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Heinrich von Plauen

Ernst Wichert: Heinrich von Plauen - Kapitel 26
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typefiction
authorErnst Wichert
titleHeinrich von Plauen
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G.m.b.H.
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26. IN DER KUTTE

Seit des Hochmeisters Bruder, der jüngere Heinrich von Plauen, als Komtur in das Danziger Schloß eingezogen war, hatte sich dort gar viel geändert. Er fand einen Ritterkonvent, der sich von der Ordensregel entwöhnt hatte, faule Priesterbrüder, die gern die Nachtgezeiten verschliefen, und eine Besatzung von Söldnern, die, weil sie schlecht gelohnt waren, selbst meinten, die Herren spielen zu können. Bei der Übergabe des Inventars zeigte sich's, daß die Waffen- und Vorratskammer leer waren, selbst von dem silbernen Küchengerät manches Stück fehlte. Es war durchweg eine verlotterte Wirtschaft.

Der junge Komtur brachte ein strenges Regiment. Im Kapitel wurde das Ordensstatut verlesen, die Soldhauptleute behandelte er wie der vornehme Herr, der überall die Entscheidung sich vorbehält. Die Weideplätze am Fluß und die Waldungen auf der Nehrung, die sich die Rechte Stadt Danzig vom König hatte verschreiben lassen, nahm er recht augenfällig wieder für den Orden in Besitz, und in das Blockhaus am Ausfluß der Weichsel legte er eine starke Besatzung, weniger wohl, um den Vitalienbrüdern zu drohen, als den Danzigern zu zeigen, daß er auch hier über die Schiffahrt Herr sein wolle.

Er beging das ganze Schloß von den Böden bis zu den Kellern hinunter. Bei dieser Revision kam er auch zu den Kammern im Kellergeschoß des Haupttores, die als Gefängnisse benutzt wurden. Einige derselben fand er besetzt mit wild aussehenden, bärtigen Gesellen. Wer sind die Leute, fragte er, und weshalb sind sie eingekerkert?

Das sind die Seeräuber, gnädiger Herr, wurde ihm geantwortet, die im Frühjahr von dem Danziger Kapitän Halewat eingebracht sind. Er hat sie gefangen mit Hilfe einiger von den Brüdern des Ordens, deshalb ist den Danzigern das Gericht über sie untersagt. Herr Johann von Schönfels hat ihnen aber nicht ans Leben wollen, sondern meinte sie besser aufzubewahren, bis man sie gegen gefangene Ordensleute auswechseln könnte. So sind sie halb und halb vergessen.

Schlagt uns lieber die Köpfe herunter, rief einer von den Gefangenen, dem der rote Bart über das zerfetzte Kleid bis zum Gürtel hinabhing, als daß ihr uns hier wie räudige Hunde auf faulem Stroh liegen laßt ohne Luft und Licht. Oder gebt uns die Freiheit, damit wir's den Danzigern eintränken können. Ich denke, wir sind beide gleich schlecht auf sie zu sprechen.

Der Komtur warf den Kopf auf. Wer ist der freche Bursche?

Der freche Bursche ist Marquard Stenebreeker, antwortete der Rotbart mit verbissenem Lachen. Ich hoffe, Ihr habt von ihm gehört.

Als von einem kühnen Räuberhauptmann – in der Tat. Es ist schade, daß man Euch nicht zur rechten Zeit um einen Kopf kürzer gemacht hat, die unverschämte Zunge wäre gleich mitgegangen. Nun mag ich meinem Vorgänger nicht die Nachlese halten. Es kann sein, daß Ihr noch einmal Euren Preis habt, darum soll man Euch weiter füttern. Aber wahrhaftig, die Luft ist schlecht und das Stroh faul. Ich will nicht, daß Ihr uns die Pest ins Schloß bringt. Gebt ihnen ein reinliches Gefängnis mit einem Luft- und Lichtloch nach dem Wasser hinaus. Den Danzigern, sagt Ihr, wollt Ihr's eintränken? Das gefällt mir. Vielleicht findet sich einmal Rat und Gelegenheit dazu. Wenn ich allein mit ihnen nicht fertig werde, will ich mir Euren Beistand erbitten.

Er ging lachend weiter. Marquard Stenebreeker und seine Gesellen aber konnten mit seinem Spruch zufrieden sein. Sie wurden noch selbigen Tages ein Geschoß höher einquartiert, erhielten frisches Stroh und fortan auch bessere Kost. Das Licht- und Luftloch freilich war so eng, daß ein menschlicher Leib sich schwer durchzwängen konnte, und mit dicken Eisenstäben verwahrt. An ein Entweichen war daher nicht zu denken.

Sobald der Komtur sein Regiment im Schlosse festgestellt hatte, ging er an die Ausführung seiner weiteren Pläne, ohne sein Kapitel mit langen Beratungen zu behelligen. Den Bürgermeister der Jungstadt nebst seinem Kumpan und die sechs Ratmannen ließ er zu sich entbieten, und sie erschienen sogleich in ihren Feiertagskleidern. Die beiden Kämmerer hatten den rückständigen Zins von den Häusern mit, der während des Krieges nicht eingezogen war, und legten ihn auf den Tisch nieder. Ihr hättet nicht warten sollen, schalt der Komtur, bis man euch mahnte. Sie entschuldigten sich, so gut sie konnten.

