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Friedrich Lienhard: Helden - Kapitel 19
Quellenangabe
typelegend
authorFriedrich Lienhard
titleHelden
publisherGreiner und Pfeiffer
printrunZehnte Auflage
editorVerlag von Greiner und Pfeiffer
year1920
firstpub1900
illustratorKurt Jäckel
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150124
projectid6f7b6ee2
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Gordon

Auf der Galerie, die den Regierungspalast von Chartum umgibt, wandert der englische Gouverneur Gordon langsam hin und her. Die tropische Nacht spannt über eine ausgehungerte Stadt das blaue Gewölbe. Und darunter kauert unbeschreibliches Elend. – Der Generalstatthalter der ägyptischen Provinzen des Sudans raucht seine Zigarette zu Ende, wirft sie über das Geländer und horcht wieder hinaus. Wie er dastand, ein mittelgroßer, muskulöser Mann, mit breiter Stirn und durchdringenden Augen, die Hände auf das Geländer gestemmt und den Kopf mit der dunkelroten Türkenmütze horchend geneigt – wie er dastand, war er eine Versichtbarung seines Amtes und seiner Tragik: eine verlorene Wache.

Chartum war seit Monaten vom Mahdi belagert. Bürger und ägyptische Soldaten, soweit das Volk nicht zum Mahdi übergelaufen war, hielten Tag und Nacht die Wälle besetzt. Kämpfe, Ausfälle, Kanonaden brachten ununterbrochen Erregung. Das Gerede ging um, daß Gordon, der einzige Europäer, der in dieser hoffnungslosen Stadt aushielt, überhaupt nicht mehr schlafe.

Der General hatte wohl tausendmal all die Monde her mit dem Fernrohr den nördlichen Horizont abgesucht. Kein Rauch eines Nildampfers! Kein Entsatz! ...

Langsam schritt er wieder hin und her. Aus ihm, dem tiefreligiösen Einsiedler, wuchtete der Gedanke, wie ohnmächtig selbst die reinste Liebe sei, selbstlose, opferfähige Liebe. An ein paar kühlen oder beschränkten Diplomatenköpfen zerschellt nun Chartum trotz unerbittlich tapfrem Widerstande. Gordon hatte Übermenschliches an diesen verlassenen Nubiern getan. Er ging zwischen diesen braunen und schwarzen, dicklippigen, unreinlichen Menschenbrüdern umher wie ein Vater zwischen ratlosen Kindern. »Ich verlass' euch nicht« – das war sein stehendes Wort. Was er an Eigenem besaß, gab er her; er tat das ohne viel Aufhebens, es entsprach seiner Natur. Eine warme Festigkeit strahlte kräftigend von ihm aus, als müßte das alles so sein, wie er es anordnete. Er wirkte magnetisch. In diesem ritterlichen Manne war etwas unbedingt Gutes verkörpert.

Nachtgeräusche drangen aus der Sandebene und über den Nil herüber. Seit das Fort Omdurman in den Händen der Mahdisten war, schien das Schicksal der Stadt besiegelt. Sie gürteten sich dort drüben zu einem allgemeinen Sturm. Wie Dämonenscharen, zusammengeströmt aus dem schwärzesten Afrika, umringten sie diesen weißen Mann. Jede Stunde konnte das Ende bringen: denn die kraftlosen Verteidiger von Chartum, mit unzulänglichen Speisen genährt (zuletzt täglich mit einer Ration Gummi!) mußten bei einem Mahdistensturm umfallen – wie umgeblasen!

Aus dem Unrat dieser nubischen Stadt flogen des englischen Offiziers Gedanken heimwärts, nach Gravesend und den vielen Armen, die er dort – als Ingenieur-Kommandant – in sechs glücklich-stillen Jahren gepflegt und gefördert hatte, weitab vom heiligen Nil ... Heilig der Nil? O Land der weißen Lotusblüte! Wieviel Religionen haben seit Jahrtausenden hier, am Rande des Flugsandes, Tempel gebaut! Und jetzt?

