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Heinrich von Plauen

Ernst Wichert: Heinrich von Plauen - Kapitel 50
Quellenangabe
typefiction
authorErnst Wichert
titleHeinrich von Plauen
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G.m.b.H.
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHelmut Prodinger
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50. DIE VERSUCHUNG

Die Engelsburg hatte in bester Zeit zweiundzwanzig streitbare Konventsbrüder gehabt. Nach der Tannenberger Schlacht aber waren die Vorwerke furchtbar verheert, die Pferdeställe geleert, ihre Viehherden fortgeführt, und in den folgenden kümmerlichen Jahren hatte so wenig für die Verbesserung des wirtschaftlichen Zustandes geschehen können, daß jetzt kaum ein einziger voller Konvent unterhalten werden konnte. Auch waren darin alte und kranke Brüder, die wenig nutzten. Das alte Haus auf dem Berge kam in Verfall, in der Vorburg unten war's still, und im mittleren Hause – des Hochmeisters Hofburg, wie man's schon seit der Erbauung nannte – hatte nun Heinrich von Plauen, der abgesetzte Meister, seine Wohnung.

Der Engel im himmelblauen Gewande mit erhobenen Flügeln und Armen auf dem roten Fahnentuch der Burg sollte ihm, so hoffte er, ein Friedensengel werden, der ihm hier den Weg hinüber zum ewigen Leben wiese. So krank und elend fühlte er sich, daß er des Leibes Bürde nicht lange mehr meinte tragen zu dürfen. Aber sein Gemüt war frei. Es war ihm wie einem Manne, der Tag und Nacht schweren Harnisch getragen und auf gefahrvoller Wacht den Schlaf unterdrückte, nun aber im leichten Hauskleide der behaglichen Ruhe pflegen mag: er fühlt seinen Körper ohne Gewicht, als müßte er bei jedem Schritt aufschweben. So fühlt sich auch die Seele erleichtert und aufwärts gehoben, wenn plötzlich der Druck der Sorge von ihr genommen; der Verlust wird ein Gewinn, und die mindere Unerfreulichkeit des äußerlichen Zustandes bringt die lang entbehrte Heiterkeit zurück.

Plauen hatte für die Kirche zwei silberne übergoldete Kreuze, zwei Monstranzen, zwei Paar Ampullen, eine silberne Pektorale mit Korallen, eine Korporale, zwei silberne Kelche, ein Meßbuch, ein Martyrologium, auch Ornate und Kappen mitgebracht und sorgte nun, daß der Gottesdienst wieder ordnungsmäßig eingerichtet wurde. Auch an Wirtschaftsvorräten hatte man ihm erlaubt mitzunehmen, was zu des Hauses Notduft gehörte: Landwein, Met und Bier in Fässern und Tonnen, getrocknetes Fleisch, Stör, Butter, Käse und Honig. In seinem Stalle standen ein Bleßroß, ein brauner Livländer, ein brauner Russe bei anderen Rossen, Hengsten und Fohlen. Das Inventar an Arbeitspferden im Karwan, Schafen, Schweinen und Rindern war schwach und der Getreidevorrat gering. Hier war viel zu tun, die Wirtschaft wieder heraufzubringen und die Speicher in der Vorburg zu füllen. Auch das konnte dem tätigen Manne für ein lohnendes Arbeitsfeld gelten.

Vielleicht hatte Plauen gerade die Engelsburg auch nicht ohne einen besonderen Grund gewählt. War doch Buchwalde nicht weit entfernt. Groß war seine Sehnsucht nach Waltrudis, die er seit jenem Spätabend in der Marienburger Pfarrkirche, wo sie mit seiner Einwilligung Hans von der Buche die Hand reichte, nicht gesehen. Er ließ den Ritter sogleich seine Ankunft wissen, und nächsten Tages in der Frühe schon fand sich Hans mit seinem schönen Weibe in der Burg bei dem Kranken ein. Sie hatten auch ihren Knaben mitgebracht und reichten ihn dem Meister zu, und seine Augen glänzten, da er ihn küßte und segnete. Waltrudis hatte von ihrem Bruder erfahren, daß sie Plauens Kind sei, aber es wurde davon nicht gesprochen. Nur sagte der Meister wiederholt: Wie du deiner Mutter gleichst – jetzt mit dem Knaben auf dem Arm –, ich sehe sie leibhaftig. Er heißt auch Heinrich, das ist der Plauen alter Erbname.

