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Heinrich von Plauen

Ernst Wichert: Heinrich von Plauen - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
authorErnst Wichert
titleHeinrich von Plauen
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G.m.b.H.
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHelmut Prodinger
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29. DER GEFANGENE

In dem Turmstübchen des Schlosses Sczanowo ging nicht mehr die Sorge und der Kummer aus und ein.

Des Königs Leibarzt hatte die böse Krankheit gebannt. Schon nach wenigen Tagen war die Entzündung der Wunde beseitigt, und die Heilung begann von innen her ganz regelmäßig. Das Tränkchen wirkte belebend, erfrischend, kräftigend. Es war, als ob sich neues Blut durch des Junkers Adern ergoß; er sagte, daß er's recht vom Herzen her strömen fühle. Die Augen glänzten wieder, die Mattigkeit wich aus den Gliedern, Speise und Trank mundeten. Wäre die Hilfe nicht von einem Juden gekommen, der Kaplan hätte an ein Wunder geglaubt. Nun schüttelte er mitunter bedenklich das geschorene Haupt, ob man nicht bei so rascher Besserung die der Seele schädliche Einwirkung eines Zaubermittels zu befürchten habe, hielt auch seine Zweifel nicht zurück.

Macht Euch keine unnützen Gedanken, Pater Stanislaus, riet Natalia. Alles Gute kommt von Gott. Läßt er's durch einen Juden geschehen, der überdies ein rechter Teufel ist, so ist's nur ein Wunder mehr. Wir aber wollen dafür dankbar sein und seine Wege nicht meistern.

Der Kaplan entgegnete nichts darauf, schlug aber jedesmal, wenn er ans Bett trat, ein Kreuz über dem Kranken und betete eifrig in der Kapelle unter ihm, alle bösen Geister zu verscheuchen.

Unermüdet setzte das Mädchen die zärtliche Pflege fort. Nach einigen Wochen konnte er aufstehen. Sie trug Decken und Mäntel von weichem Pelzwerk herbei, ihn warm einzuhüllen. Dann stand sie hinter dem Stuhl und stützte seinen Kopf. Er versuchte zu gehen, aber die Knie zitterten. Legt Euren Arm um meine Schulter, sagte sie, und schont mich nicht. Ihr sollt sehen, daß ich kräftig genug bin, Euch zu führen. Der Kaplan wollte diesen Dienst auf sich nehmen, aber sie litt es nicht.

Erst leitete sie ihn nur wenige Schritte auf und ab, dann weiter und weiter bis in die Fensternische hinein. Ihn erfreuten die helle Februarsonne, der blaue Himmel, die weite Landschaft. Ein Lehnstuhl wurde dorthin gesetzt; er konnte nun ausruhen und eine Weile dem Treiben im Holzgarten auf der Uferhöhe zuschauen. Ist Euch nicht kalt? fragte sie und faßte seine Hand. Seid Ihr nicht müde? Wollt Ihr nicht Euren Wein trinken?

Wie in einer Gruft hatte Heinz monatelang gelegen; nun konnte er sich gar nicht trennen von diesem Platz am Fenster, der einen Ausblick in die Welt erlaubte. Es war ihm ein interessantes Schauspiel, die Bauern mit ihren Schleifen ankommen und abfahren, die Brettschneider arbeiten, die Juden eifrig hin und her laufen und mit komischheftigen Gebärden Befehle austeilen zu sehen. Bald kannte er jeden von den Leuten in den weißen Schafspelzen, jedes ihrer struppigen Pferde. Ich möchte wohl auch einmal auf dem Schlitten sitzen und mitfahren in den Wald, äußerte er seufzend. Ob ich wohl noch eine Axt schwingen könnte?

Seid nur hübsch folgsam, antwortete sie, so mögt Ihr's bald erproben.

Er wollte nun nicht mehr zulassen, daß sie den ganzen Tag ihm Gesellschaft leiste. Er wisse ja doch, daß sie sich gern im Freien bewege, reite und jage, und wolle es nicht zu verantworten haben, daß sie sich seinetwegen Entbehrungen auflege, da ihm doch in ihrer Abwesenheit nichts begegnen könne, als daß er sich langweile. Das sollt Ihr eben nicht, sagte sie darauf; wer sich langweilt, kommt auf schlechte Gedanken, und ich möchte gern, daß es immer freundlich in Euch aussehe.

Ihr wollt, daß ich immer nur an Euch denke, scherzte er.

Sie senkte die Augen und schlug sie gleich wieder auf. Das wäre mir das Unliebste nicht, entgegnete sie lächelnd.

Der Kaplan verstand das Schachspiel. Er mußte es sie lehren, und sie konnte nun stundenlang geduldig Heinz gegenübersitzen und aufmerken, daß die Figuren sich richtig bewegten und ihr kein Vorteil entgehe. Er war kein geschickter Spieler, zog immer rasch und oft unbedacht. So hatte sie meist die Freude, ihn matt zu setzen. Ihr seid gar nicht aufmerksam, schalt sie, und macht mir's allzu leicht.

Das kommt, weil ich Euch gern zusehe, antwortete er galant, wie Ihr sinnend auf die Figuren blickt und wohl dreimal zierlich den Finger darauf legt, bis Ihr sie einen Schritt fortbewegt. Ich habe Euch früher so vorsichtig nicht erkannt.

Ich will künftig die Hand unter dem Tische behalten, sagte sie, bis mein Entschluß reif ist.

Sie handelte auch eine Weile danach. Nun haschte er aber, unter der Platte weg, ihre Hand und hielt sie fest, als sie eben nach der Figur greifen wollte. So kommt die Partie nicht zu Ende, meinte sie, ohne sich ernstlich zu sträuben.

