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Heißes Blut

Gabriele D'Annunzio: Heißes Blut - Kapitel 4
Quellenangabe
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typenovelette
authorGabriele d'Annunzio
titleHeißes Blut
publisherFranckh'sche Verlagshandlung W. Keller & Co.
printrunZweite Auflage
translatorFritz Brandé
illustratorFritz Bergen (1857-1941)
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090521
projectid22d17505
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Candias Ende.

I.

Das Osterfestmahl, das man im Hause Lammonica hergebrachtermaßen in Gemeinschaft mit vielen Geladenen feierte, war vorüber. Drei Tage später zählte Donna Cristina Lammonica die Tafelwäsche und das Silber und legte jeden Gegenstand mit peinlichster Ordnung in die Fächer und Behälter zurück bis zu den nächsten Festlichkeiten.

Zu diesem Geschäft waren wie gewöhnlich das Hausmädchen Maria Bisaccia und die Wäscherin Candia Mercanda, einfach Candia genannt, zugezogen. Große, bis an den Rand mit feinem Linnen angefüllte Wäschekörbe standen in Reih' und Glied auf dem Estrich. In einem flachen Korbe lagen das glänzende Silberzeug und andere Tafelgeräte. Die Sachen waren massiv und ein wenig plump, wie bäuerliches Gerät zu sein pflegt, und zeigten jenen kirchlichen Stil, wie alle derartigen Gegenstände, die sich in den wohlhabenden Familien auf dem Lande von Geschlecht zu Geschlecht vererben. Das ganze Zimmer erfüllte ein kräftiger Duft nach frischer Wäsche.

Candia entnahm den Körben die Tafeltücher, die Tischtücher und Servietten und ließ die tadellose Leinwand von der Signora besichtigen; dann reichte sie Stück für Stück an Maria weiter, die es in den Fächern aufschichtete, während die Signora wohlriechende Kräuter dazwischen legte und die Nummern im Wäschebuch notierte.

Candia war eine große, knochige, derbe Person von 50 Jahren; ihr Rücken war durch die Haltung, die ihr Geschäft mit sich brachte, etwas gekrümmt. Die Arme waren lang, und der Kopf, wie der eines Raubvogels gestaltet, saß auf dem Halse einer Schildkröte. Maria Bisaccia, ein etwas dickes Wesen mit milchweißem Teint und sehr hellen Augen, war aus Ortona gebürtig. Sie hatte etwas Bedächtiges in ihrer Rede, die sie mit sanften, weichen Bewegungen begleitete, wie jemand, der immer mit Kuchenteig, Fruchtsäften, Eingemachtem und Konfekt zu thun hat. Donna Cristina stammte ebenfalls aus Ortona, wo sie in einem Kloster erzogen war; sie hatte eine kleine Figur und war fast busenlos. Ihre Haare spielten ins Rötliche, das Gesicht war mit Sommersprossen bedeckt, die Nase lang und dick, die Zähne waren schadhaft, aber die Augen wunderschön und von keuschem Ausdruck; sie glich einem Priester in Weiberkleidern.

Die drei weiblichen Wesen waren mit größtem Eifer ganz bei der Arbeit und verbrachten so einen großen Teil des Nachmittags.

Als Candia einmal mit einem leeren Korbe hinausging, bemerkte Donna Cristina beim Abzählen der Bestecke, daß ein silberner Löffel fehlte.

Maria! Maria! rief sie ganz erschreckt. Zähle du 'mal nach! es fehlt 'n Löffel ... Zähle 'mal!

Aber wie? Das kann nicht sein, Frau, antwortete Maria. Laßt mich nachsehen.

Damit machte sie sich daran, die Bestecke nebeneinander zu halten und sie laut abzuzählen. Donna Cristina schaute kopfschüttelnd zu. Das Silber klang hell und klar.

s'ist wahr! rief Maria schließlich verzweifelt aus. Was ist da zu thun?

