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Heinrich von Plauen

Ernst Wichert: Heinrich von Plauen - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorErnst Wichert
titleHeinrich von Plauen
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G.m.b.H.
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHelmut Prodinger
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14. DIE SCHLACHT BEI TANNENBERG

Der Sturm hatte sich gelegt. Um die Mittagszeit standen nur noch vereinzelte Wölkchen am Himmel; die Sonne brannte auf das Tannenberger Feld nieder, unter der stechenden Hitze litten die gepanzerten Männer und die Pferde unsäglich.

Witowd zügelte seine Ungeduld nicht länger und schritt mit seinen Litauern auf dem rechten Flügel dem Feinde entgegen.

Dies war das Zeichen zum Beginne der Schlacht.

Sofort legten auf den Anhöhen drüben die Stückknechte ihre brennenden Lunten an die Geschützrohre, die Blitze zuckten, und wie Donner rollte es durch die Talmulde. Bald krachten die Kanonen an der ganzen Schlachtlinie des Ordensheeres entlang, eine ohrbetäubende Musik.

Aber so groß der Lärm war, so gering zeigte sich die Wirkung der Kugeln beim Feuern von der Höhe herab. Die schweren Rohre konnten nicht gut nach der Tiefe gerichtet werden, und nach jedem Schusse gehörten viele Menschen dazu, das Geschütz, dem eine Unterlage auf Rädern fehlte, wieder in die frühere Lage zu bringen. Deshalb gab der Hochmeister den Befehl, das Feuer einzustellen, und ließ die Trompeten zum Angriff blasen.

Mit freudigem Kriegsrufe antworteten seine mutigen Scharen und stürzten sich dem Feinde entgegen, der mit wildem Geschrei heraneilte. Auf der Ebene stießen die beiden Heere in mächtigem Anprall gegeneinander. Die Lanzen splitterten, die Schilde barsten, die Schwerter blitzten im Sonnenlicht, die Eisenpanzer klirrten unter der Wucht der Hiebe, die Pfeile zischten durch die Luft, weithin hörbar war das Schlachtgeschrei der Kämpfenden, Rosse und Menschen wälzten sich niedergeworfen und blutend am Boden. Mann stand gegen Mann, keiner wollte weichen; mit gleicher Tapferkeit und Wut wurde hier und dort gekämpft, schrittweise machten sie einander das Feld streitig. Eine Weile schien es, als ob nur die Frage sein könne: Sieg oder Tod?

Aber obgleich Witowd seine bestbewappneten Litauer, Tataren und Russen ins erste Treffen gestellt hatte und auch mährische und böhmische Söldner tapfer unter ihm fochten, den mähenden Schwertern der stahlgepanzerten Ordensritter widerstanden sie doch nicht auf die Dauer. Nach schwerem Ringen kam ihre Linie ins Wanken, ihr Widerstand schien zu ermatten. Dahin hatte längst der Hochmeister seinen Blick gerichtet. Eiligst schickte er Heinz von Waldstein, dem es wenig gefiel, nur dem Kampf von weitem zuzuschauen, zum Ordensmarschall und ließ sich Verstärkungen erbitten. Bald langten die Söldnerhaufen an und warfen sich mit frischer Kraft den schon ermüdenden Litauern entgegen. Sie schwankten, lösten sich, wichen zurück und stießen auf die zweite Schlachtreihe, drängten sie auf die dritte. Dem gewaltigen Anprall der Deutschen gegenüber war nicht wieder fester Boden zu gewinnen, vergebens mühten sich die Anführer, die verlorene Ordnung herzustellen und die plötzlich Zaghaften zu neuem Kampf anzutreiben. In einzelnen Streithaufen bilden die Böhmen und Mähren noch einen festen Kern. Aber da verschwindet ihr Banner des heiligen Georg – ihr Fähndrich ist niedergeworfen, und es dauert eine Weile, bis er sich unter dem Pferde vorarbeitet. Da glaubten die Litauer sich verloren, den Russen und Tataren sinkt der Mut. Flucht – Flucht – rettet euch! hört man überall rufen. Eine Schar Polen wird mit fortgerissen. In wilder Hast geht's den sumpfigen Ufern des Marenseflusses zu, das Ordensheer mit wehenden Fahnen und lautem Siegesgeschrei hinterdrein.

