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Heinrich von Plauen

Ernst Wichert: Heinrich von Plauen - Kapitel 45
Quellenangabe
typefiction
authorErnst Wichert
titleHeinrich von Plauen
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G.m.b.H.
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHelmut Prodinger
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45. IM UNGARLAND

Dem Hochmeister fehlte es nicht an Gelegenheit, seinen jungen Schützling außer Landes zu beschäftigen. Immer die Notwendigkeit vor Augen sehend, endlich des Ordens Rechte nochmals mit dem Schwert vertreten zu müssen, suchte er doch die Entscheidung hinzuhalten, um dem Lande Zeit zur Erholung zu lassen, und versäumte seinerseits nichts, sich als friedliebend und einer guten Ordnung der nachbarlichen Verhältnisse wohlgeneigt zu zeigen.

Wladislaus Jagello aber dachte nicht daran, sich durch einen billigen Ausgleich die Hände zu binden. Er zeigte nun dem Hochmeister seine feindselige Gesinnung wieder so recht darin, daß er für die geächteten Eidechsenritter, die zu ihm geflüchtet waren, Partei nahm und die Einsetzung derselben in ihre Güter forderte. Zugleich schrieb König Wenzel von Böhmen sehr dringende Briefe an Plauen, worin er für seinen geschworenen Rat, Georg von Wirsberg, eintrat und seine Freilassung begehrte. Auf die Gefahr hin, es mit diesem zweifelhaften Bundesgenossen ganz zu verderben, widerstand der Hochmeister einem so kränkenden Ansinnen. Er schickte aber an ihn einen seiner Komture nebst einigen Rittern, um mündlich sein Verfahren rechtfertigen zu lassen, und dieser Botschaft wurde Heinz von Waldstein beigegeben. So lernte er den Prager Hof kennen und sah und hörte, wenn er auch zu den Audienzen nicht zugezogen wurde, doch genug, um sich zu überzeugen, daß auf den wankelmütigen König und seine ränkesüchtigen Räte kein Verlaß sei.

Nach Thorn zurückgekehrt, erhielt er brieflich den Auftrag, sich dem Großkomtur anzuschließen, der gegen Ende des Jahres nach Polen geschickt wurde, um mit den Kronräten wegen der dritten Zahlung des Lösegeldes zu unterhandeln. Sie war am festgesetzten Tage, Martini 1411, ausgeblieben, und der Hochmeister hatte guten Grund gehabt, sie zu verweigern. Denn keineswegs war der König seinen Verbindlichkeiten nachgekommen; er verweigerte unter nichtigen Vorwänden die Aushändigung der Besitzurkunde über das Grenzland Samogitien, um seine Großen nicht noch mehr gegen sich zu verstimmen. Davon aber war der Großkomtur beauftragt, die Zahlung des Geldes abhängig zu machen. Plauen erkannte wohl, daß er sich dieses Machtmittels, einen Druck auf den König auszuüben, nicht begeben dürfe.

Es kam zu keinem Vergleich hierüber. Der Brief über Samogitien wurde nicht ausgehändigt, die Zahlung nicht geleistet. Der Krieg schien unvermeidlich.

Zu diesem Tage, der nicht weit von der Grenze abgehalten wurde, fand sich auch zahlreich der polnische Adel der Umgegend ein, um zu schmausen und zu zechen und durch bewaffnete Umzüge den Forderungen der Kronräte Nachdruck zu geben. Es waren darunter auch Insassen von Schloß Sczanowo, wenn auch nicht die Herren selbst. Zwischen den Vettern ritt Natalia in wunderlicher Kleidung. An das Weib erinnerte nur der kurze Rock mit breitem Pelzbesatz, unter dem in den Bügeln von Goldblech die Sporenstiefel sichtbar wurden. Von den Schultern hingen lange Schlitzärmel, mit blanken Knöpfen besetzt, herab, und auf dem wallenden Lockenhaar saß keck eine rote Mütze mit aufrechtstehenden Federn.

Sie ritt an den Junker heran, als er ans Fenster trat, den Zug anzuschauen, und stellte ihr Pferd dicht gegen die Wand, daß sie leise hineinsprechen konnte. Wie gefalle ich dir? fragte sie mit einem keck herausfordernden Blick.

Ihr sitzt, wie immer, gut zu Pferde, antwortete er, durch ihr unerwartetes Erscheinen betroffen, aber auch entschlossen, keine Schwäche zu zeigen.

Gut? fragte sie und warf die Lippe auf. Das Lob schien ihr allzu gering. Lasset satteln und kommt mit mir auf die Heide hinaus. Wir haben lange keinen Ritt um den ersten

Schlag auf die Schulter gemacht.

Er schüttelte den Kopf. Es ist jetzt nicht die Zeit.

Sie lachte spöttisch. Was habt Ihr hier zu tun? Die Herren werden ohne Euch fertig. Sie reden und schreiben ja doch um nichts.

Meint Ihr?

Ich habe den Bischof von Kujawien über die Sache sprechen hören. Der König will keinen Ausgleich, es sei denn, daß der Orden sich in allem unterwirft.

Das wird nimmer geschehen, solange Plauen das Regiment hat.

Sie schnippte mit den Fingern in die Luft. Sitzt er fest, weil Georg von Wirsberg die Partie verloren hat? Es gibt seines Schlages viele im Orden, und einer davon fängt's vielleicht klüger an als er. Das Pferd wurde etwas unruhig und drängte gegen die Wand. Sie ließ es in kurzem Bogen austreten und kehrte dann wieder zum Fenster zurück. Hänge dein Glück nicht an einen gläsernen Pflock, sagte sie. Laß dir raten, solange es Zeit ist. Und wenn du klug, bist, gib dich in meine Gefangenschaft zurück, aus der du nicht hättest entfliehen sollen. Begleite mich nach Sczanowo – du sollst es nicht zu bereuen haben.

Und ich sage dir, rief er, hebe dich hinweg! All dein Sinnen ist Verrat und Tücke – du bist eine Teufelin! Aber du verblendest mich nicht mehr. Sieh diesen Ring und weiche!

Er streckte die Hand gegen sie aus und deutete mit der andern auf die blauen Steine an seinem kleinen Finger. Ihr Gesicht verfinsterte sich. Maria ist dir verloren, antwortete sie mit rauher Stimme. Du wirst sie nicht wiedersehen.

So sei gehaßt in Ewigkeit, rief er, dann trägst du die Schuld!

Das Pferd stampfte ungeduldig den Boden und warf den Schaum gegen die Mauer. Das ist dein letztes Wort nicht, entgegnete sie. Denke an mich! Sie schlug mit der Reitpeitsche heftig hinter sich aus und jagte davon.

