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Heinrich von Plauen

Ernst Wichert: Heinrich von Plauen - Kapitel 46
Quellenangabe
typefiction
authorErnst Wichert
titleHeinrich von Plauen
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G.m.b.H.
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHelmut Prodinger
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46. PRÜFUNGEN

Erst am 24. August erfolgte des römischen Königs Schiedsspruch. Wladislaus Jagello war längst vorher abgereist; Michael Küchmeister mußte erkennen, daß seine Nachgiebigkeit dem Orden wenig Gunst gebracht hatte. Denn so lautete des Königs Spruch:

Der König von Polen soll die Gefangenen freilassen und die Urkunde über des Ordens Ansprüche auf Samogitien ausstellen binnen sechs Monaten.

Der Orden aber soll bis Weihnachten seine Schuld von 69 400 Schock Prager Groschen an Polen berichtigen.

Hält der Orden diesen Termin nicht, so soll er dem polnischen Könige die Neumark nebst Driesen und Schivelbein zum Pfand geben. Der Bischof von Leslau (Kujawien) soll in seine Güter und Rechte wieder eingesetzt und für seine Verluste entschädigt werden. Die Entschädigungssumme wird der römische König bestimmen.

Der Bischof Heinrich Vogelsang von Ermland möge in sein Bistum zurückkehren dürfen; alles, was man von seiner Kirche erhoben, solle ihm ersetzt werden, und was der Orden mit ihm auszugleichen habe, nach dem Rechte geschehen.

Die Handelsstraße zwischen Preußen und Polen soll nach alter Gewohnheit zu Lande und zu Wasser frei sein.

Alle vor dem letzten Frieden erhobenen Klagebeschwerden sollen abgetan sein; spätere will der König seiner ferneren Entscheidung vorbehalten.

Die Streitfrage über die Grenzen des Ordensgebietes und andere dergleichen sollen im Lande selbst durch Bevollmächtigte, die der König senden wird, erörtert werden.

So des römischen Königs Wille zu beider Teile Frommen.

Sich selbst hatte er dabei keineswegs vergessen. Nicht nur war ihm von dem schlauen Bischof von Leslau die Entschädigungssumme, über welche erst noch gesprochen werden sollte, bereits im voraus als ein Geschenk abgetreten, sondern Wladislaus Jagello hatte ihm auch von den festgesetzten Kriegskosten den Betrag von 25 000 Schock Groschen gegen Verpfändung von dreizehn Orten in der Zipser Gespanschaft dargeliehen und den Orden zur Zahlung angewiesen. So erklärte sich's, daß der Spruch des Königs diesen Teilen günstig fiel.

Der Ordensmarschall, so tapfer er auch bei jeder neuen Verhandlung mit Worten kämpfte, hatte doch Schritt nach Schritt in allen diesen Punkten nachgegeben, wie wenig auch seine Instruktion ihn dazu ermächtigte. Er wußte, daß der Krieg unvermeidlich sei, wenn der Orden nicht annehme, und hielt, wie tüchtig er sich auch für seine Person als Kriegsmann bewährt hatte, den Krieg für das schwerste Unglück, das den Orden betreffen könne. Wie sollte dieser seinen übermächtigen Feinden in seiner Not mit Erfolg Widerstand leisten können, wenn König Sigismund im Zorn ganz seine Hand von ihm abzog? So meinte er nun das Äußerste an Vorteilen durch seine Zähigkeit erreicht zu haben, was sich unter so traurigen Umständen erreichen ließ, und rechnete, wenn nicht auf des Meisters Dank, so doch auf dessen vernünftige Einsicht, daß die Gesandtschaft sich zuletzt wohl fügen mußte.

Er ließ sofort durch den Kanzler die nötigen Briefe an den Hochmeister ausfertigen und schickte Heinz von Waldstein mit denselben voraus nach der Marienburg. Er selbst begab sich zunächst nach Przemysl zum polnischen Könige, in der Hoffnung, durch eine persönliche Verhandlung mit demselben Erleichterungen für den Orden erlangen zu können.

Heinz beeilte seine Reise, so viel er konnte. Noch vor Mitte des September langte er in der Marienburg an und gab sogleich seine Briefe ab. Plauen war bestürzt über diesen Ausgang des Ofener Tages und erzürnte sich noch mehr, als er von Heinz erfuhr, wie es am Königshofe zugegangen sei. Unmöglich schien's, die gewaltige Schuldsumme bis Weihnachten aufzutreiben. Das wissen sie, rief er, und darum setzen sie diesen kurzen Termin. Um das ist es ihnen zu tun, was ihnen zufallen soll, wenn wir ihn nicht einhalten. Nach der Neumark, des Ordens unentbehrlichsten Besitz, streckt Jagello seine begehrliche Hand aus. Er weiß, daß er uns jeden Zuzug aus Deutschland abschneiden, daß er uns die Verbindung mit dem Reich sperren kann, wenn er sie im Besitz hat, daß wir in Zukunft ganz hilflos in seine Macht gegeben sind, wenn er unsere Freunde hindern kann, uns beizustehen. Und selbst die Bischöfe, diese Ächter und Verräter, setzt er über uns! Käme der Bischof von Ermland wieder ins Land, dann wäre es besser, der Orden nähme sein Kreuz auf den Rücken und pilgerte in ein ander Land! Wie durfte Bruder Michael wagen, in solche Bedingungen zu willigen? Sah er denn nicht, daß man uns das Schwert aus der Hand winden wollte, um uns zu binden und zu berauben? Nimmer gebe ich dazu Brief und Siegel!