Sie steht schlecht genug für mich.

Oh, Ihr könnt sie noch gewinnen! Wenn ich an Eurer Stelle wäre ...

Nun – was tätet Ihr?

Soll ich Euch spielen helfen – gegen mich?

Ihr seht's lieber, wenn ich verliere.

Ich … Gebt mich frei! Sie bat mit den Augen.

Ich bin ja Euer Gefangener.

Nein, ich bin der Eure, wie es scheint. Aber ich will mich mit einem guten Rat lösen. Gebt acht, Junker, Euer Turm ist bedroht!

Ich mag ihn nicht entsetzen.

Sie zog rasch ihre Hand fort und warf die Figur vom Brett. So nehme ich ihn ohne Gnade. Dazu lachte sie recht schelmisch, daß die weißen Zähne blitzten. Das ganze Gesicht war wie mit Purpur übergossen.

Es sollte Scherz sein. Aber so leicht Heinz sich auch darüber zu denken bemühte, er mußte sich doch eingestehen, daß die Nähe des sehr reizenden und ihm so ganz ergebenen Mädchens einen immer zwingenderen Einfluß auf ihn übte. Er war jung und dankte Natalia das Leben, das ihm wieder lieb zu werden anfing. Er dankte es ihr, darüber war ihm kein Zweifel. Die Quellen des Lebensgenusses, die während des langen Siechtums schon ausgetrocknet waren, hatte sie wieder frisch sprudeln lassen; der Arzt galt ihm nur als ihr Werkzeug, sie selbst war die eigentliche Heilkünstlerin. Er redete sich gern ein, daß sie ihm einen Zaubertrank eingegeben habe, der ihn nun wider seinen Willen zwinge. Und nun so viel mit ihr allein – und nicht mehr ein Todkranker ...!

Heinz brauchte schon nicht mehr des Kaplans Beistand beim Aufstehen. Des Morgens, ehe die liebe Freundin kam, übte er sich im Gehen und in allerhand verlernten körperlichen Bewegungen. Er trat in die Waffenkammer neben seinem Stübchen, hob ein Schwert von der Wand und versuchte es zu schwingen. Aber das erstemal sank ihm sofort der Arm nieder, und auch am dritten und vierten Tage noch zitterte ihm nach wenigen Lufthieben die Hand. Mit welcher Leichtigkeit hatte er sonst eine Armbrust gespannt! Nun strengte er vergebens alle Kraft an, die Sehne in die Kerbe zu ziehen: kaum bewegte sie sich ein wenig über der Pfeilrinne hin und her. Aber jeden Morgen nahm er sie wieder zur Hand und erprobte daran seine wachsende Kraft.

Sie wurde ihm geradezu das Maß für den Fortschritt seines Gesundens. An dem Tage, sagte er sich, an dem ich die Armbrust spannen kann, werde ich wieder ein Mann sein! Immer ungeduldiger sehnte er ihn heran.

Und er kam. Nach einer Nacht, die er in tiefem Schlafe zugebracht, fühlte er sich am Morgen wundersam gestärkt. Alle Glieder streckten sich leicht, die Brust war ihm frei, er fühlte nicht mehr den mindesten Schmerz. Sofort faßte er die Sehne mit beiden Händen und zog sie kräftig; zu seiner freudigen Überraschung sprang sie beim ersten Ruck in die Kerbe ein. Er drückte ab und wiederholte den Versuch – nochmals und nochmals. Kaum merkte er etwas von Ermüdung. Aus einem Holzkasten, der in der Kammer stand, nahm er einen Pfeil, legte ihn in die Rinne, trat ans Fenster und stieß den Flügel auf. Eine Krähe flog mit heiserem Geschrei vorüber. Er legte an und schickte ihr den Pfeil nach. Getroffen! Sie überschlug sich in der Luft und fiel mit zerschmettertem Flügel in den Schnee am Grabenrande.

Er hatte seine Gesundheit wieder. Eine Weile stand er am offenen Fenster und schaute nach dem Vogel aus, dessen Blut den Schnee rot färbte. Er war nicht tot, sondern drehte sich, mit dem gesunden Flügel schlagend, im Kreise. Meine Hand hat doch nicht die frühere Sicherheit, murmelte Heinz. Nur der Flügel zerschlagen! Sonst traf ich besser. Das arme Tier tat ihm leid. Er hätte ihm gern den Garaus gemacht und dann seine erste Jagdbeute hinaufgeholt, sie Natalia als Beweisstück vorzuzeigen. Aber nach dem Graben hin hatte der Turm keinen Ausgang; es wäre nötig gewesen, den Schloßhügel zu umgehen, und das war ein ziemlich weiter Weg.

Weshalb sollte er davor erschrecken? Er warf den Pelzrock über, mit dem er sich nachts bedeckte, wählte aus der Kammer eine Kappe von Hundefell, die man Hundskogel nannte, und verließ das Turmgemach.

Wie er die Steintreppe hinabstieg, zitterten ihm ein wenig die Knie. Es war weniger körperliche Schwäche als innerliche Aufgeregtheit: er kam sich vor wie ein Gefangener, der nach langer Kerkerhaft zum erstenmal wieder unter den freien Himmel treten soll, oder eigentlich wie ein Ausbrecher, der den Vorteil einer offengelassenen Tür benutzt und sich mit Herzklopfen durch einen dunklen Gang tastet. Als er unten in der Vorhalle angelangt war und sich umschaute, kam er auf andere Gedanken. Die Pforte zur Kapelle stand halb offen; es drang ein Duft von Weihrauch und verlöschten Wachskerzen hinaus. Wahrscheinlich hatte der Kaplan vor kurzem die Morgenandacht gehalten. Durfte er bei seinem ersten Ausgang an der Kapelle vorbeigehen? Noch hatte er nicht Gott gedankt für seine Rettung aus Todesnot – er erinnerte sich, daß Pater Stanislaus ihn gemahnt hatte, die Kapelle zu besuchen, sobald die Treppe kein Hindernis mehr sein werde. So wandte er den Schritt und trat an die Pforte, zunächst nur neugierig in den halbdunklen Raum hineinspähend.

