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Heinrich von Plauen

Ernst Wichert: Heinrich von Plauen - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorErnst Wichert
titleHeinrich von Plauen
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G.m.b.H.
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHelmut Prodinger
senderwww.gaga.net
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21. DIE HOCHMEISTERWAHL

Der König zog über Stuhm, Marienwerder, Rheden der Grenze zu, von neuem plündernd und brennend. Das Haus Rheden, nur von fünfzehn betagten Ordensbrüdern verteidigt, mußte sich nun ergeben. Überall legte er Mannschaft in die eroberten Burgen. Wir kommen wieder! rief er den Bürgermeistern der Städte und den Landesältesten zu, die um Schonung baten. Bei Thorn überschritt er die Grenze und nahm seine Residenz gegenüber in dem alten Schloß Slottorie, um von da die Rüstung eines neuen Heeres zu betreiben und den Verkehr mit den Städten und Landschaften zu unterhalten, die ihm gehuldigt hatten. Das Land Preußen glaubte er so in Schrecken gesetzt zu haben, daß im nächsten Frühjahr auf ernstlichen Widerstand nicht zu rechnen sei.

Aber fast auf dem Fuße folgten ihm von Elbing her der Landmarschall von Livland und der Komtur von Balga mit einem Heere und brachten schnell wieder das ganze Kulmer Land unter des Ordens Botmäßigkeit zurück. Der Komtur von Ragnit säuberte das osterodische Gebiet und nahm dem Feinde alle Burgen wieder ab. Nur in Thorn, Rheden und Strasburg hielten sich die Königlichen. Aber überall war Jammer und Not, Haus und Hof verbrannt, das Vieh fortgetrieben, die Ernte zertreten – und der Winter stand vor der Tür!

Es war am Anfang des Novembers, als auf der Marienburg zahlreiche Gäste eintrafen. Aber nicht wie sonst waren sie zu heitersten Festen geladen, und nicht mit lustiger Musik wurden sie im geschmückten Hause empfangen. Traurig war der Anblick der zerschossenen Giebel und gestürzten Zinnen. So eifrig auch die Handwerker auf des rührigen Statthalters Befehl an der Wiederherstellung arbeiteten, zu groß war die Verwüstung, als daß so schnell jede Spur der zehnwöchigen Belagerung hätte verwischt werden können. Still und ernst zogen die Gäste ein, und in manchem Auge glänzte eine Träne, deren sich auch der rauhe Kriegsmann nicht zu schämen brauchte.

Sie kamen zur Hochmeisterwahl, durch Eilboten von Plauen berufen.

Aus dem Reich erschien der Deutschmeister Konrad von Eglofstein mit seinen vornehmsten Gebietigern, vielen Ordensbrüdern und einigen Söldnerhaufen; von Livland Konrad von Vietinghof, der Landmeister, mit mehreren Komturen und Rittern. Auch die Landkomture von Österreich und von der Etsch hatten die weite Reise nicht gescheut und mancherlei abenteuerlustige Kriegsgäste mitgebracht. Der Statthalter empfing jeden nach Gebühr und entschuldigte, was etwa wider die strenge Ordensregel in der Zeit der Not geschehen war.

Viel besprachen die Großwürdenträger und Gebietiger miteinander im geheimen, die Wahl vorzubereiten. Die Blicke der meisten richteten sich auf Heinrich von Plauen. Einige aber waren ihm seiner Strenge wegen abgeneigt und nahmen Partei für Michael Küchmeister von Sternberg, der sich auch als ein tapferer Mann bewiesen und die Neumark gehalten habe. Leider war er aber in der siegreichen Schlacht bei Deutsch-Krone für seine Person niedergeworfen und noch in der Gefangenschaft des Königs. Der Orden brauchte sofort ein Oberhaupt. So wurden seine Anhänger kleinlaut, obschon Plauen selbst ihn empfahl. Endlich wurde auf den Sonntag vor Martini, den neunten November, das Wahlkapitel berufen.

Es versammelte sich im Kapitelsaal neben der Kirche im oberen Hause, das der Statthalter so tapfer verteidigt hatte. Zuerst wurde eine Messe vom Heiligen Geist gesungen. Durch einen Priesterbruder ließ hierauf der Statthalter aus dem Ordensbuche die Regel und Gesetze über die Meisterwahl verlesen. Dann legte er sein Amt nieder und übergab zum Zeichen dessen dem Meister von Deutschland, Konrad von Eglofstein, das Ordenssiegel, daß er nun Statthalter sei bis zur Wahl des Hochmeisters. Es zeigte die Gottesmutter mit dem Kinde, in der Linken eine Lilie haltend und sitzend auf einem Thron von durchbrochener Arbeit. So aller Macht entledigt, trat er bescheiden unter die Brüder zurück.