Die Buchwalder kamen denn auch öfter zum Besuch nach der Engelsburg, meist an den Sonntagen, wenn die schlechten Herbstwege es irgend erlauben wollten. Wenn aber Frau Waltrudis ein saftiges Stück Wildbret oder ein gutes Gebäck hatte – Frau Ambrosius hatte ihr ein Nürnberger Kochbuch abgeschrieben und übersandt, worin die schönsten Rezepte zu Gewürzpasteten und Mehlspeisen zu finden waren –, so wurde ein Reitender mit einem Körbchen geschickt, daß der kranke Herr auch seinen Teil daran hätte. Dafür ließ er für den kleinen Junker Spielzeug schnitzen, allerhand Waffen von Holz, Steckenpferde und Landsknechte. Der Wappenmaler mußte sie schön anstreichen mit Rot, Blau und Gelb. Der Bube merkte bald, daß im Korbe etwas für ihn zurückkam, und war nicht vom Fenster fortzubringen, wenn der Bote abgeritten war.

Inzwischen gab's freilich auch manche Stunde voll ernster Betrübnis und unmutiger Sorge. So sehr man in der Marienburg bemüht war, alle die Ordenssache betreffenden Vorkommnisse heimlich zu halten und den Inhalt der einlaufenden Briefe seiner Kenntnis vorzuenthalten, so erfuhr Heinrich von Plauen doch vieles von dem, was in Polen und Deutschland geschah. Hans von der Buche trug ihm manche Nachricht zu, und Wichtigeres noch erfuhr er durch seinen Bruder, den man seines Komturamtes entsetzt und als Pfleger nach Lochstedt geschickt hatte, der sich aber nicht in sein Schicksal ergab, sondern durch geheime Botschaften Jagellos Gesinnung ausforschte und sich im Reich über der Großgebietiger Falschheit und Ungerechtigkeit beklagte. Er schrieb ihm, wie die Sachen stünden: daß die Demütigungen Michael Küchmeisters und seiner Genossen den König nur veranlaßt hätten, seine Forderungen unverschämter zu steigern, und daß wegen seiner ungerechten und übereilten Absetzung im Reich ein groß Geschrei erhoben sei gegen den Orden: der junge Reuß von Plauen, Herr von Gera und Graf Albrecht von Schwarzburg mit noch anderen vornehmen Freunden führten Beschwerde bei Königen und Fürsten, daß die Absetzung nicht nach dem Ordensbuch erfolgt, deshalb null und nichtig wäre.

Allerdings hatten die Verschworenen im Gedräng der Umstände nicht Zeit gehabt, alle Förmlichkeiten der Artikel des Hochmeisters von Orseln, die von des Meisters Absetzung handelten, zu befolgen. Es mußte versucht werden, die Angelegenheit noch nachträglich in die Richte zu bringen; deshalb ergingen Schreiben an den Deutschmeister und den Landmeister von Livland, nach Preußen zu kommen und die Angelegenheit zu ordnen.