Er sandte Heinz nach kurzer Rast mit einem Schreiben voll bitterer Vorwürfe dem Ordensmarschall nach Polen entgegen; es war darin klar ausgesprochen, daß er die Ratifikation der abgeschlossenen Verträge zu verweigern entschlossen sei. Diese Nachricht traf Michael Küchmeister, der bei Jagello nicht das mindeste ausgerichtet hatte und schon deshalb verdrießlich war, aufs empfindlichste. Seine eigene Ehre hielt er dem römischen König für verpfändet; seiner Person glaubte er Plauen feindlich gesinnt, wenn dieser drohte, sein Wort nicht zu bekräftigen und ihn bloßzustellen. Da reifte bei ihm der Gedanke, daß Heinrich von Plauen eine Gefahr für den Orden sei und beseitigt werden müsse, wenn er sich nicht füge – er ließ ihn seitdem nicht mehr los.

Der Ordensmarschall kehrte nicht nach Ofen zurück, die Verhandlungen mit dem römischen Könige wieder aufzunehmen, sondern setzte seinen Weg nach der Marienburg fort. Der Hochmeister sollte belehrt werden, daß Nachgiebigkeit das zwingendste Gebot der Klugheit sei. Auge in Auge, so erwartete er zuversichtlich, werde Plauen Anstand nehmen, solche Kränkungen zu wiederholen. Äußerstenfalls meinte er sich auf die Entscheidung eines Generalkapitels berufen zu müssen und der Zustimmung seiner Mitgebietiger sicher zu sein.

Heinz bestieg in Thorn ein Danziger Weichselschiff, das mit polnischem Getreide beladen war, in der Meinung, daß er nun dem Herrn Hochmeister sein Wort gelöst habe und wohl berechtigt sei, sich wieder um seine eigensten Angelegenheiten zu kümmern. Seine Sehnsucht nach Maria wollte sich nicht länger zügeln lassen, und wenn er auch zweifeln mußte, ob es ihm gelingen würde, das geliebte Mädchen zu sehen und zu sprechen, so hoffte er doch in ihrer Nähe freier zu atmen, vielleicht auch durch Barbara oder auf andere Weise Gelegenheit zu erhalten, mit ihr wenigstens brieflich in Verkehr zu treten oder sie doch grüßen und seiner Treue versichern zu lassen. Vielleicht war Herr Tidemann Huxer jetzt zugänglicher und zu verzeihen geneigt. Jedenfalls wollte er den Hochmeister an seine Zusage, noch einmal die Vermittlung zu versuchen, nicht eher erinnern, bis er sich über die gegenwärtige Sachlage an Ort und Stelle genau unterrichtet hätte.

Auf diesem Weichselschiffe aber diente ein alter Bekannter, Klaus Poelke vom Hakelwerk, als Matrose.

Am Tage der Abfahrt konnte der Junker ihn nur flüchtig begrüßen, da es auf dem Deck für die Mannschaft alle Hände voll zu tun gab. Als aber abends angelegt war und am Ufer das Feuer brannte und der Kessel mit Rüben und Lammfleisch darüber hing, hatte der Matrose nichts zu versäumen und ließ sich von ihm gern zwischen den Weiden finden. Er mochte wohl vorausgesetzt haben, daß der Junker mit ihm sprechen wolle, und war deshalb eine Strecke den Treidelsteg entlang gegangen, damit er ihn allein antreffen könne. Übrigens sah sein Gesicht nicht danach aus, als ob viel Gutes und Frohes mitzuteilen wäre.

Nun, wie ist's gegangen, Klaus? redete Heinz ihn an.

Der Schiffer lüftete ein wenig die Kappe von Seehundsfell, die fast wie ein Helm aussah. Ich danke schön, gnädigster Junker, antwortete er, schlecht und recht.

Man hat dir's hoffentlich nicht nachgetragen, was du für mich getan hast und noch mehr tun wolltest?

Doch, gnädigster Junker, doch! Ich erfuhr, daß die Danziger Herren mich festnehmen und in den Turm werfen lassen wollten, wenn ich mich in der Rechten Stadt blicken ließe. So durfte ich nicht wagen, mit meinem Boot am Fischmarkt anzulegen und meine Ware dort zum Verkauf zu stellen, wie ich sonst pflegte. Sie hätten sich wohl auch gern auf andere Weise an mich gemacht, getrauten sich aber doch nicht, mich im Hakelwerk oder auf dem Wasser aufzuheben und in des Herrn Komturs Gerichtsbarkeit einzugreifen.

Das tut mir leid, Klaus.

