Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Friedrich Lienhard: Helden - Kapitel 10
Quellenangabe
typelegend
authorFriedrich Lienhard
titleHelden
publisherGreiner und Pfeiffer
printrunZehnte Auflage
editorVerlag von Greiner und Pfeiffer
year1920
firstpub1900
illustratorKurt Jäckel
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150124
projectid6f7b6ee2
Schließen

Navigation:

Brunhilds Todesfahrt

Nach der nordischen Sage wurde Sigurd (Siegfried) nachts auf seinem Lager ermordet, an der Seite der schlafenden Gudrun (Kriemhild), auf Befehl der tief gekränkten Brunhild. Als die Tat geschehen, gab Brunhild sich selbst den Tod. Auf ihrer Fahrt ins Schattenland – so erzählt die Edda – kam Brunhilds Geist durch das Gehöft einer Riesin, ward angehalten und wegen ihres Verbrechens zur Rede gestellt. Stolz gibt die ehemalige Walküre und spätere Königin Antwort und fährt weiter.

Dies kurze Lied ist im folgenden ausgestaltet. Die Begegnung findet statt am Eingang von Helheim. Das Weib, das am Boden kauert und bei der Anklage drohend zur Riesin emporwächst – Brunhilds verkörpert Gewissen – ist hier Hel selber, die Göttin der Unterwelt.

* * *

Brunhild. Furchtbar dies Tor ... Kein Balken, kein Erz – offen die Halle! ... Und doch ein Tor, – vor dem der trotzigste Wandrer den Fuß hemmt ... Du dort am Boden, Weib, Verhüllte du: steh' ich am Tor zum Reiche der Hel?

Hel. Stehst am Tor zum Reiche der Hel.

Brunhild. In Helheims lichtloser Halle hör' ich ein Rieseln und Rauschen –

Hel. Tropfen von Eis – geschmolzen in Glut!

Brunhild. Woher die Glut?

Hel. Aus Menschenqualen! Glut ihre Seelen – ihre Gespräche Rauch – doch die kristallenen Wände Eis!

Brunhild. Kein wohnlich Haus. Doch willst du mich schrecken, unnütz Weib, so spare die Müh'. Schau' hinter mich: Mannen und Mägde genug, getötet auf meinem Grab! Ich könnte sie senden, den Weg zu erkunden. Doch mir ziemt der Vortritt auch hier: der Königin! – Weiche, Zwergin!

Hel. Fragst du die Zwergin nicht, wer vor kurzem hier einging?

Brunhild (kalt). Wer ging vor kurzem hier ein?

Hel. Ein Mann.

Brunhild. Frei oder unfrei?

Hel. Frei.

Brunhild. König?

Hel. König.

Brunhild. Woran erkennbar?

Hel. An klaffender Wunde – rot wie das Blut, das aus deiner Brünne quillt.

Brunhild. Kampfgefallene fliegen nach Walhall, emporgetragen von Odins Walküren –

Hel. Der nicht!

Brunhild. Der auch!

Hel. Der nicht! Denn Tücke hat ihn getötet – ( Reckt sich empor, riesengroß.) Du hast ihn getötet, Budlis Tochter! Du, Gunnars Gemahlin, Mörderin Sigurds!

Brunhild. Ja denn, Weib, Sigurd such' ich! Sigurd, der mich zum Leben geweckt –

Hel. Sigurd, dem du das Leben geraubt –

Brunhild. Sigurd, den ich mir hole nach Walhall, ich, die Walküre!

Hel. Keine Walküre betritt mein Reich. (Sie enthüllt sich.)

Brunhild. Bist du Hel –?!

Hel. Hel gebietet Brunhild: Steh! Unnütz, Gunnars Weib, wirbst du bei mir um den Buhlen!

Brunhild. Buhlen?! Blind Gewürm, du bist nicht Hel! Bist keine Göttin! Sonst sähest du taghell: ich suche den Gatten!

Hel. Wo ist dein Ring, Gattin? Wo dein Ausweis?

Brunhild. Hier mein Ring: schau meine Wunde! Ausweis? Schau mein harmvoll Antlitz! Und willst du Worte, o blutloses Weib, so sag' ich: Treue! So sag' ich: Stolz – und unerträgliche Schmach! ...

Mein Los war Leid, solang ich gelebt ... Einst war ich die unberührte, die lachende Maid – Helm auf dem Haupte, Schild am Arm – die Schlachtwalküre! – Doch da ich in Kampflust Odin mißachtet, legte mich Odin in flammende Lohe, umschildete mich und gab mir Schlaf. »Wer die Lohe durchreitet« – so sprach der Gott –, »der sei der Träumerin Gatte!« Merke das Wort, Hel!