Nun ernannte der Deutschmeister den Landkomtur von Österreich zum Wahlkomtur und fragte das Kapitel, ob ihm solches genehm sei. Alle stimmten zu. Darauf beriet der Wahlkomtur mit dem Deutschmeister und erkor mit seinem Wissen einen zweiten Wähler. Diese zwei wählten einen dritten, die drei den vierten und so fort bis zum dreizehnten, acht Ritterbrüder, vier dienende Brüder und einen Priester, aus Preußen wie aus anderen Ordensgebieten. Wieder fragte der Deutschmeister das Kapitel, ob es die Wahl genehmige. Niemand tat Einspruch.

Darauf wurde das Evangelienbuch gebracht, und die dreizehn schwuren mit aufgelegtem Finger: »Wir schwören, daß wir weder mit Haß, noch mit Minne, noch mit Furcht, sondern mit lauterem Herzen nur den würdigsten und besten unter den Brüdern zum Meister erwählen wollen, welcher zum Amte der vollkommenste ist, nach unserm besten Wissen.« Konrad von Eglofstein sagte: So sei es, und ermahnte sie ernstlich nach Vorschrift der Ordensstatuten: Gedenket in allem eurer eidlich gelobten Pflicht und vergesset nicht, daß alle Ehre des Ordens und der Seelen Heil und die Kraft des Lebens und der Weg der Gerechtigkeit und die Hut der Zucht hanget an einem guten Hirten und an eines Ordens Haupte. Dann entließ er sie nach dem Wahlgemach und ließ die Tür bewachen.

Das ganze Kapitel erhob sich und leistete einen feierlichen Eid, daß jeder unweigerlich den als Meister anerkennen wolle, der aus der Wahl hervorgehen werde.

Im Konklave aber leisteten die dreizehn denselben Schwur auf das Evangelium.

Dann trat der Wahlkomtur vor und sprach: Es ist mein Recht und meine Pflicht, euch denjenigen zu nennen, den ich selbst für den Würdigsten zur Wahl halte. Nun habe ich aber in diesen Tagen unter den Brüdern von nah und fern nur zwei Namen nennen gehört, und beide haben sie guten Klang. Der den einen trägt, ist aber abwesend und müßte erst seine Freiheit wiedererlangen, wenn er ins Amt treten sollte. Nach Gebühr stelle ich seinetwegen zuerst die Frage: Wer gibt seine Stimme ab für Michael Küchmeister von Sternberg?

Nur zwei von den Brüdern erhoben sich. Einige andere hätten ihn wohl wählen mögen, aber sie bedachten seine Gefangenschaft und des Ordens Not.

Wohlan denn, fuhr der Wahlkomtur fort, so nenne ich von ganzem Herzen als den Würdigsten den Bruder Heinrich von Plauen, vormals Komtur von Schwetz, nachmals Statthalter und Verteidiger unseres Haupthauses. Wer stimmt für ihn?

Da standen sie alle auf und riefen: Er soll unser Meister sein!

Nun klopfte der Wahlkomtur an die Tür. Sie wurde aufgeschlossen, und die Wache begleitete die dreizehn Wähler zum Kapitelsaale zurück.

Dort saßen die Ritter schweigend ringsum. Die Wähler traten in die Mitte, und der Wahlkomtur sprach: Einhellig haben wir zum Meister des Ordens auserkoren den Bruder Heinrich von Plauen, bisherigen Statthalter, dessen Tapferkeit und Ausdauer wir's danken, daß wir die Meisterwahl in der Marienburg, des Ordens Haupthause, vornehmen konnten. Ihn halten wir nach unserm Gewissen für den Würdigsten unter allen Brüdern zu diesem Amte. Saget nun, ob ihr darauf unsere Vollmacht bestätigen wollt?

Unter den Brüdern entstand eine freudige Bewegung. Aber der Deutschmeister sorgte dafür, daß die Handlung in aller Ordnung zu Ende ging, trat auf und rief: Nimmt das Kapitel diese Wahl an? Da tönte ein lautes »Ja« von aller Mund; Plauen aber stand da, keines Wortes mächtig, das Haupt gesenkt und das Kinn in die Hand gestützt.

Der Deutschmeister brachte ihm den hochmeisterlichen Schild und Waffenrock und hieß die jüngeren Brüder ihn kleiden. Der Landmeister von Livland verneigte sich vor ihm, und alle die anderen Ritter brachten ihm ihre Huldigung.

