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Friedrich Lienhard: Helden - Kapitel 4
Quellenangabe
typelegend
authorFriedrich Lienhard
titleHelden
publisherGreiner und Pfeiffer
printrunZehnte Auflage
editorVerlag von Greiner und Pfeiffer
year1920
firstpub1900
illustratorKurt Jäckel
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150124
projectid6f7b6ee2
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Prometheus

I.
Zeus und Prometheus in der Versammlung der Götter

Zeus

Meine Stirn ist umschattet, Prometheus, meine Träume sind trüb ... Wohl schmetterte mein Arm Kronos in den Tartaros: Kronos, den Trägen, Kronos, den Toten. Doch ahn' ich zukünftigen Kampf – und ahne den Kampf kommen durch dich, Titan! ... Ich liebe nicht dein Zwittergeschlecht, das du aus Kot geformt: ich liebe nicht deine Menschen.

Prometheus

Kein Zwittergeschlecht, Zeus. – Sage mir, was ich versäumte, als ich meine Gestalten schuf?

Zeus

Soll ich ein Gebilde achten, in dem nicht Funken meiner Flamme sind? Ich will Götter schauen – oder Tiere. Deine Zwitter sind weder Gott noch Tier!

Prometheus

Was hindert dich, deinen Finger auszustrecken und ihnen hinabzusprühen dein Feuer?

Zeus

Daß sie stark werden wie ich?! Daß sie mich stürzen, wie ich Kronos gestürzt?!

Prometheus

Ist Furcht im König der Götter? – So wirst du stürzen, Zeus, auch du!

Zeus

Von meinem Hochsitz überschau' ich die Enden der Welt – zeige mir den Geschaffenen, der mich stürze!

Prometheus

Ich stehe tiefer als du und schaue tiefer hinab: ich schaue hinein in das Erschaffene und schaue hindurch. Und schaue geschlossenen Auges das Namenlose, das auch unsre Götterblicke umhüllt wie ein Okeanos das Erdrund: das Große ahn' ich, dem auch du dienst – wie ihm Kronos gedient hat. Ich spüre jenseits des Geschaffenen den Atem, von dem auch du dein Feuerchen empfangen. Das ewig Ruhende und ewig Wirkende – das Grenzenlose und immer sich Begrenzende – das Ungeheure, das keine Sprache hat und alle Sprachen in sich faßt: – mir, dem Schöpfer der Menschengestalten, raunte dies Gestaltlose Befehle zu. Da knetete ich den Kot und formte Gestalten, die uns gleichen, die aber leben in der Luft der Tiere. Von jenem Waltenden, das auch über Zeus steht, empfing ich Befehl, diesen Menschentieren ein Fünkchen von uns hinabzureichen: – und der heilige Drang wird sie überfallen, zu werden wie wir!

Zeus

Der heilige Drang? – Sage du kalt und kühn: das Gelüst, uns zu stürzen!

Prometheus

Wie du Kronos gestürzt hast.

Zeus

Ich – ein Gott! Aber dein Tiervolk?

Prometheus

Ein Fünkchen trug ich ihnen hinab, Zeus – noch siehst du nicht seine künftige Gewalt. Himmelauf wird der Funke dringen, dich wird seine Flamme verzehren, so du nicht beizeiten Frieden schaffst zwischen dir und diesem himmelanstrebenden »Tiervolk«. Ich sage dir, was ich schaue: mit feinerem Feuer wird herrschen der leidengeläuterte Mensch! Du aber mußt hinab zu dem ächzenden Kronos. Und du samt Kronos – ihr müßt durch Drangsal und lichtlose Nacht hindurch und wieder empor und vollenden den ewigen Kreislauf, dem keiner entgeht – auch nicht wir Götter!

Zeus

Auch nicht wir Götter! ... Ha, auch nicht der Seher Prometheus! Hüte dich, Seher! Stürz' ich, so stürz' ich auf dich! Du zuerst sollst mir vollenden den Kreislauf, den du mir weissagst! Sollst mir hinab in die Schwere der Welt, in die Schatten der Nacht! Und du nicht stürmst mir den Himmel, Titan! – Hephaistos: diesen schmiede mir fest, den Neider der Seligen! Diesen wirf mir breithin über die Felsen des Kaukasus! Diamantenen Stahl durch seine Nippen, Eisen um Hals und Fuß! Daß nicht Gott noch Gewürm von Mensch den Geketteten löse!