Sie kannten den Einen Herrn nicht, an dem dieser Nachkomme der Cromwell-Puritaner als an seinem obersten Kriegsherrn festhielt, der seltsame Gordon, der täglich neben der Bibel in Thomas a Kempis' »Nachfolge Christi« zu lesen pflegte – und der genau so selbstlos-liebevoll zu tun gewohnt war, wie er gelesen und gebetet hatte, fromm ohne Frömmelei, tatkräftig ohne Phrasen.

»Er lebte nur für andere«, heißt es in einer seiner Biographien. »Sein Haus in Gravesend – und es war ein großes, viel zu groß für die bescheidenen Bedürfnisse des Junggesellen – war Schule, Kranken- und Armenhaus in einem. Kein Notleidender klopfte je vergebens an seine Tür; alle Hilfsbedürftigen hatten ein Anrecht an ihn; aber am meisten zog sein Herz ihn zu den sogenannten Straßenjungen. Er lud sie ein, zu ihm zu kommen, und versammelte sie bei sich in Klassen, wozu mehr als ein Zimmer seines Hauses herhalten mußte. Die ganz verkommenen und heimatlosen behielt er eine Zeitlang bei sich, kleidete und reinigte sie, um sie dann, am liebsten als Schiffsjungen, unterzubringen. Drei der Jungen hatten einmal das Scharlachfieber in seinem Hause; er pflegte sie und verbrachte mehrere Stunden der Nacht an ihrem Bette. Auch die Armenschule besuchte er; an den Sonntagnachmittagen konnte man ihn sicher daselbst antreffen. Wenigstens einmal wöchentlich erschien er im Armenspital, und nie kam er mit leeren Händen. Was seine Freunde ihm etwa zuschickten, schöne Trauben oder Erdbeeren zu früher Jahreszeit, das wanderte zu den Kranken. Und die Liebe, die aus seinen Augen strahlte, war den Leuten erquicklicher noch als seine Gaben.«

Eine großzügige Einsiedler-Natur, die alle der Geselligkeit oder Tändelei entzogenen Kräfte als Ersparnisse den Armen schenkte.

So sah der wahrhaft würdige Vertreter der Christenheit aus, der die Stadt Chartum, den äußersten Posten europäischer Kultur, fast ein Jahr lang vor dem mohammedanischen Fanatismus des Mahdi hielt.

* * *

Charles George Gordon – geboren am 28. Januar 1833 – entstammte einem altschottischen Kriegergeschlecht. Als Ingenieuroffizier hatte er in den Laufgräben vor Sebastopol, kaltblütig und tapfer schon damals, seine militärische Laufbahn begonnen. Durch die halbe Welt führten ihn Drang und Beruf. Zunächst ward er nach Beendigung des schweren Krimkrieges, als Sebastopol endlich in die Luft geflogen, zum friedlicheren Geschäft der Grenzbestimmung zwischen Rußland und Türkei herangeholt. Und nach kurzer Ruhepause in Konstantinopel riefen ihn die chinesischen Kriegsjahre: der langwierige Taiping-Aufstand.

Welch anderes Bild als der Donner und Dampf oder fürchterliche Winterfrost vor Sebastopol! Die kanaldurchzogene chinesische Landschaft – der zertrümmerte Sommerpalast des Kaisers – das Brescheschießen in feindliche Mauern – und zahllose Sturmangriffe auf Rebellenstädte! Major Gordon war zuletzt selbständiger Führer; mit der Gerte nur – »Gordons Zauberstab« – schritt er seiner fast immer siegreichen Armee in den Kugelregen voran, geliebt vom Freund, geehrt und gefürchtet vom Feind. Er verläßt China unbereichert, trotz glänzender Gelegenheiten und Angebote; was er übrighat, verteilt er unter die Truppen. Der Kaiser, ratlos gegenüber dem unbeschenklichen Manne, gibt ihm den höchsten chinesischen Ehrentitel und eine Ehrenkette: letztere legt Gordon, nach England heimreisend, auf den Teller, der für eine Soldatenwitwe sammelt. Und von einer großen Goldmedaille, die er sich aufgehoben, schabt er später die Inschrift weg und verschickt auch sie – ohne Namensnennung – an einen Kanonikus, der für hungernde Weber um Gaben gebeten.