Sie selbst war über jeden Verdacht erhaben, denn sie hatte in dieser Familie fünfzehn Jahre lang Proben von Ehrlichkeit und Treue abgelegt. Sie war mit Donna Cristina nach deren Hochzeit gleichsam als ein Bestandteil der Aussteuer von Ortona gekommen und besaß nun im Hause unter dem Schutze ihrer Herrin ein gewisses Ansehen. Sie steckte voll von religiösem Aberglauben und war ihrem Schutzheiligen und seiner Kirche blind ergeben, – dabei war sie verschlagen wie selten eine. Mit ihrer Herrin hatte sie ein Schutz- und Trutzbündnis geschlossen, gegen alles, was Pescara anbelangte, und hauptsächlich gegen den Heiligen dieser Stadt. Bei jeder Gelegenheit sprach sie von ihrem Geburtsorte, rühmte dessen Reichtümer und Schönheiten, die Pracht seiner Basilika, die Schätze des heiligen Tommaso und den Pomp bei den großen Kirchenfesten, im Gegensatz zu der Armseligkeit des San Cetteo, der nur einen einzigen kleinen, silbernen Arm aufweisen konnte.

Donna Cristina sagte:

Schau gut drüben nach.

Maria verließ das Zimmer, um weiter nachzusuchen. Sie kehrte in allen Ecken der Küche und der Veranda das Unterste nach oben, aber vergebens, sie kam mit leeren Händen zurück.

Nichts zu finden! Er ist nirgends zu finden! Nun dachten sie hin und her, ergingen sich in Mutmaßungen und strengten ihr Gedächtnis an. Sie traten auf den nach dem Hof führenden Altan hinaus und gingen nach dem Gußstein, um die letzte Nachsuche zu halten. Von dem lauten Sprechen angelockt, kamen die Nachbarinnen an die Fenster.

Was ist denn geschehen, Donna Cristi? Sagt, was giebt's?

Mit einem Schwall von Worten und mit großer Lebhaftigkeit erzählten Donna Cristina und Maria das Vorgefallene.

Jesus! Jesus! Also Diebe waren im Hause! Das Gerücht des Diebstahls verbreitete sich in einem Augenblick in der Nachbarschaft und in ganz Pescara. Männer und Frauen, alles suchte zu erraten, wer der Dieb sei. Als das Gerücht bis zu den letzten Häusern bei Sant Agostino kam, war es schon ungemein gewachsen: es handelte sich nicht mehr um einen Löffel, sondern um sämtliches Silberzeug des Hauses Lammonica.

Das Wetter war herrlich; auf den Loggien begannen die Rosen zu blühen, und in einem Käfig zwitscherten zwei Zeisige. Die Nachbarinnen verweilten bei dem schönen Wetter an den Fenstern in der lauen Luft. Ihre Köpfe tauchten zwischen den Basilikumtöpfen auf, und das lebhafte Schwatzen schien selbst die Katzen in der Dachrinne zu ergötzen.

Händeringend sagte Donna Cristina: Wer mag es nur gewesen sein?

Donna Isabella Sertale, der Marder genannt, weil sie die geschmeidigen, raschen Bewegungen dieses kleinen Raubtiers hatte, fragte mit ihrer schrillen Stimme:

Wer war denn bei Euch, Donna Cristi? Es war mir, als hätte ich Candia vorbeikommen sehen ... ...

Aaaah! rief Donna Felicetta Margasanta, die wegen ihrer Schwatzhaftigkeit die Elster hieß, und

Aah, wiederholten die anderen Gevatterinnen.

Und daran dachtet Ihr nicht?

Und habt Ihr nichts gemerkt?

Und Ihr wißt nicht, was Candia ist?

Wir können es Euch sagen, was für eine sie ist!

Sicherlich!

Wir können ein Lied davon singen!

Die Wäsche wäscht sie gut, darüber ist nichts zu sagen!

Die beste Wäscherin ist sie in ganz Pescara, das muß man ihr lassen. Aber lange Finger macht sie ... Habt Ihr das nicht gewußt, Gevatterin?

Mir haben einmal zwei grobe Tischtücher gefehlt!

Mir ein Tafeltuch.

Mir ein Hemd.

Mir drei Paar Strümpfe.

Mir ein neuer Unterrock.

Mir zwei Kissenbezüge.

Ich habe überhaupt nichts wiederbekommen.

Mir fehlt auch etwas.

Mir auch.

Ich aber habe sie nicht davongejagt; wen soll man nehmen? Die Silvestra vielleicht?

Die Angelantonia, diese Zigeunerin?

Eine ärger, als die andere!

Man muß Geduld haben.

Aber gar ein Löffel! Nein, so etwas!

Das ist zu stark!

Rührt Euch nur, Donna Cristi, Ihr dürft's nicht so hingehen lassen!