Witowd stellt sich den Fliehenden entgegen, mahnt sie mit Donnerstimme an ihre Pflicht, jagt sie in die Schlacht zurück, schlägt mit eigener Hand die Vordersten nieder. Umsonst alles. Der Schreck scheint alle Tatkraft zu lähmen, die Flucht geht unaufhaltsam weiter. Nun trennen sich die fliehenden Heerhaufen. Die einen werden in die Sümpfe gejagt und finden dort ihr Verderben, andere ereilt, ehe sie die Ufer erreichen, das Schwert der nachstürmenden Reiter. Ein Teil der Litauer und Tataren gewinnt glücklich die Brücke bei dem Dorfe Seewalde, aber bei dem ungeduldigen Drängen stürzen viele in den Fluß und ertrinken; ein anderer Teil sucht in entgegengesetzter Richtung über Dorf Faulen die Straße nach Neidenburg zu gewinnen, entkommt und verbreitet weit ins Land hinaus die Schreckenskunde von der Niederlage.

Nur noch drei Fahnen von Russen aus Smolensk standen fest auf dem Kampfplatze. Der Großfürst, noch immer nicht verzweifelnd, eilte zu ihnen und führte sie schnell in guter Ordnung zu seiner noch unbenutzten Reserve zurück. Das Ordensheer, soweit es nicht den Fliehenden nachjagte, griff hier sofort an. Die eine Fahne sank, die Mannschaft, die sie verteidigte, wurde fast gänzlich aufgerieben. Aber unter Witowds tapferer Führung gelang es dem Rest, fortwährend kämpfend, dem über Leichen hinschreitenden Feinde Widerstand zu leisten und endlich den Anschluß an die Polen zu gewinnen.

Der linke Flügel des Ordensheeres war siegreich, aber auch selbst gelöst aus aller Ordnung. In der Hitze der Verfolgung wurde der Ruf der Komture und Hauptleute ganz überhört, sich zu sammeln und die Schlachtreihen wieder herzustellen. So kam man weit ab vom eigentlichen Kampffelde und verlor des Ordensmarschalls schwarzes Kreuz und des Meisters großes Banner aus den Augen.

Aber auch dort auf dem rechten Flügel schien das Glück bei den Streitern Marias, der Heiligen Jungfrau, zu sein. Zwar Zindram war ein kaltblütiger Führer, der mit klugem Auge jede Blöße des Gegners erschaute und keinen Vorteil unbenutzt ließ, und seine Polen waren keine verächtlichen Streiter; aber zu heftig war der Ansturm der Ordensritter auf ihren kräftigen Rossen, unwiderstehlich der Andrang der um ihre Banner festgeschlossenen deutschen Bürger. Das große polnische Reichspanier mit dem weißen Adler sank in den Staub und wurde fortgeführt von den Rittern. Da jubelten die hochmeisterlichen Scharen, den Polen aber sank der Mut. Immer neue Haufen schickte Jungingen in den Kampf, und begeistert durch die Hoffnung auf Sieg folgten sie seinem Rufe. Da hub er an zu singen: »Christ ist erstanden!« Die nächsten in seiner Umgebung stimmten mit ein, dann die ferneren. Bald erscholl auf der ganzen Linie des Ordensheeres mächtig der Siegesgesang: »Christ ist erstanden!«

Aber zu früh jubelten die tapferen Streiter; noch war des Feindes Übermacht nicht gebrochen. Zindram erkannte zur rechten Zeit die Gefahr. Er hatte seine Kerntruppen: Söldner, Kriegsgäste und tatarische Reiterei, im Rückhalt. Die rief er nun eiligst heran: ein neues Heer schien aus dem Boden zu wachsen.

Auch Witowd zögerte nicht, ihn zu unterstützen. Sobald er die Russen und einige zersprengte Häuflein seiner Litauer glücklich dem Verderben entrissen hatte, sprengte er über das Feld, den König zu suchen. Er fand ihn hinter der Reserve und beschwor ihn, sich endlich den Seinigen zu zeigen. Mein Heer ist vernichtet, rief er ihm zu, und das Reichspanier in der übermütigen Feinde Hand, hörst du ihren Siegesgesang? Schon treiben sie deine Scharen zurück. Aber noch ist nichts verloren, wenn du mir mutig folgst, Vetter. Der linke Flügel des Ordensheeres ist weitab vom Marensefluß, beutegierig, meinen Litauern nachzusetzen, und kann in die Schlacht nicht eingreifen, wie er sollte. Zeigst du dich deinen Scharen, so wird ihre Mutlosigkeit schwinden, unter ihres Königs Augen werden sie löwenkühn fechten. Bei der Asche unserer Väter, bei unserem Racheschwur flehe ich dich an: folge mir!