Es hat so viel nicht zu sagen, Herr. Ich mußte mich nun aber doch nach einem andern Erwerb umsehen. Und da es mit der Seeschiffahrt noch immer nicht sonderlich ging, hab' ich mich bei einem Weichselfahrer in der Jungstadt verheuert und reise nun auf und ab zwischen Thorn und Danzig, auch wohl einmal bis Warschau hinauf. Er schnitzelte mit seinem Messer an einem Weidenknüttel herum. Schade nur, daß wir damals nicht mehr Segel hatten.

Wie steht's denn in Danzig? fragte Heinz nach einer Weile.

Nicht zum besten, glaub ich. Man hört viel klagen, daß der Komtur dem Rat auf dem Nacken sitzt und der Handel nicht auf kann. Da haben denn auch die Handwerker nicht viel zu tun, sitzen in ihren Herbergen zusammen und beraten allerhand Artikel, die sie dem Rat vorlegen wollen. Sie meinen mit des Komturs Hilfe alles durchzusetzen. Aber in meinen dummen Gedanken stell ich mir vor, daß er sie gewähren läßt, weil sie den Rat niederhalten, und daß sie sich, wenn der erst ganz zahm gemacht ist, doch am Ende die Finger verbrennen werden.

Das war's nicht, was der Junker hören wollte. Du magst recht haben, sagte er, aber ich dachte an diese Händel nicht. Was treibt denn deine Muhme, Frau Barbara?

Je, die sitzt bei meiner Mutter und spinnt fleißig.

Wie –? Ist sie denn nicht mehr bei Huxer?

Der Matrose schnitt lange Späne von dem Knüttel ab und ließ sie vor sich ins Wasser fliegen. Ach, Herr Junker, sagte er, der ist's schlecht genug gegangen. Herr Huxer, als er hinter die ganze Heimlichkeit gekommen war, hat sie Knall und Fall aus dem Hause gejagt, dem sie so viele Jahre in Ehren gedient hat. Und es war doch keine so große Sünde, daß sie ihrem Fräulein helfen wollte und die Flucht nicht verriet. Aber er ist ein harter Mann und hat ihr nicht einmal ein Jahrgeld ausgesetzt. Sie mußte noch froh sein, daß sie ihre Sachen und ihr Gespartes mitnehmen durfte.

Der Junker wiegte verwundert den Kopf. Wer wirtschaftet denn nun im Hause?

Ei, da ist nicht viel zu wirtschaften. Herr Huxer ist meist auf Reisen – man sagt, er habe im Sinn, sein ganzes Geschäft nach Stockholm zu verlegen oder nach Wisby überzusiedeln. Vielleicht besinnt er sich auch eines andern. Wenn er zu Hause ist, genügt ihm das Stübchen neben dem Kontor, das dann der älteste Kaufgeselle räumt. Oben ist alles zugeschlossen.

Und Maria?

Klaus sah von unten her zu dem Junker hinüber, als ob er sich versichern müßte, richtig gehört zu haben, schnitt noch eine tiefe Kerbe in den Weidenast, klappte bedächtig das Messer zu und ließ es in seine Hosentasche gleiten. Ihr fragt sonderbar, Herr Junker, sagte er dann. Wißt Ihr's denn nicht?

Heinz trat dicht an ihn heran und ergriff seinen Arm. Was soll ich wissen, Klaus? rief er, rasch aufgeregt.

Der Schiffer rückte unschlüssig an seiner Kappe. Ach, das ist ja eine traurige Geschichte, Herr, eine traurige Geschichte.

Um Gottes willen! Was ist mit Maria?

Sie ist – nein, ich kann's gar nicht sagen, wenn Ihr's nicht wißt.

Huxer hat sie ins Kloster der Reuerinnen gebracht – ich weiß es.

Jawohl, Herr, aber es war nicht seine Meinung, daß sie da ihr Leben lang bleiben sollte. Er hoffte, sie würde sich leicht einschrecken lassen und ihrem versprochenen Bräutigam zum Altar folgen. Aber da hatte er die Rechnung ohne den Wirt und auch ohne die Wirtin gemacht. Denn sie weigerte sich standhaft, wie sie auch bedrängt wurde! Die Barbara hat's bei den Schwarzmönchen erfahren, und die sind immer gut unterrichtet. Herr Rambolt von Xanten aber, des Schultheißen Sohn, hat zwar anfangs ein Auge zudrücken und des Fräuleins Hand trotz alledem annehmen wollen, da ja zum Glück noch nichts Sonderliches geschehen und er auch das große Vermögen nicht fahren lassen wollte. Hätt's nur ganz stillbleiben können, was in jener Nacht vorgegangen war! Aber das war nicht zu erzwingen. Und als es erst ruchbar geworden war, daß das Fräulein mit Euch hatte entfliehen wollen und schon unterwegs gewesen sei, und daß der Ratsherr gegen Euch beim Herrn Hochmeister Klage geführt habe, und als auf der Georgsbank im Artushof darüber hin und her gesprochen und dem Fräulein keine glimpfliche Nachrede gemacht wurde, da legte sich der alte Herr von Xanten darein und verbot seinem Sohn jede fernere Werbung, suchte ihm auch unter den reichen Erbtöchtern eine andere Frau aus und machte die Sache sogleich richtig. Darüber wurde Herr Tidemann Huxer sehr erbost und sagte, daß seine Tochter Schande über sein ganzes Haus gebracht habe und zur Sühne ihrer Schuld das Kloster nicht mehr verlassen, all sein Hab und Gut aber der Kirche zufallen solle. Das Fräulein aber hat trotzig widersprochen, den Schleier nicht nehmen zu wollen, und hat auch keine geistliche Vermahnung und kein Zwang geholfen. Was sie dann mit ihr angestellt haben, ihren Willen zu beugen, das wissen nur ihre Peiniger. Aber endlich –

Sie ist eine Nonne geworden? schrie Heinz auf.

