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Heinrich von Plauen

Ernst Wichert: Heinrich von Plauen - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
authorErnst Wichert
titleHeinrich von Plauen
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G.m.b.H.
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHelmut Prodinger
senderwww.gaga.net
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28. DIE WELLEN GEHEN HÖHER

Moses Achacz, der Holzjude, meldete sich auf dem Schloß. Er ließ dem Herrn Komtur untertänigst sagen, daß er in zwei oder drei Tagen abzureisen gedenke, und bat um einen Geleitschein. Er hatte sich länger in Danzig aufhalten müssen, als ihm lieb gewesen war; aber das Holzgeschäft ließ sich nicht rascher abschließen, da der Kaufmann erst Gewißheit haben wollte, ob wirklich der Friede zustande kommen werde. So war man mit diesem Hin- und Herhandeln über die Mitte des Februar hinausgelangt.

Der Komtur bestellte ihn auf den Abend vor seiner Abreise nochmals zu sich; es könne sein, daß er ihm etwas nach Thorn mitzugeben habe. Er war in sehr übler Laune. Die Antwort der Rechten Stadt Danzig erschien ihm als eine offenkundige Auflehnung gegen des Meisters Gebot. Wär's nach seinem Wunsch gegangen, man hätte sofort Zwang gebraucht. Aber sein Kapitel hielt ihn zurück. Es werde viel böses Gerede im Lande geben, wenn man gegen Danzig wie gegen eine feindliche Stadt verfahre, und jedenfalls sei es notwendig, in einer so wichtigen Angelegenheit erst des Herrn Hochmeisters Willen zu vernehmen.

Sein Kumpan, der Hauskomtur, der einen Ausgleich versuchen sollte, hatte viel zu erzählen von der Aufregung, die in der Stadt herrsche, und auch Peter Engelke, sein Diener, den er als Kundschafter brauchte, hinterbrachte ihm, was in den Schenken und auf dem Markte gesprochen wurde, und wie überall die Rede gehe, die Stadt wolle sich bei übler Behandlung trotz des Friedens vom Orden losreißen und des Königs Gnade anvertrauen. Er wollte auch davon gehört haben, daß nicht alles im Gemeinen Rat verhandelt werde, weil der Orden dort noch namhafte Freunde habe, sondern daß die Bürgermeister mit einigen von den Angesehensten der Kaufmannschaft geheime Dinge verhandelten. Auch des reichen Schiffsreeders Huxer Name wurde genannt.

Das beunruhigte den Komtur nicht wenig. Er dachte sich in seiner ergrimmten Stimmung etwas aus, wie er vielleicht hinter diese Schliche kommen könne, und schickte deshalb Engelke wieder ins Kloster zu den Schwarzmönchen. Man sollte dort Frau Barbara wissen lassen, daß sich Gelegenheit biete, eine Botschaft nach Schloß Sczanowo zu befördern; ob also das Fräulein dieserhalb den Pater Severus zu sprechen wünsche.

Maria hatte sich längst das Köpfchen zerbrochen, wie sie dem armen kranken Junker Heinz etwas von sich wissen lasse; aber es war ihr wenig Kluges eingefallen. Sie selbst konnte nicht geläufig schreiben, und es mußte ihr bedenklich scheinen, einen von des Stadtschreibers Gesellen oder den Rektor der Stadtschule oder einen Geistlichen der Pfarrkirche oder gar ihres Vaters Stuhlschreiber, der im Kontor die Handelsbriefe abfaßte, ins Geheimnis zu ziehen. Und wenn sie wirklich das Schreiben in Händen hatte, wie sollte sie es an den bestimmten Ort gelangen lassen? In einer Nacht, als sie nicht schlafen konnte, war sie auf den Gedanken gekommen, daß Klaus Poelke sich vielleicht erbitten lasse, ihr diese Reise zu tun. Barbara schüttelte dazu den Kopf. Sie brachte die Sache aber doch, als ihr Schwestersohn mit Fischen vom Hakelwerk hineinkam, beiläufig zur Sprache. Liebe Muhme, sagte er, wie soll ich mitten im Winter diese Reise tun, da alle Flüsse zugefroren sind? Ich bin ein Seemann und wollte wohl ganz allein auf einem kleinen Boot die Weichsel hinauf mit Segel und Ruder. Aber ein Pferd weiß ich nicht zu lenken, und zu Fuß ist's auf diesen Schneewegen durch die weiten Wälder allzu gefährlich. Geduldet Euch also, bis das Eis aufgegangen ist; dann fahre ich auf einem Weichselkahn nach Polen hinein und will Euch redlich alles besorgen, was Ihr mir aufzutragen habt.

