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Friedrich Lienhard: Helden - Kapitel 18
Quellenangabe
typelegend
authorFriedrich Lienhard
titleHelden
publisherGreiner und Pfeiffer
printrunZehnte Auflage
editorVerlag von Greiner und Pfeiffer
year1920
firstpub1900
illustratorKurt Jäckel
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150124
projectid6f7b6ee2
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Shakespeare und Byron

Ein Schattengespräch

Byron

Und diesen Dunst von Eastcheap und Drury-Lane hast du ertragen?

Shakespeare

Ich war kein Lord, Mylord.

Byron

Und wär' ich als Schuhputzer auf der Themsebrücke geboren, begnadet mit der Flamme des Genies – Theaterdichter? Niemals!

Shakespeare

Schrieb nicht Lord Byron einen »Marino Falieri«, einen »Sardanapal«, einen »Kain« – –

Byron

Für das Buch, mein Freund! Ich war empört genug, als diese Narren die Frechheit besaßen, meinen »Marino Falieri« auf die Bühne zu schleppen, als wär' ich ein Gladiator, eben gut genug, vor englischem Mob mein Herzblut verrinnen zu lassen! Für das Buch schrieb ich, was ich schrieb! Für das Buch? Nein, nicht einmal das. Ich halte zu wenig von Literatur, zu viel vom Leben. Ich schrieb, weil ich mußte: aus Notwehr! Mein ohnehin zu kleines Gehirn wär' in Scherben gesprungen, hätt' ich nicht diese Entladungen durch das Buch gehabt. Lasen's etliche – gut! Verstanden sie's und flammten mit – noch besser! Las es keiner – auch gut! Denn das Leben umgab mich so stark und heftig, daß ich der Literatur nicht bedurfte.

Shakespeare

Woraus entnimmt mein erhabener Freund, daß ich aus gemeinerem Drang geschrieben?

Byron

Für das Theater?!

Shakespeare

Wir hielten nicht so viel vom Buch wie ihr: unser Buch war die Bretterwelt. Dahin, auf diese Bretter, jagten wir das süße und furchtbare Bilderspiel, das uns im Hirn tollte, das uns das Herz zum Zerspringen füllte. Himmel, Mylord, und wir waren miteinander eine lustige Sippschaft, meiner Treu'! Und die Höflinge von damals – du weißt, was ich davon hielt.

Byron

Ja, Ihr kanntet die Menschen ... Deine Kleopatra – alle Achtung! Das ist ein Weib – nein, das Weib! Dennoch: daß du, Dichter des »Coriolan«, mit der englischen Masse gut Freund sein konntest – unbegreiflich! Zwischen Bürger und Genie ist Feindschaft, ewig, wie zwischen Feuer und Kienklotz. Sie verzehren einander. Ich meinesteils hab's ihnen versalzen, das Anbiedern! Sie kommentieren mich wenig, sie lassen die Finger davon! Es brennt!

Shakespeare

Wärmt es auch?

Byron

Bin ich ein Kaminfeuer? Soll ich Alt-England die Suppen kochen?

Shakespeare

Warum grollst du dem Völkchen?

Byron

Völkchen – wär's noch ein Völkchen wie Oberon und Ariel! So wären sie wenigstens unterhaltsam. Aber sie besetzen breit und feist den Erdball, sie verbannen das Genie, sie beleidigen die Poesie durch Kunstheuchelei oder Moral.

Shakespeare

Sie haben Marlowe, Greene, Decker, Heywood, Beaumont, Fletcher, Ford, Webster, Massinger – und uns alle von damals nicht verbannt, sind uns vielmehr nachgelaufen und haben uns – die Suppe gekocht.

Byron

Ich will dir die Maske lüften, Freund: Ihr habt euch in die Narrenkappe gesteckt! Ihr habt ihnen gepfiffen und getanzt! Und da sagten sie: »Ei, seht doch den guten, liebenswürdigen, artigen Shakespeare!« Aber nicht deinem Genie liefen sie zu, nur deiner Kurzweil, deinen Abenteuern, deinen starken Worten oder Witzen – und was sonst die Sinne dieser Ruderknechte reizte!

Shakespeare

Du hast recht – und du hast unrecht. Es kamen ihrer solche zu Tausenden. Es kamen aber auch andre. Und jene und diese – die Schlechten und Guten –, sie sind in uns selber und zanken miteinander. Und die Guten hab' ich lieb: denn mein höherer Mensch ist selber einer von ihnen. Ich kenne die Verdüsterung, die da heißt »Timon«; ich kenne die Starrheit, genannt »Coriolan«. Ich war bei Macbeth und Lear zu Gast; spie und schimpfte mit Thersites. Bis ins Blut hab' ich gelitten! Aber ich sagte: Verbittert ihr mich, so habt ihr gesiegt. »Ihr«? Nicht die Heitren und Hellen, nicht die Empfänglichen: nein, die Stumpfen, die Böswilligen, die Nüchternen, auch der gemeine Teil in mir. Dies hab' ich durchschaut. Und da lernt' ich lächeln und – schweigen. Schweigen, nicht schelten. Schweigend schaffen und gestalten, da mich nun erst recht alle Paläste und Hütten und Menschen darin ein Spielzeug dünkten, einem Knaben zu Christnacht geschenkt – eine liebe Spielschachtel, mit der er sogar zu Bett geht und im Traum noch lächelt, wenn er an diese kleinen Freunde zurückdenkt ... im Traum ... im »Tod« ...

Byron

Wer es vermag ... Ja ... Wahre Bedürftigkeit zu unterstützen, Unterdrückten zu helfen: es war mir die reinste Freude auf Erden, die einzige Freude ... Es ist vielleicht durch die Ewigkeit hin die einzige wahrhafte Freude ... Wir sind uns doch näher, Freund, als ich dachte ... Doch bin ich noch krank vom Haß. Wenn ich an jene denke, die mir das Leben zerschnitten und verbittert haben, sieh, so flammt aus mir eine rote, rauchende Flamme auf und verdunkelt das reine Blau und stößt mich ab von diesem unreinen Rotball – in Regionen, wo Shelley weilt, der längst nimmer Schwere genug hat, um mir hieher folgen zu können. Leb' wohl! Ich suche sonnige Sphären auf, wo Wesen der Schönheit ein Lichtland bilden, ich will mich durchdringen und wärmen lassen von ihrer unkritischen Liebe. Und bin ich neugewandet, so kehr' ich vielleicht hieher zurück, falls bis dahin um euren Erdball feinere Luft strahlt.

Shakespeare

Und daß sie seiner strahle, die Luft – wer schafft es, wenn nicht wir?

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