Prometheus

Wahrsager bin ich, nicht Neider, verblendeter Zeus!

Zeus

Mir weissagst du – und deinen Erschaffenen hast du den Vorausblick versagt?

Prometheus

Weil sie zu schwach sind, ihren schweren Weg zu schauen! Dich, Zeus, hielt ich für stark. Jenen Kleinen verbarg ich das Wissen der Zukunft und pflanzte Hoffnung in ihr Herz – du aber: bedarfst du holder Täuschung, Götterkönig?! – So sag' ich dir: deine Schwäche ist enthüllt! Und meine Weissagung ist jetzt schon bekräftigt: du mußt hinab in irdische Not und tierische Luft, damit du geschmiedet werdest zu wahrer Stärke, damit du ertragen lernst den eisernen Blick in das Wesen der Dinge! Danke dem unbarmherzig-allbarmherzigen Namenlosen, daß du hinab darfst in die fördernde Nacht, verfrühter Gott! Denn das Licht, das dich jetzt durchflammt, du Übermut, ist vergängliche Flamme! Du kennst nicht die feinere Sonne – und das ist dein Untergang!

Zeus

Lacht, Götter des Olympos! Dröhnend lacht, versammelte Götter der Macht! Wer unter euch versteht den weissagenden Toren?! – Ist es Gnade, hinabzudürfen in Geburt und Tod – ei, Prometheus, Zeus ist dir gnädig! Öffne dich, Gewölk! Hinab, Feuerdieb!

(Donnernd versinkt Prometheus.)

II.
Prometheus am Kaukasus

Wie ein Blitzstrahl fällt, weithin durch schwarzblaue Nacht, so zerriß der Himmel: und eine leuchtende Feuermasse stürzte durch den Äther hinab und schlug mit donnernder Wucht ein in den Stern der Drangsal, in die Erde der Menschen.

Das war der Bringer des Götterfunkens, Prometheus. Nun war er selber angeschmiedet vom Kraftgeist roheren Feuers, vom Feuergott Hephaistos; und dessen Gesellen, »Kraft« und »Gewalt«, schlugen die Nägel ein unter dem weithin hallenden Jammern der Okeaniden.

Lang lag er über diesen Stern hingeschmettert. Ein Leuchten ging aus, wo er lag; über das Erdrund zuckte feuerwerfend ein Dampf auf, sooft er Atem holte. Und im Dampf bildete sich sein eigener Qualgedanke: ein Adler breiten Flügels, und senkte sich wieder herab und zerfleischte dem Gefesselten Leber und Galle.

Tausende von Jahren lebte der Entgötterte die Gedanken der Menschheit, durchwogt von Trotz und Himmelsdrang, eingeschmiedet in alle Niedrigkeiten der ungereiften Erde. Und der Adler stieg aus über dem unberuhigten Titanen, der Adler senkte sich wieder ...

Das Göttergeschlecht inzwischen, gewaltige, ungeläuterte Gestalten des Äthers, gemischt aus Tugenden und Leidenschaft, ward aufmerksam aus die Kinder des Prometheus: auf die wachsenden Menschen. Sieh an, sie waren schön, des Prometheus Mädchen und Frauen! ...

Und die Lust zog ein im Olymp ...

Die vordem menschenverachtenden Götter stiegen hinab unter allerlei Gestalt und gesellten sich zu den weiblichen Menschen. Zeus zumal, der kraftreichste Gott. Er, der den »Feuerdieb« gezüchtigt, er trug nun, leidenschaftverblendet, mehr als einen Funken im Ferulstab hinab und verstreute ein Füllhorn göttlicher Flammen unter den Frauen und Mädchen der Menschen. Aus Lust zum Weib – zu des Titanen ehedem mißachteten Gestalten.

So besiegte ihn der Künstler durch sein Werk.

So entstand Herakles.