Klaus Poelke schüttelte den Kopf, ohne aufzusehen. Nein, Herr, sie soll widerstanden haben bis zum letzten, aber von aller Qual hat sie – der Tod erlöst.

Heinz brach zusammen.

Der Matrose sprang hinzu und hielt ihn in seinen Armen auf. Minutenlang war er der Sprache nicht mächtig, aber der schmerzliche Ausdruck seines Gesichtes sagte, was er litt. Dann ächzte er: Tot – Maria tot –! wand sich auf dem Boden und wühlte die Stirn in den Ufersand.

Klaus stand ruhig und ließ Heinz gewähren. Er hielt es für nutzlos, ihm tröstend zuzusprechen, wußte auch nicht, wie etwa er die Worte setzen sollte. Nach einer Weile richtete der Junker sich auf und faßte seine rauhe Hand. Ist es denn gewiß? fragte er. Sage nein, daß mir doch noch ein Schimmer von Hoffnung bleibt.

Ich kann Euch nicht belügen, lieber Junker, antwortete Klaus. Meinte ich doch, Ihr würdet's schon von andern erfahren haben. Denn obschon die Sache still abgemacht werden sollte, ist sie in Danzig doch in aller Leute Mund. Spät am Abend wurde die Leiche in einem einfachen schwarzen Sarg vom Kloster nach der Gruft in der Marienkirche gebracht und beigesetzt. Ich selbst hatte mich mit Barbara in die Stadt geschlichen, und wir haben den Sarg tragen sehen. Der Ratsherr soll dem Kloster eine Tonne Goldes geschenkt haben. Sie reden auch davon, daß er nicht sehr bekümmert gewesen und gesagt habe: Lieber tot und begraben als in der Leute Mund. Er hab's nicht überwinden können, daß sein Haus in Unehren gebracht war und daß im kleinen Hof alles still würde, wenn er eintrat. Lieber tot und begraben als in der Leute Mund.

Und wann – ist das geschehen? forschte Heinz mit matter Stimme.

Erst vor einigen Wochen, versicherte der Schiffer. Wenige Tage darauf trat ich diese meine letzte Reise an.

Ich weiß genug, sagte der Junker. Die hellen Tränen standen ihm in den Augen, und er wischte sie nicht fort. Nun ist's auch über mich entschieden. Geh – laß mich allein.

Klaus schien das bedenklich. Herr, sagte er, ich hoffe, daß Ihr wie ein Christ solches Leid tragen werdet. Denn so schwer es der Himmel manchmal auf unsere Schultern legt, soll doch niemand an Gottes Güte verzweifeln und etwas tun, das gegen sein Gebot ist. Kommt lieber mit mir ans Feuer – ich will Euch zur Nacht ein Lager bereiten neben dem meinigen.

Heinz drückte ihm die Hand. Fürchte nichts derart, beruhigte er ihn. Ich werde nicht die Sünde suchen, um dem Leib zu entfliehen. Das hieße ewiglich von ihr getrennt sein. Aber ich weiß etwas, das Leben und Tod ist zugleich, und danach verlangt mich nun. Geh – ich kann nicht schlafen und will's bedenken. Morgen siehst du mich wieder auf dem Schiff.

Er hielt Wort. Als man aber an die Montaner Spitze kam, wo der Strom sich in Weichsel und Nogat trennt, setzte er die Reise nach Danzig nicht fort, sondern ging vom Schiff ab, nachdem er Klaus Poelke reich beschenkt hatte, und setzte zu Fuß seinen Weg nach der Marienburg fort.

Bevor er eintrat, umschritt er das Schloß bis zu der Stelle, wo das mächtige Marienbild sichtbar wurde. Dort warf er sich in den Staub und betete lange.

Dann ließ er dem Hochmeister seine Ankunft melden und bat um ein Gespräch.

Gnädigster Herr, sagte er, seine Hand küssend, Ihr habt mich ernstlich einmal ermahnt, das Kreuz zu nehmen und in Euren Orden zu treten. Damals war mein Sinn weltlich und mein Herz voll Hoffnung, daß es seines Glückes froh werde. Jetzt hab' ich schwerste Kümmernis erfahren, und die Welt ist mir leer, und ich weiß nicht, wie ich anders darin leben soll, als wenn ich allein Gott dem Herrn diene, der mich aufrecht halten kann in seiner Gnade. Also bitte ich Euch inständigst, gnädigster Herr, nehmt mich zu solchem Dienst an und gebt mir das Kreuz, von dem ich einzig mein Heil erwarte.