Das Tageslicht fiel gedämpft durch zwei schmale, sehr tiefe Fenster mit bunten Glasscheiben in das hochgewölbte Gemach. Zwischen ihnen stand auf einigen Steinstufen der Altar, schwarz gedeckt. Dahinter erhob sich ein geschnitztes und bemaltes Holzwerk fast bis zum Ansatz des Gewölbebogens. Den Kern desselben bildete eine Lade zum Aufbewahren der Gerätschaften; auf den beiden Flügeln der Tür waren Heilige mit breiten Goldscheinen ums Haupt abgebildet, sie hatten die langen Hände zusammengelegt, daß die Fingerspitzen einander berührten, und die Handgelenke so ausgedreht, daß die Hände glatt auf die Brust drückten. Seitwärts in halber Wandhöhe zeigte sich ein Bild, dem besondere Verehrung gezollt zu werden schien, denn es hing eine Ampel davor, in der das Lämpchen auch jetzt bei Tage brannte, und in der Nähe hingen allerhand Weihgeschenke. Heinz konnte aus der Entfernung die Malerei nicht erkennen und trat heran. Das Bild stellte eine Mutter Gottes mit schwarzbraunem Gesicht vor; die Krone war mit Edelsteinen besetzt, die im Licht des Lämpchens sanft funkelten. Der Kaplan hatte oft davon gesprochen und erzählt, daß der alte Graf es aus Ungarn mitgebracht habe, wohin es von Byzanz oder vielleicht vom heiligen Berge Athos gekommen sei. Der römischkatholische Bischof habe es nochmals geweiht, und nun glaube man weit und breit an seine Wundertätigkeit, da schon manchem ein Gebet an dieser Stelle von körperlichen Gebrechen geholfen habe. Heinz vertiefte sich in das braune Gesicht, das bei längerem Anschauen an Reiz gewann. Der kleine Mund lächelte so freundlich, und die Augen schienen sich lebendig auf ihn zu richten. Er faltete unwillkürlich die Hände und sank in die Knie. Alle die Gebete, die er als Schulknabe gelernt hatte, sprach er leise vor sich hin.

Sie genügten seinem frommen Bedürfnis nicht, aus tiefstem Herzen heraus sagte er in eigenen Worten dem Himmel Dank für die wiedergeschenkte Gesundheit und bat zugleich Gott, die Heilige Jungfrau und alle Heiligen, daß sie seiner treuen Pflegerin vergelten möchten, was sie Gutes an ihm getan. Dabei sah er zu dem Bilde auf, und es erschreckte ihn fast, wie nun die Augen zu ihm hinabblickten. Er mußte an das Gesicht denken, das sich über ihn gebeugt hatte, als er nach der Fahrt vom Schlachtfelde hierher erwachte und sich zuerst wieder am Leben fühlte.

So mischten sich nun doch weltliche Gedanken in seine Andacht. Das beschwerte ihn. Er erhob sich, trat an den Altar und betrachtete die langgestreckten Heiligen mit ihren ernsten, hageren Gesichtern und starr zum Himmel gerichteten Augen. Sie hatten Marterwerkzeuge in den Händen und schienen für die Qualen zu danken, die sie auf Erden erlitten hatten. Heinz konnte jetzt nicht mit ihnen fühlen, da sein Leib frisch und sein Herz froh war. Er verrichtete noch in förmlicher Weise ein kurzes Gebet, in dem er sich ihrer Fürbitte bei Gott empfahl, daß er seiner Sünden entledigt werden möchte, und verließ die Kapelle.

In der Halle dachte er nicht mehr an den geschossenen Vogel und den beabsichtigten Spaziergang um das Schloß herum. Es fiel ihm ein, dem Kaplan einen Besuch abzustatten, zu dessen Zelle wahrscheinlich der Mauereinschnitt gegenüber der Treppe führte. Auch das gab er auf; es zog ihn in sein Turmstübchen zurück.

Als er hinter dem Türvorhang angelangt war, hörte er innen ein lautes Schluchzen. Er horchte erschreckt eine Weile – es nahm ab und verstärkte sich, wie bei jemand, der recht leidenschaftlich weint. Wer das sei, konnte er an der Stimme nicht erkennen. Nun schlug er den Vorhang zurück und trat einen Schritt vor. In der Fensternische stand Natalia, beide Hände gegen das Gesicht gedrückt, so daß der Kopf mit dem lockigen Haar in den Nacken gesenkt war. Sie war die Weinende.

Er machte in der Überraschung eine hastige Bewegung vorwärts, die ihn verriet. Sie schrak sichtlich zusammen, riß die Hände von den Augen und starrte ihn ganz verwirrt an. Aber nur einen Augenblick. Dann zuckten alle Muskeln, die Augen blitzten, der Mund öffnete sich wie zu einem jauchzenden Lachen. Ihr seid's, rief sie und eilte ihm entgegen, Ihr seid's! O mein Gott, wie ich in Angst um Euch war!

Er ergriff ihre Hände, die sie ihm entgegenstreckte. Natalia, sagte er verwundert, was ist geschehen? Weshalb diese Tränen?