Tapferkeit war diesem echten Edelmann so eingeboren wie Frommheit; und diese wieder war aufs wärmste vereinigt mit unbegrenzter Wohltätigkeit. Er machte weder von dem einen noch von dem anderen viel Aufhebens, ja, ging allen Ehrungen und Einladungen peinlich aus dem Wege. Seine Lebensauffassung und sein Soldatenberuf verlangten schlichte Tat.

Als er dann zum erstenmal in den Sudan berufen ward, um jener heillosen Paschawirtschaft auf den Leib zu rücken, war es wiederum seine bezwingende persönliche Wahrhaftigkeit nebst unbedingtem sachlichem Mut, was ihm Gehorsam errang und widerspenstigen Willen beugte. Wie oft trug ihn sein Kamel in geschwindestem Schaukelschritt quer über den gelben Wüstensand; und der burnusverhüllte General saß darauf, von Moskitos blutig gestochen, gefoltert von Durst, geblendet von der Sonnenglut – aber mit zähem Eigensinn dem Orte zustrebend, wo zu beruhigen oder auch unschwächlich zu strafen war. Einmal trat er so mitten zwischen Aufrührer, die vor Verblüffung über solchen Mut willig mit sich reden ließen.

So war er ein fünfzigjähriger Mann geworden. Er war ohne Weib, ohne feste Heimstatt, ohne Reichtum – nur Mensch und Soldat.

Als nun der Aufstand des Mahdi Englands ägyptische Interessen bedrohte, erinnerte man sich dieses selbstlosen Charakters und bedeutenden Offiziers. Gordon erhielt von der englischen Regierung den Befehl, aus den gefährdeten Städten wie Berber und dem noch südlicheren Chartum die Besatzung, die Beamten, Kaufleute und was sonst vom Mahdi bedroht war, nach Kairo in Sicherheit zu bringen. Er kam allein, ohne Heer; aber sein Name hatte Kraft. Der Freudentaumel in Chartum war unbeschreiblich: sie küßten dem Retter Gewand, Hände, Füße (so daß er mehrmals im Einzugsgewimmel zu Boden fiel), sie erwarteten alles Heil von diesem Vater der Armen. Doch es war zu spät zum Rückzug nach dem nördlichen Ägypten: das Zwischengelände war aufständisch, es war kein Durchmarsch mehr möglich. Er selbst hätte sich noch auf einem Nildampfer retten können; auch über Abessinien wäre anfangs vielleicht ein Abzug möglich gewesen, wenn nicht so unsichere Verhaltungsbefehle vom Vertreter der englischen Regierung ausgegangen wären. Kurz – die Stadt wurde eingeschlossen. Lange Belagerung begann. Gordon sandte zuletzt, als alles aussichtslos war, seine wenigen europäischen Begleiter auf einem Dampfer nordwärts (sie verunglückten); er stellte jedermann in der Stadt frei, zum belagernden Mahdi überzugehen, wovon auch Tausende Gebrauch machten. Dann, die übrigen mit Ausdauer stählend und durch die Aussicht auf ein englisches Entsatzheer hartnäckig ermunternd, beschloß er, die Stadt bis zum Äußersten zu halten – oder mit den Bewohnern zu fallen. Es mochte Gesindel sein, was ihn da umwimmelte, nicht wert des Opfers; ja, da war vielleicht kein einziger, dem man wirklich trauen konnte. Das Haar war ihm in den Seelenqualen der letzten Wochen weiß geworden; er war fürchterlich allein. Aber das beeinflußte sein Verhalten nicht. Pflicht und Ehre geboten dies Ausharren – wie Pflicht und Ehre England hätten gebieten sollen, diesen Helden samt der ihm anvertrauten Stadt zu retten. Aber erst spät, unter dem Druck der öffentlichen Meinung, entschloß man sich dort zur Aussendung einer Entsatztruppe.