Nun schienen die Schwarzmönche ihr unerwartet helfen zu können. Freilich war ihr der Pater Severus etwas unheimlich, und auch Barbara sprach nicht gern von ihm. Aber er mußte es doch wohl gut mit ihr und Junker Heinz meinen, da er so freundlich an sie gedacht hatte und ihr's nun nahelegte, seine Dienste anzunehmen. So trieb sie denn das Herz, alle Bedenken zu beseitigen. Liebe, gute Barbara, schmeichelte sie und klopfte ihr mit der runden, kleinen Hand die Wange, hilf mir doch diesmal; es ist gewiß zu meinem Glück. Ich habe mir etwas ausgedacht, wie ich ihm nicht schreiben darf und doch zu erkennen geben kann, daß sich hier nichts verändert hat. Bestelle im Kloster, daß der Pater zu dir kommen möge – heute abend, wenn's dunkelt und der Vater nach dem Hof gegangen ist. Führe ihn dann in mein Stübchen und halte Wache, daß uns niemand überrascht, es soll nicht lange dauern, was ich mit ihm zu verhandeln habe. Tu's, Beste, und ich will dir's danken.

Barbara ließ sich erbitten und leitete alles geschickt in die Wege. Abends, als das Kontor geschlossen und Huxer fortgegangen war, kam der Pater. Er bestätigte, daß er auf dem Schloß erfahren habe, der Mann, der den Brief an den Komtur gebracht, gehe wieder zurück nach Sczanowo. Ach, lieber Pater, sagte Maria, da Ihr doch schon alles wisset, nehmt Euch auch ferner gütig meiner an. Der Ring, von dem Junker Heinz schreibt, daß er ihn mir nicht zurückgeben könne, ist auf sonderbaren Wegen wieder in meine Hand gekommen, so daß ich den Junker schon tot glauben mußte. Da er nun lebt, gehört er ihm, und ich will ihn nicht einbehalten als ein ungerechtes Gut. Ich habe deshalb das Ringlein in dieses kleine Kästchen gelegt und auf den umgewickelten Streifen Papier meinen Namen geschrieben. Sorget nun freundlich, daß der Bote das Kästchen mitnehme und dem Junker aushändige. Drückt ihm auch dazu diesen Goldgulden in die Hand, daß er treulich den Auftrag ausrichte. Wenn der Junker aber indessen – die Tränen rollten ihr plötzlich über die Wangen –, wenn der Junker indessen seinen Wunden erlegen sein sollte, so sagt dem Manne, daß er das Kästchen aufhebe und mir zurückbringe, wenn er wieder nach Danzig kommt. Ich will's ihm mit Gold aufwiegen.

Der Pater schien Gefallen zu haben an dem hübschen Kinde, das ihm so das Herz öffnete. Er lächelte gar weltlich, indem er das in Leinwand eingenähte Kästchen an sich nahm und dabei die weiße Hand berührte. Grämt und härmt Euch nicht, Jungfrau, antwortete er, das Sterben wird so nahe nicht sein. Den Boten halte ich für zuverlässig und will ihm seinen Auftrag gehörig einschärfen lassen. Kann man auch einem Juden nicht mit der ewigen Verdammnis drohen, da ihm die ohnehin sicher ist, so weiß er doch, daß er sich in Preußen nicht mehr blicken lassen darf, wenn er auf einer Untreue ertappt worden, und wird sich seines Handels wegen hüten, zur Klage Anlaß zu geben.

Maria sah ihn verwundert an. Durch einen Juden wollt Ihr –

Pater Severus zog die Kapuze über die Stirn hinab, so daß seine Augen verschattet waren. Kümmert Euch darum nicht, entgegnete er, es fuhr mir so heraus. Jude oder Christ – auf Ritterwort! Das Ringlein soll an den rechten Finger kommen.

