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Friedrich Lienhard: Helden - Kapitel 13
Quellenangabe
typelegend
authorFriedrich Lienhard
titleHelden
publisherGreiner und Pfeiffer
printrunZehnte Auflage
editorVerlag von Greiner und Pfeiffer
year1920
firstpub1900
illustratorKurt Jäckel
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150124
projectid6f7b6ee2
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Widukind

In Deutschland war Winter. Scharf pfiff der Nordwind über die sächsischen Wälder; die zackigen Reiser des Eichwaldes zitterten und froren. Sterne blickten über leerem Lande; blasses Schneelicht, soweit der Gedanke flog!

An einem Baum am Waldrand lehnte ein hoher Krieger: in den Mantel gehüllt, die Arme über der Brust gekreuzt, das buschige Auge regungslos hinausgerichtet auf einen fernen Punkt. Tief dort im Dämmer der Mondnacht funkelte König Karls Heerlager.

Eine Welt war in Aufruhr im Herzen dieses einsamen Mannes; eine Welt voll Schmerz und Weh. Aber keinen Seufzer fand er in dieser entscheidenden Nacht; die Zähne biß er zusammen, in keinem Laute gab er seinem Herzweh Luft. Starr und kalt stand er, eine Eiche unter Eichen.

Das war der Sachsenherzog Widukind. Gehetzt von den Franken, irrte der Fürst wie der Wolf in den Waldgründen seiner zertretenen Heimat. Ein Verbannter in seinem eigenen Lande war er, ein Verfemter und Gehaßter, den der gemeinste fränkische Schütze hinterrücks niederschießen durfte.

Und wie er, so feierten alle Sachsen ein trauriges Julfest. Man sah ihre Lichter nicht in diesem erstorbenen Lande; die scheu Gehetzten saßen finster in den Tiefen ihrer Wälder. Dort draußen aber strahlte der Lichterglanz des Bistums Paderborn, und seltsam weihevolle Gesänge trug der Nachtwind auf kalter Luft herüber. Dort sangen die fränkischen Zertrümmerer Kirchengesänge: ein »Frieden auf Erden« scholl vielstimmig und kunstvoll in die sächsische Winternacht.

Welche Qual ging an jenem Todesabend eines freien Volkstums durch das Herz des Sachsenlandes, durch das Herz dieses besten und gewaltigsten seiner Söhne! Der Widerstand wider den fränkischen Eroberer war unnütz gewesen; Sachsenland, dies Land der treuen deutschen Eichen-Männer, war ein Kirchhof geworden; die Aller hatte bei fürchterlicher, vom König angeordneter Hinrichtung das Blut von 4500 Söhnen ihrer wertvollen Erde getrunken; und der Letzte und Beste, der nichts verbrochen hatte, als daß er mit vollem Fug und Recht, mit aller Kraft seiner Liebe sein angestammtes Land verteidigte, der Letzte und Beste drückte sich wie ein wundes Raubtier durch die kahlen Hecken und Dornen seiner Winterwälder.

Nicht daß sie unterlegen waren, drückte diesen Männern das Herz ab, wenn sie in strenger Winternacht um ihre Feuer saßen. Sonst schauten sie nach einer Niederlage bitter oder trotzig zum Himmel auf, wo Wodans bekanntes Gejaid wie ergrimmt im Nordsturm fuhr. »Wodan hat es nicht anders bestimmt«, sprachen sie schlicht. Und mit derselben hartnäckigen Ruhe, mit der sie ihr Letztes und Bestes, ja sich selbst dem glücklichen Spieler übergaben, wenn sie im Glücksspiel verloren hatten, mit derselben gläubigen Hartnäckigkeit schauten sie in ihre Feuer und berechneten die Wege, die trotz alledem noch zur Rettung führen konnten. Auch scharten sie sich wohl auf entlegener Waldlichtung um ihre Opferfeuer, die Männer in den rauhen Fellgewanden, die Frauen in ihrem stolzen Goldhaar; und mit dem Opferrauch stiegen eine Nacht lang ihre Gebete zu den schlafenden Göttern empor. Morgens dann, wenn der Wald wach wurde, gingen sie mit kräftigem Händedruck und ruhigem »Heil!« zu neuer Umschau und Arbeit an ihr Tagewerk.

