlichen Geschöpfe. Die Arme über der breiten Brust gekreuzt, vor entsetztem Staunen vornübergebeugt, sah er mit überweltlichen Augen mit an, wie der Künstler des Weltalls sein eigen Werk vernichtete. Über die Arme troff sein Silberbart; die Fülle seiner Silberlocken klebte um Schulter und Rücken. Die Zähne zusammengebissen, die eisernen Züge wetterbraun, die Knochenstirne hoch und breit: so hatte er, alles vergessend, halbe Tage hindurch mit angesehen, wie sein Gott mit dieser Menschenbrut ins Gericht ging. Und heute auch, obwohl alles vorüber war, stand er in derselben Haltung draußen. Aber er sah nichts mehr, nicht Himmel, nicht Wasser, nicht die schwimmenden Menschenkörper: – mit gekreuzten Armen und gepreßten Lippen stand er über dem grenzenlosen Elend und weinte ...

* * *

Was für ein Treiben ehedem, da unten in der mesopotamischen Ebene! Sie strotzten von Saft und Lebensfülle, diese Enakskinder, wie der ganze üppige Pflanzenwuchs am Euphrat und Tigris. Sie wußten nicht mehr hauszuhalten mit dem Überdrang ihrer Kräfte. Sie mußten miteinander kämpfen; sie mußten die Weiber der anderen sündhaft in ihre Arme reißen; sie mußten ihre Abels, diese unzeitgemäßen Schwächlinge, töten und sich mit dem Mörder Lamech kraftberauscht ihrer Totschläge rühmen oder mit dem tieferen Kain sich und die Welt und Gott hassen lebenslang. Harmlosere Naturen ließen ihre Kraft am Tiere aus: sie wurden die wilden Väter des babylonischen Jägers Nimrod. Wieder andere wichen mit ebenso maßloser Scheu in Haine und Einöden zurück, und unter Palmen und Farnen lagen sie brünstig vor Bildern Baals oder der Astarte. Nirgends Maß! Nirgends feste, klare, milde Kraft wahrer Gesundheit. Ein Wahnsinn war, vielleicht unter atmosphärischen Einflüssen, über die Menschen gekommen. Wie Maden und Sumpfdünste stiegen Schwärme von Lastern dort unten zur sengenden Sonne auf.

Unter diesem irren Volke wohnte Noah. Bei ihm hatte sich die Kraft der Zeit in die Seele zusammengedrängt. Mit demselben Überdrang klammerte sich der Edle an die Überschauung der Dinge, an den göttlichen Gedanken, an den ewigen Gott. Der Einsame ging umher unter den Bluthunden und predigte den Namen Jehovas.

Wer verstand den Mann? Wer hörte auf den Einsiedler aus den armenischen Bergen? Sie lachten; sie haßten ihn, sofern sie vor Seelenschwäche überhaupt zu hassen imstande waren. Sie hätten diesen ernsten Störenfried, der wie das Gewissen, wie ein unheimlicher Komet Jahr für Jahr als Bußprediger durch Mesopotamien zog, über kurzem aus dem Wege geräumt, gesteinigt, gekreuzigt.

Aber die Flut kam.

* * *

Und als nun die Flut kam, als das Indische Meer heranschnaubte, als der Himmel sich auftat: tobten sie alle in wüstem Gewimmel, Männer und Weiber und Kinder, Hunde und Haustiere, heulende Löwen und tutende Elefanten, in gewaltigen Bogen schießende Schlangen, und hoch darüber hinkreischende Papageien und Flamingos – durch niedergestampfte Wälder und Fluren flohen sie alle das Zweistromland hinauf, den armenischen Bergen zu. Mütter, über und über blutig von durchbrochenen Dornen, mit zerschundenen Füßen, trugen zwei, drei Kinder zumal. Männer, die bärtigen, in fliegenden Leopardenfellen, trugen auf ihren Enaksarmen ihre mehrhundertjährigen greisen Väter. Eine Verfolgung – keine Schlacht der Welt hat solche Verfolgung gesehen! Eine gehetzte Menschheit! Staub und Geschrei und Gestampf – und hinterher ein brüllender Ozean!

