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Heinrich von Plauen

Ernst Wichert: Heinrich von Plauen - Kapitel 44
Quellenangabe
typefiction
authorErnst Wichert
titleHeinrich von Plauen
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G.m.b.H.
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secondcorrectorHelmut Prodinger
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44. DIE SÜHNE

Der Waldmeister hatte sich, wie er sich's vorgenommen, am Stadttor unter der Brücke einquartiert. Das Wasser des Grabens stand unter derselben ziemlich tief und ließ am jenseitigen Ufer einen großen Teil der Böschung trocken, über welche das Holzwerk hinausreichte. Darunter fand er in diesem spitzen Winkel so viel Schutz gegen die Witterung, als ein Mann seiner Art brauchte. In der Stadt kaufte er etwas Brotvorrat, geröstetes Fleisch und Käse. Das genügte ihm zur Nahrung. In einer Schenke dicht am Tor gab's treffliches Bier, den Durst zu stillen, wenn die Sonne zu heiß brannte.

Gegenüber lag das Schloß mit einem Ausgang nach der Stadtseite, und er meinte, der Hochmeister werde ja wohl einmal herauskommen und über die Brücke reiten. Mit dem Gedanken, an ihm Rache zu nehmen, hatte er sich so lange getragen, daß er sich der Schwere desselben gar nicht mehr bewußt war. Er wachte mit ihm auf und schlief mit ihm ein, aber wundersamerweise zeigte sich seine treibende Kraft nur gering. Der Gedanke ließ ihn nicht los, stachelte ihn aber auch nicht zur Tat. Er gab seinem Leben einen Rest von Wärme, und es schien fast, als ob er sich scheute, die Kohlen zu einem lebhaften Feuerbrande anzufachen, der ihn mit verzehren müßte. Der Zufall sollte walten und über die Zeit entscheiden. Auch das freilich kam ihm keineswegs zum klaren Verständnis. Sein Kopf war verwirrt; es steckte darin, wie er's selbst manchmal nannte, ein Teufelsnest, in dem die junge Brut sich immer erneute, um munter aus und ein zu fliegen. So hatte er auch jetzt gar nicht den zwingenden Wunsch, Plauen möchte ihm bald sein Haupt zur Zielscheibe bieten – er hatte Zeit, zu warten.

Der Tag verging, und die Nacht schlief er gut unter dem schützenden Balkendach. Des Morgens weckten ihn die Torwächter, die den beweglichen Teil der Brücke an den beiden Eisenketten polternd auf das Joch hinabließen. Er setzte sich auf einen Stein am Grabenrande, verzehrte sein Frühstück und gab acht, was für Leute vom Schlosse her oder aus der Stadt vorüberkämen. Das unterhielt ihn gut.

Die Sonne stand schon hoch, als er hinter sich auf dem Steinpflaster den Hufschlag eines Pferdes vernahm. Er blickte um und erkannte seinen Gutsherrn Hans von der Buche. Der ritt in langsamem Schritt, anscheinend ganz in traurige Gedanken versenkt, der Stadt zu. Er hatte auch guten Grund, traurig zu sein. Gestern spätabends war der Hochmeister in der Vorburg bei Ambrosius gewesen und hatte mit Waltrudis ein langes Gespräch unter vier Augen gehabt. Das erfuhr Hans von der Gießmeisterin, als er sich in den Frühstunden meldete, auch daß der gestrenge Herr ihr ernstlich verboten hätte, ihn einzulassen, und daß er das Fräulein nicht mehr sehen dürfe. Es tue ihr leid, hatte sie gesagt, aber gegen ihre Pflicht könne sie nicht handeln als eine ehrbare Frau, und sie wolle auch nicht, daß ihr Mann ihres guten Herzens wegen von Amt und Brot käme. Darum bäte sie ihn recht freundlich, daß er nichts unternähme, des Herrn Hochmeisters Willen zu kreuzen oder ihrem Hause Unannehmlichkeiten zu bereiten. Dem lieben Mädchen müsse ja auch die Entsagung noch schmerzlicher werden, wenn er unvernünftig gegen die Mauer Sturm laufe, in der sie ihm doch das Pförtchen nicht öffnen könne.

Er hatte dringend gebeten, ihm nur noch einen kurzen Abschied zu gestatten; aber auch das hatte sie verweigert. Nur einen Gruß zu bestellen, war ihr nicht gegen Pflicht und Gewissen erschienen.

Der Waldmeister trat an das hölzerne Brückengeländer heran und stützte die Ellenbogen auf dasselbe. He, Junker, rief er, wohin wollt Ihr? Hans erwachte aus seiner Träumerei und schaute auf. Ihr, Gundrat? Ganz recht – ich sollt' Euch an der Brücke finden. Der Gaul blieb stehen, auch ohne daß er den Zügel anzog, und wandte den Kopf dem Waldmeister zu.

Der Alte klopfte ihm den Hals. Geht's schon nach Hause, Junker? fragte er.

Nach Hause, und mit schwerem Herzen. All mein Glück muß ich hier zurücklassen, und nie wieder – nie – Seine Augen wurden feucht, er vermochte nicht weiterzusprechen.

Ist's mit der Liebschaft zu Ende, Junker? Das ist rasch gegangen. Aber desto besser. Torheit – Torheit! Je schneller man's einsieht, desto besser. In den Weibern steckt der Teufel.

Oh, sie ist engelgut, entgegnete Hans eifrig. Ihr dürft nicht glauben, daß Waltrudis mich gekränkt hat. Aber der Hochmeister –

Der Hochmeister –?

Sie ist seine Verwandte, und er hat sie dem Prinzen Switrigal von Masowien bestimmt – deshalb weist er meine Werbung ab. So wißt Ihr alles. Wollt Ihr mich begleiten?

Nein, Junker – habe hier noch zu tun.

So lebt wohl! Er drückte sein Pferd mit den Schenkeln vorwärts, aber der Alte hielt es am Zügel fest.

Ihr habt's nicht so eilig, Junker, sagte Gundrat. Steigt ab und bleibt noch ein Viertelstündchen. Ich will Euch einen guten Vorschlag machen.