Ich will's näher untersuchen, sagte der Gebietiger in rauhem Tone. Es wundert mich überhaupt, daß ihr Jungstädter nicht vorwärts und in die Höhe kommt. An der Herrschaft Unterstützung hat es euch wahrlich nicht gefehlt. Schämt euch! Ich erwarte in Zukunft bessere Dinge von euch!

Der Bürgermeister verneigte sich tief. Brecht nicht so leicht über uns den Stab, gnädiger Herr, bat er. Der Handel ist wie ein Baum. Man kann nicht einen Stamm in die Erde stecken und sagen: Nun blühe und trage Früchte. Und wär's die fruchtbarste Erde, der Stamm bleibt dürr, und was man darauf hängt, das fällt wieder ab. Ein Baum, gnädiger Herr, will aus kleinem Keim aufwachsen und seine Wurzeln langsam ins Erdreich strecken, sich zu befestigen. So ist es auch mit dem Handel. Es nützt nicht, daß man ein stattlich Kaufhaus erbaut und Waren auflegt und Geld in den Beutel füllt. Der Handel hat seine alten Straßen und Verkehrsplätze, und wer dort gehen und verkehren will, muß zugelassen sein von denen, die Besitz ergriffen haben. Die aber im Besitze sind, halten zusammen. Wie sollen wir etwas unternehmen gegen die mächtige Hansa? Die Lübecker lassen niemand in den Bund, der nicht frei über sich verfügen kann, und wir –

Er stockte und trocknete den Schweiß von der Stirn. Der Komtur lachte auf: Aha, da steckt's! Ihr möchtet frei sein wie die Rechtstädter. Hat der Orden nicht genug an dem einen Wespennest?

Gnädiger Herr, entschuldigte der Bürgermeister, wir sind allezeit dem Orden treu und ergeben gewesen und haben nicht größere Freiheit begehrt, als uns billig gewährt worden. Aber scheltet nicht unsere Schwäche. Wohin sollen wir uns wenden? Überall nimmt die Rechtstadt Danzig an den hanseatischen Privilegien teil und schließt uns aus. Kommen wir nach London, da haben wir Deutsche keine Sicherheit, außer im Stahlhof. In Brügge mag der Orden seinen Bernstein verkaufen, aber wer sonst Handel treiben will, muß der Faktorei genehm sein. Seit zwei Jahren haben die preußischen Städte von König Albrecht ihre eigene Vitte erlangt zwischen der Lübecker Vitte und den dänischen Buden am Strande. Wer setzt aber den Vogt dort ein? Die Danziger Rechtstadt mit drei anderen großen Städten. Und wenn wir nun unsere Schuten schicken zur Schonenzeit, den Hering zu fischen, da treibt man uns fort. Und so geht's auch im St.-Petershof zu Groß-Nowgorod und in Wisby und im Kontor zu Kauen. Der Orden kann uns nicht schützen; er ist selbst allerorten ungern gesehen, wo er mit seinen Waren Handel treibt, und alle Feindschaft der Rechtstadt schreibt sich daher.

Der Komtur schlug mit der Faust auf den Tisch. Da könnt Ihr recht haben. Aber wir wollen ihren Übermut wohl dämpfen, bei der Jungfrau Maria und allen Heiligen sei's geschworen! Sie sind nicht so frei, als sie sich's dünken. Ihr aber überleget, wie wir zu unser beider Nutz Hand in Hand gehen.

Damit verabschiedete er den Rat der Jungstadt. Die Ratmannen trennten sich schweigend und schlichen in ihre Häuser. Jeder aber dachte wie der andere: Der neue Komtur ist ein gar gewaltiger und strebsamer Herr, aber von Handelssachen versteht er wenig und wird uns um das Letzte bringen, wenn er uns in die Feindschaft mit der Rechtstadt hineintreibt.

Auch mit der Altstadt machte der Komtur kurzen Prozeß. Die große Mühle, die der Orden dort am Radaunefluß mitten unter den Bürgerhäusern hatte, war den Altstädtern wenig genehm. So hatten sie denn auch die Zeit, da die Polen vor dem Schlosse lagen, benutzt, den Mühlmeister zu vertreiben und die Tore zu schließen. Nun mußten sie sich demütigen und froh sein, daß ihnen keine Buße auferlegt wurde; der Ordensmühlmeister zog aber wieder ein und übte schweren Druck.

Es dauerte auch nicht lange, so band der Komtur mit den Rechtstädtern an.

Der Vogt von Grebin hatte des Ordens Stuterei, weil er sie unter seiner Aussicht vor den Polen nicht sicher hielt, dem Ratmann Bartholomäus Groß in Bewahrung gegeben. Nun es zur Rückgewähr kam, machte dieser zunächst eine Forderung wegen der Futterkosten geltend, worüber man sich nicht einigen konnte, und behauptete auch, daß der königliche Hauptmann hinter die Sache gekommen sei, seinen Schutz verworfen und einen Teil des Ordenseigentums als gute Beute fortgeführt habe. Der Komtur dagegen wollte solche Ausrede nicht gelten lassen und beschuldigte ihn, daß er selbst dem polnischen Hauptmann aus Haß gegen den Orden das in der Not anvertraute Gut verraten habe. Davon meinte Barthel Groß sich wohl vor jedem Gericht ledig schwören zu können, und bestand nun um so hartnäckiger auf seiner Forderung. Der Komtur drohte mit Gewalt, der Ratmann mit einer Klage beim Herrn Hochmeister.