Auf die zweite Woche des Januar 1414 war der Verhandlungstag angesetzt. Heinrich von Plauen wurde durch zwei Komture von der Engelsburg abgeholt und in den Kapitelsaal geleitet. Nochmals hielt man ihm in Gegenwart der Großwürdenträger des Ordens die Klageartikel vor und verlangte seine Antwort darauf. Er verteidigte sich ruhig und würdig. Ihr klagt mich an, sagte er zuletzt, aber ihr habt keine Beweise, und wo ihr sie erbringen möchtet, da würde sich's bald zeigen, daß sie mich nicht belasten, wie es den Anschein hat. Denn wenn ihr mein Handeln und Unterlassen messet nach meiner Vorgänger Tun, so sollt ihr als gerechte Richter nicht der Zeiten Wandel vergessen, und daß nie vorher ein Hochmeister eingesetzt ist in solchem Drange der Not und sein Amt verwaltet hat in solcher Kümmernis des Ordens und Trübsal des Landes. Gebt also der Wahrheit die Ehre und bekennet, daß ich nicht eines sträflichen Vergehens schuldig und daß ich mit Gewalt aus meinem Amte entfernt, aber nicht nach Ordnung des Rechts abgesetzt bin. Daß ihr aber sehet, wie wenig mein Herz nach Macht und Herrschaft trachtet, so höret dies: Bin ich's, der nach eurer Meinung dem Frieden im Wege steht und durch seine Beharrlichkeit dem Orden in der Not Verlegenheit bereitet und Könige und Fürsten von dem Lande abwendet, so will ich zur Vermeidung alles Ärgernisses und zur Beseitigung der Zwietracht unter den Brüdern freiwillig mein Amt niederlegen. Wolle Gott, daß der Orden mir dies zu danken habe!

An dieses Wort hielt sich der Deutschmeister, lobte seine Frömmigkeit und trug den Brüdern an, des Herrn Hochmeisters Entsagung anzunehmen, damit man ohne weitere Hinderung zur neuen Wahl schreiten könne. Sie waren es sämtlich wohl zufrieden und meinten nun Ruhe zu haben in Deutschland. Sie wußten aber wohl, daß deshalb nicht weniger gewaltsam gegen Plauen gehandelt war, weil er nun nach seiner ungerechten Entsetzung seinen Rücktritt erklärte, da er doch nimmer hoffen konnte, in seine vorige Würde wieder eingesetzt zu werden.

Noch an demselben Tage wählten sie Michael Küchmeister von Sternberg zum neuen Hochmeister des Deutschen Ordens. In der Kirche wurde Plauen vor ihn geführt, als er mit dem hochmeisterlichen Gewande bekleidet war, und der edle Mann beugte sich vor ihm und gelobte ihm Gehorsam als seinem Herrn. Das tue ich um des Heilandes Willen, sagte er, der am Kreuz gestorben ist und allen denen, die ihm übles getan, vergeben hat. Als aber Michael Küchmeister ihm, wie üblich, den Bruderkuß geben wollte, da zuckte er zurück und ließ sein Gesicht nicht berühren. Da wurde jener bleich und sagte leise zornig und doch mit lächelndem Munde: Ich sehe wohl, Bruder Heinrich von Plauen, trotz deiner friedlichen Worte ist dein Herz voll Bitterkeit und Groll gegen mich. Dessen will ich mich erinnern zu anderer Zeit.

Er mochte erwartet haben, daß Plauen für sich etwas erbitten werde; aber kein unstolzes Wort kam über dessen Lippen.

Plauen durfte nach der Engelsburg zurückkehren, seine Ernennung zum Komtur dort wurde bestätigt. Aber der Hochmeister setzte von seinen vertrautesten Freunden einige in den dortigen Konvent ein und gab ihnen auf, ihren Komtur genau zu beobachten und jeden verdächtigen Umgang zu merken, ihm's auch zu hinterbringen, wenn er von auswärts Briefe erhielte oder solche abzusenden sich unterfange. Auch sollte ihn auf allen seinen Wegen der eine oder andere begleiten, damit er nicht heimlich die Flucht ergreife, auch vor der Tür seines Schlafzimmers immer ein Mann Wache stehen. So sehr fürchtete er den verwundeten Löwen, den er nicht in den Käfig sperren durfte.