Kann ich ihn nicht hier im Sattel hören?

Nein, Junker – was ich Euch sage, will wohl überlegt sein. Ich bitt' Euch, steigt ab.

Hans bedachte sich einen Augenblick. Es eilt mir wirklich nicht, nach Hause zu kommen, meinte er. Er schwang sich vom Pferde und band den Zügel um die Geländerstange. Nun, Waldmeister, Euer Vorschlag.

Gundrat hieß ihn sich bücken und außerhalb der Brücke auf den Grabenrand treten. Auf der Böschung nahe dem Wasser setzten sie sich ins Gras. Ich hab' Euch von der litauischen Wildnis erzählt, begann nach einer Weile der Alte. Was denkt Ihr davon?

Wovon, Gundrat?

Von der Wildnis. Es gibt weit und breit nichts, was sich damit vergleicht.

Mag sein.

Verkauft Haus und Hof im Kulmer Lande, wo doch schon zuviel Menschen wohnen und unter ihnen ewige Unruhe ist – laßt Euch ein Stück von der Wildnis anweisen und kommt dann mit mir dahin. Wir wollen uns mitten in dem Walde eine Hütte bauen, solange es noch Sommerszeit ist, und uns nach Gefallen als rechte Jägersleute einrichten. Für einen ist's dort zu schwer, sich gegen das Getier zu behaupten, aber zwei finden gerade lohnende Arbeit.

Hans sah ihn verwundert an. Was sind das für Grillen, Alter? Ich sollte mit Euch in den Wald? Das ist nichts für mich.

Nicht? Dann hab' ich Euch wohl falsch verstanden, Junker. Ihr sagtet doch, all Euer Glück müßtet Ihr hier zurücklassen.

Hans seufzte. All mein Glück!

Das sagt Ihr so, aber es ist Euch nicht Ernst damit.

Könnt Ihr daran zweifeln? Ich liebe das Mädchen, und mein Herz kann nicht von ihm lassen. Glaubt mir, ich bin sehr unglücklich.

Der Alte schüttelte den Kopf. Wem's nicht nach der Einsamkeit verlangt, der soll sich noch nicht unglücklich nennen.

Nach der Einsamkeit – Hans stützte die Stirn in die Hand und träumte eine Weile in sich hinein. Kann man nicht auch unter Menschen mit sich allein sein?

Das ist eine Ausrede, Junker. Wer sie recht erkannt hat, der flieht sie. Aber wie Ihr wollt. Ich meinte Euch gut zu dienen.

Und ich dank' Euch von Herzen. Es kann sein, daß ich über einige Jahre Eurem Rate folge. Noch aber will ich nicht alle Hoffnung aufgeben, meine Wünsche ans Ziel zu bringen.

Ah, das ist etwas anderes. Ihr hofft noch! Aber wie soll ich das verstehen, daß Ihr nach Hause reitet? Meint Ihr dort den Hochmeister besser zu zwingen?

Ich kann jetzt für mich nichts tun. Aber wenn Waltrudis mir treu bleibt –

Gundrat steckte den Knebel des Daumens zwischen die Stümpfe seiner Zähne und pfiff darauf. Das war seine Antwort.

Ich habe ihren Bruder wiedergesehen, fuhr Hans fort. Aber er kann mir jetzt nicht helfen. Der Herr Hochmeister hat ihn in den Turm setzen lassen, und es scheint, daß er sich von schwerer Anklage zu reinigen hat.

Das Fräulein hat also einen Bruder – Der Alte sprach's recht gleichgültig hin.

Freilich! Und er ist mein Freund. Was er tun kann, tut er gewiß, des Hochmeisters harten Sinn zu wenden. Ihr kennt ihn ja!

Ich kenne ihn? Sicher nicht.

Den Junker Heinz von Waldstein kennt Ihr nicht, Waldmeister?

Gundrat schnellte vom Boden auf. Und der ist –?

Ihr Bruder. Sagt' ich's Euch denn noch nicht?

Der Alte atmete in kurzen Stößen. Ist das gewiß?

Völlig gewiß. Ich weiß es von ihm selbst, und er hat's erfahren aus des Hochmeisters eigenem Munde – schon damals in Schwetz.

Und seine Verwandte, sagt Ihr –

Der Hochmeister nennt Waltrudis seine Verwandte. Näheres weiß ich darüber nicht.

Gundrat lachte laut auf. Seine Verwandte – hahaha, seine Verwandte! Jawohl, seine Verwandte! Das ganze Gesicht verzerrte sich beim Lachen. Plötzlich wurde er wieder ernst. Und das Mädchen liebt Ihr, Junker?

Meines Freundes Schwester – ja, ja!

Und wißt nicht –? Er unterbrach sich und schlug sich vor die Stirn. Wer weiß es denn außer mir und ihm?

Hans wiegte verwundert den Kopf. Wovon sprecht Ihr denn, Gundrat?

Wovon ich spreche? Hahaha! Von zwei Geschwistern, die nicht Vater, nicht Mutter haben. Die Mutter liegt tot im Walde, und der Vater – Schande über ihn! Heinz heißt der Bub – das ist Heinrich; den Namen hat er ihm gegeben, und auf dem Waldstein mag ihm wohl sein erstes Lager bereitet worden sein, daß er sich mit Recht von daher nennt. Aber das Mädel – Waltrudis! So hieß die Mutter nicht. – Ah, sie hat sich ihres Namens geschämt.

Hans wurde aufmerksam. Kanntet Ihr die Mutter?

Der Alte starrte ihn an. Ob ich – die Mutter – Er ballte die Fäuste und drückte sie gegen die Stirn. Die Mutter – die Mutter – die arme Mutter! wimmerte er. Nein, ich kannte sie nicht – ich war in blinder Wut. Sonst wäre das nie – nie geschehen.