Dann verlangte Plauen genauen Ausweis über die Sachen, die dem St.-Elisabeth-Hospital gehörten und dem Spittler desselben abgenommen waren. Es hieß darauf, sie lägen sicher in des Bürgermeisters Hause, und derselbe werde sich dieserhalb wohl verantworten, wenn er von seiner Reise zurückkäme. Der Komtur aber sprach von geraubtem Kirchengut, wollte sich nicht hinhalten lassen und forderte sofortige Ablieferung aufs Schloß. Darauf bekam er denn gar keine Antwort. In die Stadt ließ man seine Leute nicht ein. Man wies sie am Haustor mit dem Bemerken ab, es sei noch nicht sicher, ob die Stadt dem König oder dem Orden gehöre, und sie wollten bis zum Friedensschluß keine Neuerung machen.

Dann, gegen Weihnachten, als der Hochmeister von neuem scharf zum Kriege rüstete und von Thorn aus an die Gebietiger schrieb, daß sie ihm in ihren Gebieten eine gute Mannschaft sammelten, machte der Danziger Komtur in gewohnter Weise sein Ausschreiben auch an die Städte. Die anderen gehorsamten; der Rat der Rechtstadt aber auf den Vorschlag Arnold Hechts, der in Letzkaus Abwesenheit überall das Wort führte, schickte das Schreiben zurück und verwahrte sich gegen jede solche Pflicht, solange die Stadt nicht des Eides entledigt sei, den sie dem Herrn König geschworen.

Der Komtur ergrimmte über solchen Hohn, nannte die Danziger Schandbuben und Verräter und forderte den ganzen Rat aufs Schloß bei Strafe des Ungehorsams. Er mußte aber bald merken, daß er's nicht mit den Jungstädtern zu tun hatte. Der Rat gab zur Antwort, daß er sich wohl hüten werde, in die Falle zu gehen. Es sei jetzt nicht wie ehedem. Sie hätten unausgeglichene Sachen, und darüber müsse ein Mächtigerer entscheiden. In ihres Feindes Gewalt wollten sie sich aber bis dahin nicht geben. Doch seien sie bereit, Rede zu stehen, wenn der Herr Komtur in der Marienkirche Bürgermeister und Rat befragen möge, und solle ihm da vor Gottes Altar kein Leides geschehen, vielmehr mit aller schuldigen Achtung begegnet werden.

Darüber erzürnte sich der Komtur noch mehr und drohte, daß er den Schimpf rächen wolle. Für jetzt aber konnte er doch nichts tun, die Danziger zu strafen. Denn ihre Mauern waren stark und gut bewehrt. So schluckte er denn für diesmal zähneknirschend die bittere Pille hinunter. Doch schrieb er seinem Bruder, dem Hochmeister, nach Thorn, wie widersetzlich das Krämervolk sei, daß er wohl recht gehabt habe, nur durch Zwang werde die alte Ordnung herzustellen sein. Der Hochmeister möge die Danziger da fassen, wo es ihnen am empfindlichsten sei, und den polnischen Stapel nach Elbing verlegen, zugleich zur Belohnung für die Fügsamkeit dieser Stadt.

Das geschah nun freilich auch. Aber die Danziger lachten dazu, denn es war jetzt Winter und auch ohnedies die polnische Grenze wegen des Krieges gesperrt. Bis zum Sommer aber konnten sich die Dinge sehr verändert haben.

So standen Rechtstadt und Schloß einander gegenüber wie zwei bewaffnete ergrimmte Feinde, zum Losschlagen bereit und nur abwartend, ob sich der andere Teil eine Blöße gebe.

Der Monat Januar näherte sich seinem Ende. Da meldete sich eines Tages der polnische Jude Moses Achacz auf dem Schlosse und gab an den Komtur einen Brief ab. Man fragte ihn aus, fand aber an ihm nichts Verdächtiges. Er hatte vom Thorner Rat einen Geleitschein und war, nachdem er sich eine Woche in dortiger Stadt aufgehalten, nach Danzig gekommen, um wegen eines Holzgeschäftes zu verhandeln. Den Brief hatte ihm der Kaplan in Sczanowo übergeben; dort liege, wie er gehört habe, einer vom Orden schwer krank. Deshalb habe er auch kein Bedenken gehabt, das Schreiben über die Grenze mitzunehmen »aus Barmherzigkeit«, sagte er, weil es doch sein letzter Wille sein könnte.

Der Komtur ließ ihm befehlen, sich vor seiner Abreise wieder auf dem Schlosse zu melden, auch einen blanken Botenlohn bieten. Er hatte den Brief gelesen und alles in Ordnung gefunden.