Er zitterte nicht ganz ohne Grund vor der Rache der Plauen. Der abgesetzte Komtur von Danzig zeigte sich auch jetzt als einen gewalttätigen Mann, dessen Gewissenhaftigkeit nicht groß war. Sein Einfluß im Orden war gebrochen, und nie durfte er hoffen, wieder zu einem wichtigeren Amte zu gelangen, solange sein Feind Michael Küchmeister regierte. Nur von einer gewaltsamen Wiederherstellung seines Bruders hatte er auch für sich neue Gunst des Schicksals zu erwarten, und so empört war sein Gemüt über den Schimpf, der seiner Familie widerfahren, daß er den Gehorsam vergaß, den er dem Orden gelobt hatte, und sich dem König von Polen zu guten Diensten erbot. Gern versicherte ihn der listige Fürst seiner Gnade und seines Schutzes.

So entfernte er sich im Frühjahr von Lochstedt und nahm sein silbernes Gerät mit sich, gut versteckt. Damit reiste er nach Danzig, wo er noch andere Wertsachen einigen Kaufleuten zur Aufbewahrung gegeben hatte, denen er in den Rat geholfen und die deshalb seine guten Freunde waren. Nun hielt er sie doch bei ihnen nicht mehr sicher und übergab sie einem von den Graumönchen, der sie für ihn heimlich außer Landes schaffen sollte. Auch wußte er sich einen Wechsel zu verschaffen, der leicht in seinen Kleidern zu verbergen war und ihn auf der Reise nicht beschwerte, legte den Ordensmantel ab und zog ein grobes Gewand an, das ihn unkenntlich machte. Der Bischof von Kujawien, der in seinen Plan eingeweiht war, schickte ihm seinen Diener Liszek. Der sollte ihn durch Preußen und Masowien zum polnischen Könige führen.

Eines Abends wurde dem Komtur der Engelsburg ein Mann gemeldet, der wie ein Landstreicher gekleidet sei, aber nach Gestalt und Sprache ein Kriegsmann zu sein scheine; vielleicht einer von den entlassenen Söldnern, der sich ihm anbieten oder ein Zehrgeld erbitten wolle. Er ließ ihn vor.

Wie überrascht war er, als er seinen Bruder erkannte. Heinrich, rief er, du hier – und in dieser Verkleidung! Was ist das?

Sind wir sicher? fragte jener, sich im Gemach umschauend. Hört man uns nicht?

Die Mauern sind ringsum dick; die Fenster hochgelegen; an der starken Eichentür möchte jedes Ohr vergebens lauschen. Aber was führt dich her – wohin gehst du?

Der Ritter schob der Sicherheit wegen doch noch den Riegel vor, den er an der Tür bemerkte. Du bist recht grau geworden, seit wir uns zuletzt gesehen haben, sagte er, ohne auf die Fragen zu antworten.

Plauen strich unwillkürlich mit der Hand seinen lang ausgewachsenen Bart. Es ist seitdem viel geschehen, entgegnete er. In Wochen bin ich um Jahre älter geworden – es hätte mein Ende sein sollen, denn für den, der so hinabsteigt, ist das Leben aus.

Oder es nimmt einen neuen Anfang, rief Heinrich, um sich noch höher aufzuschwingen. Man hat dich vergewaltigt! Der Bube, der dir nie das Amt gönnte –

Still, unterbrach Plauen, du sprichst von unserem Meister!

Er ist's so wenig, als du aufgehört hast, es zu sein. Nicht nach dem Recht ist's gegangen, sondern nach der Gewalt. Ich weiß zuverlässig, daß der Marschall sich verschworen hatte mit einigen von den obersten Gebietigern und vielen Brüdern, dich zu stürzen. Ich weiß auch, daß er schon in Ofen bei dem römischen König untreu gegen dich gehandelt und sich für alle Fälle vorgesehen hat. Ich weiß, daß er sich die Gunst seines Legaten, des Ritters von Makra, sicherte und heimlich mit dem Deutschmeister verhandelt hat, der dir wegen der Geldforderungen feindlich gesinnt war.