Diese Rede kam ihr aus des Mönchs Munde gar nicht gehörig vor, aber sie wagte keine Erwiderung und blickte errötend zur Erde. Ich wollte Euch wünschen, fuhr der Pater fort, daß die Gefangenen bald gelöst würden und auch Euer Junker frei käme. Der Herr Hochmeister hat den besten Willen, aber es fehlt ihm an Geld. Da hat er sich nun an das Land gewandt. Wie aber gerade diese Stadt ihm widerstrebt, werdet Ihr erfahren haben. Euer eigener Vater ist unter seinen eifrigsten Gegnern. Redet auf ihn ein, wie Ihr könnt, daß er anderen Sinnes werde.

Ach, nun verstehe ich's, sagte sie unschuldig, was die Stadt in solche Unruhe setzt. Wie grausam, daß die armen Gefangenen nicht gelöst werden sollen! Aber wie kann ich –

Tut nur, was Euch das Herz befiehlt, rief er, und gebt acht, was die Männer miteinander reden. Ist's Euch nicht verständlich, so fragt bei Barbara an, die eine kluge Frau ist und besser der Welt Lauf kennt oder sich im Kloster Rats erholt.

Damit klopfte er ihr mit den Fingerspitzen die Wange und suchte Barbara auf, die sich im Flur und Vorzimmer etwas zu schaffen machte. Er fragte sie wieder nach allem aus, was im Hause vorgehe, und ob etwas Heimliches betrieben werde. Hätt' ich doch nie geglaubt, sagte sie kopfschüttelnd, daß die Väter Dominikaner so neugierig wären und so weltliche Gedanken hätten. Hab's auch bisher an den andern nicht so gemerkt.

Während sie noch miteinander sprachen, und gerade als der Pater Severus, dem das hübsche Weibchen mehr und mehr zu gefallen schien, sich einen Scherz erlaubte, öffnete sich unten die Haustür. Mehr als zwei kräftige Füße trappten auf den Steinfliesen den Schnee von den Stiefeln ab, und bald wurden auch Männerstimmen laut, die sich der Treppe näherten. Ach, mein Gott, flüsterte Barbara ängstlich, mein Herr kommt unerwartet früh nach Hause und bringt Besuch mit. Sie dürfen nicht wissen, daß ich Euch –

Nein, man darf mich hier nicht sehen, fiel der Pater schnell ein. Der Ton seiner Stimme hatte, so leise er sprach, etwas Gebieterisches.

Aber was beginnen?

Laßt mich in Eure Kammer eintreten, bis sie vorüber sind.

In meine Kammer – gut denn! Aber haltet Euch still.

Sie hatte nur noch gerade Zeit, ihn hineinzuschieben und die Tür hinter ihm zu schließen. Huxer kam hinauf mit Barthel Groß und noch einem Manne, den die Frau im Halbdunkel und dazu in seiner Pelzverhüllung nicht zu erkennen vermochte. Seid Ihr's, Bärbe? fragte Huxer.

Ich hörte jemand kommen, sagte sie, und trat hinaus –

Laßt sogleich in der Herrenstube Feuer im Kamin anmachen, Barbara, und stellt uns eine Kanne Jopenbier auf den Tisch. Sorgt auch, daß wir eine Wachskerze haben.

Erwartet Ihr noch mehr Gäste, Herr?

Es kommen noch einige nach. Die Ursula mag unten an der Haustür stehen und sie einlassen. Eilt Euch!

Er ging an ihr vorüber und nötigte die beiden Herren in die große Stube. Barbara rief die Mägde und teilte ihre Befehle aus, ließ sich eine Kanne reichen, wählte aus dem mächtigen Bunde an ihrem Gürtel einen Schlüssel und stieg in den Keller hinab, sie zu füllen.