Weshalb –? Ich kam hinauf, rief und erhielt keine Antwort – ich trat ein und fand das Gemach leer … Er fing an zu begreifen. Und Ihr fürchtetet –? Ihre Hände zitterten in den seinen, die Tränen strömten

wieder über die Wangen, sie beugte sich vor und senkte zugleich den Kopf, als wollte sie hindern, daß er ihr glutrotes Gesicht sehe. Fragt nicht – sagte sie leise und doch mit leidenschaftlichem Ausdruck. Wenn Ihr fortgegangen wäret –

Er zog sie bewegt näher an sich heran. Wie durfte ich? fiel er ein. Ich bin ja Euer Gefangener!

Sie machte gewaltsam ihre Hände frei, fiel ihm stürmisch um den Hals, richtete sich an seiner Brust auf und bedeckte seinen Mund mit feurigen Küssen. Ja – mein, mein, rief sie, mein!

Er hielt die schlanke Gestalt in seinen Armen und drückte sie fest an sich. Sein Blut fing an heißer zu wallen – sein Herz klopfte an ihrem Busen, er erwiderte ihre Küsse. Es kam eine Trunkenheit über ihn wie von feurigem Wein; seine Hände wühlten sich in ihr Haar, seine Augen sprühten Blitzfunken; er lallte unverständliche Worte.

Plötzlich fühlte er seine Lippen von ihren scharfen Zähnen gebissen, daß er zurückzuckte. Sie riß sich los und eilte fort. Nun weißt du alles –! rief sie, und verschwand hinter dem Vorhang.

Er blieb wie betäubt stehen. Der Kopf schwindelte ihm; er hatte die Empfindung, daß die Stirnwunde wieder aufbrechen müßte, so trieb das Blut hinein. Wirklich taumelte er zur Seite und sank aufs Bett.

Dort lag er lange Zeit, halb wachend, halb träumend. Es war ihm, als fühlte er noch immer den warmen Leib, den feurigen Atem. Er hörte ein Schluchzen und Jauchzen – hinter dem Türvorhang her klang es ihm noch immer: Nun weißt du alles! Ja, er wußte nun alles –: er war geliebt. Und mit welcher Leidenschaft geliebt!

Er berauschte sich in der Erinnerung an die Minuten seligen Genusses. Er dachte nicht, er schwelgte in Empfindungen, die immer unbestimmter und verschwommener wurden. Er hatte den Kopf in das Kissen gedrückt und die Augen geschlossen. Bald bemächtigte sich eine tiefe Mattigkeit aller seiner Glieder – er schlief ein.

Recht verwundert blickte er um sich, als er gegen Mittag erwachte. Es dauerte eine Weile, bis er sich mit seinen Gedanken in die Wirklichkeit fand. Die Lippe schmerzte ihn; sie war ein wenig angeschwollen. Das erinnerte ihn wieder lebhafter an die Küsse des reizenden Mädchens. Aber er hatte jetzt nicht dabei das Gefühl vollkommenen Wohlseins, berauschenden Entzückens. Warum hat sie dir weh getan? mußte er denken. Es kam ihm jetzt nicht die Vorstellung, daß er geliebt sei, nur daß er einen Augenblick etwas sehr Wonniges genossen hätte. Und die Lippe schmerzte ihn.

Er trat ans Fenster und schöpfte Luft. Unten im Schnee am Grabenrande bewegte sich eine dunkle Masse. Es war der Vogel, der nicht sterben konnte und noch immer versuchte, sich aufzurichten. Heinz sah diesen Bemühungen zu, ohne jetzt etwas wie Mitleid zu empfinden. Es war grausam, das Tier nicht zu töten; aber es kam ihm jetzt gar nicht in den Sinn, noch einen zweiten Pfeil auf die Armbrust zu legen oder nach seiner Beute auszugehen.

Ein Diener brachte ihm das Mittagbrot. Sonst hatte Natalia ihm den Tisch bereitet, nun blieb sie aus, so lange er auch wartete. Das Essen schmeckte ihm nicht, und er ließ die zweite Schüssel unberührt.

Sie kam auch den ganzen Nachmittag nicht. Abends trat der Kaplan zu ihm ein, aber dessen Gesellschaft behagte ihm so schlecht, daß er ihm nur mürrische Antworten gab und ihn bald damit verscheuchte. Es dunkelte früh, und niemand brachte ihm Licht. Unmutig ging er im Gemach auf und ab, die Hände in die Pelzärmel gesteckt; nie vorher hatte er es so kalt und unbehaglich gefunden.

Die Stunden schlichen hin. Er wußte nicht, was er mit sich anfangen sollte, hatte nicht einmal recht den Mut, seinen Gedanken freien Lauf zu lassen. So dunkel es um ihn war, so dunkel wurde es nun auch in ihm, und er hatte das Gefühl, als ob er sich fürchten müsse auszuschreiten, weil er gegen eine Wand stoßen oder in eine Grube fallen würde. Lange vor der gewohnten Zeit suchte er sein Lager auf, aber es fehlte ihm das Bedürfnis des Schlafes ganz und gar. So wälzte er sich herum. Als er endlich doch einschlief, hatte er einen beängstigenden Traum. Er war in der Kapelle und kniete vor dem wundersamen Muttergottesbilde, die Augen zu demselben hoch aufgerichtet. Dieses braune Weib war gar nicht die Jungfrau Maria, zu der er sonst so andächtig gebetet hatte, und es war auch jetzt nicht Andacht, was ihn bewegte. Sein Herz fragte nur immer, ob es schön und begehrenswert sei in ihrer Eigenart, wie ihm bisher nichts Weibliches erschienen war. Und nun wurden diese sonderbaren Augen lebendig und winkten ihm, die vollen Lippen schienen sich zu bewegen und zu sprechen. Du weißt nun alles – hörte er ganz deutlich, aber es war ihm nicht gewiß, ob es von dem Bilde kam. Er richtete sich auf und horchte aufmerksamer. Die Augen winkten noch lebhafter. Es war nun gar nicht ein Bild, das vor ihm stand, sondern ein Weib, das sich aus dem Rahmen lehnte und ihn zu sich lockte. Er kletterte auf den Tisch und warf dabei die Weihegeschenke hinab – Hände, Füße und Herzen von Wachs. Er achtete nicht darauf. Ein wahnsinniges Verlangen erfaßte ihn, diesen Mund zu küssen. Nun stand er dem Weibe Auge gegen Auge, beugte sich, drückte einen Kuß … Da empfand er einen stechenden Schmerz in der Lippe, taumelte zurück, fiel aus der Höhe herab auf den Steinboden nieder. Darüber wachte er auf.