Heinrich von Plauen erkundigte sich teilnehmend nach seinen Schicksalen und sagte dann, die Hand auf sein lockiges Haupt legend: Ich will dich nicht schelten, daß du im Schmerz die Mutter unseres Heilandes suchst, die selbst große Schmerzen litt um ihren Sohn und deshalb die Krone des ewigen Lebens empfing. Denn der Schmerz reinigt unser Gemüt von allem im Sonnenschein des Glücks hoch aufgeschossenen Unkraut und macht den Acker frei für eine neue, beßre Saat. Ich hab's an mir selbst erfahren: Auch mich trieb das Leid zur Entsagung. Aber der Weg zum wahren Heil ist das noch nicht. Wähne niemand Gott zu dienen, der im Unmut seine Werke verachtet und sich mit Widerwillen von der Welt abwendet. Nur wer seines Unmutes Herr wird, gewinnt den Mut der Liebe zu Gott und macht seinen Willen frei, des Höchsten Werke zu fördern. Denn wenn er selbst in seiner großen Barmherzigkeit uns auch als Verdienst zurechnen mag, daß wir entbehren, so finden wir doch den echten Frieden nur in der Freude, ihm zuzustreben. Jetzt lockt dich das Kreuz nicht, weil es des Heilandes Kreuz ist; dein eigenes Kreuz meinst du leichter unter ihm tragen zu können. Das ist das Rechte nicht, und wer zu uns trat, fühlte schon oft sein eigen Kreuz leichter und leichter, des Heilandes Kreuz aber immer drückender werden und bereute seinen vorschnellen Entschluß. Darum will ich dein Wort heute nicht in Pfand nehmen, daß du es lösen sollst, sondern dir drei Monate Bedenkzeit lassen, damit du dein Herz prüfest. Beharrst du dann aber bei deinem Wunsche, so sollst du mir als Bruder willkommen sein.

Sein Einspruch blieb unbeachtet. Nach des Ordens Statuten, erklärte der Meister, ist eine solche Probation vorgesehen für diejenigen, die sich im Kapitel schon bereit erklärten, in den Orden eintreten zu wollen. Dort können sie darauf verzichten, wenn sie sich ganz sicher fühlen. Darum setze ich dir aus rechter Wohlmeinung die Prüfungszeit vorher und nehme kein Verzicht an. Du sollst aber die drei Monate in unserm Hause wohnen und mit uns essen und schlafen, und ich will dir einen Ritterbruder und einen Priesterbruder zur Seite geben, daß sie dich in allem unterrichten, was künftig deine Pflicht sein soll, damit du nicht unwissend dein Gelübde sprichst und keine Entschuldigung hast vor Gott, wenn du es brechen solltest. Ich hoffe aber, wenn du es sprichst, so wirst du auch der Jungfrau Maria wackerer Streiter und eine feste Stütze des Ordens vom Deutschen Hause sein.

Es war Heinz gar lieb zu hören, daß ihm der alte Wigand von Marburg als Lehrer zugewiesen war, dazu ein Bruder Johannes, der wegen seiner Frömmigkeit in großem Ansehen stand. Mit ihnen hatte er nun steten Verkehr; er schlief in Wigands Zelle auf dem Strohsack, mit einer leichten Decke zugedeckt, und ließ sich tags von ihm das Ordensstatut vorlesen und auslegen; mit Johannes aber war er fleißig zu allen Gezeiten in der Kirche und betete, daß Gott seinen Sinn ganz zu sich lenken möchte. Da merkte er nun wohl, daß der Meister nicht unrecht gehabt hatte: seine Gedanken wollten von der Jungfrau nicht loskommen, die seine Maria gewesen war, und immer stand sie ihm in ihrer Lieblichkeit und Schönheit vor Augen, und er konnte sein Herz gar nicht zwingen, daran zu glauben, daß sie tot und ihm verloren sei. Oft trieb ihn der Unmut hinaus; dann lief er auf dem offenen Mauergang hin und her und ließ sich von dem eisigen Herbststurm durchschütteln und erkälten. Es war ihm, als müßte er zwischen die Zinnen treten und hinabspringen, seinem gequälten Dasein ein Ende zu machen.

Aber zu rechter Zeit erinnerte er sich immer noch des Meisters treu gemeinter Worte; er biß die Zähne zusammen und rief: Ich will!