Indessen wurde noch mehrmals an die Haustür geklopft. Es kamen Konrad Letzkau mit Johann Hamer und Tiedemann Schwartz, Arnold Hecht mit Hermann Rogge, endlich Wilm von Wiemen, Heinrich von Dalen und Arend Scheren, sämtlich Ratmannen oder Schöppen. Auch sie wurden in die Herrenstube gewiesen, wo nun bald ein lebhaftes Sprechen begann. Im Kamin prasselte das Feuer, Huxer teilte das Bier aus der Kanne in die Zinnkrüge aus, daß man sich innerlich erwärmen möchte. Doch legte nur Arnold Hecht nach einer Weile den Pelz ab; ihm war's stets zu heiß.

Indessen hatte der Pater Severus sich in Barbaras dunkler Kammer durch Tasten bis zu der hinteren Wand zurechtgefunden, die sie von der Herrenstube trennte. Er erinnerte sich des Schiebers, setzte ihn leise in Bewegung und hielt das Ohr an die Öffnung. Nun war bei einiger Aufmerksamkeit fast Wort für Wort von dem zu hören, was innen gesprochen wurde. Es ärgerte den Pater nur, daß er nicht auch wissen konnte, wer jederzeit sprach, da ihm die Männer unbekannt waren. Doch meinte er, später wenigstens so viel aus Barbara herausbringen zu können, daß er die Namen der sämtlichen Gäste erführe. Er zweifelte nicht, daß dieses die heimliche Kumpanie sei, von der die Rede gegangen.

Die bevorstehende Ratswahl wurde besprochen. Es kam darauf an, Männer in den sitzenden Rat zu bringen, auf die voller Verlaß wäre. In der Sache selbst war man einig über alle Hauptfragen. Der Schwerpunkt sollte auch ferner und womöglich noch deutlicher ausgesprochen im Gemeinen Rat liegen, dieser Körperschaft, die das ganze Patriziat, soweit seine Mitglieder im Rat oder auf der Schöppenbank gesessen hatten, umfaßte und auf deren Zusammensetzung der Orden daher gar keinen Einfluß hatte. Nach alter Gewohnheit hätten der Rat und die Schöppenbank sich selbst zu ergänzen. Nun wär's aber auch früher seit Jahren schon nur noch eine Förmlichkeit gewesen, daß man die Wahl dem Komtur anzeigte und um deren Genehmigung bäte. Ausdrücklich habe der König ihnen zugesichert, daß die Wahl in Zukunft ganz frei sein solle, und daran müsse man auch dem Orden gegenüber festhalten, sich aber keinen Einspruch gefallen lassen. Sonderlich in dieser Zeit nicht, rief Hecht, in der wir noch in viel anderen Dingen mit den Kreuzherren uneins sind und unser Stück wohl durchzusetzen gedenken – wenn nicht im Guten, so mit Gewalt.

Enthalten wir uns aller solcher Drohung, antwortete Letzkau, die doch hier nur in den Rauch des Kaminfeuers gesprochen ist, und handeln wir, wie es not tut.

Mir will's doch geraten scheinen, meinte Huxer, denen im Schloß nicht geradezu vor den Kopf zu stoßen. Es steht nun einmal in den alten Briefen, daß wir mögen Ratmannen kiesen? mit Wissen der Herrschaft und die ihr genehm sind. Lassen wir's nun bei der alten Förmlichkeit, so wird man auf die Personen im Schloß wenig achthaben. Weigern wir aber die Anzeige, so mag es leicht geschehen, daß man sich aufs hohe Pferd setzt und uns zu überreiten sucht.

Wilm von Wiemen und Tidemann Schwach stimmten ihm zu, Barthel Groß aber sagte: Es kann doch nicht vergessen werden, daß der Orden seine Macht über uns verloren gehabt hat und wir unter dem König von Polen gestanden haben. Ist nun darüber Streit, ob dies zu Recht oder Unrecht geschehen sei, so mag der erst ausgefochten werden. Was inzwischen etwa unregelmäßig vorgenommen, kann nicht gerügt werden; später aber fußt man darauf als auf einem sicheren Vorgang und gewinnt durch Übung Recht.