Der Morgen graute schon. Er hörte den Kaplan unten in der Kapelle singen. Der Traum war ihm ganz gegenwärtig, und ihm grauste nun vor der Madonna aus Byzanz. Gerade deshalb aber entschloß er sich, aufzustehen und in die Kapelle hinabzugehen, ein Gebet zu verrichten. Diese wüsten Gedanken und Vorstellungen waren ihm lästig, er wollte sie los sein. Der Pater freute sich seines frommen Eifers.

Auch an diesem Tage ließ Natalia sich im Turmstübchen nicht blicken. Was hatte das Mädchen nur? So zärtlich und dann so gleichgültig! War sie gekränkt? Aber wodurch? Er sann vergeblich darüber nach. Schämte sie sich, weil sie ihn in die Lippe gebissen hatte? Es war häßlich, daß er an ihre Küsse nicht denken konnte, ohne die spitzen, kleinen Zähne zu fühlen. Vielleicht hatte sie ihm absichtlich dieses Andenken an sich gelassen.

Gegen Abend kam der Pater und wurde jetzt freundlicher empfangen. Er selbst fing von Natalia zu sprechen an. Was nur in das Fräulein gefahren sei? Der Kranke scheine ganz vergessen zu sein.

Ich bin nicht mehr krank, antwortete Heinz, um nur in seiner Verlegenheit etwas zu sagen.

So seid Ihr's auch vorgestern nicht gewesen, meinte der Pater. Es bleibt auffällig, daß sich das Fräulein so plötzlich zurückgezogen hat. Habt Ihr einen Streit gehabt, Junker?

Wahrlich nicht. Ganz im Gegenteil …

Ah! Ihr habt sie durch Eure Zudringlichkeit beleidigt. Ich fürchtete längst –

Auch das kann ich nicht glauben. Wir schieden meines Denkens als sehr gute Freunde.

Freunde –?

Heinz senkte die Augen. Ich mag Euch heute nicht beichten, Pater Stanislaus. Vielleicht ein andermal. Sagt mir lieber, ob Ihr Natalia gesehen habt und was sie ohne mich treibt.

Ich habe sie gesehen, gestern und heute, Junker. Und was sie treibt? Das ist mir eben das merkwürdige. Sie gibt sich in allem wieder geradeso wie im Sommer, als sie mit ihrer Mutter aufs Schloß kam und bevor man Euch vom Schlachtfelde hierher brachte. Sie lacht und scherzt, jagt sich mit den Vettern in der Halle herum, springt über Tische und Bänke und treibt allerhand tolles Zeug. Heute hat sie sich auch das wildeste Pferd im Stalle satteln lassen und ist weit ausgeritten. Die Vettern wollten sie begleiten, konnten ihr aber nicht folgen und mußten allein zurückkehren. Später sah man sie vor dem Walde ihr Pferd auf der weiten Fläche tummeln. Einer von den Bauern hat erzählt, daß sie über den Baumstamm auf seinem Schlittenfuhrwerk hinweggesetzt ist, während es in Bewegung war; der Huf des Pferdes habe seinen Rücken gestreift, und er sei sehr erschrocken gewesen. Sie aber habe laut gelacht. Was sagt Ihr dazu?

Das war so ihre Art in Buchwalde … aber ich glaubte, sie hätte sich geändert. Ich weiß nicht, ob sie mir dort oder hier besser gefiel.

Der Pater wiegte den Kopf. Es steckt in ihr ein wilder, unbändiger Geist, der sich austoben will. Ihre Mutter soll einmal so in der Jugend gewesen sein – jetzt merkt man nichts mehr davon, die deutsche Ehe hat das Feuer gedämpft. Aber es kann noch einmal plötzlich aus dem Dache hinausschlagen: die Polinnen sind darin unberechenbar.

An meinem Krankenbette war Natalia ihres deutschen Vaters Kind. Nun bin ich freilich nicht mehr krank –

So scheint sie's zu nehmen.

Hat sie gar nicht nach mir gefragt?

Nein.

Euch nichts für mich aufgetragen?

Nichts.

Es ist gut. So sagt ihr auch nicht, daß wir von ihr gesprochen haben.

Damit brach er ab. Es ärgerte Heinz, daß sie sich so wohl ohne ihn zu befinden schien, als bedürfe sie seiner gar nicht. Er hatte sich eingeredet, daß sie sich nach dem, was zwischen ihnen vorgefallen war, scheu zurückgezogen habe, ganz ihren Empfindungen lebte. Nun suchte sie gerade das lustige junge Volk auf und zerstreute sich durch ihre gefährlichen Reitkünste. Das war ihm ganz unverständlich.

Er wollte sich trotzig zurückhalten, sie nicht grüßen lassen, ruhig abwarten, bis ihre tolle Laune verflogen sei. Er nahm sich vor, gar nicht an sie zu denken. Aber das gelang schlecht. Hatte sie ihm doch ein Rätsel aufgegeben, das ihn bei seinem Alleinsein fortwährend beschäftigte. Du weißt nun alles! Er wußte nichts.