Ach was, hingehen lassen oder nicht! brach Maria Bisaccia aus, die sich keine Gelegenheit entgehen ließ, den anderen Dienstboten im Hause etwas anzuhängen und sie in schlechtes Licht zu setzen, obgleich sie friedfertig und sanftmütig aussah. Wir werden schon sehen, Donna Isabbé, laßt uns nur machen!

Das Klatschen an den Fenstern und in den Loggien wollte kein Ende nehmen. Die Beschuldigungen gegen Candia gingen von Mund zu Mund und wurden im ganzen Orte bekannt.

II.

Als am anderen Morgen Candia bis zu den Ellenbogen in der Laugenbrühe steckte, erschien der Polizeidiener Biagio Pesce, den man den »kleinen Korporal« nannte, auf der Schwelle und sagte zu der Wäscherin:

Augenblicklich sollst du zum Herrn Bürgermeister aufs Rathaus kommen.

Was sagt Ihr? gab Candia stirnrunzelnd zurück, ohne ihre Arbeit zu unterbrechen.

Augenblicklich sollst du zum Herrn Bürgermeister aufs Rathaus kommen.

Ich? Und weshalb? fuhr Candia ihn barsch an; denn sie wußte sich die Ursache zu dieser Aufforderung nicht zu erklären und richtete sich hoch auf, wie ein störrischer Gaul, der vor einem Schatten erschrickt.

Ich kann das nicht wissen, entgegnete der kleine Korporal. Ich habe den Befehl erhalten.

Welchen Befehl?

Die Frau ließ in ihrem Eigensinn nicht ab zu fragen. Sie konnte sich den Grund nicht erklären.

Mich will der Bürgermeister? Und weshalb? Ich will nicht kommen! Was habe ich denn gethan?

Der kleine Korporal verlor die Geduld und sagte:

Ah, du willst nicht kommen? Dann gieb nur acht!

Die Hand am Griff des alten Säbels, ging er, vor sich hinmurmelnd, fort. –

Das Zwiegespräch aber hatte Zeugen gehabt; einige Bewohner des Gäßchens traten an die Thüren und blickten neugierig zu Candia hinüber, die in der Laugenbrühe weiterhantierte. Und da alle die Geschichte von dem silbernen Löffel wußten, lachten sie in sich hinein und machten anzügliche Redensarten, von denen Candia nichts verstand. Aber ein banges Gefühl der Unruhe ergriff sie, als sie das Lachen und die spöttischen Bemerkungen hörte. Ihre Unruhe wuchs, als sie den kleinen Korporal, von einem anderen Polizeidiener begleitet, wieder daherkommen sah.

Marsch, sagte der kleine Korporal grob. Candia trocknete sich schweigend die Arme ab und ging mit. Auf der Piazza blieben die Leute stehen. Von der Schwelle eines Krämerladens rief ihre Feindin, Rosa Panara, mit höhnischem Lachen ihr nach:

Mach dich nur fertig!

Die Wäscherin konnte sich in ihrer Bestürzung den Grund der Verhöhnung nicht erklären und wußte nicht, was sie dazu sagen sollte.

Vor dem Rathaus stand eine Gruppe Neugieriger, die sich eigens dort aufgestellt hatten, um Candia vorüberkommen zu sehen. Von Zorn gepackt, stieg sie rasch die Treppe hinauf, stand atemlos vor dem Bürgermeister und fragte:

Was will man von mir?

Don Silvio, ein friedfertiger Mann, war im ersten Augenblick von der kreischenden Stimme der Wäscherin unangenehm berührt, warf auf die treuen Beschützer seiner bürgermeisterlichen Würde einen Blick und sagte:

Setz dich, meine Tochter!

Candia aber blieb stehen. Ihre gebogene Nase rötete der Zorn, und über ihre Wangen lief ein eigenartiges Zucken.

Nun, Don Si!

Habt Ihr gestern bei Donna Cristina Lammonica die Wäsche zusammengetragen?

Jawohl, was ist, was giebt's denn, fehlt etwas? Alles abgezählt, Stück für Stück ... Es fehlte nichts. Was soll's nun?

Einen Augenblick, meine Tochter! Im Zimmer war das Silberzeug ...

Jetzt erriet Candia und fuhr wie ein zum Stoß bereiter Raubvogel auf. Ihre schmalen Lippen zitterten.