Ihr gefallt Euch in halben Maßregeln, schalt Hecht, und werdet es büßen. Jetzt ist der Orden schwach und kann den Zügel nicht anziehen. Werfen wir das Gebiß ab, so wird er's uns nimmermehr anlegen. Lassen wir ihn aber wieder zu Kraft kommen, so werden wir uns die Zähne daran zerbeißen. Ich sehe kein Heil für uns unter seiner Herrschaft.

Warum sollen wir nicht vom Orden erlangen können, was uns der König zugestand? fragte Letzkau. Muß er doch einsehen, daß er uns auf andere Weise nimmer zufriedenstellt und zur festen Stütze seiner Macht gewinnt. Wir müssen darauf dringen, daß der Herr Hochmeister einen Landesrat erwähle aus den Vollmächtigen der großen Städte und den Edelsten des Landes, und daß er in Landessachen mit seinen Gebietigern und Prälaten nichts beschließe und ausführe, davon diese geschworenen Räte nicht Kenntnis erhalten. Nie wieder darf eine Abgabe erhoben werden ohne des gemeinen Landes Bewilligung! Und was geschoßt ist vom Lande mit gutem Willen, das soll auch nicht verwandt werden nach der Gebietiger Einsicht, sondern mit Zustimmung der Landesräte, und soll ihnen Rechnung gelegt werden, wie ein Verwalter Rechnung zu legen hat. Dann wird Friede im Lande sein und der Orden jedem Feinde stehen.

Aber nur die Furcht vor dem Könige und die Not im Lande werden ihn vermögen, so weit nachzugeben, erinnerte Heinrich von Dalen.

Darum müssen wir das Unsere tun, bemerkte lachend Hermann Rogge, daß der König ihm furchtbar bleibt und seine Kassen nicht wieder voll werden. Des Bürgermeisters Plan ist gut und wohlausgesonnen.

Das ist er! rief Johann Hamer. Hat man ein zu mutiges Pferd, das macht man durch Hunger zahm.

Nun sieht man doch, worauf man hinaus kann, meinte Arend Scheren, und tappt nicht mehr im Dunkeln. Den Landesrat müssen wir haben, und ohne Landesrat bewilligen wir keinen Pfennig.

Ihr werdet ihn haben, wenn ihr beim Könige bleibt, sagte Hecht, und ich möchte wohl selbst darin sitzen, wenn er ehrlich etwas zu sagen hat. Wie er aber neben dem Ordenskapitel bestehen soll, begreife ich nicht. Ihr wollt Pferde vorn und hinten an den Wagen spannen; da mag er eher zerbrechen, als von der Stelle kommen.

Und Ihr kehrt, wie die Weiber, stets wieder zu Eurem ersten Wort zurück, verwies Letzkau. Man kann nicht aus Luft ein Haus bauen und an den Sternen ein Licht anstecken.

Hecht erwiderte heftig, und man schrie durcheinander. Der Hausherr hatte einige Mühe, Frieden zu stiften. Laßt euer Bier nicht schal werden, riet er, und feuchtet die Kehlen an. Ich denke, wir streiten auf beiden Seiten um des Kaisers Bart.

Die Deckel der Krüge klappten, die Kanne wurde zu neuer Füllung herausgereicht. Pater Severus stand noch immer an der Öffnung unter dem hölzernen Schieber, das Ohr dicht an die Wand gedrückt. Die Kapuze war ihm ins Genick gefallen, die beiden Fäuste hatte er geballt, die Zähne bissen fest aufeinander, während die Lippen geöffnet waren. Jetzt richtete er sich auf und stieß einen zischenden Laut vor, wie ihn die Wut austreibt. Er hatte genug gehört und benutzte die Zeit, in der die Magd draußen sich nach dem Keller entfernt hatte, um die Kammer zu verlassen und durch die Haustür auf die Straße zu treten. Er warf sie so heftig hinter sich zu, daß man's bis in die Herrenstube hinein am Klirren der Krüge auf dem Tische merkte.