Seine ritterlichen Übungen setzte er fort, stets bis zur gänzlichen Ermüdung. Aber ihm blieb noch so viel trostlos langweilige Zeit. Einmal glaubte er Natalia zu Pferde im Holzgarten zu bemerken; sie sah gar nicht nach seinem Fenster hinüber. Er hielt's nicht länger aus in seiner Einsamkeit und ließ den Grafen um ein Kleid bitten und um die Erlaubnis, ihm aufwarten zu dürfen.

Der polnische Rock mit den weiten Ärmeln, den Schnüren und dem Pelzbesatz kleidete ihn gar nicht übel. Er fand in der Halle die ganze Sippe versammelt, Männer, Frauen und Kinder. Die jungen Leute spielten Ball. Natalia warf den ihrigen einem der Vettern, der wegen seines Eintretens nicht aufpaßte, an den Kopf, eilte Heinz entgegen, faßte ihn bei der Hand und führte ihn vor. Da habt ihr meinen Gefangenen, sagte sie, für dessen Leben euch ein Vaterunser zuviel schien. Nun? Habe ich nicht auf ein gutes Lösegeld Anspruch? Dann wandte sie sich an ihn selbst. Ist Euch endlich Zeit und Weile lang geworden, Junker? Ich hatte ja doch den Turm nicht verschlossen. Ihr seid allzu gewissenhaft.

Er drückte ihre Hand, aber sie erwiderte seinen Druck nicht, sondern zog sie fort und hob einen Ball von der Erde auf, der an ihre Füße gerollt war. Fühlt Ihr Euch nun ganz gesund? fragte sie.

Ganz gesund, antwortete er etwas mürrisch. Es verdroß ihn, daß sie ihm so gar kein Zeichen geheimen Einverständnisses gab.

Während er sprach, sah sie ihn an. Sie mußte wohl die kleine Narbe an seiner Lippe bemerkt haben, denn sie errötete plötzlich, wandte sich der Wand zu und warf den Ball gegen dieselbe. Wollt Ihr Euch gleich an unserm Spiel beteiligen? fragte sie, ohne umzuschauen. Laßt sehen, ob Ihr da so geschickt seid wie beim Ringstechen.

Wie kam sie nur auf das Ringstechen, von dem seit seinem ersten Besuche in Buchwalde nicht mehr gesprochen war?

Die Vettern nahmen ihn freundlich in ihre Mitte. Er war bald mit allen bekannt und teilte ihre Lustbarkeiten. Natalia war fast immer unter ihnen und oft ausgelassen heiter. Sie zeichnete Heinz in keiner Weise aus; er mußte sich's gestehen, daß er sich keiner sonderlichen Gunst zu rühmen habe, so genau er auch aufmerkte. Nicht einmal von weitem mit den Augen gab sie ihm ein Zeichen, daß sie in Gedanken bei ihm sei. Nur manchmal, wenn er sie von irgendeinem versteckten Platze aus scharf beobachtete, flammte eine helle Röte über ihr Gesicht oder zog sie die Lippe zwischen die Zähne. Sie sah dann geärgert aus, und er konnte zu seinen Gunsten keinen Schluß ziehen.

Sie ritten auch zusammen aufs Feld, dessen weiße Schneedecke nun unter der Märzsonne zu schmelzen anfing. Aber stets sorgte sie geflissentlich dafür, daß einige von den Vettern sie begleiteten, und dann wandte sie ihre Aufmerksamkeit anscheinend allen gleichmäßig oder eigentlich keinem von ihnen zu, sondern tat jeden Augenblick, was sie wollte, und überließ es den andern, ihrem Beispiel zu folgen.

Heinz wurde innerlich mehr und mehr verstimmt. Er hatte sich in der langen Zeit daran gewöhnt, Natalia allein für sich zu haben; schien sie doch nur für ihn zu leben. Das enge Turmstübchen war ihm durch ihre stete Gegenwart ein lieber Aufenthaltsort geworden. Kaum war er hinausgetreten, so mußte er glauben, sie in der Weite zu verlieren. Es war, als ob sie ihm recht geflissentlich zeigen wolle, wie wohl sie sich in der Freiheit fühle, wie es ganz in ihrem Belieben stehe, die Entfernung zwischen sich und ihm zu erweitern, während es ihn auch jetzt zu einem engen Zusammenschlusse drängte. Anfangs entschuldigte er sie damit, daß sie sich vor den Vettern zurückhalte, die sie wohl im Verdacht gehabt haben mochten, daß sie selbst ihres Gefangenen Gefangene geworden sei. Aber das paßte wenig zu ihrer sonstigen Art, sich um deren Urteil nicht im mindesten zu bekümmern und stets ihren Neigungen rücksichtslos nachzugeben. Was sollte er also von ihrem sonderbaren Benehmen halten? Sie hätte ja auch so oft Gelegenheit gehabt, ihm im geheimen zu verstehen zu geben, daß sie sich ihm nahe verbunden wußte. War's eine bloße Laune gewesen, daß sie sich ihm an die Brust warf und ihn durch die Leidenschaftlichkeit ihrer Empfindungen überraschte? War's auch jetzt wieder eine bloße Laune, wenn sie sich stellte, als wäre zwischen ihnen nichts vorgegangen? Erwartete sie, daß auch er sich nun bescheiden zurückziehe, oder wünschte sie ihn kecker und kühner auch in Gegenwart der Verwandten? Er konnte nicht daraus klug werden.