Scheu blickte er ihr nach. Sie ist eine schöne Teufelin, murmelte er, aber sie soll mich nicht verlocken. Er faltete die Hände und sprach leise ein Gebet zur Heiligen Jungfrau. –

König Jagello, da er sah, daß er durch Einschüchterung nichts erreichte, verstärkte nun seine Rüstungen. Hätte er's nur allein mit diesem Nachbar zu tun gehabt! Aber mißtrauisch beobachtete König Sigismund von Ungarn alle seine Schritte. Er konnte ihn nicht ohne Gefahr für sein eigenes Land übermächtig werden lassen und durfte ihm daher eine zweite Schlacht bei Tannenberg nicht gönnen. So verhandelte er nun mit Großfürst Witowd, um die Vereinigung von Polen und Litauen zu hintertreiben, lud ihn sogar auch zu sich zu Gaste. Seinen Bruder Wenzel bat er brieflich, dem Polenkönige weitere Werbungen in Böhmen nicht zu gestatten, und an den Hochmeister schickte er zwei Gesandte und ließ ihm gegen Zahlung einer großen Summe Geldes ein Bündnis antragen. Er mochte wohl meinen, der Orden sei noch nicht so gar kahl geschoren, um nicht noch einige Wolle lassen zu können.

Aber die geforderte Summe schien unerschwinglich hoch. Plauen glaubte sie nicht zusichern zu können, wollte aber auch des Königs gute Dienste ungern missen. Deshalb wählte er nun von seinen Großgebietigern den vornehmsten, klügsten und in dergleichen Verhandlungen erfahrensten, seinen obersten Marschall Michael Küchmeister von Sternberg, und schickte ihn mit ganzer Vollmacht zum König nach Ungarn, schärfte ihm aber beim Abschied ein, die Zahlung des Geldes unter keinen Umständen zu bewilligen.

In seinem Gefolge ritt auch Heinz von Waldstein.

Michael Küchmeister hatte zwar nach seiner Auslösung aus der polnischen Gefangenschaft Plauen äußerlich alle Ehre erwiesen, die des Ordens Oberhaupt gebührte, aber das frühere freundschaftliche Verhältnis hatte sich trotz des Meisters gütigem Entgegenkommen nicht zurückfinden wollen. Hatte es doch fast schon den Anschein gehabt, als nehme der Marschall sich des Verräters Georg von Wirsberg als dessen Verteidiger an, da er so eifrig den Wortlaut der Statuten zu seinen Gunsten vorkehrte. Auch jetzt versuchte Plauen noch einmal einen wärmeren Ton anzuschlagen, indem er ihm des Ordens Sache ans Herz legte und zu verstehen gab, daß persönliche Rücksichten schweigen müßten. Der Marschall aber lehnte jede vertrauliche Annäherung ab und antwortete kühl: er kenne seine Pflicht und werde danach handeln.

Sprach er's auch gegen niemand aus, so war er doch innerlich unzufrieden mit allem, was der Meister tat. Seine Eitelkeit redete ihm ein, daß es um den Orden besser stünde, wenn er selbst an der Spitze wäre. Ihm würde man mit Vertrauen allseitig entgegenkommen und die günstigsten Bedingungen bewilligen. Es gefiel ihm nicht, daß Plauen mit den Städten und Edelsten im Lande verhandelte und ihre Tagfahrten beschickte. Eifersüchtig und mißtrauisch bewachte er alle seine Schritte. Sich in König Sigismund einen gnädigen Herrn zu gewinnen, hielt er für wichtiger, als jenem zu gefallen.

In Ofen wurde er in der schmeichelhaftesten Weise ausgezeichnet. Der König, allein auf den eigenen Vorteil bedacht und immer bereit, weitgehende Versprechungen zu geben, um irgendein nächstes Ziel zu erreichen, ließ es auch jetzt an Versicherungen seiner Freundschaft für den Orden nicht fehlen, auf dessen Geldunterstützung er jedoch wegen des Krieges mit den Venedigern und wegen der Rüstungen gegen Polen nicht verzichten könne. Küchmeister fand die gebotenen Vorteile so groß – verpflichtete sich doch der König sogar zu Landzuteilungen, wenn er Polen erobert hätte –, daß er meinte, sich an Plauens Weisungen nicht kehren zu dürfen, und das Geld bewilligte.

Plauen war nicht wenig erzürnt über diese Eigenmächtigkeit seines Marschalls und machte ihm die heftigsten Vorwürfe deshalb. Küchmeister meinte einen besseren Dank verdient zu haben und zeigte sich gekränkt. Plauen mußte sich seufzend fügen, da er Sigismund nicht erzürnen durfte. War doch auch sein Plan vereitelt, den Herzog von Masowien sich dauernd zu verbinden, nachdem sein Sohn Switrigal im Zorn und rachedürstend die Marienburg verlassen hatte. So ließ er nun mit schwerem Herzen das Geld aus den Mitteln anweisen, die zur letzten Zahlung an Polen zusammengebracht, aber nicht verwandt waren. Er hatte gemeint, es besser zu seinen eigenen Rüstungen gebrauchen zu können.

Wieviel klarer er sah als sein Botschafter, zeigte sich nur zu bald. Nachdem Sigismund dem Orden Geld abgepreßt, suchte er schleunigst, mit Polen seinen Frieden zu machen. Er lud Wladislaus Jagello zu einer persönlichen Zusammenkunft ein, und schon im März wurde der Vertrag zu Liblo am Poprad abgeschlossen. Des Ordens war darin nicht gedacht, aber die Könige kamen überein, daß auf einem Tage zu Ofen im Juni alle Streitigkeiten geschlichtet werden sollten. Sigismund schickte sogleich zwei Gesandte an den Hochmeister mit der Einladung, sich seinem Schiedsspruch zu unterwerfen, statt auf dem des Papstes zu bestehen. Der Orden würde dabei nicht schlecht fahren, denn er würde nicht einen solchen Spruch tun wie sein Bruder von Böhmen. Auch ließ er versprechen, daß zu dem Spruche die Kurfürsten zugezogen werden sollten.

Letzteres bestimmte Plauen, das Anerbieten anzunehmen, da er die Kurfürsten sich geneigt wußte. Als im Kapitel der Gebietiger die Wahl des Gesandten zur Sprache kam, hielt man allerseits wieder Michael Küchmeister für den geeignetsten. Es zeigte sich da schon, wie groß sein Anhang war und wieviel man sich von seinen diplomatischen Künsten versprach. So erteilte ihm denn Plauen von neuem Vollmacht, aber mit dem gemessenen Befehl, weder über Geld- noch andere Ordensangelegenheiten zu verhandeln, sondern allein über des Ordens Grenzen. Heinz nahm er vor der Abreise der Gesandtschaft in sein Gemach und trug ihm auf, den Marschall nicht aus dem Auge zu lassen, da er seiner Treue nicht versichert sei, auch allen Verhandlungen beizuwohnen und auch darauf achtzugeben, was von beiden Seiten gesprochen werde, und daß seine Schreiber alles richtig vermerkten und nicht für geheime Klauseln Raum ließen. Der Marschall war angewiesen worden, alle wichtigen Briefschaften durch ihn zu befördern, auch ihn überall an die Seite zu nehmen, damit er lerne, was ihm im Dienst großer Herren zu wissen und zu üben nötig sei.