Dann öffnete sich die Tür. Die Hüter derselben sagten es weiter dem draußen harrenden Volke, auf wen die Wahl gefallen sei. Tausend Stimmen riefen jubelnd den Namen nach. Nun läuteten die Glocken, in der Ordenskirche intonierte die Orgel.

Und in feierlichem Zuge führten die Brüder gesamt den gewählten Meister dorthin und vor den Altar. Dort überreichte ihm der Deutschmeister den altertümlichen Hochmeisterring, weit genug für den Daumen, besetzt mit einem Rubin und zwei Diamanten, nach der Überlieferung denselben Ring, den einmal Papst Honorius III. Hermann von Salza gegeben hatte, dazu das Ordenssiegel und ermahnte ihn dabei mit feierlichen Worten, allezeit seiner hohen Pflichten eingedenk zu sein und sich zu erinnern, daß er dereinst vor Gottes Gericht werde Rechenschaft geben müssen von seiner Verwaltung.

Dessen will ich eingedenk sein, antwortete Plauen, solange Gott mir das Leben schenkt und mich in Würden läßt. Ihr aber sorget mit mir, daß diese Würde nie eine Unwürde werde, so vor Gott als vor den Menschen – nicht um meinetwillen, sondern des Ordens und des Landes willen, die eine starke Hand brauchen. Helfet mir dazu, liebe Brüder. Dann gab er dem Deutschmeister und dem begleitenden Priester den Bruderkuß, wie es die alte Sitte gebot.

So ward Heinrich von Plauen Hochmeister des Deutschen Ordens, und nie mit schwereren Sorgen hatte ein Meister vor ihm sein verantwortliches Amt angetreten, wohl aber auch nie einer mit mehr redlichem Willen, sich ganz an dasselbe hinzugeben. Er nahm vorerst nicht von der hochmeisterlichen Wohnung Besitz, sondern ließ sich zurückführen in das einfache Gemach, das er während der Belagerung als Statthalter innegehabt hatte. Und wie damals nach seiner Wahl fühlte er auch jetzt das Bedürfnis, eine Stunde mit sich allein zu sein, während die Boten auf schnellen Withingpferden nach allen Windrichtungen ausjagten, dem Lande das frohe Ereignis zu verkünden.

Er legte die Hände gefaltet auf das Psalterbuch und die schwere Stirn darauf. Bezeuge mir's, Herrgott im Himmel, murmelte er, daß kein ehrgeiziger Gedanke, solche Fürstlichkeit zu gewinnen, meine Seele bewegt hat alle die Zeit, die Du mir vergönnt hast, in Deinem Dienste zu streiten. Unwürdig wäre ich dieses Amtes, wenn ich es erstrebt hätte als ein Gnadengeschenk von Dir. Hast Du's aber meinen Schultern aufgelegt als eine schwere Last, so will ich's mannhaft tragen nach meiner Kraft, die Deine Kraft ist. Bin ich verschuldet als Mensch, so lege meine Sünden des Ordens Meister nicht auf, sondern entledige ihn solcher Schwachheit und gib ihm zu wissen und zu tun, was das Rechte sei. Gefällt es Dir aber, ein anderes Werkzeug zu wählen, so rufe mich ab, daß ich mich demütige vor den Brüdern oder vor Deiner Gnade, und verwirf mich, wenn ich mir selbst gelebt habe. Mein Irren und Fehlen aber rechne mir nicht an. Amen – amen!

Unter denen, die auf dem Burghof standen und der Verkündigung der Meisterwahl harrten, war auch Hans von der Buche. Kaum war der Name genannt, als er forteilte nach der Vorburg und in des Gießmeisters Wohnung. Und so war er wirklich nach seinem Wunsch der erste, von dem Waltrudis erfuhr, was geschehen war. Das ist ein großes Glück für Euch, Fräulein, sagte Frau Ambrosius, daß Euer Schutzherr Fürst des Landes geworden ist. Nun wird es Euch an nichts fehlen, solange Ihr lebt. Hoffentlich erinnert sich seine Gnade auch unserer geringen Dienste.

Waltrudis aber jubelte nicht auf, sondern sie stand da mit feuchten Augen und antwortete: Gebe Gott, daß ich ihn nicht verloren habe! Was ist ihm nun die arme Waise?

Da reichte der Junker ihr die Hand und sprach, von einer Befürchtung anderer Art ergriffen: Laßt es zwischen uns bleiben, wie es war.

Ihr Gesicht erheiterte sich. Sie strich das Goldhaar von der Stirn zurück, nickte ihm freundlich zu und sagte leise: In alle Ewigkeit!

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