Klein und kleiner wird dort oben die Welt. Die Stärkeren drängen sich aus den Klippen. Die Masse der Schwächeren schwimmt ertrunken und zerstampft. Jetzt fängt auch der schwarze, tiefhangende Himmel an. Seine Regengüsse halten furchtbare Auslese: alle Schwachen schwemmen sie hinab. Tiere schwimmen von Klippe zu Klippe. Es keucht aus der letzten schwindenden Insel ein Todeskampf. Aber das fassungslose Vieh erliegt: mit Dolchen und Fäusten schafft sich der Herr der Welt Platz. Nur die wildesten, aller Rücksicht baren Menschengiganten drängen sich aus dem letzten Fleck. Dann überleckt das Wasser auch diese Klippe. Turmhoch ragt ein zuckender Fleischberg über die Fläche. Ineinander verbissen, einige lebendig begraben und nur mit den Füßen herausragend, einige quer darüber gespreitet, mit Zehen, Nägeln und Zähnen sich einkrallend ins Fleisch der Mitmenschen, dort noch die herausdrohende Faust eines lebendig Begrabenen – so hebt sich die letzte fürchterliche Insel. Dann und wann, wie ein Pulsschlag, geht ein Zucken durch den Knäuel. Ein Ruck – und der lebendige Berg fällt auseinander, in die wirbelnde Flut. Zwei, drei Riesengestalten schwimmen noch um die Stelle, dann geben auch sie den Kampf wider Gott auf und lassen sich seufzend sinken.

Es gibt keine Menschen mehr.

* * *

Das Meer rollte zurück und nahm die erwürgte Menschheit mit hinunter in den Indischen Ozean.

Nun lachte ein Lenz über Mesopotamien, wie ihn diese Erde seit dem Paradiese nicht gekostet. Die Lufthülle des Sternes war eine andere. Wundermild durchwärmte die Sonne die wenigen Geschöpfe. Es war ein Frühlingsland, ein neuer Garten Eden. Waren nach diesem gewaltigsten aller Gerichte Gottes auch die Menschen anders geworden? –

In den Tälern des Ararat rauchten die Herdfeuer der Überlebenden. Welch ein inniger Lebenstrieb nach so maßlosem Schrecken! Welche wehmütig-süße Zärtlichkeit im Gebaren dieser wenigen Geretteten! Oft fielen sie sich ohne allen Grund in die Arme. Sie erfanden Melodien, sie jauchzten hell auf, sie küßten die Erde. Alles war ihnen neu auf dieser wiedergeschenkten Scholle. Jedes Pflänzchen der Furche und Feldritze betrachteten sie mit dem staunenden Entzücken eines Kindes, das ein Bilderbuch durchblättert.

So fanden sie den Weinstock. Als einer Zierpflanze überließen sie den großen Blättern ihre Hütten. Und im Herbst, als die Arche am Ararat zu vermorschen begann, entdeckten sie die Frucht des unheilvollen Gewächses. Da schlich sich, in schweren Kanaanstrauben, wiederum, wie einst im Apfel Evas, der Satan in die Welt.

In seiner Hütte lag, entwürdigt, der Mann Gottes. Den Mantel hatte er, mit dem Ungestüm jener ersten Kraftmenschen, vor innerer Hitze mitten entzweigerissen. Entthront lag der Held, würdeloser als sein altersmatter Hund, mit wirrem Silberhaar und offenem Mund, lang ausgestreckt auf dem Rücken: – trunken!

So sah ihn Ham. Wie zu einem Götterbild hatten die Söhne bislang zu ihrem ehernen Vater emporgeblickt. Jetzt fuhr Ham vor dem Unbegreiflichen entsetzt zurück; dann rauchte in dem gleichfalls betrunkenen Buben eine Empfindung empor, die bisher in dieser Familie fremd war: häßliche Schadenfreude des Sklaven, der seinen Herrn als gewöhnlichen Menschen entdeckt. Hohnlachend torkelt er hinaus und stammelt es den Brüdern. Wohl werfen Sem und Japhet, rückwärts schreitend, einen Mantel über den gefallenen Gott. Aber Hams Seele hatte sich offenbart: das wischte niemand mehr aus der unnütz gereinigten Weit. – –

Am Abend, als er aus seinen verdüsterten Söhnen Hams Benehmen erfragt hatte, saß der einsame Noah hoch oben am Ararat neben der alten Arche. Das schwere, buschige Haupt gestützt, den starren Blick in die Ferne gerichtet. Drunten freuten sich und schalteten die fröhlichen Geretteten, die neuen Menschen. Er aber sah nichts von ihrem Lenze, sah nicht die Hütten und nicht ihren friedlichen Abendrauch, sah nicht den wunderbaren Purpur über den westlichen Horizonten: – er schaute tief hinein in die Jahrhunderte, in die zukünftige Geschichte der Menschheit.

Und zum zweiten Male tat der Starke, was er erst einmal in seinem langen Leben getan hatte: er weinte.

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