Als Heinz nun dem Hochmeister beim Abschiede die Hand küßte, faßte er sich ein Herz und sagte: Gnädigster Herr, ich sehe wohl, daß es Eure Absicht ist, mir jetzt und fürder Eure Gnade zuzuwenden und Eure Hand über mir zu halten, wofür ich Euch nicht genug dankbar sein kann. Gern will ich Euch auch diese Reise tun und in allem nach Eurem Befehl handeln, und so auch ferner dienen nach bestem Wissen und in aller Treue. Aber was ich Ew. Gnaden versprach, als Ew. Gnaden mich der verschuldeten Kerkerhaft entledigten, das vermag ich nicht allezeit zu halten. Denn ich habe meiner Jungfrau Maria das Wort gegeben und trage ihren Ring und kann sie nimmer vergessen, muß vielmehr als ein ehrlicher Mann sorgen, daß ich sie aus ihres Vaters Zwang erlöse. Darum, so bitte ich Euch, gnädigster Herr, setzt mir eine Frist meines Gehorsams, die nicht allzu weit bemessen ist. Wäre das aber Euer Wille nicht, so laßt mich wieder in den Turm führen, daß ich entweder durch leibliche Haft verhindert sei, mein Wort zu halten, oder Euch nicht schuldig werde, wenn ich mich mit gutem Geschick befreie.

Darüber zog zwar der Hochmeister die Stirn kraus, sagte aber doch nach einigem Bedenken: Es ist töricht, Heinrich, daß du deine Gedanken von dem Mädchen nicht wendest, aber unbillig mag ich dein Begehren nicht schelten. So geh nun nach Ungarland und sieh zu, ob du dort andern Sinnes werdest. Wenn aber der römische König uns und unsern Gegnern seinen Spruch getan hat und diese Reise gänzlich beendet ist, so magst du deines Versprechens ledig sein und tun, wozu dich das Herz treibt. Wisse aber auch, daß du meines Schutzes ledig bist, wenn du der Unvernunft folgst und nochmals gegen Recht und Gesetz dich sträflich vergehst.

Das bin ich zufrieden, gnädigster Herr, sagte Heinz, und küßte nochmals des Meisters gütige Hand. –

Als Sprecher und Vollmächtige zu dieser Sendung waren seitens des Ordens von Auswärtigen ernannt Herr Johannes von Wallenrod, Erzbischof von Riga, und jener Heinrich Graf von Plauen, der bei der Belagerung der Marienburg tapfere Dienste geleistet und seitdem nicht aufgehört hatte, bei den Fürsten und Kurfürsten im Reiche des Ordens Sache zu vertreten. Von Ordensgebietigern aber wurden neben dem Ordensmarschall auch der greise Ordensspittler Werner von Tettingen, der Ordenstrappier Friedrich von Wallen und Eberhart von Wallenfels, Komtur von Thorn, abgeschickt, dazu einige Domherren aus Frauenburg wegen ihres Bischofs Streitsache, des Hochmeisters Kanzler nebst mehreren Räten und Rittern sowie auch Bürgermeister der vornehmsten Städte, die der Herr Hochmeister wissen lassen wollte, was verhandelt werde, damit er hinterher vor dem Lande gerechtfertigt sei. Es war eine stattliche Schar, die unter des Königs von Polen sicherem Geleit zunächst nach Kaschau reiste, wo die Gesandtschaft die beiden Könige antraf. Dort begannen die Verhandlungen. Kein günstiges Zeichen war's, daß der alte Werner von Tettingen hier erkrankte und starb. Bald begaben sich die Fürsten zu dem eigentlichen Tage nach Ofen am Donaustrom, und dorthin folgte die Gesandtschaft, nachdem die Pflicht gegen den Toten ausreichend erfüllt war.

In der Residenz des Ungarnkönigs trafen in diesem Sommer 1412 viele Fürstlichkeiten mit ihren Gefolgen und Gesandtschaften aus den fernsten Ländern zusammen; selbst Türken und Tataren waren erschienen, ihre Ehrerbietung zu bezeigen oder sich der Bundesgenossenschaft des mächtigen Herrn zu versichern. Sigismund war im Jahre zuvor zum römischen König gekürt worden und hielt nun in dieser Würde Hof. Darum war es ihm auch von solcher Wichtigkeit gewesen, daß Polen, Litauen und der Orden sich seinem Schiedsspruch unterwarfen, und darum hatte er jedem unter der Hand Versprechungen gegeben, daß der Spruch ihm günstig sein solle. Darum zeigte er sich aber auch sehr unwillig, als der Ordensmarschall seinem Auftrage gemäß forderte, daß er Wort halten und das Kurfürstenkollegium zuziehen und bei dem Spruch beteiligen solle: er wollte als römischer König nicht an seiner Wähler Zustimmung gebunden sein, sondern sich für seine Person all den versammelten Fürsten und Herren mächtig beweisen. Michael Küchmeister meinte ihn nicht erzürnen zu dürfen und gab gleich hier allzu willig nach. Nun fühlte der König sich als vollmächtiger Schiedsrichter und nahm Klage und Gegenklage an. Bei seiner Gnade allein stand es, wie er entscheiden würde.

Feste folgten auf Feste. Der prachtliebende König hatte seinen Hofmeistern befohlen, keine Kosten zu sparen, den Gästen eine echt fürstliche Bewirtung zu gewähren. Hoffte er doch, daß sich die geleerten Kassen bald wieder mit den Geldern füllen würden, mit denen die Hilfesuchenden seine Gunst zu erkaufen hätten. An des Deutschen Ordens Armut mochte er noch immer nicht glauben, man mußte nur kräftig anklopfen, um den Goldstrom wieder fließen zu machen. Und König Sigismund war nicht blöde. Michael Küchmeister konnte seine Andeutungen nicht mißverstehen; er wußte, wie sein Wohlwollen zu gewinnen war. So überschritt er wieder seine Vollmacht und bot der Königin Barbara ein Geschenk von 25 000 Goldgulden, damit sie sich gütig für den Orden verwende. An Höflichkeiten gegen seine Person ließ man's zum Dank nicht fehlen.