Hans wußte sich in diese wirren Reden nicht zu finden. Der Alte hatte manchmal dergleichen Anfälle, in denen er wahnsinniges Zeug sprach. Er wußte das und hatte sich stets vergeblich bemüht, ihn zu einer geordneten Mitteilung zu bewegen. Auch jetzt lohnte es nicht, in ihn zu dringen. Er stand daher auf und reichte Gundrat die Hand hin. Lebt wohl, sagte er.

Der Waldmeister hielt ihn fest. Ihr liebt das Mädchen, sprach er leise, und die rauhe Stimme klang jetzt sanft.

Wie oft soll ich's Euch sagen?

Und das Mädchen liebt Euch?

Ich bin davon überzeugt wie von meinem Leben.

Und Waltrudis soll eines andern Mannes Weib werden, weil er's so will?

Der Hochmeister.

Der Bruder im Gefängnis –

Weil er eines Danziger Bürgers Tochter entführen wollte.

Ich weiß es, ich weiß es. Es steckt im Blut – in dem bösen Blut. Aber das Mädchen hat einen Vater –

Wie? Er lebt noch?

Und einen Großvater, der es nicht verleugnen wird.

Gundrat, bei allen Heiligen, was wißt Ihr davon?

Still, laßt mich nachdenken. Was kann ich für Euch tun? Euer Vater hat mich im Walde geduldet – Ihr habt den alten Mann immer freundlich behandelt, zu Eurem Verwalter eingesetzt – Ihr seid mir lieb geworden wie ein Sohn. Nein! Er soll euch nicht elend machen – nicht dich, nicht sie. Ich leide es nicht! Ich will – Er schüttelte sich wie im Fieberfrost und starrte ins Gras. Da liegt sie auf den Knien – da bittet sie für ihr Kind. Ich höre dich – ja, ja, ich will's ja tun. Er griff mit den Händen in die Luft, taumelte und fiel zu Boden. Hans hob ihn auf. Was geschieht Euch? fragte er besorgt.

Der Alte war kaum der Sprache mächtig. Versprecht mir, Junker, keuchte er mühsam, daß Ihr mir hier – eine Stunde oder zwei – meine Armbrust bewachen wollt. Ich darf sie nicht mitnehmen, wohin ich gehe. Sie taugt jetzt auch nicht – in meiner Hand. Ich bitt' Euch – bleibt hier, bis ich zurückkehre. Es könnte sein, daß ich Euch etwas zu berichten hätte, das Euch alle Betrübnis in Freude wandelt. Und wenn nicht, so versäumt Ihr ja wenig. Vielleicht seid Ihr dann geneigter, mich in die Wildnis zu begleiten.

Was wollt Ihr tun, Gundrat?

Der Alte richtete sich hoch auf. Ich gehe zum Hochmeister.

Ihr – zum Hochmeister –? Und was –

Fragt nicht, aber erwartet meine Rückkehr.

Ihr habt Sträfliches gegen ihn im Sinn –

Lasse ich Euch nicht meine Armbrust? Fürchtet nichts für ihn.

Ich fürchte zugleich für Euch.

Das hat keine Not, Junker. Bin ich in zwei Stunden nicht zurück, so gehört die Armbrust Euch. Wollt Ihr Sperlinge damit schießen, so kann ich nichts dawider haben. Wenn Ihr aber klug seid, so legt zu rechter Zeit einen Bolzen darauf und haltet auf den Adler, wenn er hier vorüberfliegt. Ihr wißt, welchen ich meine.

Er stieg dabei über das Geländer, ging einige Schritte, kehrte nochmals um, zog sein Weidmesser aus dem Gürtel und warf es dem jungen Gesellen zu. Andere Waffen hatte er nicht. Dann machte er sich eiligst auf den Weg nach dem Schlosse.

Hans folgte ihm mit den Blicken, bis er hinter dem Brückenkopf verschwunden war. Ein paar Stunden konnte er ja warten. –

Der Waldmeister fand nicht so leicht Einlaß, wie er's wohl erwartet haben mochte. Er sollte anzeigen, was sein Begehr sei, und er wollte doch nicht einmal seinen Namen nennen. Sein störrisches Wesen und sein lauernder Blick erregten Verdacht. Es fehlte nicht viel, daß ihn der Hauskomtur der Schloßwache übergeben hätte. So in die Enge gedrängt, sagte er endlich: Berichtet dem Herrn Hochmeister, daß der Mann draußen stehe, bei dem er das Weidwerk gelernt hat, und nennt ihm den Namen Mechthild. Läßt er mich darauf nicht ein, so ist's Eure Schuld nicht.

Schon nach wenigen Minuten wurde ihm die Tür geöffnet.

Der Hochmeister erhob sich rasch vom Stuhl, als er eintrat, ohne doch völlig aufzustehen, indem er mit beiden Händen die Seitenlehnen festhielt und sich darauf stützte. Meinhard! rief er. Du bist es? Du kommst … Aus seinem Gesicht war alles Blut gewichen, die grauen Augen starrten auf die lange, hagere Gestalt im Lederwams, die unbeweglich an der Tür stand. Die Arme fingen an zu zittern und im Gelenk einzuknicken; er sank erst langsam, zuletzt wie von einem Stoß gegen die Brust getroffen gegen das Polster der hohen Rückwand zurück und stützte daran den Kopf.

Kennt Ihr mich, Herr von Plauen, kennt Ihr mich? fragte der Alte mit hochtönender Stimme zurück. Auch er schien bewegt zu sein. Es ist freilich lange her, als wir einander zuletzt sahen, und noch länger, als wir einander zum letztenmal in Freundschaft die Hand schüttelten. Damals war ich der Förster im Thüringer Walde, und Ihr nanntet Euch meinen Gesellen. Es muß doch gesagt sein, obschon wir's wohl beide nicht vergessen können. Dann ward ich – Ihr wißt weshalb – ein landflüchtiger Mann und habe viele Jahre mit dem Wolf und dem Uhu in den preußischen Wäldern gehaust, und was von mir übriggeblieben ist, das steht hier – Ihr aber seid des Deutschen Ordens Meister und des Landes Preußen Fürst geworden, und den Namen des Verteidigers der Marienburg kennt jedes Kind im Reiche. Und doch erschreckt Ihr, mich zu sehen, den armen, elenden Mann. Warum? Weil Ihr in all Euer Herrlichkeit noch der Sünde Knecht seid und kein Priester Euch absolvieren kann, wenn ich Euch nicht löse, in dessen Schuld Ihr Euch wisset.