Im Zimmer war das Silberzeug, und Donna Cristina hat bemerkt, daß ein Löffel fehlt. Verstehst du, meine Tochter? Habt Ihr ihn vielleicht – aus Versehen – genommen?

Candia hüpfte wie eine Heuschrecke bei dieser unerwarteten Anklage. Sie hatte nichts genommen. Ganz gewiß nicht.

Ah, ich? Ah, ich? Wer sagt das? Wer will das gesehen haben? Das ist ja eine merkwürdige Überraschung, Don Si! Das wundert mich von Euch! Ich soll gestohlen haben? Ich? Ich?

Ihre Entrüstung kannte keine Grenzen. Sie war um so mehr von der ungerechten Anklage verletzt, als sie sich der Handlung, deren man sie bezichtigte, wohl fähig fühlte.

Also, Ihr habt ihn nicht genommen? unterbrach sie Don Silvio, der vorsichtigerweise sich so weit wie möglich in seinen großen kurulischen Sessel zurückgezogen hatte.

Das ist mir eine schöne Überraschung, keifte das Weib von neuem und fuchtelte mit den langen Armen wie mit zwei Stöcken in der Luft herum.

Es ist gut, geht nur. Man wird ja sehen.

Candia eilte ohne Gruß hinaus und rannte gegen den Thürpfosten. Sie war außer sich, ganz grün war sie geworden. Als sie den Fuß auf die Straße setzte, erkannte sie sofort aus der Haltung der unten versammelten Leute, daß die öffentliche Meinung gegen sie war, daß niemand an ihre Unschuld glaubte. Nichtsdestoweniger beteuerte sie laut ihre Schuldlosigkeit. Die Leute lachten und gingen auseinander. Wütend kehrte sie nach Hause zurück, sie war ganz verzweifelt. Schluchzend setzte sie sich auf ihre Thürschwelle.

Don Donato Brandimarte, der nebenan wohnte, sagte spottend:

Weine nur fest darauf los, denn grad' gehen Leute vorüber!

Die feuchte Wäsche in der Lauge wartete ihrer, und endlich beruhigte sie sich. Sie streifte die Ärmel auf und ging wieder an ihr Geschäft. Während sie so arbeitete, dachte sie an nichts, als an ihre Schuldlosigkeit, suchte sich eine Menge Gründe zur Verteidigung zusammen und strengte ihr schlaues Gehirn an, um ein Mittel zu finden, das ihre Unschuld an den Tag brächte. Alle möglichen, scharfsinnigen Einfälle kamen ihr in den Sinn, alle landläufigen Auskunftsmittel, womit sie gegen diejenigen auftreten wollte, die ihr nicht glauben würden.

Als sie ihre Arbeit vollendet hatte, ging sie hinaus; zuerst wollte sie zu Donna Cristina.

Donna Cristina ließ sich nicht sehen. Maria Bisaccia hörte kopfschüttelnd ihre vielen Worte an, ohne etwas zu antworten, und zog sich würdevoll zurück.

Hierauf lief Candia zu ihrer ganzen Kundschaft. Sie erzählte überall den Fall und beteuerte, daß sie es nicht gewesen sei, indem sie immer neue, wortreiche Beweise hervorbrachte, in Eifer geriet und verzweifelt that, da man ihr nicht glaubte und mißtrauisch blieb. Aber alles war umsonst. Als sie dies merkte, bemächtigte sich ihrer eine tiefe Niedergeschlagenheit.

Was war da zu machen? Was sollte sie sagen?

III.

Unterdessen hatte Donna Cristina die Ciniglia rufen lassen, ein Weib aus der untersten Volksschicht, das mit vielem Erfolge allerlei Zauberkünste ausübte. Der Ciniglia war es schon verschiedentlich gelungen, gestohlene Sachen wieder herbeizuzaubern. Man sagte ihr nach, daß sie mit den Dieben im geheimen Einvernehmen stände.

Donna Cristina sagte zu ihr: Schaff' mir den Löffel wieder herbei, und ich gebe dir eine schöne Belohnung.

Die Ciniglia antwortete:

Gut. Ich brauche nur vierundzwanzig Stunden Zeit.

Und nachdem vierundzwanzig Stunden vorüber waren, brachte sie den Bescheid, der Löffel befände sich in einem Loch im Hofe, in der Nähe des Ziehbrunnens.