Mit raschen Schritten ging der Pater dem Haustor zu. Es war ein abscheuliches Wetter geworden; der Sturm heulte um die hohen Giebel der Häuser und fegte den trockenen Schnee in langen weißen Schleiern von den Dächern hinab oder wirbelte ihn an den Straßenecken hoch auf und dem Vorschreitenden ins Gesicht, daß ihm Augenbrauen und Bart bald mit einer dicken Kruste bedeckt waren. Er achtete darauf nicht, senkte nicht einmal den Kopf oder zog die Kapuze fester an; seiner Stimmung schien es gerade zuzusagen, einen Widerstand brechen zu müssen, so legte er sich mit voller Brust gegen den Wind. Manchmal hob er den Arm mit der geballten Faust wie drohend und sprach halblaut heftige Worte: Dieses übermütige Krämervolk soll gezüchtigt werden! Eine Bande von Verrätern – die Herren Bürgermeister obenan! Oh, die Nichtswürdigen, die Buben! Hab' ich sie nun recht erkannt? Sind sie mit Zuckerbrot zu füttern? Die Peitsche auf ihren Rücken! Das ist eine Brut, die ausgetilgt werden muß wie ein Wespennest mit siedendem Wasser – eine Pestbeule, die das ganze Land anzustecken droht! Heran mit Feuer und Schwert!

Er stieß selbst den Torriegel zurück, da der Wächter unter einem Mauervorsprung Schutz gegen das Unwetter gesucht hatte, und schritt dem Schlosse zu; dort warf er die Kutte ab und überließ es dem Mönch, sie vom Boden aufzuheben. Ich weiß genug! rief er. Mich werden diese Buben nicht mehr täuschen. Zum letztenmal hab' ich in diesem Gewande gesteckt. Trete ich jetzt in die Stadt ein, so ist's in blanker Rüstung, das Schwert an der Seite. Wir wollen einen Tanz aufführen, und ich will euch schwenken, daß euch der Atem vergehen soll!

Was der Komtur gehört hatte, wälzte sich wie eine ungefügige Masse in seinem Kopfe herum; er mußte ihn anstrengen, um in der Erinnerung zu sondern, was der eine und der andere gesagt hatte. Anfangs schien ihm kein Unterschied darin zu sein: der Orden sollte um sein Herrenrecht gebracht werden – so oder so. Am verständlichsten war ihm noch, was Hecht plante: Verschwörung mit dem König, Abfall, Gewalt. Dagegen ließ sich mit den Waffen ankämpfen. Er wünschte fast, die anderen wären darauf eingegangen, daß er sofort dreinschlagen könnte. Es kümmerte ihn im Augenblick wenig, daß er keine Zeugen hatte. Aber das wollten sie nicht – die feigen Hunde! Was wollten sie? Er hatte Mühe, sich's notdürftig zu erklären, worauf Letzkau ausging. Pah! Kniffe und Pfiffe – es kommt sicher auf dasselbe hinaus! Die ganz neuen Gedanken, die der Bürgermeister angeregt hatte, gärten doch fort und wollten eine Vorstellung gewinnen. Ein Landesrat! Was war das für ein Ding? Wie konnte neben dem Generalkapitel des Ordens eine Macht bestehen, die zu bestimmen hatte: das sei und das sei nicht? Lieber in ehrlichem Kampfe mit den Polen und Litauern untergehen, als so heimtückisch einen Keil in den Stamm treiben lassen, der ihn bis aufs Mark zersplittern müßte. Letzkau war von den beiden Bürgermeistern der gefährlichere. Je mehr er über seine Reden nachdachte, um so gewisser wurde ihm diese Erkenntnis. Und sicher hatte er noch nicht einmal sein letztes Wort ausgesprochen, seinen ganzen teuflischen Plan enthüllt. Wer konnte erraten, was dieser Kopf im geheimsten brütete?

Die andern schienen ihm nur armselige Wichte gegen diesen Mann, auf den sich sein tiefster Haß richtete.

Mit welchen Mitteln konnte er ihn befehden? Ihm den Prozeß machen? Aber er durfte nicht Richter und Zeuge sein in einer Person. Nicht einmal Zeuge allein! Niemand durfte erfahren, daß er in der Mönchskutte gelauscht hatte, versteckt in eines Weibleins Kammer. Nun erst, da es darauf ankam, von seiner List Vorteil zu ziehen, erkannte er deren Nutzlosigkeit und – Unwürdigkeit. Das empörte ihn noch mehr, das peinigte ihn Tag und Nacht.