Und wenn das alles so ist –

Ich will's beweisen. Bist du nach dem Rechten von deinem Hochmeisteramt abgesetzt? Das Ordensbuch weiß von solchen Beschwerden nichts, wie sie von den Buben gegen dich in Artikel gebracht sind. Da finde ich nur, daß der Meister wegen zu großer Härte abgesetzt werden kann und nach vielfacher Warnung. Keine Form ist beobachtet. Wie Räuber haben sie dich überfallen und dir das hochmeisterliche Gewand abgerissen, nach dem der Marschall lüstern war. Mit Gewalt genommen haben sie dir die Siegel und die Schlüssel. Hättest du widersprochen, du wärest ins Gefängnis geworfen, denn es war abgekartetes Spiel, dich vom Amt zu bringen, gutwillig oder gezwungen.

Ich habe vor dem Generalkapitel Verzicht geleistet, Heinrich –

Nicht in Freiheit! Es war offenkundig, daß man dir schweres Unrecht getan hatte. Die Anklagen reichten nicht aus, der Beweis konnte nicht erbracht werden, die Form war verletzt. Ging's nach dem Rechten, so mußtest du wieder eingesetzt werden in dein Amt, und was du dann tatest, das stand bei dir. Wie kann der seinem Amt entsagen, der seines Amtes beraubt ist? Das heißt, ein Dieb nimmt mir meine Habe und erlaubt mir gnädigst darauf zu verzichten. Und an solche Erklärung soll ich gebunden sein? Das ist Spott und Hohn!

Plauen durchmaß unruhig zwei, dreimal das Gemach. Sie werden ihre Richter finden, sagte er, so wahr ein Gott im Himmel lebt!

Die Undankbaren! Wem dankt's der Orden, als dir, daß er noch Herr ist im Lande? Wer hat die Marienburg gehalten, als die Besten verzagten? Wer hat Jagello und Witowd zum Frieden gezwungen, ohne eine Handbreit Land zu opfern? Wer hat die Burgen und die Gefangenen gelöst? Wer hat den Orden bei Ehren und Ansehen erhalten? Und dafür zum Lohne dieser Schimpf! Ein Plauen abgesetzt vom Hochmeisteramt! Ein Plauen beschimpft vor allen Fürsten und Herren im Reiche. Wer das geduldig trüge, wäre ein Elender! Nein, ich kenne dich besser. Das erträgt kein Plauen!

Diese Rede verfehlte ihren Eindruck nicht. Starr blickte der schwer gekränkte Mann auf den Boden, die Mundwinkel zuckten, die Muskeln auf der Stirn spielten. Und was soll geschehen? fragte er nach einer Weile mit dumpfer Stimme.

Zurückfordern sollst du, was dir gehört! rief sein Bruder. Und wenn man dir's nicht gutwillig gibt, es nehmen mit Gewalt.

Mit Gewalt –!

Hat der Orden einen besseren Freund als dich? Hat er einen schlimmeren Feind als diesen Michael Küchmeister? Weißt du nicht, daß er den König von Polen um Frieden angebettelt hat? Und laß dir noch sagen, was der Übermütige von einem solchen Schwächling fordert. Um sich zu behaupten, muß er des Ordens Gut verschleudern. Dem Könige selbst aber ist damit wenig gedient, einen Freund dieser Art zu gewinnen. Er kennt ihn als listig und verschlagen und gewissenlos. Er sieht voraus, daß der Bube ihn verraten wird, wie er dich verraten hat. Und was nützt ihm das Bündnis mit einem, den er selbst stützen muß? Ganz anders steht er mit dir. Du bist ihm ein ehrlicher Feind gewesen, du wirst ihm ein ehrlicher Freund sein. Viel liegt ihm daran, dich zu gewinnen; andere, mäßigere Bedingungen wird er dir stellen, und zum zweiten Male wirst du den Orden und das Land gerettet haben.

Plauen sah erschreckt auf und heftete fest den Blick auf des Sprechers rotglühendes Gesicht. Wie – du dächtest daran –?