Meinhard, antwortete der Hochmeister, ich wußte, daß diese Stunde kommen mußte, und sie ist gekommen. Was willst du von mir? Ich liebte dein Kind wahr und aufrichtig – du aber gebrauchtest hart dein Vaterrecht –

Mein Recht! fiel der Alte ein. Du aber stahlst, was ich dir vorenthielt, weil es dir in Ehren nicht angehören konnte, und brachtest es zu Unehren. Widersprich, wenn du kannst.

Plauen atmete schwer. Mechthild war glücklich in meiner Liebe, sagte er leise, und die Welt störte uns nicht, wie wir nichts wissen wollten von der Welt. Da kamst du und fandest deine Tochter als mein Weib, und der Vater –

Erschlug sein Kind! rief der Waldmeister und ballte die Faust vor seiner Stirn. Ja, ja, der Vater erschlug im Zorn sein Kind. Auf dich aber lade ich die Blutschuld ab! Täglich hab' ich seitdem gerungen mit dem Teufel, der mir das Herz aus dem Leibe reißen wollte, und immer hat er ablassen müssen von mir, wenn ich ihm deinen Namen nannte. Den falschen, den du dir gabst, mich zu täuschen, und doch den richtigen, denn er kannte dich wohl!

Plauen schüttelte den Kopf. Trage jeder ehrlich seine Schuld – sie drückt schwer genug. Sie starb, weil ich sie liebte. Daß ich sie verlor, war meine härteste Strafe. Aber du hast recht: ich hatte mich verschuldet, und was mich traf, war nicht nur ein trauriges Mißgeschick. Darum hab' ich mein ganzes Leben der Buße geweiht, und – glaube mir, Mann – einen frohen Tag sah ich nicht wieder.

Der Hochmeister ließ die Stirn in die Hand sinken und saß zur Seite gelehnt, ohne sich zu regen. Auch Gundrat hielt sich schweigend, aber sein Blick blieb stechend auf den Gebeugten geheftet, und die Muskeln im Gesicht strafften sich über den hageren Wangen. Seine Hand griff mehrmals nach der Stelle im Gürtel, wo sonst das Weidmesser steckte. Hätte er es fassen können, wer weiß, was geschehen wäre, seinen guten Vorsätzen zum Trotz.

Und weshalb kommst du nun? fragte endlich Plauen wieder. Kann ich dir dein Kind zurückgeben?

Aber Blut für Blut, murmelte der Alte.

Der Hochmeister hatte ihn verstanden; er blickte erschreckt auf. Du wolltest mein Leben …

Gundrat steckte die Hände in den Gürtel. Ich bin gebunden, sagte er, fürchtet nichts. Als ich zu Euch ging, habe ich mich selbst entwaffnet. Aber erinnert Euch, als Ihr am Melno-See jagtet und ein Bolzen Euch dicht am Kopf vorbeiflog – der war von meiner Armbrust abgeschnellt. Ich fehlte, weil ich Euch da zum erstenmal wiedersah und das zornige Blut mir das Auge trübte.

Ihr wart es, den ich lachen hörte …

Ich! Und jetzt kam ich nach der Marienburg, Euch an der Brücke aufzulauern und besser zu treffen.

Plauen schob entsetzt den Stuhl zurück. Verruchter! Und hier –

Fürchtet nichts. Der Teufel war saumselig und hat mich die rechte Stunde verpassen lassen. Ich komme, Euch Frieden zu bieten. Aber es könnte sein – wenn Ihr ihn nicht annehmt –, daß er nochmals Macht über mich gewinnt und mich mit Rachedurst erfüllt. Dann hütet Euch!

Der Hochmeister legte die Hand über das Kreuz, das über der Brust sein graues Gewand schmückte, und sagte: Mein Leben ist in Gottes Hand; du kannst nichts gegen seinen Willen. Aber wenn du mir Frieden bietest, so soll er mir willkommen sein; denn ich habe dich einst schwer gekränkt und brauche deine Verzeihung vor dem Höchsten. Sprich! Was hat dein Herz zum Frieden gewandt?

Ich bin des Junkers Hans von der Buche Waldmeister, antwortete der Alte nach kurzem Besinnen, wie er sein Gesuch anbringen sollte, und bin ihm mehr zugetan als einem Herrn. Soeben ritt er traurig aus diesem Schlosse und traf mich an der Brücke. Ich erfuhr, daß das Mädchen, das er liebt – Eure Tochter ist und meine Enkelin.

Wie wußte er … ? fuhr Plauen auf.

Er wußte es nicht und weiß es nicht. Aber mir ward's gewiß, als er sie des Junkers Heinz von Waldstein Schwester nannte. Als ich den vor Jahr und Tag sah, glaubte ich dich zu sehen, wie du jung warst und im Forsthause aus und ein gingst als mein Geselle. Und auch seiner Mutter mußt' ich gedenken. Da sagt' er mir, daß Ihr ihn berufen hättet und sein Verwandter wäret, und daß er Vater und Mutter nicht gekannt habe. Dann sah ich Euch und brauchte nichts mehr.

Er ist mein Sohn, sagte Plauen, und ich habe ihn in meinem Herzen nie verleugnet. Aber er weiß es nicht und darf es nicht wissen – niemand darf es wissen, wenn ich ihm väterlich helfen will.

Und Waltrudis ist Eure Tochter.

Sie ist's. Ich liebe sie, wie ein Vater sein Kind lieben kann.

Nein, nein, rief der Waldmeister, das ist eine armselige Lüge! Liebtet Ihr sie, so wäret Ihr ihrem Glück nicht so grausam entgegen. Bedenkt, was Ihr getan habt!

Meinhard … ! Er senkte die Augen vor des Alten strengem Blick.