»Welch eine Komödie!« schreibt Gordon in seinen Tagebüchern (die uns erhalten sind), »wenn es sich nicht um Menschenleben handelte! ...« 21. November 1884: »Ich kann aufrichtig sagen, daß ich meines Lebens müde bin. Tag und Nacht, Nacht und Tag ein ununterbrochener Kampf!« 6. Dezember 1884: »Morgen sind es 270 Tage oder neun Monate, daß wir in diesem beständigen Elend leben.« An andrer Stelle (im Oktober) sagt er deutlich: »Die Unschlüssigkeit unsrer Regierung ist an allem schuld. Hätte man von Anfang an gesagt: ›Es geht uns nichts an und wir regen keinen Finger, wenn die Besatzungen im Süden umkommen›, hätte man mir nichts von Entsatz telegraphiert, statt dessen die drei Worte: ›Hilf dir selber› – dann könnte kein Mensch sich beschweren. Aber die Regierung wollte das nicht sagen, daß sie die Besatzung im Stich zu lassen gesonnen sei, und darum unterblieb das ›Hilf dir selber›. Das ist's, was uns die Hände gebunden hat. Hätte ich meinen Posten verlassen, so hätte man mich als Deserteur darum zur Verantwortung ziehen können, weil ich die Dampfer und Kriegsvorräte in des Mahdi Hände hätte fallen lassen. Denn wenn ich Reißaus nähme, so dauerte es keine fünf Tage, und der Mahdi wäre hier.« ... Gordon ist nüchtern und gerecht genug, zu empfinden und zu wissen, wie sein »Reißausnehmen« wirken würde, nachdem die Stadt seit Monaten Entbehrung über Entbehrung gelitten hat, immer auf englischen Entsatz hoffend. »Und darum erkläre ich ein für allemal, daß ich den Sudan nicht verlasse, bis jeder sich hat retten können; der es nötig hat, bis eine Regierung hier aufgerichtet ist, die mich meiner Pflicht entbindet. Und wenn jetzt ein Befehl kommt, der mich gehen heißt, so werde ich nicht gehorchen, sondern bleibe hier und falle mit der Stadt und teile ihre Not.«

Am 14. Dezember 1884 schließt er sein Tagebuch mit folgenden Worten: »Jetzt beherzigen Sie das: wenn das Expeditionskorps nicht in zehn Tagen kommt, wird die Stadt fallen. Ich habe mein Bestes für die Ehre meines Vaterlandes getan. Lebt wohl!«

* * *

In der Ferne Schüsse, Geschrei, Getöse ... Der Statthalter fährt auf ... Das Getöse schwillt herüber, Boten jagen: »Farag Paschas Bastion gefallen!« Die Mahdisten sind in der Stadt.

Es war in einer Sonntagnacht gegen Morgen des Montags. Gordon nimmt seinen Säbel und geht hinab. Niemand kann sagen, wie es nun in dem wüsten Brand- und Blutgetümmel zuging. Gordon soll, wie ein Gefangener des Mahdi (Cuzzi) erzählt, mit einem Häuflein bis an das Missionshaus vorgedrungen sein; dort toste ihm ein Rudel dieser blutberauschten Derwische entgegen: und einer von ihnen stieß ihm sofort den Speer durch den Leib. Der Kopf wurde dem Mahdi gebracht. Etwa zwanzigtausend Menschen sind in diesem zweitägigen Blutbad gefallen.

Zwei Tage später – es war Gordons zweiundfünfzigster Geburtstag – stieg der so lang ersehnte Rauch der zum Entsatz heranzögernden Dampfer des Expeditionsheeres endlich auf. Zwei Tage zu spät! Kanonenschüsse, von den nunmehr mahdistischen Wällen her abgefeuert, empfingen die verspäteten Helfer. Sie kehrten um.

So starb einer der edelsten Männer des 19. Jahrhunderts am 26. Januar 1885 den einsamen Heldentod.

»Ich selber«, hatte Gordon einmal in seiner schlichten Weise geschrieben, »vermag nichts. Ich bin nur ein Werkzeug in der Hand des Meisters, ein Messer, welches das Holz beschneidet. Wenn ich die Schneide verliere, muß er sie wieder schärfen. Und gefällt es ihm, mich auf die Seite zu legen und mit einem andern Werkzeug zu arbeiten, so geschehe sein Wille!«

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