Ihm war ein junger Mensch, der sich Heinrich von Waldstein nannte, vor Jahren im Schlosse des Vetters, des Vogts zu Plauen, unter dessen Hofleuten begegnet; er hatte ihn aber wenig beachtet und wußte auch nichts davon, daß er nach Preußen gekommen war und bei Tannenberg gefochten hatte. Nun mußte es ihm wohl auffallen, daß er sich einen Verwandten des Hochmeisters nannte, auch von einer Schwester sprach.

Der Inhalt des Briefes war ihm schon deshalb nicht gleichgültig. Es ergaben sich daraus aber auch Beziehungen des Schreibers zu Danzig, insbesondere zu einer hochansehnlichen Familie der Rechten Stadt. Der Komtur kannte Huxer nicht, aber er wußte, daß er im Rat saß und zu den Freunden des Bürgermeisters Hecht gezählt wurde, wennschon man ihn »gemäßigt« nannte. Die Einschränkung bedeutete ihm nicht viel. Nun schien dieser Brief eine Anknüpfung im Hause eines der angesehensten Großbürger zu ermöglichen, der mit den Plänen der Verschwörer vertraut sein mußte. Hatten sie Zusammenkünfte, so konnte dies den Hausgenossen nicht verborgen bleiben. Sein Töchterchen, meinte er, würde wohl zum Sprechen zu bringen sein. Habe man erst für einen Fuß festen Halt, so könne man hinterher den andern leicht nachziehen und unbemerkt hinter die Schliche der Buben kommen.

Er war so voll Haß und Groll, daß ihm kein Mittel verwerflich schien, wenn es zum Ziele führte, die Pläne der Königsfreunde zu enthüllen. Er hütete sich wohl, die Brüder ins Vertrauen zu ziehen; ihnen sagte er nur, daß es sich in dem Briefe um die Auslösung eines Gefangenen handle, die er seinerzeit durch den Hochmeister betreiben wolle. Einen seiner Diener aber, den er schon nach Preußen mitgebracht und dessen treue Anhänglichkeit und Verschwiegenheit sich oft erprobt hatte, beauftragte er vorerst mit den nötigsten Erkundigungen.

Der Verkehr zwischen der Rechtstadt und der Altstadt war auch in dieser Zeit keineswegs ganz aufgehoben. Bei Tage standen das Haustor und Breite Tor offen, und die Wächter ließen jeden unangefochten durch, den sie für unverdächtig hielten. Auch fuhren die Fischer vom Hakelwerk ungehindert die Mottlau hinauf und stellten ihre Waren auf dem Fischmarkt aus. Es konnte also für einen einzelnen Mann, der nicht Waffen trug, keine sonderliche Schwierigkeit haben, vom Schloß in die Rechtstadt zu gelangen.

Peter Engelke trug einiges Wildbret hinein, das ihm aus seines Herrn Küche geliefert war, ließ sich Huxers Haus zeigen und bot es dort zum Kauf an. Sogleich wurde Barbara gerufen, die in ihrer Gürteltasche die Wirtschaftskasse trug. Sie wurden bald handelseinig. Engelke behauptete nun aber, einen weiten Weg gemacht zu haben und sehr müde zu sein. Er durfte daher noch eine Weile auf dem Schemel am warmen Herd sitzenbleiben, erhielt auch eine Kanne Tafelbier. Während er es langsam austrank, erkundigte er sich nach diesem und jenem, was das Haus anging, besonders, ob das junge Fräulein noch nicht ans Heiraten denke. Barbara wurde nach ihrer Weise bald gesprächig. Der Papa habe wohl einen ansehnlichen Freier für sie, der jedem Mädchen in der Stadt eine Ehre erweisen würde, sagte sie; aber das arme Fräulein – und dabei brachte sie die Schürze an die Augen – habe einen großen Kummer gehabt und denke an solche weltliche Dinge gar nicht. Ging's nach ihrem Sinn, so wäre ihr ein Kloster gerade recht, aber dergleichen müsse man ihr aus den Gedanken reden, das sei Christenpflicht.

Was das für ein Kummer gewesen sei, darüber wollte sie doch bei aller Plauderhaftigkeit nicht mit der Sprache heraus. Sie meinte nur, dem Tod sei kein Kraut gewachsen, und das Herz frage nicht beim Kopf an, wer Hausrecht habe, und dergleichen.

Ob wohl der Beichtvater auf das Fräulein einwirke, stellte er hin; er wisse von mehreren Fällen, wo die Kirche aus solcher Bekümmernis Nutzen gezogen habe. Daran ist nicht zu denken, entgegnete sie. Mein Fräulein geht nach des Herrn Vaters Wunsch zur Beichte nach der Marienkirche und hält sich zu des hochwürdigen Pfarrherrn Tiedemann Stuhl. Der ist aber bekannt als ein Geistlicher, der von den Klöstern und ihren gottseligen Werken nicht viel hält. Ja, man will wissen, daß er mit dem Magister Huß in Prag geheimen Verkehr habe, der ketzerische Lehren unters Volk bringen soll – aber ich will so etwas nicht nachsprechen. Nur ich für mein Teil, ich halte ihn nicht für ganz zuverlässig und gehe lieber zu den Schwarzmönchen, die von alters beim lieben Gott sehr angesehen sind. Sicher ist sicher.