Da schämte Jagello sich seiner Feigheit und ritt eine Strecke vor, doch immer in der Mitte seiner Leibwache. Als nun die Polen ihren König sahen, wie er sich im Bügel erhob und mit der Hand winkte, wuchs ihnen der Mut. Sie warfen sich von neuem auf die Deutschen und entrissen ihnen das eroberte Reichspanier. Der König aber teilte seine dritte Schlachtreihe, verstärkte mit einem Teil derselben die beiden vorderen und gab den Rest Witowd, damit er mit seinen Russen und Litauern den rechten Flügel wiederherstelle. Und nun führte Zindram auch die Söldner und Kriegsgäste von der Seite heran, während die Tataren auf flüchtigen Pferden den rechten Flügel des Ordensheeres umschwärmten.

Jetzt erst schien der Kampf zu beginnen. Gegen die mittlere Stellung des Ordensheeres drängte eine gewaltige Übermacht, der trotz heldenhafter Tapferkeit jedes einzelnen Streiters erfolgreich Widerstand zu leisten von Minute zu Minute schwieriger wurde. Gegen die Flügel warfen sich aber die noch frischen Streithaufen und brachten sie langsam zum Weichen. Es nützte jetzt wenig, daß die von der Verfolgung der Litauer Zurückkehrenden die Beute fortwarfen und mit dem Schwert einhieben. Witowd wehrte sie mit Riesenstärke ab und drang weiter vor. Das Dorf Tannenberg wurde nach heftigem Kampfe von ihm genommen; die darüber hinausgeschobenen Haufen mußten sich zurückziehen. Auf der andern Seite aber hatten sich Zindrams Soldtruppen im Wäldchen beim Seemen festgesetzt und bedrängten von hier aus den schon geschwächten rechten Flügel, so daß er aus der Schlachtlinie auszubiegen genötigt war. In dieser Gefahr, von zwei Seiten umgangen zu werden, versuchte die Mitte noch einmal mit einem mächtigen Vorstoß den Kern des königlichen Heeres zu sprengen. Einen Augenblick schien das Wagnis zu gelingen. Rechts und links sanken unter den wuchtigen Schwerthieben der Kreuzritter die Polen in den Staub; ihre Reihen waren so aufgelöst, daß des Königs glänzende Rüstung mitten in seinem Streithaufen sichtbar wurde und die Blicke der Angreifer zu seinem eigenen Schrecken auf sich zog. Da meinte der tapfere Ritter Leopold von Kötteritz den Augenblick gekommen, den übermächtigen Feind in seinem Haupt zu schlagen. Ohne Besinnen legte er die Lanze ein und stürmte gegen Jagello vor, ihn vom Pferde zu stechen. Aber dessen Begleiter waren wachsam; sein wackerer Schreiber Sbigneus von Oleßnitz warf den Ritter aus dem Sattel, und die anderen machten ihm nun mit Schwert und Kolben den Garaus. Schnell schlossen sich wieder die durchbrochenen Reihen, und so gewaltig war nun der Ansturm der Wütenden gegen die Mitte des Ordensheeres, daß auch sie ins Wanken kam und Schritt für Schritt den Plan räumte.

So hatte sich das Kriegsglück nun ganz vom Orden abgewandt. Seine Schlachtreihen waren gebrochen, viele Tausende tapferer Streiter lagen am Boden, ohne Führer kämpften die einzelnen Haufen, die noch standhielten. Aber bald war alles Unordnung und Auflösung. Der Komtur von Graudenz, Wilhelm von Helfenstein, wollte nicht weichen; er kämpfte, solange seine Hand das Schwert halten konnte, und starb den Heldentod; seine Tapferen verteidigten das Banner bis auf den letzten Mann. Auch um den gefallenen Arnold von Baden, Komtur von Schlochau, türmte sich ein gewaltiger Haufe von Leichen. Und dort weiter lagen die Komture von Althaus, von Engelsburg, von Nessau, von Straßburg, von Mewe und von Thorn, die Vögte von Roggenhausen und Dirschau mit allen den Ihrigen. Mehr als fünfhundert aus dem Elbinger Mayen waren erschlagen, und von den zwölfhundert Danziger Streitern stand nicht viel mehr als der vierte Teil noch aufrecht um den Fahnenträger. Die Schlacht mußte als verloren gelten.

Da hielten die Gebietiger und Hauptleute, die um den Meister waren, Rat und ritten zu ihm heran und sagten ihm: Weiterer Kampf ist vergeblich. Unsere Reihen sind gelichtet, zerrissen, aufgelöst. Auf diesem Felde kann uns der Sieg nicht mehr werden. Schützen wir das Land! Noch kann der Rückzug in aller Ordnung erfolgen. Werfen wir uns mit der geretteten Mannschaft in die Burgen, sie gegen den König zu verteidigen.