Das Kästchen mit dem Ringe hatte er vergessen. Es war im Ärmel der Kutte steckengeblieben. Er erinnerte sich erst daran, als der Jude sich meldete und um seine Aufträge bat. Nun schickte er Peter Engelke nach dem Kloster, es in Empfang zu nehmen und zugleich dem Juden mit der nötigen Weisung zu übergeben. Das hübsche Fräulein wollte er seinen Zorn nicht entgelten lassen.

Er ließ neue Briefe an den Rat schreiben, setzte ihm wegen des Schosses eine letzte kurz gemessene Frist. Auch hatte man sich in der Stadt unterfangen, einen Mann ins Gefängnis zu werfen und vor Gericht zu fordern, über den sie kein Recht hatten. Er verlangte, daß sie ihn bis zum andern Morgen dem Hauskomtur auslieferten ohne jede Ausflucht. Er wolle mit ihnen um so klare Dinge nicht verhandeln, sondern befehle und erwarte Gehorsam.

Die Danziger ließen die eine und die andere Frist verstreichen. Dann führten sie den Übeltäter bei hellem Tage und mit großem Lärm vor die Stadt hinaus unter den Galgen und ließen ihn henken. Das wurde vom Schlosse aus bemerkt. Der Komtur sandte eiligst ein Fähnlein Knechte dorthin, die Exekution zu hindern. Aber sie kamen zu spät. Die Knechte des Scharfrichters höhnten sie, daß sie den Strick abschneiden möchten, wenn sie nicht ganz untätig abziehen wollten. Darüber entstand Streit, in den sich nun auch die Stadtwache mischte. Man schlug mit den Spießen gegeneinander, und es gab hier und dort blutige Köpfe.

Indessen war auch beim Rat ein Schreiben des Herrn Hochmeisters eingegangen. Es fiel nicht so aus, wie es der Komtur erwartet haben mochte. Noch einmal versuchte der hohe Herr den Weg der Güte und herzlichen Bitte. Aber die Gemüter waren schon zu erregt; der Brief hatte nicht die gehoffte Wirkung. Im Gegenteil benutzten ihn die Führer der Bewegung, um den Zaghaften bessern Mut zu machen. Würde der Herr Hochmeister so wehmütig bitten, hieß es, wenn er sich nicht schwach fühlte? Man soll sich nicht schrecken lassen und nun erst recht auf seinem Stück bestehen.

Der Komtur aber machte Ernst. Er legte auf die Stadtgüter Beschlag, besetzte die Landstraße mit seinen bewaffneten Knechten und ließ Kaufmannswaren weder ein noch aus. Dem Landvolk wurde verboten, Lebensmittel nach der Stadt zu bringen. Konnte er sie auch nicht völlig absperren, so belästigte er doch in empfindlicher Weise ihren Verkehr.

Nun kam die Ratswahl. Der Komtur ließ ansagen, daß er das seit einigen Jahren übliche Verfahren, wonach der Rat sich aus wenigen Familien selbst ergänzte, nicht dulden werde. Es solle in allem nach der Kulmischen Freiheit verfahren werden, die in wesentlichen Punkten außer Gebrauch gesetzt worden. Danach hätte die ganze Gemeinde den Rat zu küren. Er schickte zu den Älterleuten und auf die Herbergen und ließ die Leute belehren, daß ihnen Unrecht geschehe, auch in den Klosterkirchen seine Briefe verlesen.

So hoffte er, sich unter dem niederen Volk einen Anhang zu verschaffen und den übermütigen Rat zu schädigen. Aber er fing nur wenige. Die Herren stellten vor, man wolle später die alten Briefe einsehen, wenn man seines Gutes gesichert sei. Wer von den Handwerkern denn Willens und imstande sei, die Beschwerden und großen Kosten des Amtes zu tragen? Ganz offenkundig sei es dem Herrn Komtur nur darum zu tun, den Schoß von der Stadt zu erpressen; wer nun mit seiner Hilfe in den Rat gesetzt werde, müsse ihn wohl bewilligen, um ihm einen Gegendienst zu leisten. Dann möge man nur getrost lieber gleich in den Säckel greifen.