Ein wackerer Mann wirbt um ihre Hand, fuhr der Waldmeister fort. Er hat Haus und Hof und einen guten Namen. Ihr aber habt ihn abgewiesen und auf des Mädchens Bitten und Klagen nicht geachtet.

Weil ich besser für sie sorgen wollte –

Oder für dich und deinen Orden. An ihr Wohl dachtest du nicht. Wenn Waltrudis nun seinetwegen täte, was Mechthild für dich tat –

Plauen stand rasch auf. Meinhard … ! Sie könnte –?

Wäre sie so schuldig wie Mechthild? Mein Junker will sie zu seinem Weibe machen. Aber er ist auch sonst ehrlicher, als Ihr es waret – er sattelt sein Roß und reitet heim, Euer Recht achtend.

Ja, ja, er ist brav und ehrlich und treu, bestätigte der Hochmeister, und steht mir näher, als du glaubst. Es schmerzte mich aufrichtig, daß ich ihn abweisen mußte – gerade ihn. Aber meine Bedrängnis ist groß, und ich darf mir Switrigal nicht zum Feinde machen – ich habe deren ohne ihn genug.

Der Alte trat näher. Und wenn du deren so viele als Sand am Meer hättest, zischelte er, deine Vaterpflicht dürftest du nicht vergessen. Vergissest du sie aber, so sage ich, daß du kein Recht an die Kinder hast. Weshalb hast du Heinz gefangengesetzt, als weil er tun wollte, was du selbst getan hast? Denke an die Mutter! Sie war dir nicht ehelich angetraut. Ihr folgen die Kinder und ihrer Blutsverwandtschaft. Ich aber bin der Großvater und ihr Vormund nach dem Recht. Kannst du das bestreiten?

Plauen preßte die Lippen aufeinander und kreuzte die Arme über der Brust. Er schien trotzig antworten zu wollen, aber der Mut sank ihm, da er den Gegner hochaufgerichtet sich gegenüberstehen sah. Nein, sagte er matt und ließ die Arme sinken.

Dann wisse, wozu ich entschlossen bin, fuhr der Waldmeister fort. Ich fordere die Enkel unter meine Mundschaft. Sie sollen erfahren, wer ich ihnen bin und was mein Wort ihnen gilt. Du aber wirst es nicht hindern!

Plauen ergriff seine Hand. Meinhard, das wirst du nicht tun, rief er, es ist der Kinder Unglück! Niemand darf wissen, daß sie nicht echter Geburt sind.

So höre auch dieses andere. Sprich Waltrudis und Hans von der Buche zusammen als ein Paar, und ich will dich ledig sprechen deiner Schuld gegen mich und mein Kind. Das soll die Sühne sein für das vergossene Blut, daß ich ewiglich schweige, du aber dich meinem Willen beugst. Nur in diesem einen! Dann will ich verschwinden aus den Augen der Menschen, und du sollst vor mir Frieden haben und frei sein in deinem Gewissen! Willst du?

Und Heinz –?

Er hat sich schwer vergangen, und ich will sein Anwalt nicht sein bei dem Vater, der zugleich sein oberster Richter ist. Ich hoffe, Eure Milde wird ihn schonen. Tut mit ihm, wie Ihr's verantworten könnt.

Der Hochmeister überlegte. Du willst schweigen, Meinhard?

Wie das Grab im Walde.

Deine Hand darauf.

Meine Hand. Er schlug kräftig ein. Und welche Nachricht bringe ich meinem Junker? Was geschehen soll, muß rasch geschehen. Er darf nicht heimreiten, ohne seines Glückes gewiß zu sein.

Plauen ging nachdenklich im Gemache auf und ab. Es muß bald geschehen, murmelte er, und heimlich. Sage ihm, daß er heute nach Sonnenuntergang in die Pfarrkirche der Stadt Marienburg kommen und an der hinteren Pforte Einlaß begehren soll. Begleite ihn als sein Zeuge. Dort soll er – Waltrudis finden, und auch für einen Zeugen auf ihrer Seite wird gesorgt sein.

Der Alte nickte. Es soll geschehen.

Glaubst du nun, daß ich sie liebe wie mein Kind? fragte Plauen und faßte wieder seine Hand. Daß ich sie liebe, wie ich … Mechthild geliebt habe?

Diesmal griff auch der Waldmeister zu. Es kam ihm etwas Feuchtes ins Auge, er wußte nicht wie. Gott habe sie selig, sagte er mit zitternden Lippen.

Und vergebe uns unsere Schuld, schloß Plauen, wie wir vergeben unsern Schuldigern.

Der Alte sah ihn wie überrascht an: wie lange hatte er dieses fromme Gebet nicht sprechen gehört? Es durchschauerte ihn wundersam. Er nickte mit dem grauen Kopfe, wandte sich und verließ des Meisters Gemach. –

Die Sonne wollte Hans von der Buche an diesem Tage gar nicht untergehen.

Er hielt Gundrat für gänzlich verstört, als er ihm die Nachricht brachte, abends solle er mit Waltrudis vereinigt werden. Wie es ihm gelungen, des Hochmeisters starren Sinn zu beugen, sagte der Alte nicht; er war wieder schweigsam und in sich gekehrt wie sonst und antwortete auf alle Fragen nur: Du wirst sehen, Kind. Aber auf seiner Stirn waren die tiefsten Falten wie ausgeglättet, und seine Stimme hatte einen milden Ton. Er fastete den ganzen Tag.

Das Pferd des Ritters führte er in die Stadt und stellte es bei dem Wirt am Tore ein. Es solle keinem andern als ihm selbst herausgegeben werden, bestimmte er. So meinte er Hans zwingen zu können, bis zur Nacht zu bleiben.

Nachmittags ging Ambrosius vorüber nach der Stadt, und Hans sprach ihn an. Ihr seid noch hier, Herr Ritter? sagte der Gießmeister verwundert. Ich glaubte Euch längst hinter Stuhm. Und ich weiß auch nicht, ob Ihr gut daran tut, Euch länger zu verweilen. Es ist etwas im Werke, das Euch schwerlich gefallen wird.