Den König von Polen anzurufen – ja! Er ist der einzige, der uns zu unserem Rechte verhelfen kann. Die Könige von Ungarn und Böhmen werden keine Hand für uns rühren, auf die deutschen Fürsten ist kein Verlaß. Aber Jagello braucht uns, wie wir ihn brauchen. Ich gehe zu ihm und protestiere unter seinem Schutz gegen Gewalt. Folge mir dorthin – du wirst als Hochmeister des Deutschen Ordens empfangen werden. Jagello wird erklären, daß er deine Absetzung nicht zu Recht erkennt, nur mit dir über den Frieden verhandelt. Sein Wort reicht aus, die Verschwörer in der Marienburg zittern zu machen, unsere Freunde obenauf zu bringen. Einige Konvente sind dir treu geblieben, wünschen nichts sehnlicher, als dich wieder zur Macht zu bringen. Sie werden sofort für dich Partei ergreifen, ihre Schlösser dem rechtmäßigen Herrn übergeben. In kürzerer Zeit, als du die Marienburg verteidigt hast, wirst du sie einnehmen und deine Gegner in den Staub werfen. Du darfst nur wollen, und du bist wieder Herr des Landes.

Plauen fuhr heftig auf: Durch Verrat! Mit Hilfe des Feindes – nach schmachvollster Unterwerfung! Das ist Landesverrat!

Den dir das Land danken wird. Ich stand fest zum Orden; du weißt, daß ich unzufrieden war mit deiner Nachgiebigkeit gegen die Forderungen des Landes, daß ich dem Orden die Herrschaft erhalten wollte. Aber der Orden hat unser Recht verletzt, unsere Ehre gekränkt, sich unwürdig gezeigt unseres Gehorsams. Ich sehe ein, daß du auf dem rechten Wege warst: nur hättest du nicht auf der Mitte stehenbleiben sollen. Du meintest mit deinem Landesrat regieren zu können als Hochmeister des Ordens: gib dem Lande einen Fürsten, und du wirst mächtig sein im Ordensrat.

Letzkau – Letzkau –! rief Plauen und bedeckte die Augen mit der Hand. Der Ritter entfärbte sich. Warum gedenkst du dessen? fragte er finster. Das war sein Gedanke. Und wahrlich, er wird recht behalten, mag man's auch spät erst erkennen. Höre nicht auf die Toten, höre auf die Lebendigen, mahnte der frühere Komtur von Danzig. Komm mit mir zum König – noch diese Nacht. Plauen schüttelte unwillig den Kopf. Nein – nein – nein! Man wird dir die Freiheit nicht lassen – du bist deines

Lebens nicht sicher, glaube mir!

Es geschehe, was Gott will. Sein ist die Rache! Nie werde ich mich demütigen vor dem König und seiner Gnade mein Heil verdanken zu des Landes Verderb und des Ordens Schmach. Du versuchst mich nicht. Wie ich gelebt habe, so will ich auch sterben, reinen Herzens und freien Gewissens. Du aber kehre um, da es noch Zeit ist – ich beschwöre dich! Geh nicht zum Könige, beflecke nicht den Schild deiner Ehre, brich dein Gelübde nicht!

Ich kann nicht zurück, antwortete der Ritter. Meine Flucht ist längst bemerkt und berichtet. Soll ich mir Ketten um die Hände schmieden lassen? Ich gehe nach Polen. Und ich gebe dich noch nicht auf. Auch ohne deine Vollmacht will ich für dich handeln. Ist's eine Schuld, sich zu wehren gegen Gewalt und sich zu rächen an denen, die uns Übles tun, so will ich sie für dich auf mein Gewissen nehmen. Du sollst noch weiter von mir hören.

Damit grüßte er trotzig den halb Abgewandten, schob den Riegel zurück und ging.