Engelke hatte indessen sein Bier ausgetrunken und mußte sich nun wohl verabschieden. Er fragte aber beim Weggehen an, ob er einmal wieder etwas in die Küche bringen könne; er sei ein Jäger und habe von der Jagd seinen Erwerb. Dagegen wollte sie nichts einwenden, wenn er das Wildbret billiger verkaufe, als man's beim Händler auf dem Markte habe. Sie war eine sparsame Frau.

So erfuhr der Komtur, daß die Amme des Fräuleins bei den Dominikanern beichte; darauf ließ sich weiterbauen.

Das Dominikanerkloster war das älteste in der Stadt. Es stand auf einem freien Platz unter der Mauer links vom Haustor, wenn man auf dasselbe zuging. Das Gebäude war alt und nicht unähnlich einer Burg; die eine Seite vor dem kurzen, massiven Turm zeigte sich denn auch mit Zinnen besetzt und wie zur Verteidigung in Notfällen eingerichtet. Auf der andern Seite des Turms schloß sich die Kirche mit gewaltig hohen und schmalen Fenstern an. Die Dominikaner hießen in Preußen ganz allgemein die Schwarz- oder Graumönche.

Zwischen den Dominikanern in Danzig und dem Rat war immer einige Spannung. So durfte Plauen nun auf die Dienste der Mönche rechnen. Er ließ durch Engelke einen der Brüder bitten, ins Schloß zu kommen, nahm ihn in sein Gemach und bewog ihn, ihm seine Kutte zu leihen und auf seine Rückkehr zu warten. So, in der mönchischen Tracht und die Kapuze über den Kopf gezogen, konnte er unerkannt aus dem Schloß und durch die Stadt bis zum Kloster gelangen. Dort besprach er mit dem Prior das Nähere. Es kam zunächst darauf an, Maria Huxer zu bestimmen, ihre Amme ins Kloster zu begleiten; der Komtur wollte dann in der Mönchskutte als Pater Severus ihr Vertrauen zu gewinnen suchen und sich womöglich den Zugang zu dem Patrizierhause durch sie öffnen. Man wußte im Kloster längst durch Barbara, was es mit des Fräuleins Kummer für eine Bewandtnis hatte.

Als sich nun am nächsten Sonntag das fromme Weiblein wieder zur Beichte einfand und auch ihren Pater um Rat anging, wie sie das Herz des armen Kindes trösten könnte, meinte derselbe, es sei doch noch nicht so ganz gewiß, daß der Junker, um den sie sich härme, in der Tannenberger Schlacht sein Leben verloren habe.

Das ist leider gewiß, antwortete sie. Denn sein Freund, der Junker von der Buche, hat ihn tot auf dem Felde liegen sehen und hat ihm des Fräuleins Ring abgezogen. Und den Ring hat er ihr von der Marienburg durch meinen Schwestersohn Klaus Poelke, der ein treuer Mensch ist, zugeschickt. Es ist des Fräuleins Ring, und darum bleibt auch an des Junkers Tod kein Zweifel.

Das solle sie doch nicht behaupten, meinte der Pater. Mitunter liege einer wie tot, und Gott tue sein Wunder an ihm, daß er wieder zu atmen anfange.

Nun wurde sie doch aufmerksam auf solche Rede und fragte schüchtern, ob das im vorliegenden Falle Bedeutung habe, und was sie von seinem Trost halten solle.

Ich will Euch sagen, antwortete der Pater, daß wir in Erfahrung gebracht haben, wie in dem Ordenshause an den Herrn Komtur ein Brief abgegeben worden, der aus Polen komme und von einem gefangenen, an seinen Wunden kranken Manne Mitteilung mache. Es seien einige Anzeichen, daß derselbe vor der Schlacht hier in Danzig gewesen, und auch von einem Ringe solle in dem Brief etwas zu lesen sein.

Jesusmaria! rief Barbara und bekreuzte sich. Sollte es möglich sein? Aber bei Gott ist freilich kein Ding unmöglich, und wenn er will, kann er auch die Toten erwecken. Oh, lieber Pater, erkundigt Euch näher, was an der Sache ist, damit ich meinem armen Fräulein nicht das Herz noch schwerer mache, wenn's hinterher ein Irrtum sein sollte. Ich verspreche Euch, zur Fastnacht zwei große Wachskerzen auf dem Hauptaltar zu stiften, jede von zehn Pfund Gewicht. Ist denn nicht der Name genannt?

Er soll genannt sein, aber ich kenne ihn nicht. Das beste wäre, wenn Euer Fräulein selbst hierher käme. Ich will den Bruder Severus, von dem ich dies alles erfahren habe, zu bestimmen suchen, daß er noch weiter auf dem Schlosse nachfrage und womöglich den Brief mitbringe. Was nützt es Euch, ihn zu sehen, da Ihr nicht lesen könnt? Das Fräulein aber könnte sich wohl Gewißheit verschaffen.

In größter Aufregung eilte Barbara nach Hause, nahm Maria in ihr Stübchen und erzählte ihr Wort für Wort alles, was der Pater nach der Beichte gesprochen hatte.