Und es reizte ihn fortwährend, daraus klug zu werden. Wäre er sich einer tieferen Neigung bewußt gewesen, vielleicht hätte er ihr sonderbares Wesen besser verstanden.

Nun dachte er nur immer an jenes letzte wonnige Beisammensein im Turmstübchen und füllte seine Phantasie mit Bildern, wie köstlich sich's an jedem Tage und zu jeder Stunde wiederholen könnte. Es ärgerte ihn, daß sie ihm entzog, was ihm doch schon gehörte, und er merkte dabei gar nicht, wie wenig sein Herz beteiligt war. Sie zu bezwingen, war sein ganzes Verlangen; und es wurde immer stürmischer, je freier und unabhängiger er sie sah. Nun nannte er sie grausam, weil sie sich seiner Willkür nicht überließ.

Eines Tages, als die Gesellschaft zu Pferde hinter einem Wolfe her war, der sich frecherweise aus dem Stalle ein Schaf geholt hatte, stachelte er so lange ihren Ehrgeiz, bis sie sich zu einen Wettritt über eine steinige Waldblöße entschloß. Bald waren sie ihren Begleitern weit voraus. Die Pferde schäumten und schnoben. Heinz gab sich nur halbe Mühe, seine kühne Vorreiterin zu überholen, seine Absicht war, sie möglichst weit von der lästigen Vetterschaft zu entfernen. Näherte er sich, so trieb sie ihr keuchendes Pferd zu noch tollerem Gange an. Um jenen Baum, rief sie ihm zu, und dann zurück! Ihr hättet die Wette nicht wagen sollen.

Das war nicht nach seinem Wunsche. Erreiche ich den Baum vor Euch, antwortete er, so ist sie gewonnen, und wir können dann die Tiere verschnaufen lassen, bis man uns nachkommt.

Es gilt, sagte sie nach kurzem Bedenken, und spornte ihr Pferd an.

Nun durfte er die Wette nicht verlieren. Bald war er an ihrer Seite. In rasendem Laufe jagten sie über Stock und Stein auf die Eiche zu. Schon war sein Gaul um eine Kopflänge voraus – keine fünfzig Schritte war's bis zum Ziele. Sie ermunterte ihr ermattendes Pferd durch lauten Zuruf. Es raffte sich zu einigen hastigen Sprüngen auf und gewann dadurch wieder die Vorhand. Da stolperte es über eine Wurzel des mächtigen Baumes, die sich weit vom Stamme fortstreckte, und sank in die Knie. Natalia wäre vornüber gefallen, wenn Heinz sie nicht eiligst am Arme gefaßt hätte. Das Pferd richtete sich auf, aber der rechte Vorderfuß war beschädigt und lahmte. Die Wette war nicht zum Austrag gekommen.

Nun mußte sie sich doch entschließen, langsam an seiner Seite zurückzureiten. Es schien ihr verdrießlich zu sein, denn sie verhielt sich ganz stumm und gab mehr als notwendig auf den Zügel acht. Er ließ sie nicht aus dem Auge, und das war ihr vielleicht unbequem. Diesmal ist dafür gesorgt, sagte er schalkhaft nach einer Weile, daß Ihr mich neben Euch leiden müßt. Es bleibt Euch nichts übrig, als mir Rede zu stehen.

Sie senkte den Kopf und biß die Lippe. Das bemerkte er, nicht aber, daß unter dem Schein der langen Wimpern die Augen lebhafter blitzten. Ich hoffe, entgegnete sie, sich über den Hals des Pferdes beugend und den lahmen Fuß besichtigend, daß der Junker von Waldstein nicht unedelmütig einen Zufall benutzen wird, der gegen mich Zwang übt.

Ihr täuscht Euch, sagte er, indem er dicht an sie heranlenkte. Ich habe wirklich die größte Lust, so unedelmütig zu sein und diesen sehr glücklichen Zufall zu nützen, um mir Gewißheit über etwas zu schaffen, das mich schwer beunruhigt. Seit vielen, vielen Tagen ist dies wieder die erste Minute, in der ich mit Euch allein bin.

Sie lächelte. Ich werde Euch nicht hindern können zu sprechen und also hören müssen. Ob ich aber antworte … Es kommt darauf an, was Ihr mir zu sagen habt, Junker.

Mein Himmel! Was kann ich Euch anders zu sagen haben, als daß ich Euch gar nicht mehr verstehe? Wie waret Ihr so mild und gütig, solange Ihr mich mit Eurem Besuch im Turmstübchen beglücktet! Und jetzt –

Ihr wartet wohl gar noch jetzt dort auf mich? fiel sie hastig ein und sah ihn mit einem herausfordernden Blick an.

Er schüttelte den Kopf. So übermütig sind meine Hoffnungen nicht. Aber Ihr seid so verändert –

Ihr seid's ja auch.

Ich?

Nun – Ihr seid gesund.

So müßte ich wahrlich wünschen, noch krank zu sein, wenn mir die Gesundheit so schweren Verlust bringt.

Sie zog spöttisch die Lippe. Den schweren Verlust, eine Krankenpflegerin entbehren zu müssen.

Aber welche Krankenpflegerin! Wenn ich an die letzten glücklichen Tage zurückdenke –

Soll ich Euch noch immer wie einen Kranken behandeln, da Ihr's doch nicht seid?

Ihr macht mich krank, wenn Ihr so mit dem Gesunden umgeht. Was soll ich glauben, Natalia, was fürchten? Ich erkenne Euch gar nicht wieder.