Bald wurden große Jagden veranstaltet, bald gab es Schmausereien und Gelage oder Ballfeste in der Königsburg; kaum ein Tag verging, an dem nicht glänzende Ritterspiele aller Art im Burghofe und auf der Schloßfreiheit die jüngeren Gäste belustigten und die schaulustige Menge ergötzten. Die ungarischen Magnaten, geschmeichelt durch die Ehre, die ihrem König erwiesen wurde, waren mit ihren Angehörigen nach der königlichen Residenz gekommen und überboten einander in der Zahl ihrer Gefolgschaften, in dem prächtigen Geschirr ihrer Pferde und in der Kostbarkeit ihrer Kleidung und Waffen.

Die fremden Fürsten luden den Herrn König in das Stadthaus und feierten ihn aufs glänzendste. Heinz von Waldstein konnte und wollte sich diesen Lustbarkeiten nicht entziehen. Aber nur beim Turnieren und bei der Jagd war er mit ganz frohem Herzen. Bald war's bekannt, daß der deutsche Junker mit ebenso geschickter als kräftiger Hand Lanzen stach und selten einen ebenbürtigen Gegner fand; man nannte ihn den kühnsten Reiter und waghalsigsten Jäger. Die ungarischen Damen erfuhren auch, daß er ein guter Tänzer war, aber im Ballsaal stand er meist von ferne, wieviel schöne Augen ihn auch in den Kreis lockten, und sah dem bunten Treiben gleichgültig zu. Man wollte behaupten, daß ein Zug von Traurigkeit in seinem Gesicht sei, der es freilich noch anziehender machte.

Auch in der Stadt war viel lustiges Leben. Dort hatten viele von den hohen Gästen, die mit ihren Leuten im Schlosse nicht mehr Raum fanden, in den Palästen der Magnaten und in den Häusern reicher Bürger ihre Herberge erhalten. Aus der ganzen Nachbarschaft kam aber auch das Landvolk in Scharen durch die Tore hinein, Lebensmittel anzubieten und sich in der allgemeinen Lust zu vergnügen. Und wie es immer und überall bei solchen Gelegenheiten zu geschehen pflegte, strömte auch von allen Seiten allerhand fahrendes Volk, Sänger, Musikanten, Luftspringer, Spruchsprecher und Gaukler zu, durch ihre freie Kunst jung und alt zu vergnügen und den Beutel zu füllen. Des Nachts hausten sie in Ställen und Scheunen; viele hatten auch auf ihren Fuhrwerken zerlumpte Zelte mitgebracht und dieselben auf dem Markt aufgeschlagen neben den fremden Krämern, die in solcher Zeit die Freiheit hatten, ihre Waren feilzuhalten, und neben den Würfeltischen, die immer von Spiellustigen umstanden waren.

Als Heinz sich eines Tages durch das dichte Marktgewühl drängte, bemerkte er auf dem Boden vor einem Zelt, das über einen hochräderigen Karren gespannt und zu beiden Seiten angepflockt war, eine Zigeunerbande, die auf allerhand wunderlichen Instrumenten musizierte. Die Tanzweisen schlugen ihm so bekannt ans Ohr, daß er meinte, er müßte sich schon einmal irgendwo danach im Kreise gedreht haben, und nun glaubte er sich auch der Gesichter zu erinnern. Er blieb stehen und lauschte der Musik, die bald sanft und schwermütig, bald schrill und wild klang. Und nun fiel's ihm ein: das waren die Musikanten, die einst in Buchwalde zum Tanz auf dem Rasen aufgespielt hatten, als die Fackeln leuchteten und die Teertonnen brannten. Mit halbgeschlossenen Augen stand er eine Weile mitten in dem Haufen der Gaffenden und ließ die traumhaften Bilder jener glücklichen Nacht in Gedanken vorüberziehen.

Ein kleines braunes Mädchen tanzte zur Musik und schlug zugleich auf einem Tamburin den Takt, daß die Schellen lustig klangen. Dann machte ein Zwerg seine unflätigen Späße und sammelte dafür reichlich kleine Münzen ein. Dann führte ein Knabe mit langem, schwarzbraunem Haar und rotem Röckchen ein prächtig aufgeschirrtes Pferd vor und leitete es dreimal in immer weiterem Kreise herum, die Menge zurückzudrängen und Platz zu schaffen. Als er zum drittenmal an dem Zelt vorüberkam, sprang unter demselben ein schlanker junger Mensch hervor, schwang sich mit einem kräftigen Satz auf des Tieres Rücken und jagte unter fortwährendem kurzen Zuruf in wildestem Galopp umher, während die Musik lauter einsetzte und sich mehr und mehr im Tempo überhastete. Bald saß er im Sattel, bald auf dem Halse, bald auf der Kruppe des schnellen Pferdes, bald stand er in den Bügeln und hielt die Zügel straff, bald ließ er sie fallen und kreuzte die Arme über der Brust, oder kniete hinter dem Sattel, oder hing gar wie angeklebt an des Pferdes Schenkel seitwärts hinab. Gewaltiger Beifall der Menge lohnte ihm für seine Waghalsigkeit. Er aber schien kaum darauf zu achten und schaute nur manchmal mit einem verächtlichen Blick über die Umstehenden hin. Sein Gesicht war trotz der Anstrengung des wilden Reitens bleich.

Heinz starrte auf den kühnen Reiter hin wie auf ein Gespenst. Er glaubte seinen Augen nicht zu trauen; aber sie war es – Natalia – kein Zweifel, sie war es, Natalia bei der Zigeunerbande – ihre Reitkünste produzierend … träumte er, gaukelte ihm ein böser Geist etwas vor, nachdem er ihn durch die Musik berauscht hatte? Unwillkürlich drängte er vor, schob er mit den Ellenbogen die Vorstehenden zur Seite – und nun stand er selbst in der vordersten Reihe. Eben sauste der Gaul mit fliegenden Mähnen und klingenden Schellen heran. Der Reiter hatte ihm eine rote Leine um den Hals gelegt, hielt sie lang mit beiden Händen und erhob sich stehend auf der Kruppe. Das Volk jubelte und trieb das Pferd zu noch rascherem Laufe an. Da übertönte plötzlich ein Schrei den Lärm der Musik und der Menschenstimmen. Der Reiter war abgesprungen, das Pferd jagte zügellos in die Menge hinein, der schwarzhaarige Bube hinter ihm her.

Natalia aber war dicht vor Junker Heinz niedergefallen, umfaßte seine Knie und richtete sich auf, indem sie sich an ihn schmiegte. Habe ich dich – habe ich dich endlich? stammelte sie und küßte seine Hände.

Er wehrte sie nicht ab. Natalia, raunte er ihr zu, was willst du hier – bei den Zigeunern … ? Unglückliche!