Ulrich von Jungingen aber legte die Hand mit dem Eisenhandschuh aufs Herz und schüttelte unwillig das schöne Haupt. Das soll, so Gott will, nicht geschehen, antwortete er mit bewegter und doch fester Stimme; denn wo so mancher brave Ritter neben mir gefallen ist, will ich nicht aus dem Felde reiten.

Da erkannten sie alle wohl, daß keine Überredung seinen Entschluß wenden werde, und machten sich bereit, mit ihm zu sterben.

Noch standen unweit des Dorfes Grünfelde sechzehn Fähnlein, die bisher am Kampfe nicht teilgenommen hatten. An deren Spitze stellte sich der Meister und führte sie selbst gegen den Feind. Es waren darunter auch die Kulmer Landesritter mit ihren Leuten, denen er, gewarnt durch Briefe, nicht sonderlich vertraut und die er deshalb im Rückhalte gelassen hatte. Nun rief er auch sie zu tapferem Beistand auf. Nicht mehr der Feldherr wollte er sein, der aus der Ferne die Schlacht leitete, der Ritter hatte um seine Ritterehre zu kämpfen, und die ihm folgten, sollten seine Getreuen sein bis in den Tod. Das sagte er den Fahnenträgern, die er zu einer Ansprache um sich sammelte, hoffend, daß er so ihr Herz am festesten stähle zu diesem letzten, schweren Kampf.

Wenn jeder, wie er, entschlossen sei, lieber den Tod als eine schmachvolle Niederlage zu erleiden, meinte er in seinem Innersten, sei vielleicht doch noch der Sieg zu erkämpfen.

Und so zog er, auf seinem schneeweißen Schlachtrosse in prächtiger Rüstung, die Lanze auf den Steigbügel gestützt, mitten in einer glänzenden Schar von Gebietigern und Rittern, den auserlesensten des Ordens, den Fähnlein voran gegen den weiter und weiter vordringenden Feind. Die Polen stutzten. Anfangs glaubten sie, daß eine Schar Litauer dem Ordensheer, so viel davon noch auf dem Kampfplatze, in den Rücken fiele, es ganz zu vernichten, die Lanzen schienen ihnen von der Art, wie die Litauer sie zu gebrauchen pflegten. Bald aber erkannten sie ihren Irrtum, da sie nun des Hochmeisters ansichtig wurden, und scharten sich dichter um das große Reichspanier mit dem weißen Adler, gegen das er anrückte.

Da schien Nikolaus von Renys, dem Bannerführer vom Kulmer Land, die Zeit gekommen, seine Feindschaft gegen den Orden zu betätigen und dem König von Polen einen Dienst zu erweisen, dessen er den Eidechsen noch in spätester Zeit gedenken sollte. Er sprach heimlich mit einigen vom Bunde, die in seiner Nähe waren, und schickte sie zu den Fahnenträgern der anderen Haufen, in denen die Bürger der kleinen Städte zogen, daß sie ihnen das Zeichen bekanntmachten. Dem Ritter Arnold von der Buche aber flüsterte er zu: Sollen wir unnütz in den Tod reiten? Der Meister hat es darauf abgesehen, die Eidechsen mit einem Schlage zu vernichten – dazu hat er uns solange aufgespart.

Aber er soll sich verrechnet haben.

Was gedenkt Ihr zu tun? fragte der Ritter besorgt.

Was ich dem Bunde schuldig bin, entgegnete Nikolaus, als dessen Ältester. Gebt acht auf mein Banner. Wenn es sich neigt, werft Euren Gaul herum und drückt ihm die Sporen ein.

Hans von der Buche ritt dicht neben seinem Vater. Er fing einen Teil dieser Worte auf und erriet ihre Bedeutung. Vater, rief er, das geschehe nimmermehr! Unsere Ehre steht auf dem Spiel!

Was versteht der Kiekindiewelt von diesen Händeln? wies Nikolaus von Renys ihn mit höhnischem Lachen ab.

Arnold von der Buche aber schüttelte den Kopf und sagte: Niklas, es geht wahrhaftig nicht. Wir reiten in Waffen unter des Hochmeisters Befehl. Er darf uns nicht Verräter und Schelme schelten.

Die Schlacht ist verloren. Wir reiten in den gewissen Tod.

Und wir gelten als Feiglinge, wenn wir umkehren.