Und doch bin ich gerade, wie ich immer war, bevor ich diesen Notdienst verrichtete. Es ist so meine Art zu sein. Fragt Euch doch, ob Ihr mich so nicht kennengelernt habt, als Ihr nach Buchwalde kamt. Und anders haben mich auch die Vettern nie gesehen. Gefalle ich Euch nun nicht, wie ich bin, wenn ich mich ganz ehrlich nach meiner angeborenen Art zeige, so mag ich Euch auch nicht gefallen, wenn Ihr an das bekümmerte Mädchen denkt, das an Eurem Krankenbette saß und mitleidig Eure Wunden pflegte. Ich müßte immer argwöhnen, daß Ihr Euch nur eines schuldigen Dankes entledigen wollet, den ich viel zu stolz bin, zu fordern oder anzunehmen.

Nein, nein, rief er, das ist es nicht! So erklärt sich mir nicht dieses Unerklärliche. Ich weiß ja, daß es Euch unendlich schwer werden mußte, Eure Freiheit einzuschränken und Euch monatelang bei mir einzuschließen. Aber gerade weil Ihr mir dieses Opfer brachtet, weil ihr's so mutig und heiter brachtet, daß es Euch selbst Freude zu bereiten schien … Nein, nein, Natalia, das war kein karger Notdienst, und Ihr fürchtet im Ernst nicht, daß ich mich Euch nur zu Dank verpflichtet fühle. Hat sich mir nicht Euer Herz eröffnet? Habt Ihr mir nicht in jener letzten Stunde die Gewißheit gegeben, daß ich –

Schweigt! fiel sie herrisch ein, und flammende Röte übergoß ihr Gesicht.

Ich schweige nicht, fuhr er leidenschaftlich erregt fort, ich kann nicht schweigen. Wer das erlebt hat … Nein, mit einem Mindern kann er sich nicht mehr begnügen! Noch jetzt, wenn ich auf jener Stelle mit mir allein bin und die Augen schließe, ist mir's, als ob eine weiche, schlanke Gestalt sich an mich schmiegt, als ob ihr heißer Atem mich anweht, ihre Lippe meinen Mund berührt – Natalia, gib mir die Seligkeit wieder, die du mich – ach, nur einen flüchtigen Augenblick – an deiner Brust kosten ließest!

Er beugte sich seitwärts und umfaßte ihren Leib, sie mit Leidenschaft an sich reißend. Heftig erschrocken stieß sie ihn zurück. Ihr habt geträumt! rief sie ihm zu.

So wollt Ihr, daß es ein Traum gewesen sei! sagte er mit stockendem Atem. Ich aber habe die Gewißheit, daß ich wachend genoß, was so wonnig kein Traum gewähren kann.

Siehe nun, wie arm und elend du mich machst, wenn du mir erst so viel gabst und mir nun alles nimmst. Sei mein, Natalia – sei mein!

Wieder streckte er den Arm aus, sie zu umfassen. Aber sie wehrte ihn mit einer heftigen Gebärde ab. So nicht! antwortete sie mit zitternder Stimme. So in Ewigkeit nicht! O Gott – verdiene ich das? Weil ich einen Augenblick vergaß – Nein, es soll ein Traum gewesen sein. Und nicht eher sollt Ihr mich an ihn erinnern, bis einmal – Was sage ich Euch? Seht Ihr denn nicht, was mich zwingt? Fühlt Ihr nicht, daß ich gebannt bin? Was gelte ich Euch, wenn Ihr mich nach dieser Gabe schätzt! Vergeßt – ich bitte Euch, vergeßt – und dann kehrt zu mir zurück – wenn Euch das Herz treibt.

Sie wandte ihm das Gesicht ab und suchte ihr Pferd zu rascherer Gangart zu nötigen. Auf dem Hügel vor ihnen tauchten die Vettern auf, sie hielten Umschau nach den beiden Flüchtigen und näherten sich nun rasch. Heinz fühlte sich innerlich erkältet und sah finster auf den Sattelknopf nieder. Er verstand nicht, was sie von ihm begehrte, was sie ihm in Aussicht stellte. Er wußte nur, daß auch jetzt seine Hoffnung getäuscht war, sie in seine Arme schließen, an seine Brust ziehen zu dürfen. Sie wollte nicht an das erinnert sein, was seine Leidenschaft aufs tiefste erregt hatte.

Ihr seid grausam, Herrin, sagte er mit kaum verhaltenem Verdruß. Er betonte das Wort »Herrin« scharf.

Natalia bemerkte es. Warum nennt Ihr mich so, fragte sie, zum erstenmal so?

Weil Ihr mir sonst eine gütige Freundin waret, antwortete er, jetzt aber die stolze Herrin zeigt. Wie eine Herrin wendet Ihr mir Gunst zu und verwerft Ihr mich. Ich soll verstehen lernen, daß ich Eurer Willkür unterworfen – ich soll wissen, daß ich auch außerhalb des Turmes Euer Gefangener bin!

Sie schien zu erschrecken. Fühlt Ihr's so? fragte sie mit unsicherer Stimme, Gott weiß, daß solcher Zwang meinem Herzen fremd ist. Was könnte ich durch ihn gewinnen? Ihr nennt mich stolz, und ich bin es, weil ich es sein – muß. Was wäre ich Euch, wenn ich – oh, Ihr seid blind!

So glaubt Ihr's, weil Ihr mich an der Kette leitet! rief er.

Sie kämpfte mit sich. Nach einer Weile sagte sie: Ihr sollt mir zu nichts verpflichtet sein, nicht zu Dank, nicht zu Gehorsam. Wenn Ihr's denn hören wollt: Ich gebe meinen Gefangenen frei!

Er hob sich im Sattel. Ihr gebt mich frei, Natalia?

Meinen Gefangenen. Sie lächelte dabei schelmisch. Die Kette rasselt nicht mehr. Seht nun zu, ob Ihr frei seid.

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