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Friedrich Lienhard: Helden - Kapitel 3
Quellenangabe
typelegend
authorFriedrich Lienhard
titleHelden
publisherGreiner und Pfeiffer
printrunZehnte Auflage
editorVerlag von Greiner und Pfeiffer
year1920
firstpub1900
illustratorKurt Jäckel
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150124
projectid6f7b6ee2
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Taramatvira

»Aus den Tiefen der Nacht kommt eine Stimme zu dir. Einsamer, höre die Stimme.«

»Wer bist du?«

»Eine Klage im Wind, ein Seufzer am Meer. Und ein Funke von Gott, der den Heimweg sucht.«

»Warum trittst du in meine stillen Gedanken? Was bringst du in meine Dämmerstunde?«

»Deine Seele wandert – wie die meine. Ich suche wie du. Wir sind wie Begegnende und grüßen uns durch die Räume der Nacht.«

»Ich vernehme deine Stimme wie eine leise Musik. Es ist Klage darin. Wer bist du?«

»Taramatvira.«

»Was willst du, Taramatvira?«

»Dir ein Leid erzählen und wieder vergehen.« –

»Erzähle, Taramatvira.«

* * *

Weit, weit liegt ein Eiland in den Tiefen der See. Wogen darüber und wuchtige Wasser, versunken das Land, ertrunken die Menschen, und über den Marmorpalästen Tang und Schlamm.

Dort war eine Königin. Goldbraun und geschmeidig ihr Leib, zur Sünde geschaffen: kein sterblicher Mensch widerstand ihrer Glieder wildlockender Schönheit und ihres Unheil-Auges bestrickender Macht. Ozeanschwarzblau des Auges Licht, weitbogig darüber die dunkle Braue, schlangenschwarz das bekrönte Haar. Ihre Lippen schmal – ein blutrot züngelnder Streif nur: doch Worte spielten hervor – furchtbar jäh und voll Wohlklang noch, wenn die kleine Hand dem verbrauchten Buhlen im Morgendämmer den Dolch und den Tod gab.

Und wenn sie hervortrat unter die Goldsäulen des Saals mit dem blauen Dach, wenn sie stand auf dem Thron von Rubinen und schaute mit spöttischem Lächeln leer den zweiten Sitz – so zuckte das falbe Gesichtchen nur leis – und groß auf schlug sie ihr Auge und warf in den Saal die Flammen und sah in die dichtgedrängten Großen des Reiches – und sagte nur, siegend und kurz: »Mein Gatte ist tot.«

Furchtbar waren jenes versunkenen Eilands üppige Menschen – fürchterlicher als alle war ihre Königin.

Da kam aus dem Lande der Guten ein Jüngling, tiefen, traurigen Blickes, ernst und still. Der stand bei den Großen im Saal, am fernsten Ende, schwieg und schaute Die Königin an. Sie ersah ihn – und jach erschrak sie und sank in Ketten, in unermeßliche Bangnis. Mitten in herrischer Rede zerbrach ihr das Wort – ein Fremdes stand im Saal, stand über Atlantis drohend und groß, war leise gelandet – ein waffenlos Starkes, ein längst Vergessenes – o du süßer Ton, herlockend im Wind, wie ein Kind aufseufzt im Schlummer der Nacht, am Herzen der Mutter.

»Der Fremde! Den Fremden führt mir her!«

Zitternd rief es das Weib auf dem Thron.

»Wer bist du?«

»Ein Mensch.«

»Was begehrst du in meinem Lande?«

»Dich.«

»Tausende verlangten mich, Tausende starben. Auch du wirst sterben! Ich schenke meine Liebe – und ich nehme sie wieder zurück. Der Beschenkte stirbt

»Nicht deine Liebe, Königin: ich suche dich

»Nicht meine Liebe? Was gilt ein Weib, wenn es nicht liebt? Und fandest du je, Weltfahrer, ein Weib, das besser denn ich die Liebe gekannt?«

»Jenseits dessen, was du Liebe nennst, bist du

»Nichts bin ich, wenn ich nicht liebe – und liebend vernichte! Wagst du das Kampfspiel? Gewinnst du mein Herz, daß ich vor dir liege und deine Knie winselnd umarme – Sklavin bin statt der Herrin – so hast du gesiegt – und der Thron da, der leere, ist dein!«

Er schüttelte traurig das Haupt. »Ich kämpfe nicht. Im Lande, woher ich komme, kämpft man nicht um solche Dinge solchen Kampf. Ihr in Atlantis – furchtbar seid ihr verirrt. Eure Berge sind Feuer, eure Herzen sind Glut, eure Hände wühlen in Blut und Gold. Wir aber im Ostland halten die Glut beherrscht: sie wärmt und leuchtet, sie dient, wenn wir in hohen Stunden Stimmen des Geistes hören und deuten und eingraben aus Holz und Stein. Siehe, der Geist sprach: Atlantis wird sterben, denn sie zertreten das ew'ge Gesetz. Darum, Königin, bin ich gekommen und will dich warnen und will dich bitten: O ruhelos Weib, besteig deine Schiffe, verlaß dies Land und verlaß dies Leben – komm zu uns und finde die Liebe, finde den Frieden – finde Gott!«

Wie Wellengesang am grasigen Strande – so leise, so weich, so fest und so ruhig durchklang seine Rede den stummen Saal. Sie verstanden ihn nicht. Und Die Königin sah nur sein leuchtend Auge, sein leuchtend Haar, seiner sehnigen Glieder Adelsgestalt. Und Begehren züngelte wild wie nie ...

Ihre Diener umstellten sein Haus und brachten den Gast in den mitternächtigen Königspalast. Er trat zu ihr ... Er stand mit gekreuzten Armen, unbesiegbar ... Worte wie Stahl zerschnitten Der Königin Herz ... Sie weinte vor ihm, sie lag auf den Fellen vor ihm und küßte seine Knie und legte den lichten Nacken ihm hart vor die Füße und schüttelte Tränen auf seinen unbeweglichen Fuß: »Zertritt mich, o Unbegreiflicher, denn ich bin dein!«

Er aber ging.

Am Morgen ließ ich ihn töten. Denn ich – oh, ich war jene Königin – ich, Taramatvira!

* * *

»O Taramatvira! ... Oh, wer kann dir helfen?!«

»Du hörtest mich, das war deine Hilfe ... Viel Tränen stäubt der Wind um die fliegende Erde. Lang, lang flog der Wind, bis auch Taramatviras Tränen mitflogen im leidvollen Heer. Bis ich vom Schicksal das Gnadengeschenk erhielt, weinen zu können. Ich weinte um ihn – dann weint' ich um mich – und flog meinen Tränen nach und suchte den Einen – und fand ihn spät ... Du aber nimm dies Lied wie Wellengesang vom Atlantischen Meer – horch ein Weilchen – und schüttle den Klang ab, wenn dich der Tag und die Tat ruft! Und vergiß die Stimme, die weiter darf auf läuternder Fahrt durchs All – und vergiß, wenn du kannst, den verschollenen Namen Taramatvira!«

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