Plauen sah er nur selten und dann zufällig, übermäßig war der Hochmeister von Geschäften in Anspruch genommen. Michael Küchmeister hatte von ihm harte Vorwürfe hören müssen und sich nicht in der ehrerbietigsten Weise verteidigt. Als sie voneinander gingen, wußten beide, daß sie zu gemeinsamer Arbeit fürder nicht taugten. Aber Heinrich von Plauen war doch überzeugt worden, daß er mit den Fehlern seines Gesandten zu rechnen habe und den Spruch des römischen Königs nicht zurückweisen dürfe, wenn er ihn sich nicht zum bittersten Feinde machen wolle. Das dringendste war nun, das Geld zusammenzubringen, das Weihnachten an Polen gezahlt werden mußte, um die Verpfändung der Neumark abzuwenden. Wenigstens sollte alle Welt seinen guten Willen erkennen, dem harten Gläubiger gerecht zu werden. Er schickte an den König Heinrich IV. von England einen seiner Vertrauten, an die Restzahlung einer vor einigen Jahren versprochenen Entschädigungssumme eindringlich zu mahnen. Ein anderer Note ging mit einem Briefe an den König von Böhmen ab, ihn um ein Darlehn zu bitten, wofür er eine Ordensballei verpfänden wollte. Andere Schreiben richteten sich an die Kurfürsten und Städte. Alle seine Untergebenen mahnte er zu äußerster Sparsamkeit. Seinen eigenen Haushalt beschränkte er auf die notwendigsten Bedürfnisse und lebte für seine Person wie der einfachste Rittersmann. Er ließ sein Silbergerät einschmelzen und gab all seinen Komturen und Ordensbrüdern auf, seinem Beispiel zu folgen und einzuliefern, was sie nur irgend an silbernen Gefäßen oder sonst an Gold oder Silber besäßen. So erging auch durchs ganze Land in Städte und Dörfer das Aufgebot, alle silbernen Trinkbecher, Geschmeide, Gürtel und Schnallen dem Ordenstresler einzusenden, wofür jeder reichlich entschädigt werden sollte; die Kirchen, Klöster und Ordenskapellen mußten all ihr nur irgend entbehrliches Kirchengerät zum Einschmelzen hergeben. Dazu wurde ein neuer Landesschoß ausgeschrieben, von dem niemand frei sein sollte, er mochte Laie, Pfaffe, Mönch, Knecht, Magd oder Hirte sein. Und doch reichte die Summe bei weitem nicht aus.

Bei seinen obersten Gebietigern fand der Hochmeister wenig gutwillige Unterstützung. Hermann Gans, der Großkomtur, stand ganz auf des Ordensmarschalls Seite, mit dem er sich für alle Fälle verständigt hatte. Auch den andern gefielen die strengen Maßregeln nicht, die sich nicht nur gegen das Land, sondern auch gegen die eigene Brüderschaft richteten, und doch wußten sie bessere nicht anzuzeigen, oder schämten sich, ihre eigentliche Meinung zu äußern. So forderte denn endlich der Meister nur selten ihren Rat und besprach die Geschäfte lieber mit denen, die sein Vertrauen hatten und ihm aufrichtig zu Dienst sein wollten. So berief er häufiger seinen Bruder von Danzig nach der Marienburg, mit ihm wegen der Rüstung Rücksprache zu halten, die ein neuer Krieg notwendig machen möchte, wenn Jagello nicht Aufschub bewilligen sollte. Denn die Neumark festzuhalten, war er fest entschlossen, und verhandelte deshalb gleichzeitig mit dem Markgrafen von Brandenburg, ihm für solchen Fall im eigensten Interesse Beistand zu leisten.

Stets hatte er auch bei sich einige von den angesehensten Landesrittern und Bürgermeistern oder Ratsherren der größeren Städte, denen er Vertrauen schenkte, und ängstlich war er bemüht, sie im voraus wissen zu lassen, was in Landessachen im Werke sei, und ihre aufrichtige Meinung darüber zu hören. Da merkte er denn bald, daß er im Lande viel mehr Verständnis für seine strengen Maßregeln und viel mehr guten Willen zu kräftiger Unterstützung fand als im Orden selbst. Seiner Person stand man freudig zu, von seinem ehrlichen Regiment erwartete man das Beste, dem kräftigen, seines Weges sicheren Landesfürsten wollte man gern mit Gut und Blut helfen, des Landes Feinde zu überwinden. Aber tief eingewurzelt war das Mißtrauen gegen den Orden; der Glaube war einmal erschüttert, daß da ein Körper und ein Geist sei.

Da war vornehmlich ein Landesritter, Herr Hans von Baisen, der weite Reisen gemacht und auswärts viel erfahren hatte, auch im Lande in großem Ansehen stand. Den hatte Heinrich von Plauen an seinen fürstlichen Hof gezogen und mit dem Hofamt des Vorschneiders bedacht, damit er immer in seiner Nähe wäre und jeden bösen Anschlag von seiner Person abwende; denn es war seine Pflicht, auf die Speisen zu achten, die dem hohen Herrn vorgesetzt wurden. Er hielt ihn aber, da er seine Klugheit und seinen bedächtigen Sinn erkannte, mehr wie einen vertrauten Freund als wie einen Untergebenen, verkehrte gern mit ihm und hieß ihn mit aller Offenheit sprechen, sollte es ihm auch nicht angenehm sein, die Wahrheit hören zu müssen. Als nun Baisen sich aus mancherlei Proben überzeugte, daß es dem Hochmeister wirklich Ernst mit solchem Verlangen sei, gab er ihm über alles gerade Auskunft und hielt mit seiner Meinung nicht hinter dem Berge, um sich etwa selbst zu schonen. Ich bin Ew. Gnaden als meinem gnädigsten Landesfürsten zugetan, sagte er, wie dem Lande, in dem ich geboren und begütert bin, und glaube wohl, daß beide gut zueinander stehen und sich gleichzeitig fördern können, damit hier an den Grenzen der Polen und Litauer des deutschen Reiches Außenburg fest und stark bleibe. Der Deutsche Orden ist aber für sich nicht mächtig genug, sich gegen so viele Anstürmende zu halten, und das Reich hat mit sich selbst zu tun, so daß es nicht Hilfe senden kann nach unserm Bedarf; da ist es denn vonnöten, daß die, so herum wohnen und für Weib und Kind, Haus und Hof, Vieh und Vorrat zu sorgen haben, allzeit mit raten und taten, daß man die Burg gut verteidige und jeder sich auf den andern trausam verlassen könne. Will der Orden uns annehmen und ehrlich neben sich gelten lassen, so wird er's nicht zu bereuen haben. Schließt er uns aber aus, so mag er's uns nicht verargen, daß wir bei denen Schutz suchen, deren er sich mit eigener Kraft doch nicht erwehren kann.