Ei, man kennt uns gut genug im Lande! Kein Monat wird vergehen, so ist der König von Polen unser Herr, und er wird's uns danken.

Ritter Arnold besann sich. Es geht nicht, Niklas, entschied er dann, es ist mir wider Ehre und guten Namen. Erst muß dies ausgefochten werden.

Renys wandte sich mit Achselzucken von ihm ab; Hans aber legte die Hand auf seinen Arm und sagte: Ich danke dir, Vater.

So waren sie eine Strecke vorgeschritten und dicht an den Feind gekommen, dessen vorderster Haufe gegen sie anritt. Da senkte sich plötzlich das kulmische Banner mit den rot geflammten Linien und dem kleinen schwarzen Kreuz darüber. Auch andere Banner rechts und links wurden unterdrückt. Es entstand eine Stockung und Rückwärtsbewegung – die wenigsten wußten, um was es sich handelte; viele nahmen's für ein Zeichen zur Flucht und kehrten um. In der Nähe des Hochmeisters ließ sich der Ruf »Verrat!« hören. Er blickte zurück, und sein Herz krampfte sich in Zorn und Schmerz zusammen. Nun war keinen Augenblick zu zögern, wenn schmachvolle Flucht abgewandt werden sollte.

Er sprengte auf seinem weißen Schlachtroß vor, schwenkte die Lanze gegen den Feind hin und rief mit mächtiger Stimme: Herum, herum! Das wirkte. Nur wenige entwichen, die meisten wollten den Meister nicht im Stiche lassen und folgten ihm mit mutigem Zuruf.

Da rennt der polnische Ritter Dobeslav Olesniczky kühn mit gefällter Lanze gegen die Schar an. Der Hochmeister selbst eilt, den Stoß aufzufangen, voraus. Gegen ihn schleudert der Ritter sein Geschoß, aber zur rechten Zeit beugt er das Haupt, und es fliegt darüber hinweg, Heinz von Waldstein, der dicht hinter ihm reitet, an der Schulter streifend. Nun wirft der Meister seinen Speer; er trifft des Gegners Streitroß, daß es sich bäumt und den Reiter abwirft. Ehe er sich noch erheben kann, rast eine polnische Reiterschar über ihn hin, den Fähnlein des Meisters entgegen.

Und nun beginnt ein letzter Kampf um Tod und Leben, ein entsetzliches Ringen und Morden auf der blutgetränkten Walstatt. Lanzen splittern, Speere sausen, hageldicht fallen die Schwerthiebe. Eisenhüte und Stahlschienen zu brechen. Haufen von Leichen türmen sich um die Paniere. Die Streiter des Ordens wollen nicht weichen. Aber der Polen Schar wächst, schon kämpfen drei gegen einen. Ulrich von Jungingen, der ritterliche Held, ist auf seinem weißen Rosse allen voran. Den Tod im Herzen, verzweifelnd an des Ordens Glück, nur noch bestrebt, die Ehre zu retten, wirft er sich mit Riesenkraft immer von neuem gegen den Feind. Nur noch wenige Begleiter sind ihm zur Seite. Da fällt Kuno von Lichtenstein, der edle Großkomtur, der noch standgehalten hatte, in dem Schlachthaufen seiner Österreicher, da sinkt der Ordensmarschall Friedrich von Wallenrod tödlich getroffen vom Pferde, da endet des Ordens Trappier, der erlauchte Graf Albrecht von Schwarzburg, sein Leben, das er tapfer verteidigt hat. Der Hochmeister blutet aus vielen Wunden, aber sein Arm wird nicht matt. Neben ihm kämpft Heinz von Waldstein, deckt ihm den Rücken, fängt mit seinem festen Schilde die wuchtigen Speere der Angreifer auf. Gottes Lohn! ruft ihm der Meister mehr als einmal zu. Da durchrennt der lange Spieß eines Tatarenhäuptlings des Junkers treues Pferd, daß es in die Knie sinkt und den Reiter überwirft. Er sucht sich aus dem Bügel frei zu machen, aber das Sporenrad hat sich im Riemenzeug verwickelt. Hinter ihm holt ein Pole mit der Streitaxt aus und läßt sie schwer auf sein Haupt niederfallen. Der Eisenhut spaltet, das Visier springt ab, unter dem krausen Haar hervor ergießt sich ein Strom roten Blutes über Stirn und Wange. Er will das Schwert heben, aber die Sehnen des Armes versagen den Dienst. Die Sinne schwinden ihm. Mit dem Schmerzensruf »Maria –!« sinkt er rücklings über neben dem verröchelnden Pferde. Der Meister sieht sich um nach seinem Gefährten. Es ist der letzte Augenblick seines Lebens. Von zwei tödlichen Geschossen auf die Stirn und in die Brust getroffen, stürzte er vom Streitroß zu Boden, und »sein Heldengeist entwich«.