Hans drang in ihn, sich näher zu erklären. Ich bin eben nur halb in des Herrn Hochmeisters Vertrauen, antwortete Ambrosius. Der gnädige Herr war vor einer Stunde in meinem Hause und hat wieder eine lange Weile mit dem Fräulein unter vier Augen gesprochen. Dann hat er mich beiseitegenommen und mir aufgetragen, nach der Stadt zu gehen und dem Pfarrer zu sagen, daß er sich nach Sonnenuntergang zu einer geistlichen Amtshandlung in der Kirche bereithalten und das Hinterpförtchen nicht verschließen lassen solle. Das muß doch einen Zusammenhang haben, ich verstehe nur nicht recht wie? Ich selbst soll mich als Zeuge einfinden, und meine Frau hat Auftrag erhalten, das Fräulein zu einer Reise über Land auszurüsten. Von seinen eigenen Pferden hat der Herr Hochmeister eins für sie angewiesen. Es geht also jedenfalls zur Nacht fort. Aber wohin und – mit wem … ? Ja, das müßt Ihr mich nicht fragen. Es ist möglich, daß Prinz Switrigal seine Hand im Spiele hat, obgleich wieder zu bedenken ist … Ah! Was nützt da alles Bedenken? Es ist auch ebenso möglich, daß das Fräulein für ein Kloster eingesegnet werden soll oder nach Hause zurückgeschickt wird, damit's hier unter gewissen Leuten nicht Streit gibt. Der Herr Hochmeister mag wohl geargwohnt haben, daß es Euch mit dem schnellen Abreiten nicht rechter Ernst sei. Möcht' Euch doch raten, ihm nicht in den Weg zu laufen.

Mich selbst aber hat er in die Kirche bestellt, flüsterte Hans, sehr froh, daß sich des Waldmeisters Bericht bestätigte.

Euch –? Ambrosius sah ihm ungläubig in das erglühende Gesicht. Ja, dann … dann ist's am besten, wir zerbrechen uns nicht den Kopf um Dinge, die wir nicht verstehen, und warten den Abend ab. Gott zum Gruß! Er legte die Hand an den Hut und wollte eilig vorüber. Da bemerkte er aber den Waldmeister, der die Armbrust gespannt hatte und auf eine Weide zielte, die in beträchtlicher Entfernung in den Grabenrand eingesteckt war. Ihr könnt so weit nicht treffen, rief er ihm zu, und ein solches Ziel! Statt jeder Antwort drückte Gundrat ab – die Weide knickte um. Ambrosius wiegte verwundert den Kopf, maß mit den Augen noch einmal die Entfernung und ging dem Tore zu. Den wollt ich bei meinen Büchsen haben, sprach er vor sich hin.

Als endlich die Sonne hinab war und nur noch auf dem blanken Knopfe des Kirchturms blitzte, ließ Hans dem Alten nicht länger Ruhe. Wir dürfen uns nicht verspäten, meinte er.

Gundrat begleitete ihn willig. Die Pforte der Pfarrkirche wurde auf ihr Klopfen von einem Chorknaben in weißem Meßgewande geöffnet. Innen war's dunkel, durch die hohen Spitzfenster fiel nur spärlich Licht auf die weiß getünchten Wände und die Altäre und Beichtstühle gegenüber und auf die mächtigen Pfeiler, auf denen das Kreuzgewölbe ruhte. Vorsichtig schritten sie hinter dem Knaben her, der die Stühlchen und Schemelchen geschickt zu umgehen wußte, die von den Kirchgängern zurückgelassen waren. Endlich schimmerte es seitwärts aus einer Kapelle nahe dem Chore heller. Dort waren die beiden Wachslichte auf dem Altar angezündet. Der Sakristan legte eben das Evangelienbuch auf das Betpult. Aus der Tür in der Chornische trat der Pfarrer ohne jede Begleitung, kniete auf der obersten Altarstufe unter dem Bilde des Gekreuzigten nieder und betete still.

Hans lehnte die Schulter an den Eckpfeiler und drückte die Hand auf sein ängstlich klopfendes Herz. Der Alte aber neben ihm hatte die Hände auf den Rücken gelegt und starrte, den Kopf vorstreckend, in die Kapelle hinein auf das Kreuz mit dem Bilde des Erlösers. Wann war er das letztemal in eine Kirche getreten? Was er jetzt sah, war ihm fremd geworden, und doch weckte es ihm freundliche Erinnerungen, führte seine Gedanken zurück in die friedliche Zeit, als er mit den Seinigen Sonntags einen weiten Weg nicht scheute, in der nächsten Schloß- oder Dorfkirche die Messe zu hören. Mehr als einmal war's, als ob er sich nur mit Mühe aufrecht zu halten vermochte; die Knie beugten sich und zitterten – endlich sank er auf den Steinboden nieder, bückte sich mit der Stirn tief hinab, breitete die Arme aus und stöhnte leise: Friede, Friede, Herr in der Höhe, Friede!

Nun kamen den Mittelgang hinauf zwei Frauengestalten in langen braunen Mänteln. Sie bogen in die Kapelle ein und knieten seitwärts auf der untersten Altarstufe nieder. Die eine trug eine schwarze Haube von Samt mit einer schmalen Goldborte eingefaßt: Hans erkannte im Kerzenschein das gutmütige Gesicht der Gießmeisterin. Die andere war in einen dichten Schleier gehüllt und senkte den Kopf tief auf die Brust: aber einige Ringel des goldblonden Haares am Nacken verrieten Waltrudis. Hans öffnete schon den Mund, sie beim Namen zu rufen, aber die feierliche Stille in der Kirche machte ihn scheu – er streckte nur die Hand aus und legte sie dann an den Mund. Die Augen ruhten unverwandt auf der schlanken Gestalt und auf den weißen Fingern, die sich über der Brust mit den Spitzen berührten.