Da war's dem Hochmeister, als ob er Konrad Letzkau sprechen hörte, und er schlug ein Kreuz über der Brust, weil er an des Mannes jähen Tod dachte. Er überlas auch seinen letzten Brief und verstand nun vieles von dem, was ihm früher verworren erschienen war, und stimmte manchem bei, was er vordem für verwerflich erachtet hatte. Tag und Nacht trug er sich mit des Bürgermeisters kühnen Plänen, und immer gewisser wurde es ihm, daß nur auf diesen Wegen Heil zu erwarten sei. Konrad, Konrad – hörte Baisen ihn eines Abends sprechen –, daß du noch lebtest!

Eine Nacht brachte er in der Kapelle zu. Da ging er ernstlich mit sich zu Rate, ob irgendein selbstsüchtiges Verlangen ihn antreibe, die von seinen Vorgängern aufgerichtete Ordnung zu ändern. Aber er fand seinen Willen ganz rein und sein Herz frei von Ehrgeiz und Herrschsucht. Nicht meinetwegen soll's geschehen, rief er, dessen rufe ich Dich vor mir selbst zum Zeugen an, Herrgott im Himmel! Walte ich meines Amtes, das Du mir vertrautest, so will ich seiner walten nach bestem Wissen zu des Landes Nutz und Frommen. Nimmst Du mir's aber, so will ich ohne Murren den Stab niederlegen und ohne Groll in die Reihe zurücktreten, aus der ich hervorgezogen ward, neben den Brüdern mit Schwert und Schild zu dienen, solange mein Arm sie halten kann. Dazu gib mir Deinen Frieden, der köstlicher ist denn alle Herrlichkeit dieser armen Welt.

So gekräftigt durch sein Gebet und seiner reinen Ansicht bewußt, berief er ein Kapitel und trug ihm vor, daß der Gesandte des römischen Königs, Benedikt von Macra, Lizentiat beider Rechte, und Herr von Chuch, nach den Briefen, die er kürzlich empfangen, schon unterwegs sei und mit einem Notarius des polnischen Königs ins Land kommen werde, kraft seiner Vollmacht das von Sigismund gesprochene Urteil zu vollführen, Beweis zu erheben, die streitigen Grenzen festzustellen und alle Irrungen auszugleichen. Zeige er sich freundlich und gerecht, so solle er ihm willkommen sein. Aber auch auf den andern Fall müsse man sich rüsten und beizeiten sorgen, daß man des Landes Beistand in der Not sicher sei. Darum habe er beschlossen, einen Landesrat einzusetzen und ihn zu wählen aus den Edelsten des Landes und aus den Bürgermeistern oder Ratmannen der Städte, zu denen er sich des Guten versehe, und sie zu seinem beständigen Beirat anzunehmen – unbeschadet der Rechte des Ordens, der Gebietiger und des Kapitels, die in Angelegenheiten der Brüderschaft vollmächtig bleiben sollten. Wohl weiß ich, schloß er, daß dies eine Neuerung ist, die dem Lande mehr Recht gibt, als es bisher besessen hat. Aber die Not zwingt dazu, und klüger ist's, einen Teil seines Besitzes an redliche Freunde abgeben, als seinen ganzen Besitz an den Feind verlieren. Auf die Uneinigkeit des Ordens und seiner Untertanen bauen unsere Widersacher. Wohlan! Zeigen wir ihnen, daß wir den eigenen Willen haben, uns ihrer zu erwehren. So hindern wir den Kampf. Wenn er aber unvermeidlich ist, so wird das Land uns nicht Schuld geben, daß wir ihn übermütig forderten, sondern uns freudig beistehen. Also begehre ich eure Zustimmung zu diesem Werke. Wer aber widersprechen will, der sage zugleich, wie er in anderer Weise den Orden seiner drückenden Schuld gegen Polen entledigen, die Verpfändung der Neumark abwenden, den Großfürsten Witowd aus Samogitien vertreiben und uns eine stattliche Rüstung schaffen will. Das ist seine Pflicht!

Da der Hochmeister die Frage nun so stellte, wußten seine geheimen Gegner nicht zu antworten. Selbst der Ordensmarschall und der Großkomtur verhielten sich schweigend, da ihnen die Zeit noch nicht gekommen schien, offen gegen ihren Herrn und Meister selbst aufzutreten. Sie meinten die Dinge noch eine Weile so gehen lassen zu können und trösteten sich, daß man in der Not gegebene Versprechungen nicht zu halten brauche. So erfolgte kein Widerspruch, und auch in den andern Konventen der Ordensburgen nahm man darauf die Botschaft des Hochmeisters ohne Einwand entgegen.