Nichts mehr von alledem! Ein schlimmerer Feind als der Franke hatte in ihre Herzen Eingang gefunden. Die Säule Armins hatte Karl gestürzt – auch in ihren Herzen! Ihre Heiligtümer waren vernichtet, ihre Götter verspottet. Und das Unglaubliche war geschehen: – nicht einen Finger hatten die beschimpften und entehrten Germanen-Götter gerührt! Wann hatte man solche Ehrlosigkeit, solche Feigheit im Nordland erlebt?! – Da zog ein großes Irrewerden über dies Land des graden Glaubens; ein bisher unbekanntes Unkraut, der Zweifel an den eigenen Göttern, sproßte nun im Sachsenlande in allen Herzen auf, ausgesäet von den Priestern des Südens.

Lüge war, was sie bis jetzt geliebt. Der Schwur, den der Mann dem Manne geschworen bei den Göttern des freien Waldes, der Schwur war Lüge. Donar, der im Wetter dahinfuhr; Wodan, der mildstarke Mantelgott mit Speer und Sonnenauge; Freya, die Liebliche; die Prophetinnen und weißen Frauen am Waldquell; die Nixen der Wasser, die Kobolde und Zwerge der Waldklüfte, die Elfen in den Weiden der Nebeltäler – Lüge! Leer wie eine Winternacht lag die deutsche Welt. Nichts mehr, das diese Enttäuschten freute; nichts mehr, für das sie glühen und um das sie kämpfen mochten. Denn nicht für seine Scholle bloß kämpft ein Volk: für seine Götter kämpft ein Volk. Niemals hätte des Franken Schwert das Sachsentum zerrüttet, wäre ihm nicht der stärkere Bundesgenosse zur Seite gezogen: die Gedankenmacht des Christentums. Sie machte das unbeholfene Sachsenvolk an seiner eigenen Welt irre, kränkelte sie an mit des Zweifels Blässe und entwand ihnen mit lächelnder Überlegenheit die Streitaxt. »Wenn alle unsere Götter nichts sind, wenn das da erst, was die Franken an goldenen Kreuzen tragen, der oberste Gott ist – wozu dann unser Kampf? Wider den obersten Gott zu streiten, ist nicht gut.« Noch gingen, wie ein mehrmaliges Aufzucken der Liebe zu Göttern und Heimat, die mehrfachen Kriege über das Sachsenland. Aber zu einer vollen Entfaltung innersten Willens fehlte die Kraft. Müde, mit herbstlicher Gleichgültigkeit, ließen sie endlich die Kreuze siegen. »Es ist alles nichts! Was du glaubst und liebst, wird dir morgen als Lüge totbewiesen. Glaube nichts, liebe nichts, kämpfe um nichts!« Eine Verzweiflung an allem! Sachsenland war reif für das Christentum.

* * *

Widukind lehnte schweigend an seiner Eiche. Und in unsäglichem Weh zog dieser Schmerz seines Volkes durch sein eigen Herz. Nicht mehr Trauer war es über das Elend seines Landes, nicht mehr Haß gegen Karl und noch nicht Liebe zum Christentum: – ein viel tieferes Leid zog vor jener freiwilligen Unterwerfung durch die Seele des Sachsenherzogs: dumpfe Gleichgültigkeit gegen Welt und Himmel.

Seine Leute hatten weiter hinten im Wald um ihre Feuer gesessen. Einer von ihnen nahte sich jetzt und fragte seinen Herzog, ob er zu essen wünsche. »Nein,« antwortete der düstere Mann und reckte sich auf, »kommt, wir gehen nun zum Frankenkönig.« Eine Unruhe um die Feuer, ein Fragen und Zurufen, ein Aufbruch in den Tiefen des Waldes, und endlich trat der Haufe seiner Getreuen langsam und zaudernd ins Mondlicht heraus. Sie schritten ihrem einsam vorauswandelnden Herzog nach, über die weiße Wintererde, hinab ins Lager der Franken.

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