Unglückliche! stöhnte sie. Du hast recht – du weißt es! Dann lachte sie wild auf. Aber es geht lustig zu unter dem fahrenden Volk – lustig, lustig! Höre nur die Musikanten. Hörst du? Besinnst du dich, wie sie uns zum Tanz aufspielten und wir uns Brust an Brust im Wirbel drehten, bis uns der Atem verging? Und wieder und wieder … hahaha! Sie zogen an Sczanowo vorüber und spielten vor der Halle. Da lockten sie mich mit sich fort – nachts verließ ich heimlich das Schloß und ritt ihnen nach … und ritt ihnen nach bis hierher – und mußte dich finden und fand dich. Weh … laß mich nicht fallen!

Sie hatte sich nun ganz aufgerichtet und stützte sich auf seine Schulter. Er wollte sie aus der Schar der neugierig Zudrängenden fortführen; als sie aber den ersten Schritt machte, schrie sie vor Schmerz auf und zog hinkend den rechten Fuß nach. Sie mußte ihn beim Sprunge vom Pferd verletzt haben. Deshalb hing sie sich nun an ihn und wiederholte bittend: Laß mich nicht fallen!

Es war Heinz sehr peinlich, sich so mit dem jungen Menschen im Arm, den man in der Nähe doch als ein Mädchen erkennen mußte, in einen großen Kreis von Zuschauern genommen zu sehen. Wie leicht konnten unter denselben Personen sein, die gleich ihm in der Königsburg verkehrten. Ein so sonderbares Verhältnis zu einer Landstreicherin mußte ihnen dann ergiebigen Stoff zu Klatschereien bieten, die von den Kreuzherren übel vermerkt würden. Diese Befürchtung veranlaßte ihn, Natalia fest zu umfassen und eiligst nach dem Zelt mehr zu tragen als zu führen. Es hatte, durch den Wagen getrennt, zwei Abteilungen. In der vorderen spielten Zigeunerkinder mit kleinen Hündchen; die hintere war leer. Er ließ Natalia auf eine Holzbank nieder und lehnte sie gegen das Wagenrad. Er selbst konnte in dem niedrigen Raume nur mit gekrümmtem Rücken stehen. Mitleidig betrachtete er das schmerzverzogene Gesicht.

Der Fuß ist verletzt, sagte er. Ich will zusehen, ob ich einen Arzt auftreibe.

Sie griff schnell nach seiner Hand und hielt ihn zurück. Geh nicht fort, bat sie. Ich weiß, du willst nicht wiederkehren. Ihr Blick hatte etwas Irres, das ihn durchschauerte.

Ich will einen Arzt suchen, versicherte er. Hier können wir beide nicht bleiben, Natalia.

Es ist ein jämmerliches Leben, sagte sie. Aber wenn die Saiten schwirren und die Zimbeln klingen und die Pauken dröhnen – hei, dann ist's lustig zu Pferde. Aber nun ist's zu Ende – mein Fuß, mein Fuß. Sie legte ihn über das Knie und rieb ihn mit der Hand.

Ihr müßt fort aus dieser Gesellschaft, Fräulein, mahnte er, und sogleich. Es ist traurig genug, daß Ihr Euch habt verleiten lassen –

Sie unterbrach ihn, indem sie an seiner Hand zog. Horch!

Die Musik begann eben wieder. Es waren die Weisen, zu denen das kleine Mädchen tanzte, und die in seiner Erinnerung angeklungen hatten. Die Zigeuner wollten offenbar die durch den Unfall aufgeregte Menge gleich wieder durch ein anderes Schauspiel beschäftigen.

Horch –! wiederholte sie. Klage mich nicht an. Es zog mich der Musik nach – ich konnte nicht widerstehen. Aber nun ich dich gefunden habe –

Sie wollte seine Hand an die Lippen ziehen, aber er hinderte es rasch. Ihr müßt zu Eurer Mutter zurück, sagte er.

Sie schüttelte den Kopf.

Zu Eurem Bruder –

Wieder ein Kopfschütteln. Der ist glücklich. Sein Weib ist wie einer der Engel auf den Heiligenbildern – mit dem langen goldenen Haar. Ich will mit den Heiligen nichts zu tun haben. Mit der Zeit wachsen ihr wohl noch Flügel.

Heinz lächelte, so trübe ihm zumut war. Meiner Schwester?

Maria war nicht so schön.

Er hörte diesen Namen ungern aus ihrem Munde; es verletzte ihn, daß sie ihn nannte, und nun gar so mißgünstig nannte. Er wandte sich unwillig ab und antwortete nicht darauf, fragte vielmehr in etwas rauhem Tone: Aber was soll aus Euch werden?

Was kommt's darauf an? entgegnete sie. Nimm mich zu dir, wenn dein Herz sich meiner erbarmt. Ich will deine Magd und dein Stallbube sein.

Das sind unsinnige Reden, verwies er ihr. Wenn Ihr Euch fortwerft – ich mag Euch nicht aufheben.

Sie zuckte zusammen und fing plötzlich an heftig zu schluchzen. Das harte Wort tat ihm leid, aber es war nicht mehr zurückzunehmen. Indem er überlegte, wie er sie beruhigen könnte, ohne sich doch zu etwas Ungerechtem zu verpflichten, wurde die Zeltleinwand am Eingange aufgehoben, und es zeigte sich ein Kopf mit langer spitzer Nase und lebhaft blitzenden Augen.

Dem Junker war vorhin unter den Zuschauern ein Mann nicht unbemerkt geblieben, der ihn mit einiger Neugierde zu mustern schien. Er mußte, nach der Form seines Gesichts zu schließen, ein Jude sein, aber seine Kleidung war der Mode des Tages angepaßt und wie sie Hofleute zu tragen pflegen. Heinz hätte sich einbilden können, ihn schon einmal im Leben gesehen zu haben, er hatte aber keine Zeit, weiter darüber nachzudenken, da der Reiter bald seine ganze Aufmerksamkeit fesselte. Nun überraschte es ihn, dasselbe Gesicht dreist ins Zelt hineinblicken und gleich darauf den Mann unaufgefordert eintreten zu sehen.

Natalia schoß plötzlich das Blut in Wangen und Stirn. Des Königs Leibarzt! rief sie, und der Junker wußte ihn nun in seiner Erinnerung unterzubringen. Das war der Mann, der seine Wunde geheilt hatte.

Leib Israel verneigte sich flüchtig und trat sofort an Natalia heran. Es freut mich, daß Ihr mich erkennt, sagte er. Ist auch nicht gar zu lange Zeit vergangen, seit Ihr mich in Raciaz Eures kranken Freundes wegen – er wandte sich bei diesen Worten halb zu Heinz – aufsuchtet, so haben doch schöne junge Fräulein oft ein schlechtes Gedächtnis. Es freut mich, daß ich Euch habe nützen können: der Junker bezeugt durch sich selbst am besten, daß ich Euch Wort gehalten habe; es gibt keinen unter des römischen Königs Gästen, der geschickter eine Lanze bricht.