Maria wurde abwechselnd bleich und rot. Sie hielt mit beiden zitternden Händen das Kreuzchen an ihrer Halskette und drückte es wieder und wieder auf ihre Lippen. Ach, Barbara, stotterte sie, liebe, gute Barbara – wenn's keine Täuschung wäre –, wenn er lebte! Mein Herz hat ja immer noch gezweifelt! Und nun fiel sie ihr um den Hals, küßte sie stürmisch und schluchzte laut.

Ja, mein Herzenskind, sagte die mitleidige Frau, indem sie ihr die Schulter streichelte, das kann nun sein, und das kann auch nicht sein. Aus dem Briefe muß sich doch der Name ergeben und was sonst für nähere Umstände vorliegen. Denn von dem Ringe –

Das ist es eben, daß des Ringes gedacht sein soll, Barbara. Wer anders als er sollte – Ach, Barbara, wenn ich den Brief lesen könnte –

Man will ihn Euch ja zeigen, wenn Ihr ins Kloster kommt.

Aber es ist mir verboten, zu den Dominikanern zu gehen.

Freilich wohl.

Und mein Vater muß doch guten Grund haben –

Das mag hingestellt bleiben, Kindchen. Ich für mein Teil glaube, daß der heilige Dominikus ein so achtbarer Heiliger ist, als irgendein anderer es sein kann, und daß er beim lieben Herrgott wegen seiner vielen guten Werke einen Stein im Brett hat, habe auch bei den Schwarzmönchen allezeit nur Frömmigkeit und gottgefälliges Wesen gesehen, so daß ich nicht weiß, weshalb die Herren vom Rat ihnen abgeneigt sind, es müßte denn sein, weil sie den armen Mann lehren, daß er im Himmel obenan sitzen wird. Aber ich will beileibe nicht dem Herrn Vater entgegensprechen, wenn er Euch etwas gebietet oder verbietet, und noch weniger Euch zu Ungehorsam überreden. Im Gegenteil! Sollt Ihr zu den Dominikanern nicht gehen, so bleibet davon. Man darf nichts tun, wovon das Gewissen abmahnt.

Nun fing das Mädchen aber noch heftiger zu weinen an und sagte: Könntet Ihr nur den Vater um Rat fragen! Aber er weiß Junker Heinz lieber unter den Toten als unter den Lebenden und wird sich erzürnen, wenn ich ihn um Erlaubnis bitte, seinetwegen Erkundigung einzuziehen.

Darüber kann kein Zweifel sein, meinte die Amme. Wollt Ihr Eurem Vater gefallen, so denkt überhaupt nicht mehr an den Junker, er mag nun im Himmel oder auf Erden sein. Nehmt Euch's lieber ein wenig zu Herzen, daß Herr Rambold von Xanten sich um Euch viel Mühe gibt – wahrlich, ein feiner Mann und dem Vater genehm.

Davon sprich mir nur gar nicht! rief das Mädchen mit ungewöhnlicher Heftigkeit. Ich mag seine Bewerbungen nicht annehmen und überhaupt keines Mannes Bewerbungen mit einem so traurigen Herzen. Wahrlich, du hast mich nicht lieb, wenn du mir raten kannst, zu vergessen – und gerade jetzt, wo neue Hoffnung – Ach, sage mir, was ich tun und lassen soll, aber – rate zum Guten!

Barbara wich vorsichtig aus. Es tue ihr schon leid, antwortete sie, daß sie geplaudert habe; es sei ihr auch so unüberlegt gekommen, und sie wolle sich wohl ein andermal hüten. Denn wo kein Ziel abzusehen sei, da sei's besser, lieber gar keinen Anlauf zu nehmen.

Maria aber trug sich mit der Sache einen ganzen Tag und eine lange Nacht, und dann sagte sie: Es stößt mir das Herz ab – ich kann in solcher Ungewißheit nicht leben. Wenn's ein Unrecht ist, daß ich des Vaters Verbot nicht achte, so ist's gewiß noch ein viel größeres Unrecht, wenn ich die Pflicht gegen den Liebsten so sträflich versäume. Geh also in Gottes Namen ins Kloster, Barbara, und bitte den Pater, daß er die Schloßherren bewege, ihm den Brief anzuvertrauen. Wenn er uns dann eine Stunde nennt, will ich dich begleiten. Es darf sonst niemand davon wissen.

Barbara redete nun wohl nochmals ab, aber nicht sehr ernstlich; sie wußte auch, daß es überflüssig sein würde. Gegen Abend ging sie also wieder zu den Schwarzmönchen und richtete ihre Bestellung aus. Man hieß sie am anderen Tage um dieselbe Stunde mit dem Fräulein wiederkommen.