Da füllte der Polen wildes Siegesgeschrei die Luft, als sie den Meister niedergeworfen sahen. Die nächsten sprangen vom Pferde, lösten ihm den kostbaren Kriegsmantel und brachten ihn dem König als Siegesbeute. Als aber Jagello das blutige Gewand mit dem Kreuze sah und den Bericht hörte von des Meisters letzten Taten und heldenhaftem Tod, da überkam seine feige Seele ein Zittern der Furcht vor dem toten Löwen, und kein heuchlerisches Wort wollte über seine bleichen Lippen. Man will Tränen in seinen Augen gesehen haben, und die Schmeichler sagten, es seien Tränen der Rührung gewesen.

Witowd aber, der tapfere Mann, ließ sein Schwert in die Scheide gleiten und sagte: Unsere Arbeit ist getan. Gelöst ward mein Schwur – nie mehr erhebt sich der Orden von diesem jähen Fall. Sein Meister aber ist gestorben wie ein Held. Ehre seinem Andenken auch bei seinen Feinden.

Es war nicht länger mit dem Rückzug zu zögern, wenn nicht auch der kleine Rest des Ordensheeres der Vernichtung preisgegeben werden sollte. Nur drei von allen Gebietigern, die bei Tannenberg mitgekämpft hatten, waren nicht tot oder verwundet in Gefangenschaft geraten: Werner von Tettingen, der Oberst-Spittler, Johann von Schönfels, Komtur von Danzig, und Graf Friedrich von Zollern, Komtur zu Balga. Alle andern waren erschlagen mit sechshundert Brüdern und vierzigtausend von gemeinem Kriegsvolk. Die drei sammelten die kleinen Häuflein, die auf dem Schlachtfelde hier und dort noch aufrechtstanden, und führten sie zurück über den Acker von Grünfelde nach dem Lager bei Frögenau, immer kämpfend mit dem verfolgenden Feinde bis zum späten Abend hin. Dort lösten sich die Scharen gänzlich auf. Wer dem Tode entgangen war, suchte nach der Heimat zu entkommen.

Unter denen, die sterbend am Boden lagen, war auch der Ritter Arnold von der Buche. Ein Lanzenstich hatte seinen Leib zwischen Plate und Beinschienen getroffen; die Eisenspitze war abgebrochen und steckengeblieben. Neben ihm kniete sein Sohn Hans, das schon schwere Haupt im Arm haltend und mit seiner Schärpe den Todesschweiß von der Stirn trocknend. Es ist aus mit mir, keuchte der Ritter, keine halbe Stunde Leben habe ich mehr. Laß mich liegen und rette dich – vielleicht erbarmt sich einer von den Litauern oder Tataren, die das Feld nach Beute absuchen, und spaltet mir den Schädel. Ich bitte dich, Hans, mache dich davon und überlasse mich meinem Schicksal.

Das wolle Gott nicht, antwortete der Sohn, daß ich so lieblos an meinem Vater handle. Auch ich habe nichts zu verlieren als das Leben, und wenig kümmert's mich nach dieser Schmach, ob ich mir's erhalte. Ich bleibe bei dir bis zu deinem letzten Atemzuge.

Der Ritter drückte ihm die Hand. Du hast ein treues Herz, sagte er. Aber wer weiß, wofür du aufbewahrt bist vom Himmel. Bedenke, daß ich keinen Sohn habe außer dir – du bist mein Erbe, die ganze Hoffnung meines Stammes. Ich lasse ein Weib zurück, Hans – daß ich nie zum zweiten Male gefreit hätte oder nicht gefreit hätte unter den Töchtern des Feindes! Ich ließ mein Auge verblenden von ihrer Schönheit – Cornelia reichte mir die Hand –, aber ihr Herz war immer drüben bei ihren Landsleuten, und das meinige machte sie abwendig von der rechten Liebe zur deutschen Heimat. Tausendmal hab' ich's bereut, und nun ich sterbe, beichte ich's in deine Seele. Aber die Polin ist mein Weib und wird meine Witwe sein – halte sie in Ehren und sorge, daß es ihr an nichts fehle.