Was er sprach, klang spöttisch, obwohl es nicht so gemeint sein durfte. Heinz sah verlegen zu Boden; er hatte die Empfindung, als ob ihm schwerer Undank vorgeworfen werde, und der Jude konnte doch nicht wissen – Dies Gefühl verstärkte sich, als er ihn zu Natalia sagen hörte: Hoffentlich habt Ihr nicht zu bereuen gehabt, was Ihr für den Junker getan.

Schweigt, Unverschämter! rief ihm das Mädchen zu. Weshalb nun diese heftige Abwehr ihrerseits? Er selbst hielt eine Entgegnung zurück.

Der Arzt schien das scharfe Wort überhört zu haben. Er ließ sich auf ein Knie nieder und sagte: Euer Lohn war gut. Ich will dafür meine Geschicklichkeit auch an Euch versuchen, ohne weitere Fragen zu stellen, die Euch unlieb sein müssen. Zeigt mir Euren Fuß. Ist er gebrochen? Sie zögerte. Aber er sah sie mit einem Blick an, der Gehorsam forderte, faßte auch, ohne eine Antwort abzuwarten, mit der einen Hand die Hacke, mit der andern die Wade und untersuchte durch leise Bewegungen, ob sich der Knochen verschieben ließe. Sie verbiß den Schmerz. Der Fuß ist nur verstaucht, entschied er, aber es kann eine Woche dauern und länger, bis Ihr ihn wieder zu brauchen vermögt. Und von den Reitkünsten kann auf lange hinaus nicht die Rede sein. Vor allem ist nötig, daß Ihr Euch auf ein Lager streckt. Er hob die hintere Zeltwand und rief einer alten Zigeunerin, die hinter dem Wagen ein Huhn schlachtete, etwas in fremder Sprache zu.

Sie unterbrach sogleich ihre Arbeit, kam ins Zelt und gab in sehr unterwürfiger Stellung auf die weiteren Weisungen des vornehmen Arztes acht, der sich ihr wohl zu erkennen gegeben haben mochte. Dann warf sie aus dem Wagen einige Polster und Decken auf die Erde und begann eine Lagerstätte herzurichten.

Der Raum ist so eng, sagte Leib Israel, zum Junker gewandt, daß wir die gute Alte in ihrem löblichen Werke hindern. Treten wir ins Freie, bis das Lager bereitet ist. Am besten überlaßt Ihr auch die Kranke heute dem Arzt, der für die nötigen Umschläge zu sorgen hat.

Heinz kam diese Mahnung ganz angenehm. In Gegenwart des Fremden konnte er ja doch nichts mit Natalia besprechen. Er verabschiedete sich daher und versprach am andern Tage wiederzukommen und sich nach ihrem Befinden zu erkundigen. Sie schien nun kaum auf seine Worte zu achten, saß mürrisch mit abgekehrtem Gesicht und reichte ihm nicht einmal die Hand, als er ging. Sie ist beleidigt, dachte er, weil ich ihre Dienste unfreundlich abgewiesen habe. Wie durfte ich sie aber annehmen?

Am nächsten Tage fand im Schloß zwischen den Abgesandten des Ordens, den Räten des Königs von Polen und dem Kanzler des römischen Königs mit seinem Beirat von gelehrten Doktoren eine Beratung über einige der wichtigsten von den dreiundvierzig Klageartikeln des Ordens statt, wobei Heinz nicht fehlen durfte. Es waren auch die beiden Bischöfe von Kujawien und Heilsberg anwesend und suchten durch scharfe Zwischenreden jeden Ausgleich zu hindern, der nicht auf ihre Ansprüche volle Rücksicht nahm. Darüber gab es großen Lärm, und es fiel sogar der Vorwurf, daß der Hochmeister den hussitischen Umtrieben nicht fernstehe und den Orden ganz von der Kirche lösen wolle. Dagegen fuhr sein Vetter von Plauen heftig auf, und der Ordensmarschall sah sich genötigt, seines Herrn Verteidigung zu übernehmen. Die schlauen Priester aber drängten nun die Gesandten mehr und mehr in die Verhandlung selbst hinein und kamen so zu ihrem Ziele bei dem Kanzler des römischen Königs. Nach stürmischen Hin- und Widerreden trennte man sich erst am späten Abend. Heinz nahm einen der Schreiber mit sich und ließ ihn alles niederschreiben, was von der Verhandlung frisch im Gedächtnis war. Er meinte, es gehe nicht mit rechten Dingen zu, und wollte seinem gnädigsten Herrn überlassen, das zu beurteilen. So arbeitete er tief in die Nacht hinein.

Er hatte an diesem Tage nicht daran denken können, in der Stadt einen Besuch zu machen. Am andern Vormittag aber, als er sich schon zu diesem Zweck angekleidet hatte, ließ sich in seiner Herberge ein Danziger Bürger namens Westphal melden und um ein Gespräch bitten. Er erzählte ihm, daß Frau Anna Groß mit ihren Kindern angelangt sei, um ihre Klage gegen den Orden bei König Sigismund anzubringen, wie ihr des Königs von Polen, ihres Schutzherrn, Räte weidlich geraten hätten. Denn noch immer enthalte man ihr die Güter ihres Mannes und ihres Vaters vor. Sie ließ ihn bitten, ihr eine Stunde zu schenken und ihr genau zu sagen, an wen sie sich zu wenden habe, auch ihren Begleiter, eben diesen Westphal, bei Hofe vorzustellen und zu empfehlen. Heinz kam dieses Gesuch in seiner jetzigen Lage sehr unbequem. Er begab sich aber sofort zu der unglücklichen Frau und suchte sie zu bestimmen, von allen feindseligen Schritten abzustehen und sich lieber mit Bitten an den Herrn Hochmeister zu wenden, bei dem er künftig gern für sie sprechen wolle. Das lehnte sie aber mit Heftigkeit ab. Soll ich bitten, rief sie, daß man mir das Unrecht verzeihe, das mir und meinen Kindern geschehen ist? Kann der Hochmeister mir gerecht werden, da er doch den Mörder meines Vaters und meines Mannes geschützt hat, weil er sein Bruder ist? Nein, ich will mich nicht nochmals demütigen – klagen will ich um mein Recht, und wenn ein Gott im Himmel lebt, muß mir mein Recht werden.

Da er sie nun zu begütigen bemüht war, verlor sie in ihrem Schmerz alle Fassung und nannte ihn selbst einen unzuverlässigen Freund und einen Mantelträger. Sehr verstimmt ging er von ihr. Er hatte in der Schule des Lebens bereits genug gelernt, um zu wissen, daß man ihr Unglück vielleicht benutzen werde, dem Hochmeister neue Ungelegenheiten zu bereiten, daß ihr aber auf solche Art nicht zu helfen sei.