Als sie sich dann, in Pelze und Tücher gehüllt, daß man sie auf der Straße nicht erkennen sollte, im Kloster einfanden, wurden sie in die Liberei geführt, die neben des Priors Gemächern lag, und aufgefordert, an dem runden, mit Folianten beschwerten Tisch Platz zu nehmen. Bald kam von dort ein zweiter Pater heraus. Hochaufgerichtet und mit festem Schritt ging er über den Ziegelboden auf den Tisch zu und ließ sich auf des Priors Ledersessel nieder. Die Kutte reichte ihm nicht bis auf die Füße, die statt mit Sandalen mit schweren Stiefeln bekleidet waren, an denen ein geübtes Auge über dem Blatt die Stelle hätte erkennen können, die sonst der Sporenriemen zu decken pflegte. Unter der Kapuze schaute ein bärtiges Gesicht vor. Die Augen musterten keck das junge Fräulein, das die Hände gefaltet hatte und in ängstlicher Erwartung auf die Tischplatte hinabblickte.

Barbara, die keinen Grund zur Verschämtheit hatte, flüsterte ihrem Beichtiger zu: Ist das der Pater Severus? Er nickte eine bejahende Antwort, zog sich dann in eine Ecke des Gemaches zurück und kehrte das Gesicht einer Wandnische zu, in der auf eichenen Brettern einige Bücher standen.

Seid Ihr Maria, des Kaufherrn und Ratmanns Huxer Tochter? fragte der Bärtige mit rauhem Ton, mehr wie ein Richter, der einen Zeugen vernimmt, als in mönchischer Weise.

Maria schrak denn auch zusammen, faßte sich aber und antwortete: Die bin ich, ehrwürdiger Pater. Ich kam hierher, um zu fragen –

Das Fragen ist zunächst an mir, unterbrach er. Gebt mir offene und ehrliche Auskunft, es wird zu Eurem Besten sein, hoffe ich. Was wißt Ihr von dem Junker Heinrich von Waldstein, wie kam er nach Danzig, von wo kam er, wie lange blieb er, wann ging er, und wie war Euer Verkehr mit ihm? Über alle diese Fragen will ich genau unterrichtet sein.

Er hatte den Namen genannt, den sie erforschen wollte, und so lieblich klang er ihr, daß sie darüber das herrische Wesen des Fragenden nicht beachtete. Sie erzählte, was sich von des Junkers Aufenthalt in Danzig erzählen ließ, ohne ihn tiefer in ihr Herz blicken zu lassen.

Und er versprach den Ring zu tragen zu Eurem Andenken, bis er wiederkäme und sich Eure Hand erbäte? forschte Pater Severus weiter.

Sie senkte die Augen und wurde rot. Er sprach etwas der Art, sagte sie leise.

Und wie kam der Ring wieder an Euch zurück?

Darüber erhielt er ganz offenen Bericht. Den Junker Hans von der Buche, bemerkte er, habe ich selbst in der Marienburg bei meinem Bruder gesehen –

Der Mönch an dem Büchergestell wandte rasch den Kopf zurück und hustete in die Hand. Pater Severus merkte auf und schlug mit der Hand in die Luft. Schon gut! rief er lachend. Ist er nicht eines Eidechsenritters Sohn?

Das weiß ich nicht, antwortete Maria verschüchtert.

Hat Euer Vater sonst Verkehr gehabt mit denen aus dem Kulmer Lande?

Ich habe mich um dergleichen nie gekümmert.

Wer von den Ratsherren geht bei euch am häufigsten aus und ein?

Ehrwürdiger Pater –

Ei, sprecht ohne Scheu. Arnold Hecht, der Bürgermeister – nicht wahr? Der kommt oft? Er ist ein alter Freund des Hauses. Und Konrad Letzkau? Der ist noch nicht daheim. Freilich! Aber Barthel Groß, der seine Tochter zum Weibe hat, der ist doch dabei? Hat er nicht gestanden, daß er den besten Teil unserer Stuterei dem König ausgeliefert hat – he?

Ich weiß von diesen Dingen nichts, versicherte das Mädchen, ihn verwundert ansehend, und der Mönch hinter ihr hustete wieder.

Pater Severus faßte mit der Unterlippe den Bart und zog ihn zwischen die Zähne. Ein andermal mehr davon, murmelte er, wir müssen erst miteinander bekannt werden.

Und der Brief, ehrwürdiger Pater – fragte sie scheu.

Nun, wenn Euch das beruhigen kann, der Brief kommt ohne Zweifel von demselben Heinrich von Waldstein, der hier beim Ringstechen zu Euren Ehren seine Künste hat glänzen lassen. Er mag ein ganz braver Geselle sein, aber daß er des Hochmeisters Verwandter ist, davon weiß ich nichts. Viel mehr, als daß er an seinen Wunden auf einem Schlosse Sczanowo krank liegt, ist auch aus dem Briefe nicht zu entnehmen, und auch das scheint mir nicht unverdächtig. Denn als die Tannenberger Schlacht geschlagen wurde, schrieben wir Juli, und jetzt geht's in den Februar hinein. Was sind das für Wunden, die einem nicht den Garaus machen und doch in so langer Zeit nicht heilen? Aber seht selbst, wie Ihr mit diesen Nachrichten fertig werdet. Er faßte in den Ärmel seiner Kutte und schob ihr ein Papier über den Tisch zu. Da ist der Brief. Lest ihn zu Hause aufmerksam; ich will nach einigen Tagen kommen, ihn wieder in Empfang zu nehmen, überlegt indessen auch, ob Ihr mir etwas aufzutragen habt.