Er hatte sein Pferd in der Dorfschenke eingestellt, schwang sich ohne Aufenthalt darauf und jagte fort auf den Wegen, die östlich zur masowischen Grenze führten. Sein Diener Liszek war schon voraus und hatte ihn den königlichen Hauptleuten gemeldet, die in einigen Meilen Entfernung ihre gegen Preußen aufgebotenen Heerhaufen zusammenhielten. Sie schickten ihm sofort vierzig Reiter entgegen. So stattlich geleitet, langte er im königlichen Hoflager an und wurde sogleich vor Wladislaus Jagello gefühlt, der ihn mit großen Ehren empfing.

Der König ließ ihm ritterliches Gewand, wie man's im Orden trug, auch einen weißen Mantel reichen, und wünschte, daß er so gekleidet an der Hoftafel erschien, damit es jedermann kund werde, welchen Gast er bei sich aufnehme. Es schmeichelte seiner Eitelkeit, seinen Großen zu zeigen, daß der Bruder des großen Hochmeisters, der die Marienburg gegen sie verteidigte, nun hilfesuchend vor ihm erschien und, selbst ein Ordensritter, den Orden vor ihm anklagte. Er durfte hoffen, daß diese Klage ihm Gelegenheit geben werde, sich in die inneren Angelegenheiten der Brüderschaft zu mischen, und so erschien's auch den Kronbeamten und der ganzen Hofgesellschaft, weshalb sie den Ritter die Demütigung möglichst wenig merken ließen. Bei Tisch saß er zur rechten Hand des Königs und gegenüber dem Großkanzler. Jagello fragte, wie es Herrn Heinrich von Plauen, dem Hochmeister, ergehe, und nannte ihn seinen Bruder.

Dann, nach erhaltener Auskunft, fuhr er heuchlerisch fort: Ich wüßte mir keinen lieberen Gast als ihn. Denn nie habe ich einen größeren und ehrenwerteren Feind zu bekämpfen gehabt. Furchtbar war des Ordens Niederlage in der Tannenberger Schlacht; schon der Mut ist bewundernswert, mit einer kleinen Schar den Widerstand zu versuchen. Auch wenn er erlegen wäre, würde man ihn als einen Helden preisen. Er hat aber durch seine mannhafte Tat den siegreichen Gegner zum Rückzug genötigt und ihn um die besten Früchte des Sieges gebracht. Seine Heldenhaftigkeit zu ehren, ist mir selbst eine Ehre. Ich beklage sein Schicksal, aber beklagenswerter erscheint mir das Schicksal des Ordens, der sich selbst der tapfersten Hand beraubt und große Dienste mit schnödestem Undank gelohnt hat. Denkt Euer erlauchter Bruder ebenso gut von seinem Feinde als ich von dem meinigen, so könnten wir uns wohl für die Zukunft verständigen und freundschaftlich den alten Streit vergleichen.

Schreibt ihm, daß er vertrauensvoll zu mir kommen möge. In dem Augenblicke, in dem er Polens Grenze überschreitet, ist er wieder der Hochmeister Deutschen Ordens, und mit diesem will ich verhandeln. Der gnädigste Gott wolle geben, daß wir so unseren Ländern zu dauerndem Frieden helfen.

Dabei legte er die Hände aneinander und blickte zum Himmel auf.

Später sprach der Ritter mit des Königs Kanzler, der sich ebenso entgegenkommend äußerte. Über die Bedingungen werde man jetzt, wo sich für Plauen die Sachlage wesentlich geändert habe, leicht einig werden können. Er deutete an, daß der König sich vielleicht mit einem Teil der Neumark begnügen werde. Doch könne darüber ernstlich nur mit dem Hochmeister selbst verhandelt werden. Je schneller und rückhaltloser derselbe sich in des Königs Arme werfe, desto mehr Vorteil habe er von dessen Großmut zu erwarten.

Durch solche Vorspiegelungen ließ der Ritter sich willig betören, schrieb Briefe an seinen Bruder, in denen er ihm den Stand der Sache meldete und zu schleunigster Flucht mahnte, und schickte Liszek ab, sie ihm nach der Engelsburg zu überbringen.