Als er dann auf den Markt kam, traf er zwar die Zigeuner dort noch an, fand aber das Zelt leer. Seine Fragen verstanden sie sowenig als er ihre Mitteilungen in der fremden Sprache. Aus ihren Zeichen und einzelnen deutschen Worten entnahm er nur so viel, daß sie die Kranke nicht länger hätten beherbergen können und daß der Arzt sie fortgeschafft habe. Er nahm sich vor, Leib Israel bei nächster Gelegenheit zu befragen. Aller Wahrscheinlichkeit nach war sie in ein Pilgerhaus gebracht, in dem Kranke gepflegt wurden.

Aus ganz anderem Grunde sollte er einige Tage später zu des Königs Leibarzt geführt werden. Es geschah nämlich, daß beim Turnieren seine Lanze unglücklich splitterte und das spitze Holz ihm das Auge verletzte. Die Wunde schien anfangs klein und ungefährlich, so daß er sie mit Hausmitteln meinte heilen zu können. Leider bildete sich bald eine Tränenfistel, und die starke Eiterung bewies auch, daß ein kleiner Holzsplitter steckengeblieben sein müßte. Nun riet der Ordensmarschall, ärztliche Hilfe zu suchen. Wo konnte er sie besser finden als bei Leib Israel?

Der Jude hatte sein Quartier in einem Hause dicht neben der königlichen Herberge. Es war mit großem Luxus eingerichtet. Auf den Treppen und Fluren lagen weiche Matten, über den Fußböden der Zimmer köstliche Teppiche. Die Türöffnungen waren durch lange faltige Decken mit orientalischen Mustern geschlossen, und ähnliche Decken hingen vor den Fenstern an verschiebbaren Ringen, die über zierliche Stangen von Goldblech liefen. Auf den Gestellen in den Wandnischen standen allerhand Gläser und Flaschen, auch lagen dort sonderbar geformte Instrumente neben Knochen von Tieren und Menschen. Offenbar war der berühmte Arzt daran gewöhnt, vornehmen Besuch zu empfangen, und gleich die Ausstattung des ersten Zimmers war derart, daß sie den Besucher mit Betrachtungen über seine geheimnisvolle Kunst beschäftigen mußte.

Ein alter Diener hörte Heinz an und ging dann, seinen Herrn herbeizuholen, der in seinem Laboratorium arbeitete. Leib Israel erschien bald in einem langen Gewande, eine spitze Mütze auf dem Kopf, und schien ihn bei der Begrüßung vorsichtig zu mustern, was etwa sein Kommen bedeute. Sobald er sich überzeugt hatte, daß das Auge wirklich krank war, zeigte er sich vertraulicher. Er rieb die wunde Stelle mit einer Salbe ein und gab ihm ein Fläschchen mit Wasser, das er am Morgen und am Abend zum Waschen gebrauchen solle. Er erlaubte ihm auch, nach einigen Tagen zu bestimmter Stunde wiederzukommen. Schon in der Tür sagte der Junker: Wollet mir noch eine Auskunft geben. Wo ist Natalia von der Buche geblieben? Bei den Zigeunern habe ich sie vergebens gesucht.

Der Arzt legte den Finger ans Kinn und zwinkerte mit den Augen. Habt Ihr sie gesucht, Junker? fragte er lächelnd. Sie hat einen ganzen Tag umsonst auf Euch gewartet und dann gemeint, Ihr wolltet Euch nicht mehr blicken lassen. Bei dem Gesindel konnte sie nicht bleiben. Ich habe sie – ich habe sie in ein Hospital gebracht, wo sie gut aufgehoben ist.

Bessert sich der Fuß?

Sie wird ihn bald völlig wieder brauchen können. Aber ein schwereres Leiden ist nicht so leicht zu beseitigen. Er tupfte mit dem Finger auf seine Stirn.

Die Arme! Ihre Reden waren so verwirrt. Kann ich sie sehen?

Nein! Euer Anblick würde sie sehr aufregen. Die Wahrheit zu sagen: sie spricht von Euch nicht gut, Junker. Es scheint, daß Ihr sie schwer gekränkt habt.

Er senkte den Kopf. Sie hat mir's reichlich vergolten, sagte er leise. Das ist eine traurige Abrechnung – sie läßt für uns beide nichts übrig.

So gewinnt vielleicht der Dritte, murmelte Leib Israel und schob ihn sanft hinaus.

Die Wirkung des Wassers war die beste. Als Heinz sich dem Arzt wieder zeigte, konnte er schon das Auge ohne Schmerz öffnen und schließen. Gebraucht das Mittel noch eine Woche so fort, und Ihr seid gesund, versicherte der kluge Arzt.

Das traf zu. Darauf steckte der Junker einen Goldgulden in die Gürteltasche und ging zu ihm, seinen Dank anzubringen. Er fand ihn aber nicht zu Hause. Der König, hieß es, habe ihn berufen, und er sei schon einige Stunden fort. Heinz sagte, daß er ihn erwarten wolle, und trat in das Zimmer ein. Neugierig betrachtete er die Gläser und Instrumente auf den Gestellen in der Nähe und vertrieb sich damit, so gut es ging, die Zeit. Auf einem Pulte lag ein großes Buch aufgeschlagen. Die Schrift war ihm unbekannt; zwischenein aber zeigten sich wunderliche Figuren, Kreise und Dreiecke durcheinander und Schlangenlinien in allerhand Windungen.

Während er wie ein Kind, das ein Buch mit Bildern besieht, darin blätterte, vernahm er hinter den Türvorhängen eine gedämpfte Stimme, die eintönig deutsche und polnische Worte bald sprach, bald sang. Er glaubte sie zu kennen. Natalia hatte einmal das Lied gesungen, dessen Melodie mitunter anklang – ein Lied vom Rößlein, das bei Lerchensang über die Heide trabt. Da waren auch die Schlagworte – kein Zweifel mehr, sie war's! Wie kam sie hierher in des Juden Haus? Hatte Leib Israel ihm die Unwahrheit gesagt? Er schlich nach der Tür und lauschte an den Vorhängen.

Leise schob er sie zurück und blickte in das anstoßende Gemach. Da stand Natalia auf dem bunten persischen Teppich, in lange weiße Gewänder gekleidet. Sie hielt einen runden Spiegel am Griff in der Hand und war bemüht, mit der andern einen Schal von feinstem Gewebe mit durchzogenen Goldfäden turbanartig um den Kopf zu winden. Es wollte nicht nach Wunsch gelingen. Rebekka versteht's besser, sagte sie, aber sie kann nicht reiten wie ich. Über die Heide bei Lerchensang – hahaha! Die Lerchen werden nicht müde zu singen – früh oder spät, spät oder früh. Heissa! Nein, nun reimt sich's nicht. Bin ich eine schöne Jüdin? Es fehlen noch die langen Ohrgehänge von Gold und Perlen.