So ganz in Anschauen versunken, hatte Hans nicht bemerkt, daß zwei Männer hinter ihn getreten waren. Erst als sich eine Hand auf seine Schulter legte, blickte er um und sah dem Begleiter dessen ins Gesicht, der ihn angefaßt hatte und sogleich in den Schatten zurückgetreten war. Es waren zwei freundliche Augen, die ihn anlachten. Heinz, rief er mit unterdrückter Stimme, bester, teuerster Freund, du bist frei – du kommst …

Still! bedeutete der ihn und drückte seine Hand. Die Frauen waren aufmerksam geworden. Das Gesicht der Gießmeisterin wandte sich dem Pfeiler zu, und auch ihre Begleiterin blickte ein wenig auf, um freilich sogleich wieder die frühere gebückte Haltung anzunehmen.

Nun näherte sich Ambrosius, der am Eingange der Kapelle sichtbar geworden war, dem Geistlichen und flüsterte ihm einige Worte zu. Er stand sofort auf und wandte sich zurück nach dem dunkeln Chor. Dort sprach er einige Minuten lang mit einem Manne, der sich in einen Mantel gehüllt hatte, von dem jedoch die Kappe auf den Rücken hinabgeglitten war, so daß er frei ausschauen konnte. Als sie dann zusammen in die Kapelle eintraten, erkannte Hans den Hochmeister.

Plauen sprach ein kurzes Gebet, während der Priester an den Altartisch trat. Dann wandte er sich zu dem Manne, den er Meinhard genannt hatte, stieß ihn sanft an und sagte: Ich halte dir mein Versprechen. Steh auf und sei Zeuge.

Darauf faßte er des jungen Ritters Hand, beugte sich zu ihm und sprach: Du solltest eine Bitte frei haben, Hans, zum Lohn für deine Treue. Die eine hab' ich dir abgeschlagen. Hast du jetzt eine andere? Besinne dich!

Nein, gnädigster Herr, antwortete Hans mit bebender Stimme, ich hatte und habe nur die eine: gebt mir Waltrudis zum Weibe!

Das strenge Gesicht des Meisters überflog ein Lächeln. So muß ich wohl deiner Beharrlichkeit nachgeben, lieber Geselle, sagte er, ob es schon klüger wäre und dem gemeinen Wohl ersprießlicher, ich bliebe fest. Komm mit mir. Und du, Heinz, begleite uns. Er führte beide zu Waltrudis, hob sie auf und legte den Arm um sie. Dieser Ritter, Hans von der Buche genannt, wirbt um deiner Schwester Hand, fuhr er fort; du bist nächst dem Vater ihr nächster Blutsverwandter. Sprich, ob du ihn zu deinem Schwäher annehmen willst.

Ich will's mit Freuden, antwortete der Junker; keinen Lieberen wüßte ich mir auf der weiten Welt als ihn, und keinem Treueren kann ich dieses Gut anvertrauen, das mir durch Gottes Gnade angehört.

Und du, Waltrudis, willst du diesen Ritter Hans von der Buche, der hier vor dir steht, zu deinem Herrn und Gemahl annehmen und ihm in sein Haus folgen? Er hob den Schleier auf und legte ihn über ihre Schulter zurück.

Ja, sagte sie, das ist meines Herzens Wunsch.

Noch aber hatte sie nicht ausgesprochen, so tönte ein greller Schrei durch die Kapelle und widerhallte an den Gewölbebogen der Kirche. Der Waldmeister taumelte zu ihr hin, stürzte vor ihr nieder und umfaßte ihre Knie, daß sie entsetzt mit der Hand zurückgriff, sich an Plauen zu halten. Mechthild, Mechthild! schluchzte der Alte. Verzeih mir, Kind, geliebtes, einziges Kind! Du bist auferstanden von den Toten – komm mich nicht zu strafen! Sage mir, daß du todeswürdige Schuld verzeihst.

Der Waldmeister! rief Heinz. Was ficht Euch an, Alter? Ist hier der Ort zu Euren Tollheiten? Das ist meine Schwester Waltrudis. Was rufst du sie mit fremdem Namen?

Gundrat wand sich in Schmerzen zu des Mädchens Füßen. Verzeih, verzeih, konnte er nur mit schwerer Zunge immer wiederholen.

Plauen schien tief erschüttert. Er bückte sich zu ihm nieder und sagte leise: Steh auf, Meinhard, und halte mir Wort, wie ich dir Wort gehalten habe. Sie dürfen nichts erfahren … Er machte des Mädchens Gewand aus seinen Händen frei. Er kannte deine Mutter, wandte er sich zu Waltrudis, und nun er dich sieht, glaubte er sie zu sehen. Sage ihm ein freundliches Wort, daß er sich beruhigt.

Waltrudis hatte sich schon gefaßt. Steht auf, alter Mann, sagte sie, und reicht mir die Hand. Hatte meine Mutter Euch etwas zu verzeihen, das ist gewiß längst verziehen und von Gott losgebeten.

Er ergriff die Hand, die sie ihm bot, und drückte heiße Küsse darauf. Frau Ambrosius hatte sich hinter den Geistlichen geflüchtet und ihm zugerufen: Helft, ehrwürdiger Herr, ein Besessener! Nun er sich aber der Gruppe näherte und das Kreuz erhob, das er an einer Kette um den Hals trug, war der alte Mann schon still geworden. Er schob sich auf den Knien bis zum Altar, kreuzte die Arme über der Brust und sah unverwandt zu dem Christusbilde auf.

Hans von der Buche fand jetzt erst Zeit, dem Hochmeister zu danken. An seinem Glücke konnte er nun nicht mehr zweifeln, da er die Hand des geliebten Weibes in der seinen hielt. Bleibe treu, sagte Plauen, so will ich hoffen, daß ich für einen zweifelhaften Freund einen wahren gewinne, und daß Gott mir seinerzeit helfen wird, auch jenen zu schlagen, wenn er dieser Stunde wegen offen zu meinen Feinden tritt.