Herakles, der Sohn der Alkmene und des Zeus; Herakles, ein Sohn der Menschen und ein Sohn des Himmels! ...

Ein Kreislauf nahte sich seinem Ende. Eine höhere Lichterkenntnis rollte flutend heran. Der Olymp zitterte; des Zeus Sohn, der Riese Herakles, wuchs und zog auf Siege aus, gefüllt mit Vaters Kraft – und doch durch seine Mutter den Menschen innig verwandt.

Auf der Suche nach den Goldäpfeln der Hesperidengärten kam Herakles an das steinerne Leidenslager des Gottes Prometheus, an den ungeheuren Sarkophag Kaukasus. Kein Erschaffener hatte bisher die Kraft und den Blick gehabt, den göttlichen Gefesselten zu ahnen, wie da seines Atems Rauch, einer Wolke vergleichbar, gewaltig lagerte über dem eisigen Gebirge.

Herakles ahnte – suchte – schaute den Gott.

III.
Herakles und Prometheus

Herakles

Schau' her zu mir, geketteter Titan! Wende dein Haupt zu deinem Enkel, o mein Urvater Prometheus!

Prometheus

Wer ruft mich in meiner unermeßlichen Qual?

Herakles

Herakles, ein Mensch. Herakles, eines Gottes Kind.

Prometheus

Was suchst du, Sohn des Zeus?

Herakles

Des Lichtes Äpfel: das Gold der Hesperiden!

Prometheus

Suche nicht Gold noch Licht bei mir; dem peinvoll gefesselten Gott!

Herakles

Höheres Licht such' ich bei dir, ich suche des Lichtes Licht! Zeig' mir den Weg dahin, herabgeschleuderter Gott!

Prometheus

Weit – weit der Weg! ... Doch hast du mächtige Pfeile, scharfschauender Heros: o töte den Adler, der mich qualvoll zerfleischt! Dann hast du betreten den Weg zu den Gipfeln des Lichts. Denn, o mein Enkel, o meiner Menschen Kind, nichts verberg' ich dir. Tötest du, Kühner, was mich durch Jahrtausende fesselt, so steig' ich selber befreit und geläutert zum Himmel empor. An dich aber, mein Befreier, hängt sich die erwürgte Qual. O schlimmer Dank! Doch wisse, ich darf dir helfen, ich, dein Befreiter, und wisse, daß Zeus dir hilft, der dein Vater ist! Und wisse: von uns gelockt steigst du mir nach! Und wisse: wo du gezogen, bleibt eine Lichtspur – und Tausende ziehest du nach, o erster Mensch, der einzieht in den Olymp der seligen Götter!

Herakles

Staunenswürdige, gewaltige Kunde! ... Und der Olymp?

Prometheus

Hebes ewige Jugend wird dir Gefährtin! Und immer neu nachströmende Menschen erfüllen die glänzenden Hallen in friedlichem Ansturm – und was unrein, zerschmilzt in den Flammen des neuen Lichtes. Du aber, Held – fühlst du dich Gott genug, zu tragen des Genius versengende Flamme? Bist du kühn genug, Führer zu sein dem neuen Titanengeschlecht? – Sieh auf mich, o mein Enkel, sieh auf den Dulder Prometheus – und sage mir Antwort!

Herakles

Ja, du Dulder Prometheus! Ja, du unvergleichlicher Held!

Prometheus

Sei stark und vernimm dein Los! ... In Flammen wirst du, nach Arbeit und Mühsal, aufrauchen vom Ötagebirge. Du wirst verlangen nach Liebe, Weib und Herd – und wirst nur Heil finden in Kampf und Irrsal. Denn irren wirst du, damit dich nicht Übermut blende; getäuscht wirst du in Mark und Herz hinein, damit du nicht allzu fest dich an die Erde krallst. Halt aus! Lodre empor aus den Sümpfen der Hydra, aus den Augiasställen empor zu mir! Und wo du flogst, sei eine Lichtbahn für alle folgenden Geschlechter! – Willst du dies?

Herakles

Da fliegt mein Pfeil! Da fällt der Adler! – Steig auf, Prometheus!

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