Deshalb darfst du unbekümmert sein, Vater, versicherte ihm Hans. Habe ich doch durch sie eine Schwester –

Natalia! fiel der Ritter seufzend ein. Sie am meisten liegt mir am Herzen, und ich kann nichts für sie tun, als sie deiner brüderlichen Obhut empfehlen. Sie ist ein so wildes, leidenschaftliches Geschöpf –

Ich liebe meine Schwester, sei dessen gewiß, Vater; ich liebe sie von ganzem Herzen und werde mit ihr teilen, was mein ist und was dem Erben zu teilen erlaubt ist nach des Landes Rechten. Vertraue mir.

Ich vertraue dir, mein Sohn. In dir schlägt das gute Herz deiner teuren Mutter, die ich bald drüben wiederzusehen hoffe. Und noch eins, Hans, bevor ich die Augen schließe. Löse mir den Gurt – innen auf der linken Seite findest du eine Tasche eingenäht – darin steckt ein Schlüssel – so, so! Hast du ihn? Ich sehe nicht mehr gut. Der Schlüssel öffnet das Zimmer im Turm unseres alten Hauses, darin steht eine Lade mit dem Bundesbrief der Eidechsen – alle ihre Siegel hängen daran. Auch die anderen Schriften der Gesellschaft liegen dort wohlverwahrt neben dem Schwert mit Kreuzgriff, auf das jeder, der dem Bunde beitritt, den Eid leistet, unverbrüchlich das Geheimnis zu bewahren. Laß nichts davon in des Feindes Hand fallen, sondern vergrabe die Lade in die Erde, bis du sie einmal sicher den Ältesten aushändigen kannst, die diesen Tag überleben. Und versprich mir, daß du selbst dem Bunde beitreten willst –

Vater! rief Hans erschreckt. Ich sollte diesem Bunde mich zugesellen, der so voll giftiger Feindschaft –

Er stockte, denn er befürchtete, etwas zu sagen, was seinen Vater in der Sterbestunde kränken müßte. Der aber verstand ihn und antwortete mit matter Stimme: Du kennst nicht den Bundesbrief, Hans. Alles, was darin steht, ist gut und ehrenhaft, und wer ritterlich denkt, beschwört es gern. Schwach ist der einzelne; er braucht in allerhand Fährlichkeiten den stützenden Beistand der Genossen. Steh allein, und jeder Wicht reibt sich an dir; sei einer von vielen, und auch der Mächtige wagt keinen Angriff.

Und was ich heut hab' erfahren müssen, Vater – Verrat des Hochmeisters –

Sterbe ich nicht für seine gerechte Sache, mein Sohn? Ich sage dir, der Bundesbrief weiß nichts von solchen feigen, verräterischen Anschlägen. Aber es sind einige Schelme im Bunde, die meinen, weil sie Klagen und Beschwerden haben gegen den Orden, daß sie ihm absagen dürfen in der Not. Das ist ein gar unritterliches Tun und muß uns auch in Verruf bringen bei den Polen. Darum will ich eben, daß du dem Bunde beitrittst, damit du besser aufmerken kannst, was diese bösen Gesellen treiben, an deren Spitze Niklas von Renys steht. Bist du im Bunde, so dürfen sie nichts ratschlagen ohne dich, und leicht kannst du mit kluger Rede die Besseren gegen sie wenden, daß ihre Bosheit zuschanden wird. Es kommt eine schlimme Zeit über das Land, und der König von Polen wird seine Lockspeise auswerfen überallhin. Ich weiß, was er uns Gutsherren bietet, und an sich ist's nicht zu verachten. Aber solange der Orden nicht alle Macht verliert, uns zu schützen, und solange er uns bei unseren Rechten hält und sie mehrt, wollen wir unter deutscher Herrschaft bleiben. Dafür steh an meiner Stelle im Bunde – das gelobe mir!

Hans kämpfte mit sich. Ich bin gewarnt, Vater, sagte er.

Von wem gewarnt?

Von dem edlen Komtur von Plauen.

Ha, von der gnädigen Herren einem. Und ich, dein Vater, warne dich: schließe dich nicht aus von deinesgleichen. Hans, ich kann nicht ruhig sterben, wenn ich dich nicht gesichert weiß im Bunde. Nimm meine Marke mit der Eidechse – sie steckt in der Tasche, in der du den Schlüssel gefunden hast –, sie soll meines Erben ritterliches Siegel sein. Versprich mir, Hans –.

Ein Krampf faßte seine Kinnbacken, er konnte nicht weitersprechen. Die Augen richteten sich ängstlich auf den Sohn. Hans konnte ihn nicht sterben lassen, ohne ihn beruhigt zu haben. Er zog die Marke mit der Eidechse aus der Gürteltasche, hob sie in die Höhe und rief: In Gottes Namen, Vater, ich will auch dieses Erbe übernehmen, wenn es mein Gewissen nicht belastet. Ich vertraue deinem Wort.