Dort aber war der Besuch, den der Komtur empfangen hatte, seinen Aufpassern nicht unbemerkt geblieben. Hatte man den Mann in dem groben Kleide auch nicht erkannt, so argwöhnte man doch einen geheimen Verkehr mit den Gegnern des jetzigen Meisters und beschloß auf der Hut zu sein. Als daher Liszek kam, der sofort an der Sprache als ein Pole erkannt wurde, ließ man ihn nicht zum Komtur ein, sondern untersuchte unter dem Vorwande, daß er im geheimen Waffen bei sich tragen könnte, seine Kleider. Er entsprang, wurde aber eingeholt und in den Turm geworfen. Dort konnte er die Briefe nicht länger verbergen, gestand auch, mit der Folter bedroht, wer ihn geschickt habe.

Sofort ging ein Eilbote mit den Briefen an Michael Küchmeister ab. Nun ist's erwiesen, rief derselbe, daß Plauen mit seinem eidvergessenen Bruder in engster Verbindung steht und selbst mit hochverräterischen Plänen gegen den Orden umgeht. Nicht anders sind diese Briefe zu deuten, die ihn zum König von Polen einladen und seine gewaltsame Wiedereinsetzung in Aussicht stellen. Er wird leugnen; aber wir wissen jetzt, woran wir sind, und nehmen danach unsere Maßregeln. Er war innerlich froh, auf solche Art eine gute Handhabe zu gewinnen, den gefürchteten Mann unschädlich zu machen.

Sofort ging einer von den Gebietigern mit mehreren Gewaffneten nach der Engelsburg ab, den Komtur seines Amtes zu entsetzen und für einen Gefangenen zu erklären. Gott ist mein Zeuge, rief Plauen, daß Ihr mir schweres Unrecht tut!

Ich wollte, Ihr hättet Euch anderer Zeugen versehen, die wir abhören könnten, antwortete der Gebietiger höhnisch. Hättet Ihr Euren Bruder nicht heimlich aufgenommen, Ihr könntet Euch besser verantworten. Nun tragt in Geduld, was Euch bestimmt ist.

Ich bin in Eurer Macht, sagte Plauen. Ich wär's wahrlich nicht, wenn ich meines Bruders Mahnung Gehör gegeben hätte. Und doch –! Hätt' ich gewußt, was ich heute weiß – ich wär' ihm nicht gefolgt. Tut mit mir, was Euch beliebt.

Mit Liszek wurde schnellster Prozeß gemacht: man ließ ihn vor die Burg hinausführen und am nächsten Baume henken. Es half ihm nichts, daß er sich auf den Bischof von Leslau berief, der sein eigentlicher Herr sei. Wollt ich wünschen, rief er in seinem Kauderwelsch, als schon der Strick um seinen Hals gelegt war, daß hätt' ein anderer meine schlechte Kopf und ich seine gute Gewissen. Er machte noch einen letzten Versuch. Lassen mich los, liebe Herren, und ich wollen verraten den Herrn Bischof, meinen gnädigen Herrn. Die Knechte aber taten, was ihnen befohlen war. Einer meinte auf dem Heimwege: Die kleinen Diebe henkt man, die großen läßt man laufen.

Heinrich von Plauen wurde, von Bewaffneten geleitet, mit größter Heimlichkeit und meist in der Nacht von Burg zu Burg gebracht und endlich nach einer beschwerlichen Reisewoche in der Brandenburg, auf einer Höhe am Frischen Haff zwischen Königsberg und Balga belegen, eingeschlossen. Man gab ihm ein hochgelegenes Gemach im festesten Turm und ließ es Tag und Nacht bewachen.

Von seinem kleinen Fenster aus schaute er über den breiten Wasserspiegel nach der samländischen Küste, die mit dichtem Walde besetzt war. Fischerboote kreuzten täglich das Haff – bald kannte er ein jedes an seinem Segel. Mitunter zog in der Ferne auch ein Schiff vorüber, das in Königsberg mit Getreide beladen war und den Ausgang in die freie See suchte.

Wer mit ihm hätte hinaus können in die Freiheit!

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