Donna Cristina und Maria gingen auf den Hof und fanden ihn zu ihrer großen Verwunderung an der bezeichneten Stelle.

Mit Windeseile verbreitete sich die Kunde davon in ganz Pescara.

Triumphierend durcheilte nun Candia Mercanda die Straßen. Sie schien gewachsen, so hoch trug sie den Kopf. Lächelnd schaute sie allen in die Augen, wie um zu sagen:

Nun, habt ihr's gesehen? Habt ihr's gesehen?

Wie sie vorüberkam, steckten die Leute, die unter den Thüren standen, die Köpfe zusammen und brachen dann in ein schallendes Gelächter aus. Filippo La Selvi schlürfte eben im Café Angeladea ein Gläschen Liqueur und rief Candia zu:

Nun, Candia! Ein Gläschen von diesem da? Das Weib, das einem feurigen Liqueur nicht abhold war, schnalzte mit der Zunge.

Filippo La Selvi fügte hinzu:

Du verdienst es, darüber ist nichts zu sagen!

Ein Haufen von Bummlern hatte sich vor dem Café angesammelt. Alle zeigten in ihren Mienen eine spöttische Heiterkeit.

Während die Donna trank, wandte sich Filippo La Selvi den Gaffern zu.

Fein hat sie's gemacht! Nicht wahr? – Alter Fuchs! – – – und klopfte die Wäscherin vertraulich auf die Schulter.

Alles lachte.

Magnasave, ein kleiner Buckliger, der außerdem noch blödsinnig war und stotterte, legte den Zeigefinger der Rechten mit dem der Linken in recht auffälliger Weise aneinander und brachte mit seiner schwerfälligen Zunge die Silben hervor: Ca .. Ca .. a .. Candia ... ... la .. Ciniglia.

Und mit pfiffiger Miene machte er unter Stottern den Gaffenden verständlich, daß Candia und Ciniglia gute Gevatterinnen seien.

– Alle, die dies sahen, wollten vor Vergnügen bersten. Candia blieb einen Augenblick, das Gläschen in her Hand, sprachlos. – Dann, auf einmal, begriff sie. – Man glaubte nicht an ihre Unschuld. Man beschuldigte sie, den silbernen Löffel heimlich im Einverständnis mit der Hexe zurückgebracht zu haben, um sich keinen weiteren Unannehmlichkeiten auszusetzen.

Nun überfiel sie eine blinde Wut. Sie fand keine Worte, warf sich auf den Schwächsten, den kleinen Buckligen, ließ einen Hagel von Faustschlägen auf ihn niederprasseln und zerkratzte ihm das Gesicht. Mit grausamer Freude und unter hellem Gelächter bildeten die Leute beim Anblick dieses Streites einen Kreis, wie bei einem Tierkampfe, und suchten die Streitenden durch Zuruf und Gebärden noch mehr anzufeuern.

Magnafave war von dem unvorhergesehenen Wutausbruch wie betäubt und versuchte, mit affenähnlichen Sprüngen zu entfliehen, aber die derben Fäuste der Wäscherin ließen ihn nicht los. Wie einen Stein in der Schleuder schwang sie ihn mit immer größerer Schnelligkeit im Kreise, bis er kopfüber heftig zu Boden stürzte.

Einige sprangen hinzu, um ihn aufzuheben. Candia entfernte sich, begleitet von dem Zischen der Menge. Sie ging nach Hause und schloß sich ein. Schluchzend warf sie sich über ihr Bett und biß in ihrem Schmerze in die Finger.

Diese neue Beschuldigung kränkte sie noch tiefer als die erste, um so mehr, weil sie wohl imstande gewesen wäre, diesen Ausweg zu benutzen. Wie konnte sie diesen Verdacht von sich abwälzen? Wie sollte die Wahrheit ans Licht kommen?

Sie verzweifelte förmlich, wenn sie daran dachte, daß alle Umstände gegen sie waren und es ihr fast unmöglich machten, ihre Schuldlosigkeit zu beweisen. Der Hof war leicht zugänglich, eine unverschlossene Thür führte auf den ersten Absatz der großen Treppe. Um Abfall hinauszutragen oder aus anderen Gründen ging jederzeit durch diese Thür eine Menge Leute unbehindert ein und aus. Sie konnte also den Anklägern den Mund nicht schließen, wenn sie sagte: Wie hätte ich es machen sollen, um hineinzukommen? Es gab zu viele und zu leicht erreichbare Mittel, um so etwas auszuführen, und gerade darauf stützte sich die Meinung der Leute.