Dieser Grund leuchtete ein. Die Gemeinde hielt sich ganz ruhig bei der Ratswahl, die nach früherer Gewohnheit in der großen Ratsstube vor sich ging, und rief Beifall, als der Sekretarius sodann auf der Treppe erschien und die Namen der Gewählten vorlas. Die Bürgermeister Letzkau und Hecht blieben im Amte; in den sitzenden Rat waren neben ihnen lauter Männer aufgenommen, die verläßlich schienen und sich schon bewährt hatten.

Dem Komtur wurde eine einfache Anzeige gemacht. Statt seine Genehmigung zu erbitten, lud man ihn auf nächsten Sonntag in der Pfarrkirche ein, der Vereidigung der gewählten Ratsherren und Schöppen beizuwohnen. Das war neuer Hohn. Zur Überraschung der Bürger ritt er wirklich mit etlichen aus seinem Kapitel und zahlreichen Knechten in die Stadt und erschien in der Marienkirche. Aber nur, um laut Einspruch zu erheben gegen die Gewalttätigkeit des Rats, die Wahl für null und nichtig zu erklären und die Vereidigung der Gewählten zu verbieten. Ein Tumult wurde nur dadurch abgewandt, daß Pfarrer Tiedemann die Orgel spielen ließ. Die Feierlichkeit hatte dann ungehindert ihren Fortgang.

So war der Streit zu einer Höhe angewachsen, daß kein Teil mehr auf eine friedliche Lösung rechnen mochte. Der Komtur verschärfte seine Zwangsmaßregeln, zog Mannschaften von den Außenhöfen ins Schloß und rüstete mit Eifer. Beim Hochmeister führte er Klagen über die Unbotmäßigkeit der Stadt und rechtfertigte sein scharfes Vorgehen. Die Bürger dagegen machten sich auf einen Überfall gefaßt, verrammelten die Tore nach der Schloßseite, führten außerhalb starke Schanzen auf und wechselten im Harnisch auf den Wallgängen und Türmen. Der Rat aber schrieb an den Herrn Hochmeister und führte Beschwerde über den Komtur, der die Stadt bei ihren Rechten und althergebrachten Gewohnheiten nicht lassen wolle, gegen ihre obersten Beamten beleidigende Worte brauche und allein schuld sei an aller dieser Schälung. Wenn wir Ew. Gnaden etwas pflichtig sind, schloß das Schreiben, so wollen wir Ew. Gnaden das nicht vorenthalten. Aber wir wissen uns dessen aus unseren Briefen nicht Bescheid, die wir vorzulegen bereit sind. Wären wir irrig, so wollen Ew. Gnaden deshalb mit uns nicht richten, sondern uns gestatten, die Sache anheim zu geben den Gebietigern und dem ganzen Lande. Sollte der Herr Komtur uns aber bis dahin zwingen, Gewalt mit Gewalt abzuwehren, so verwahren wir uns deswegen im voraus vor aller Verantwortlichkeit. Denn unseres Rechtes wollen wir uns nimmer begeben um Drohung. Bitten also Ew. Gnaden, solches dem Herrn Komtur ernstlich zu verweisen und uns in unseren Rechten zu schützen.

Arnold Hecht schnippte mit den Fingern in die Luft, als der Stadtschreiber dieses wohlgefügte Skriptum hohem Rat zur Genehmigung vortrug. Es verschlägt soviel wie ein anderes, sagte er leichthin.

Auf seinen Antrag erhielt der Büchsenmeister Befehl, schleunigst noch einige Feldschlangen für die Außenschanzen gießen zu lassen. Daß aber die Kugeln nicht vor dem Schloßgraben niederfallen! setzte er mahnend hinzu und lachte, daß sich der runde Bauch schüttelte.

Es ziemt sich wohl eher, die Dinge ernst zu nehmen, verwies Letzkau. Hoffentlich kommt es nicht zum Kampf.

Hecht zuckte die Achseln. Wie der Herr Komtur will! Es scheint ihn doch zu gelüsten, sich's beweisen zu lassen, daß unsere Sackträger und Schiffskinder derbe Fäuste haben!

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