Das Haupt des Ritters sank in seinen Arm zurück, die Augen schlossen sich für ewig.

Hans ließ den entseelten Körper sanft auf die Erde gleiten, wühlte mit der Hand im losen Boden und legte ein Häuflein Erde auf seine Brust. Dann blickte er um. Rings Tote und Sterbende. Fern schon zogen die zusammengerafften Reste des Ordensheeres dem Dorfe zu, verfolgt von großen Schwärmen berittener Tataren, die dort bessere Beute zu machen hofften als auf dem Schlachtfelde, das ihnen ja auch später nicht entgehen könnte. Er stand auf und führte sein müdes Pferd, das von dem kurzen Heidegras abgerupft hatte, ohne sich weit zu entfernen, am Zügel langsam durch die schauerlichen Totengassen. Ein Wall von Leichen lag an der Stelle aufgehäuft, wo der Hochmeister zuletzt gekämpft hatte und gefallen war. Er lag ohne Rüstung da, sein Streitroß ohne Zaum- und Sattelzeug. Wahrscheinlich hatte man es vor der allgemeinen Plünderung in Sicherheit bringen wollen für den König. Auch den Gebietigern und Komturen waren meist die kostbareren Waffenstücke abgerissen.

Als Hans von der Buche so langsam hinschritt, mit seinem Pferde sorgsam jedem gefallenen Schlachtgefährten ausweichend, fuhr er plötzlich entsetzt zurück. Da lag sein Freund Heinz von Waldstein auf dem Rücken, die Arme weit fortgestreckt, die Fäuste geballt, totenbleich mit geschlossenen Augen. Er ließ den Zügel aus der Hand und stürzte neben ihm nieder, hob den Kopf in seinen Arm und küßte Stirn und Mund wieder und wieder. Aus einer tiefen Wunde auf dem Scheitel sickerte das Blut, eine dunkle Lache im Grase zeigte an, wo der Kopf gelegen hatte, und nicht weit davon schaute noch unter dem braunen Heidekraut der geborstene Helm vor. Ein Pfeil stak in seiner Brust, und er zog ihn vorsichtig heraus. Oh, du Liebster, Teuerster, rief er laut, von wildestem Schmerz ergriffen, mußtest du hier dein junges Leben lassen, und mich traf des Feindes Schwert nicht! Wie gern lebtest du – wie heiter war dein Gemüt, wie voll Hoffnungen deine Seele! Und mit einem Schlage hin – alles hin. Heinz – Heinz, daß ich dich so wiederfinde!

Tränen stürzten ihm aus den Augen und netzten die bleichen Wangen des gefallenen Freundes. Da gedachte er seines letzten Wunsches. Er zog ihm den Handschuh von der rechten Hand und streifte sanft den Ring mit dem blauen Vergißmeinnicht vom kleinen Finger. Er mußte ihn erst aufbiegen, da er sich fest zusammengekrampft hatte, und es war ihm einen Augenblick, als ob er ein Zucken der Hand fühlte. Aber er hatte sich getäuscht – der Körper lag leblos da.

Er richtete ihn ein wenig auf und lehnte ihn gegen den Schenkel des Pferdes, so daß der Kopf einen Halt hatte. Noch eine Weile saß er neben ihm und schaute ihm traurig ins liebe Gesicht. Den Ring steckte er an die eigene Hand. Er dachte an Maria, die Heinz geliebt hatte, und dann an ein anderes, beiden teures Wesen – an Waltrudis, und wie sie um den Verlorenen weinen würden.

Waltrudis! Da war's ihm, als ob ihm noch ein anderer Gedanke durch den Sinn ging. Der Kopf war ihm so dumpf und wüst, er konnte den Gedanken nicht gleich fassen und halten. Dann aber wurde es lichter und lichter in ihm. Ja, rief er, das ist deine nächste Pflicht! und sprang von der Erde auf. Noch einen Blick warf er auf den armen Freund, dann schwang er sich aufs Pferd und jagte davon, der scheidenden Sonne entgegen.

Es war die höchste Zeit gewesen. Ein Trupp Polen kam eben dahergeritten. Sie schickten ihm ein Dutzend Pfeile nach, aber keiner traf ihn.

Bald deckte ihn der Wald gegen weitere Nachstellung. Er ritt und ritt die ganze Nacht hindurch.

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