Candia strengte ihre ganze Findigkeit an, erdachte sich drei, vier, fünf Fälle, die alle erklären sollten, wie der Löffel in das Loch im Hofe geraten wäre. Zu allen möglichen Listen und Scheingründen nahm sie ihre Zuflucht und grübelte mit merkwürdiger Geschicklichkeit und Beharrlichkeit immer neue Möglichkeiten aus. Dann fing sie an, in die Läden zu laufen, um den Leuten auf jede Weise die Zweifel auszureden. Diese hörten ihr zu und ergötzten sich an ihrer verfänglichen Beweisführung. Schließlich sagten sie:

Schon gut! Schon gut! aber mit solchem Ausdruck, daß Candia wie vernichtet dastand. – Alle ihre Anstrengungen waren also vergeblich! Niemand glaubte ihr! Niemand! Niemand! Mit einer bewunderungswürdigen Zähigkeit griff sie die Sache von einer anderen Seite an. Sie brachte ganze Nächte damit zu, immer neue Beweise zu ersinnen und neue Auswege zu finden, um die Hindernisse zu besiegen. Bei dieser fortgesetzten Anstrengung nahm ihre geistige Kraft nach und nach ab, sie konnte keinen anderen Gedanken als den an den Löffel fassen, und sie verlor fast das Verständnis für die gewöhnlichsten Dinge des alltäglichen Lebens. Allmählich setzte sich in dem Gehirn des armen Weibes eine wahre Manie fest, die durch die Quälereien der Leute täglich wuchs.

Sie vernachlässigte ihre Arbeit und kam dadurch ins Elend. Die Wäsche wusch sie schlecht, verlor oder zerriß sie. Wenn sie unter die eiserne Brücke des Flusses ging, wo die anderen Wäscherinnen beschäftigt waren, so kam es oft vor, daß ein Stück Wäsche ihrer Hand entglitt und von der Strömung auf Nimmerwiedersehen fortgerissen wurde. Ohne je zu ermüden, sprach sie unaufhörlich von derselben Sache. Damit sie es nicht mit anhören mußten, fingen die jungen Wäscherinnen an zu singen und ärgerten sie mit anzüglichen Reimen. Dann schrie sie und führte sich wie eine Verrückte auf.

Niemand gab ihr mehr zu waschen. Alte Kundinnen schenkten ihr aus Mitleid etwas zu essen. Schließlich gewöhnte sie sich ans Betteln. Ganz zerlumpt, gebückt und verkommen, ging sie durch die Straßen, und die Betteljungen riefen ihr nach:

Erzähle uns doch die Geschichte von dem Löffel, wir kennen sie nicht, Tante Candia!

Zuweilen hielt sie Unbekannte, die vorübergingen auf, um ihnen die Geschichte zu erzählen und ihre Schuldlosigkeit zu beteuern. Junge Leute riefen sie herbei und ließen sich für einen Soldo die Geschichte drei- viermal erzählen, erhoben gegen ihre Behauptungen Einwände, ließen sie zu Ende reden, um ihr schließlich beim letzten Worte eine Kränkung zu sagen. Den Kopf schüttelnd, ging sie weiter. Sie schloß sich anderen Bettelweibern an und stritt mit ihnen, immer, immer, unermüdlich, ohne Aufhören. Eine war ihr besonders lieb; sie war schwerhörig, hatte einen rötlichen Ausschlag und hinkte auf einem Fuße.

Im Winter 1874 wurde sie krank. Die aussätzige Frau pflegte sie. Donna Cristina schickte ihr eine Herzstärkung und ein Kohlenbecken, damit sie sich wärmen könne.

Die Kranke auf ihrem Strohlager redete im Wahnsinn nur vom Löffel; sie stützte sich auf die Ellenbogen und versuchte ihre Auseinandersetzungen mit Gebärden zu begleiten. Die Aussätzige nahm sie bei den Händen und legte sie mitleidig wieder zurück.

Im Todeskampfe noch, während schon die weitgeöffneten Augen sich verschleierten, als ob ein trübes Wasser von innen her in ihnen aufstiege, stammelte Candia noch einmal:

Ich bin es nicht gewesen, Herr ... seht doch – – – – weil – – – der Löffel – – –.

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