Heinz aber umarmte ihn und sprach ihm heimlich zu: Dir ist Heil geworden, ich aber bin ein armer, geschlagener Mann. Deine Schwester hat mich verraten – das will ich dich nicht entgelten lassen. Sei deines Glückes froh, ich gönne es dir von ganzem Herzen.

Hans verstand ihn kaum halb, aber es war jetzt nicht Zeit zu langer Rücksprache. Der Hochmeister führte ihn und Waltrudis vor den Geistlichen. Da mußten sie nochmals in der Zeugen Gegenwart bekräftigen, daß sie für das ganze Leben aneinander ehelich gebunden sein wollten. Sie sprachen ein lautes Ja, und dann legte der Priester ihnen die Hände auf segnete sie.

Ambrosius ging nach den Pferden. Indessen nahm das junge Paar Abschied. Die Gießmeisterin hatte Waltrudis noch allerhand Verhaltungsmaßregeln mit auf die Reise zu geben. In aller Eile repetierte sie sogar noch einige Rezepte zu süßen Speisen, die dem Fräulein in ihrem Hause gut gemundet hatten. Darunter war namentlich eine, die sie den Hochzeitsbrei nannte. Sie hatte ihn am ersten Tage ihrer glücklichen Ehe Ambrosius vorgesetzt, und es war ihr von guter Vorbedeutung gewesen, daß er die ganze Schüssel leerte.

Gundrat war aufgestanden und hielt sich in einiger Entfernung, doch ließ er kein Auge von Waltrudis. Hans führte sie zu ihm. Ich weiß nicht, wie das alles geschehen ist und geschehen konnte, sagte er zu ihm; aber ich muß glauben, daß ich Euch viel verdanke. Es soll Euch unvergessen bleiben. Ich bitt' Euch aufrichtig, zieht in mein Haus und laßt's Euch da wohl sein die letzten Jahre Eures Lebens. Bei meinem ritterlichen Wort, man soll Euch die Ehre geben wie dem Herrn selbst, und mir werdet Ihr ein lieber Genosse und Freund sein.

Der Alte schüttelte das graue Haupt. Ich weiß etwas Besseres für mich, lieber Junker, antwortete er. Wollt Ihr mir aber eine Liebe erweisen, so gestattet, daß ich zum Abschied Euer Ehegemahl auf die Stirn küsse. Ich will dabei denken, ich küsse mein eigen Kind und lösche mit diesem Kusse eine Wunde aus, die in meinem Herzen brennt.

Waltrudis neigte sich zu ihm. Er legte seine Hände auf das Goldgelock ihres Haares und berührte mit den Lippen ihre Stirn. Friede mit uns allen! sagte er, wandte sich rasch ab und verschwand im Dunkel der Kirche.

Die Wachskerzen auf dem Altar wurden ausgelöscht. Hans und Waltrudis traten Arm in Arm durch das Pförtchen, das der Knabe öffnete, auf die Straße hinaus. An ihrer Seite ging der Hochmeister, an seiner der Junker von Waldstein. Frau Ambrosius folgte.

Draußen standen die Pferde bereit. Eilt euch, mahnte der Gießmeister, daß ihr aus dem Tore hinauskommt! Ich habe einen Menschen um die Kirche schleichen sehen, der in Gang und Haltung alle Ähnlichkeit mit Switrigal hatte. Er scheint uns gefolgt zu sein und hat gewiß nichts Gutes im Sinne.

Heinz hob seine Schwester aufs Pferd. Hans nahm den Zügel und rief: Lebt wohl! In munterm Trabe ging's fort in die stille Nacht hinein. Bald hörten die Zurückbleibenden nur noch den fernen Hufschlag der Rosse im Torgäßchen. – Mit langsamen Schritten, und beide sehr nachdenklich, gingen der Hochmeister und der Junker von Waldstein durch die Straßen der Stadt. Ersterer hatte den Mantel hoch aufgenommen und damit das halbe Gesicht bedeckt. Erst als sie das Tor hinter sich hatten und über die Brücke nach dem Schlosse gingen, brach Plauen das Schweigen. Ich habe dem Gefangenen nur für einige Stunden Urlaub gegeben, sagte er, und die Zeit ist bald um.

Ich werde mich pünktlich dem Wächter stellen, gnädigster Herr, antwortete Heinz.

Und wenn ich nun auf unbestimmte Zeit deinen Urlaub verlängere, Heinrich, fuhr Plauen nach einer Weile fort, würde ich mich darauf verlassen können, daß du mir treu und gewärtig bliebest in allem, was ich von dir verlangte?

Gnädiger Herr, Ihr wolltet … ?

Ich kann dir die Freiheit nicht zurückgeben. Du würdest sie mißbrauchen und gerechte Klagen gegen mich hervorrufen. Aber ich will dein Vergehen nicht so schwer ansehen, daß es durch lange Kerkerhaft gesühnt werden müßte. So will ich dich entlassen gegen das Versprechen, daß du alle deine Wege nach meinen Geboten einrichten und die Orte meiden wollest, von denen ich dich ausschließe. Ich schicke einige von meinen Gebietigern ins Reich und nach Ungarn als Gesandte des Ordens, bei Königen und Fürsten auszuwirken, daß sie Jagello hindern, uns allzusehr zu bedrängen. Ihnen will ich dich zugesellen als meinen Diener und zu ihren Diensten. Da wirst du an den fremden Höfen viel sehen und hören, wovon du lernen kannst. Bist du mir aber ergeben und auf mein Wohl bedacht, so wirst du auch achthaben auf alles, was meine Boten tun und lassen und ob sie ernstlich des Ordens Sache betreiben oder lässig sind und Geschenke annehmen und heimlich mit unsern Gegnern verkehren. Denn ob ich gleich die Tüchtigsten wähle, weiß ich doch nicht, ob ich ihnen volles Vertrauen schenken darf. Zu arg bin ich von denen betrogen, die ich für treu und aufrichtig hielt, und nur auf mich selbst kann ich mich noch verlassen.

Heinz nahm seine Hand und küßte sie. Ich will Euch dienen, gnädigster Herr, wie Ihr's befehlt, und Euch nach der Wahrheit berichten.

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