So geschah es denn mit der Gebietiger und der Brüder Vorwissen und Genehmigung, daß Heinrich von Plauen auf den 29. Oktober des Jahres 1412 zwanzig Landesadlige und siebenundzwanzig aus den Städten nach Elbing berief, sich in seinen Rat zu schwören. Unter den ersteren waren viele Landesrichter und Bannerführer der Gebiete, aber auch andere Ritter. Hans von Baisen und Hans von der Buche hatte er nicht vergessen. Er selbst reiste nach Elbing und empfing die Berufenen dort im Kapitelsaal des Schlosses. Hans von der Buche konnte ihm eine frohe Meldung tun: sein liebes Weib hatte ihm einen schönen Knaben geschenkt, und in der heiligen Taufe war er Heinrich genannt nach ihrem erlauchten Wohltäter. Im übrigen war's ihm nicht ganz nach Wunsch ergangen: die Eidechsenritter im Kulmer Lande beschuldigten ihn des Verrats, zogen sich von ihm zurück und suchten seine Wirtschaft zu schädigen. Daß Ew. Gnaden mich jetzt würdig erachten, Euch als Euer geschworener Rat zu dienen, sagte er, wird mich bei den Nachbarn nicht in bessere Gunst bringen. Aber ich hoffe mich deshalb nicht kleinmütig zu beweisen. Er hatte schon manchmal mit Waltrudis überlegt, ob es nicht geraten sei, Buchwalde zu verkaufen und sich in anderer Gegend, weiter ab von der polnischen Grenze, anzusiedeln.

Die im Kapitelsaal Versammelten sprach der Hochmeister freundlich an und ließ ihnen dann durch seinen Kanzler eine Urkunde verlesen und übergeben, in der es hieß: Der Hochmeister und seine Gebietiger wollen keine wichtigen und ernsten Dinge anheben, als da sind Bündnisse oder neue Kriege, ohne Wissen und Willen der geschworenen Räte. Erkennen sie mit dem Meister und seinen Gebietigern, daß es fromme, wenn der Rat verstärkt oder an das gemeine Land gebracht würde, so soll es nach ihrem Rate geschehen. Will der Hochmeister mit seinen Gebietigern und Räten notgezwungen Steuern, Schoß oder Ziese auf das Land legen, so soll es geschehen mit Wissen und Willen der gemeinen Lande und Städte. Niemand soll ohne Gericht zum Tode verurteilt werden. Wer zu klagen hat, daß ihm seine Privilegien verkürzt oder unrichtig ausgelegt würden, oder vom Hochmeister, dessen Gebietigern und Amtleuten, Rittern und Knechten, Bürgermeistern oder andern Beamten an seinem Eigentum Eintrag erleidet, soll seine Klage in der gemeinen Versammlung, die jährlich einmal zu Elbing stattfindet, anbringen, und die Sache soll dann vom Meister, den Gebietigern und Räten nach Gott und Recht gerichtet werden. Auf diesem Tage will auch der Hochmeister mit seinen Räten jederzeit getreulich ein gutes Regiment des Landes erwägen und gemeine Gebrechen und Unredlichkeiten wandeln und zerstören. Durch diese Punkte wollen jedoch der Meister und seine Gebietiger ihre oberherrlichen Privilegien, alten Gewohnheiten, redliches Herkommen und gemeinen Rechte nicht verkürzt haben.

Diese letztere Klausel hatten die Großgebietiger noch zuletzt in den Brief gebracht. Sie meinten, an diesem Vorbehalt, der eigentlich alle Zugeständnisse wieder aufhebe, werde sich anknüpfen lassen, wenn man des Landesrats nicht mehr benötigt sei. Der Meister aber gedachte allen solchen Ränken zum Trotz dem Lande ehrlich Wort zu halten.

Die Männer, die er berufen hatte, vertrauten ihm und leisteten nacheinander in seine Hand den Eid: Ich gelobe und schwöre Euch, meinem rechten Herrn Hochmeister, von Eures ganzen Ordens wegen, zu Eurem Rate, dazu Ihr mich erkoren habt, daß ich den mit ganzer Treue meinen will und Euren Rat nicht melden will und getreulich raten will, nach dem Besten meiner Vernunft, Erkenntnis und Wissen, das Euch und Eurem ganzen Orden und Eurem Lande das Nützlichste ist, und das nicht lassen will durch Lieb noch durch Leid, noch durch jemandes Willen, als mir Gott helfe und die Heiligen!

Feierliche Stille war im Saal, als die Männer so Gott anriefen, und die von den Kreuzherren anwesend waren, mochten wohl merken, daß mit diesem Tage für den Orden und das Land eine neue Zeit begann. Nun hatten sie die Herrschaft zu teilen mit denen, die neben ihnen mächtig geworden waren, und Rechenschaft zu geben ihren Untertanen.

Der neue Landesrat aber täuschte des Herrn Hochmeisters Vertrauen nicht. Er bewilligte die Summen, die noch zu des Königs von Polen Befriedigung fehlten, und sorgte dafür, daß sie in den Ordensschatz eingingen.

Nun hoffte das Land des Friedens froh zu werden.

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