Damit stand er auf, grüßte kurz und entfernte sich wieder nach des Priors Gemächern. Maria hatte hastig den Brief aufgenommen und ihn unter dem Pelz in die Gürteltasche geschoben. Ganz Freude darüber, im Besitz dieses unschätzbaren Dokumentes zu sein, sah und hörte sie nichts mehr.

Barbara küßte ihres Beichtvaters Hand, zupfte das Fräulein am Mantel, daß es sich verbeugen und den Segen annehmen möchte, knickste im Kreuzgange vor jedem Heiligen an der Wand, griff auch am Ausgange in das Becken mit Weihwasser und besprengte ihre Begleiterin, die alle diese Pflichten einer guten Christin außer acht ließ.

Erst als sie dicht an den Häusern auf dem festgetretenen Schnee die Dammstraße entlang gingen, sagte sie: Den Pater Severus hab' ich nie vorher im Kloster gesehen; er muß erst kürzlich von auswärts gekommen sein und lange unter wildem Volk gehaust haben, daß er sich eine so rauhe Sprache angewöhnt hat. Man glaubt eher einen Kriegsmann als einen Mönch zu hören, und das Kreuz hat er nicht ein einziges Mal geschlagen. Ist Euch das nicht aufgefallen, Herzenskind?

Ich habe immer im stillen gebetet, antwortete Maria, daß sich meine Hoffnung erfüllen möchte. Und nun hat sie sich erfüllt, und ich bin so froh –

Ja, ja, nun wird sich das Herzchen wieder in anderer Weise mit Sorgen quälen, brummte die Haushälterin. Das Leben gönne ich dem Junker wahrhaftig von Herzen; aber daß er krank liegt und gefangen ist – ei, ei, das wird eine Not sein!

Er lebt, Barbara, rief das Mädchen, er lebt! Freue dich mit mir. Gott, der ihm das Leben geschenkt hat, wird ihm auch Gesundheit und Freiheit wiedergeben.

Amen! schloß die gute Frau. Wartet's geduldig ab.

Die Geduld hielt nun freilich nur wenige Tage vor. Der Brief war lateinisch geschrieben; sie konnte wenig mehr davon lesen als die Namen. Und nun die tausend Fragen, die er nicht beantwortete. Hatte sich das Übel verschlimmert? War Besserung eingetreten? Wer war die Herrschaft auf Schloß Sczanowo? Wer hielt den Kranken in Gefangenschaft? Welches Lösegeld forderte man? Wie war eine Verständigung möglich?

Eines Abends spät erschien wirklich der Pater Severus. Barbara nahm ihn in ihre Kammer, die neben der Treppe angebaut war, und rief das Fräulein. Maria gab ihm den Brief zurück und bat ihn unter Tränen, er möchte sich beim Herrn Komtur verwenden, daß er an den Hochmeister schreibe und ihn um die Lösung des Gefangenen bitte. Sie wolle gern versprechen, allen ihren Goldschmuck herzugeben und die Steine versetzen zu lassen, die sie von ihrer Großmutter geerbt. Er wolle sein Bestes tun, sagte er, rechne dafür aber auch auf Gefälligkeiten von der anderen Seite.

Während er so mit den Frauen verhandelte, schaute er sich aufmerksam in der Kammer um. Ihm fiel ein hölzerner Schieber an der Rückwand in die Augen, der etwa in der Fensterhöhe angebracht war. Was ist das? fragte er.

Barbara schob die Holzplatte zurück und zeigte eine kleine runde Öffnung in der Mauer. Man kann von hier in die Herrenstube hineinsprechen, erklärte sie, was gar nützlich für die Wirtin ist, wenn die Dienerinnen aufwarten. Mancher Gang wird dadurch erspart. Die Röhre läuft auf der anderen Seite in den offenen Mund eines singenden Engels aus, der in die Holzverkleidung geschnitzt ist. Wollt Ihr's Euch einmal betrachten? Es ist zur Zeit niemand im Zimmer.

Sie öffnete die große eichene Tür und ließ ihn in den saalartigen, mit Steinfliesen ausgelegten, rundum mit Holzschnitzwerk verzierten Raum eintreten, in dessen einer Ecke ein Ofen von bunten Kacheln stand. Empfängt der Ratsherr hier seine Gäste? erkundigte sich der Pater. Es sei die Gaststube, bestätigte die Wirtin. Für besonders festliche Gelegenheiten aber stehe im oberen Geschoß die Halle bereit, die sich über das ganze Vorderhaus erstrecke, doch im Winter zu kalt sei.

Er besah den Engelskopf mit dem Schalloch, dankte für die Auskunft und ging.

Unterwegs nach dem Kloster sprach er die Leute an, die von der Arbeit kamen, und forschte sie aus, was sie von den Zeitläuften hielten und wie ihnen das Stadtregiment gefiele. Fast alle hatten sie zu klagen: Handel und Wandel stocke, und vor Jahren sei's besser gewesen; die Herren vom Rat ließen den Handwerker nicht aufkommen.

Auch die Herren vom Rat können leicht einmal geduckt werden, tröstete er, und die Leute küßten ihm dafür dankbar die Hand.

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