Er mußte ein Geräusch verursacht haben, denn sie schreckte plötzlich zusammen und blickte um sich. Das zierliche gelbe Windspiel, das sie umtänzelt hatte, wurde aufmerksam und fing zu bellen an. Mit einer raschen Armbewegung schlug er die Vorhänge zurück und stand vor ihr. Natalia, rief er, hier finde ich dich?

Ihren ganzen Körper befiel ein Zittern. Sie riß den Schal vom Kopf und drückte ihn mit den Händen gegen die Augen. Das Windspiel versteckte sich ängstlich hinter ihr. Nach einer Weile ließ sie die Hände sinken und sah ihn mit einem zornigen Blick an. Du hast es nicht besser gewollt, sagte sie. Warum kamst du nicht wieder?

Er wollte ihr's erklären, aber sie unterbrach ihn mit Heftigkeit. Lüge – Lüge – Lüge! Pfui! Du bist feige, daß du lügen kannst. Und warum? Will ich noch etwas von dir? Sieh mich an! Ich bin des Juden schönster Schatz. Als ich ihn zuerst küßte, da war's, dich zu retten. Seitdem sind meine Lippen vergiftet. Und jetzt küßt er das Gift von meinen Lippen, und ich werde gewiß wieder gesund werden – bis zum letzten Stündlein hat's Zeit. Sie trat dicht an ihn heran; die langen Gewänder schleppten nach; auf dem einen Fuß hinkte sie ein wenig. Ich weiß, wo er sein Gift aufbewahrt, flüsterte sie ihm zu, seine Hand fassend, ich kenne alle seine Schlüssel – und nachts … Aber das darfst du nicht wissen, denn es ist für eine, die du liebst. Sie stieß ihn fort. Ich hasse dich! Hüte dich vor mir – es hat kein gutes Ende.

Sie schleppte sich nach der Tür, durch die sie eingetreten sein mußte. Dort wandte sie sich nochmals zurück. Aber du bist des Juden Gast, sagte sie mit höhnischem Lachen, du sollst gut bewirtet werden. Warte ein Weilchen, ich bin gleich wieder hier. Sie huschte fort.

Nach wenigen Minuten kehrte sie zurück. Auf einem kleinen Brett von Ebenholz trug sie ein Henkelglas, das mit Wein gefüllt sein mochte, denn es schaukelte sich darin eine helle gelbe Flüssigkeit. Trinke das, sagte sie, und laß dir's wohl bekommen.

Er sah sie fragend an, und sie schien plötzlich verwirrt zu werden. Sei nicht bange, stotterte sie, daß ich nicht selig werde. Ich hab's dem heiligen Stanislaus versprochen, daß ich den Juden zum Christen mache, dafür bittet er für mich, daß mir alle Sünden vergeben werden – vergangene und zukünftige. Sie hielt das Brett vor ihn hin. Trinke nur, trinke – und denke dabei an – Maria.

Als sie den Namen nannte, zitterten ihre Hände so heftig, daß das Henkelglas auf seinem zierlichen Fuß ins Schwanken kam und umstürzte. Er griff eiligst danach, aber der Wein ergoß sich schon über das Brett und auf den Fußboden. Das Hündchen leckte die Flüssigkeit auf.

Natalia schien bestürzt. Sollte es nicht sein? sprach sie vor sich hin. Gut – ein andermal. Warum dachte ich auch an –? Sie bemerkte das Windspiel und stieß es mit dem Fuße fort, daß es heulend in die Ecke des Zimmers floh. Es schien ihr gleich darauf leid zu tun. Sie folgte ihm, hob das zitternde Tierchen auf, setzte sich auf ein Polster und nahm es auf den Schoß. Armer Wicht, sagte sie, das glatte Fell streichelnd, armer Wicht, was hast du getan? Wie wird dein Herr, der Jude, schelten, daß du so vorwitzig warst! Nicht für dich, nicht für dich – Wie das Herz stürmisch klopft. Sie drückte den Kopf des Hündchens an ihre Brust und streichelte ihn unaufhörlich. Das ist für deine Treue, armer Geselle.

In der Tür erschien eine alte Jüdin und blickte ängstlich im Zimmer um. Was wollt Ihr? fuhr sie den Junker an. Wer seid Ihr? Dann wandte sie sich zu Natalia und flehte mit sanftester Stimme: Ich bitt' Euch, Fräulein, kommt mit mir in Euer Zimmer zurück. Einen Augenblick ließ ich Euch unbewacht und gleich – Bedenkt, wie streng der Herr verboten hat – Gott Abrahams, wenn er Euch hier bei dem Fremden findet –

Es war schon zu spät. Eben trat Leib Israel hinter den Türvorhängen vor. Was geschah hier? fragte er, und seine Augen blitzten zornig. Rebekka – wie konntest du –? Fort mit Euch, Junker, sie gehört mir, wenn ich sie wieder gesund mache. Er schob ihn zurück und stellte sich vor Natalia, die auf sein Eintreten gar nicht zu achten schien, sondern nur immer das kleine Windspiel streichelte und küßte, das nun kläglich wimmerte und schmerzlich zuckte. Der Arzt wurde darauf aufmerksam – er sah das Glas in des Junkers Hand, auf dem Boden das Brett und daneben die Spuren der verschütteten Flüssigkeit, betastete den Körper des Tieres und sagte: Der Hund hat Gift. Wer gab ihm das?

Heinz durchfröstelte es. Mir war's bestimmt, sagte er, sich schüttelnd.

Natalia aber schien in ihren Armen ein Kind zu wiegen. Sie sang, beugte den Kopf und horchte. Plötzlich schrie sie auf: Tot – tot! ließ das Hündchen von ihrem Schoß auf den Fußteppich gleiten und begann laut zu schluchzen und die Hände zu ringen.

Der Arzt wollte sie aufrichten, aber sie wehrte ihn von sich ab. Er winkte Rebekka heran, faßte des Junkers Arm und führte ihn hinaus.

So hätt' ich um dich nicht geweint! rief Natalia ihm nach.

Am andern Tage fand er sich wieder im Hause des Arztes ein, nach der Unglücklichen zu fragen. Leib Israel saß vor dem großen Buch und zirkelte mit dem Finger die Figuren nach. Erst nach einem Weile blickte er auf und sagte: Sie ist in dieser Nacht entsprungen – durchsucht mein Haus, wenn Ihr wollt. Ihr Schicksal bekümmert mich mehr, als Ihr glaubt. Aber es ist vergebens, ihr nachzuspüren – die Zeichen geben keine Auskunft.

Heinz legte den Goldgulden auf die Leiste des Pultes und ging schweigend hinaus.

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