Lange träumte die Jungfrau – da scholl der Huf, da fielen die Schilde, da küßte mich wach mein Königssohn! Und Wunder im Auge, Lust im Herzen lag ich und lachte den Fremdling an – Gunnar. Denn Gunnar – merke das Wort, Hel! – Gunnar nannte sich jener. Ich lag und lachte Gunnar an und zupfte spielend sein Sonnenhaar, der Brünne beraubt, des Schildes entlastet, ein Weib nur, keine Walküre mehr, des Gatten gewärtig ... Doch er: – drei Nächte lang lag er auf Brunhilds Fels – zwischen uns das Schwert! Staunend oftmals, im Blaßlicht der Nacht, lag ich gestützt auf den nackten Arm und beschaute den Schläfer. Er schlief – verkreuzt die Arme, vertrotzt die Lippen – wonnig Wangen und Mund. Und im Mondlicht glühte das Schwert ... Da warf auch ich die Lohe des Haares um den unnütz begehrenden Leib, hüllte mich ein, zerbiß die Lippen in Wut – und wachte wohl, doch weinte nicht ...

Wir ritten zu Hofe. Frauen empfingen die Jungfrau, und Gunnar lächelte: »Bald!« Frauen hüllten die Nordlandsmaid in Königsgewand und führten mich herrlich verwandelt heraus. Auch Gunnar kam verwandelt, auch er kaum zu erkennen! »Der Zierling dort – das wäre Gunnar?« Doch war's wohl Gunnar ... ich wurde sein Weib ...

Nach herben Tagen und Nächten zeigten sie mir einen Fremdling: den starken Sigurd. Als ich den Fremdling erblickte, bebte mein Herz – und die Stirne bedeckend sann ich und sann ... Sigurd? Nie hört' ich den Namen. Doch den Mann, wo hab' ich ihn traumhaft geschaut? –

Doch freite Sigurd Gunnars Schwester, die weichliche Gudrun ...

Und dann – unabwendbar fielen die Lose ... Wir rühmten beim Bade die Stärke der Männer, Gudrun und ich – und Gudrun schwatzte, schnatterte hell, wie stark ihr Sigurd. »Gunnar ist stärker!« – »Dein Gunnar? Zwang er die Dänen?« – »Gunnar ist stärker!« – »Dein Gunnar? Erschlug er den Lindwurm?« – »Gunnar ist stärker!! Denn Gunnar durchritt und zerstampfte die Lohe! Gunnar, der mich gefreit; Gunnar, mein Gatte; Gunnar, der Stärkste!« Da lachte – lachte – lachte das mitleidlose Weib! »O Träumerin Brunhild, weiht du denn nicht? In Gunnars Gestalt, mit Gunnars Gewand und Waffen ritt durch die Lohe Sigurd! Mein Gatte Sigurd, der dich gefreit dem Schwächling Gunnar! Sigurd, der Stärkste!« – – O!! ...

Mein Los war Leid, solang ich gelebt ... Ich wußte die Wahrheit – und sollte nun dulden, wie Sigurd, mein Gatte, Gudrun im Arm lag!! Ich wußte die Wahrheit – und sollte nun dulden, wie Gunnar, der Hund, die Walküre befleckte! Ha – aufspringend des Nachts aus wilden Gedanken ergriff ich den schlummernden König und band den bebenden Gunnar gürtelfest an die Holzwand! Und rief die Knechte: »Knechte, nehmt mir dies Schwert, schleicht euch zu Gudruns Buhlen – erschlagt mir Sigurd

Und als ich lag auf den zottigen Fellen, furchtbar lauschend – Gunnar aber am Balken winselte hündisch – – Hel, da erscholl aus der fernen Kammer Sigurds Schrei – Hel, da liefen die Knechte vorüber: »Wir haben's getan!« Hel, und Gudruns schrille Stimme gellte – gellte jäh und schwieg dann lang – hingestürzt ihr Leib auf den toten Gatten! Und Brunhild lachte! Lachte gewaltig, die Walküre, durch Kammern hallend – und lag und weinte wilder als Gudrun ...

So kam der Morgen ... Das Sigurdsweib lachte nicht mehr ob der Träumerin Brunhild ... Ohne Eile band ich den Wicht vom Balken, rief die Mannen und legte mir um mein Walkürengewand. »Bringt mir das Schwert, womit ihr's getan!« Sie brachten die Waffe – ich küßte das blutige Naß – und tat mir, was sie Sigurd getan. – – –

So fuhr die Walküre herab nach Helheim – reuelos! Ich komme, den Gatten nach Walhall zu holen, den mir der Gott versprach! – Weiche, Hel!

 << Kapitel 9  Kapitel 11 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.