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Heinrich von Plauen

Ernst Wichert: Heinrich von Plauen - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorErnst Wichert
titleHeinrich von Plauen
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G.m.b.H.
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHelmut Prodinger
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10. IM WALDHAUSE

Eine Woche später begegnen wir gegen Abend dem Junker Heinz von Waldstein zu Pferde auf der Landstraße zwischen Graudenz und Engelsburg. Er trug hohe Reitstiefel, die bis über das Knie reichten, und lange Radsporen daran, die in den Weichen des jungen Tieres schon kenntliche Spuren hinterlassen hatten. Am Sattelknopf hing auf der einen Seite ein leichter Brustharnisch, auf der anderen der dazugehörige Eisenhut und eine Armbrust. Hinten war der Mantel aufgeschnallt.

Der Komtur hatte ihn zur Kriegsreise ausgerüstet, soweit dies in Schwetz möglich gewesen war. Den Gaul kaufte er für ihn aus der Stuterei des Herrn Both zu Ilenburg, der ein begüterter Landesritter seines Gebietes war, und zahlte dafür dreißig Mark, eine beträchtliche Summe. Die Plate gehörte ihm eigentümlich, und er gab sie ihm zum Geschenk. Die Armbrust hatte Heinz dem Junker Lorenz von Lankendorf abgewonnen, da der mit ihr bei einem Besuch auf dessen Gut einen Schuß getan, auf den jener gewettet hatte. Was zur Rüstung noch fehlte, sollte in der Stadt Marienburg ergänzt werden, wo tüchtige Waffenschmiede arbeiteten. Einen Brief an den Hochmeister hatte er zu seiner Empfehlung mitbekommen und in der Gürteltasche sorgsam neben seinem Gelde aufbewahrt.

Nach des Komturs Meinung sollte er auf dem linken Weichselufer über Neuenburg und Mewe reisen; er hatte sich aber schon mit der Graudenzer Fähre übersetzen lassen. Nur seine Schwester hatte beim Abschied erfahren, daß er den Umweg über Buchwalde zu nehmen gedenke, und durch ihr Erröten bewiesen, daß sie wohl merke, weshalb er dies mitteile. Sie hatte ihm erlaubt, den Freund zu grüßen, auch auf seine Bitte eine kleine Locke von ihrem goldigen Haar abgeschnitten, ohne zu fragen, für wen sie bestimmt sei. Bruder und Schwester waren sehr vertraut miteinander geworden; sie wußte auch, was der kleine Ring mit dem blauen Vergißmeinnicht bedeutete.

Es war ein schwüler Tag gewesen, und noch jetzt, da die Sonne schon tief stand und rund um den Horizont Wolken aufgezogen, fühlten Mann und Pferd die drückende Hitze. Ein Gewitter mußte im Anzuge sein.

Er hoffte, vor Nacht Buchwalde erreichen zu können, auch wenn er den Gaul im Schritt gehen ließ, durfte dann aber keinen Aufenthalt haben. Deshalb kehrte er in der hoch auf dem Berge gelegenen Engelsburg bei deren Komtur Burghard von Wobecke nicht ein, sondern ließ sich nur vor dem Kruge eine Kanne Bier aufs Pferd reichen und ritt sogleich weiter nach dem großen Dorfe Okonin, dessen Kirchturm bald sichtbar wurde. Von hier führte die breite Landstraße halb rechts nach der Burg und Stadt Rheden, nur eine Meile entfernt. Da aber Buchwalde nördlich von diesem Orte liegen und ein Richtweg über Gut Kressau eine Stunde früher zum Ziele bringen sollte, bog er hinter dem Dorfe links ab und befand sich nun bald mitten in einem dichten Laubwalde, der angenehme Kühlung gewährte.

Eine Strecke weit ging das, was man bei bescheidenen Ansprüchen allenfalls einen Weg nennen konnte, in gerader Richtung fort. Hinter einer Waldblöße aber, von der augenscheinlich nur vor kurzem das Holz nach Okonin abgefahren war, verlor sich die Wagenspur. Blieben auch in dem weichen Moorboden noch eine Zeitlang die Eindrücke von Pferdehufen sichtbar, so kreuzten sich doch bald verschiedene solcher Waldpfade, so daß die Wahl schwer wurde. An einem Sumpf war Heinz genötigt umzukehren und einige hundert Schritt rückwärts einen Fußpfad links einzuschlagen. Seine zahlreichen Windungen um alte Bäume oder Steinblöcke herum machten es dem Reiter unmöglich, zu prüfen, ob er im ganzen die vorgeschriebene Richtung einhalte, und da sich nun auch die Sonne hinter den schwarzen Wolken versteckte und damit jede sichere Marke verlorenging, blieb ihm nichts übrig, als den Zügel lose auf den Hals des müden Pferdes zu hängen und dem Spürsinn desselben zu vertrauen. Er zweifelte übrigens nicht, daß er auf jedem Wege wieder ins Freie kommen müßte, da Hans ihm gesagt hatte, daß die Gegend um Engelsburg und Rheden gut angebaut sei.

Vielleicht wären unter gewöhnlichen Umständen seine Erwartungen auch nicht getäuscht worden. Nun aber schüttelte plötzlich ein heftiger Sturm die Kronen der Bäume, das letzte Fleckchen Blau am Himmel verschwand unter der finsteren Wolkenmasse, die sich von allen Seiten zusammenzog, und in dem dichten Walde wurde es bald völlige Nacht. Nach wenigen Minuten schon zuckten rechts und links Blitze, das Auge blendend; der Donner, der anfangs nur in der Ferne rollte, wurde lauter und lauter – Blitz folgte auf Blitz, Schlag auf Schlag. Das Pferd scheute und wollte nicht vorwärts. So sprang denn der Junker ungeduldig ab, zog den Zügel über Hals und Kopf und zerrte es hinter sich fort.

Aber von einem Pfade war nun nichts mehr zu erkennen. Mitunter sah er, wenn der Blitz aufleuchtete, rundum nur dichtes Brombeergebüsch, ein andermal lief er gegen einen mächtigen Baumstamm. Zu allem Unglück fing nun auch ein wütender Gewitterregen an niederzuprasseln. Nur kurze Zeit gewährten die Laubkronen einigen Schutz; bald tropfte es von allen Blättern, und dann war's, als ob die Schleusen des Himmels sich öffneten und ganze Bäche niederströmten.

Weiterzugehen war nicht schlimmer als abzuwarten. Die Nacht im nassen Walde zuzubringen gehörte zu den unerfreulichsten Aussichten, und vielleicht war der Rand desselben bald erreicht und ein schützendes Obdach in der Nähe. Schon länger als eine Stunde war er so herumgeirrt und wollte die Zeit nicht verloren haben. Auch konnte der Gewitterregen, so heftig er niederströmte, unmöglich lange anhalten.

Er suchte sich also weiter einen Weg, indem er nun dem Laufe des Wassers folgte, das aus Hunderten von schmalen Erdrinnen zwischen Hecken und Steinen einen Abfluß anstrebte. Der Sturm ließ nach, der Regen floß mit längeren Unterbrechungen. Nach einer Weile wurde es plötzlich hinter den Baumstämmen lichter, und das gleichmäßige Rauschen, das sein Ohr ganz deutlich aus der Nähe vernahm, konnte nicht durch die Bewegung der Laubkronen verursacht sein. Nach wenigen Schritten schon überzeugte er sich, daß er sich an dem Ufer eines breiten Stromes oder Landsees befand, der hohe Wellen schlug und in den die Regenbäche geräuschvoll einmündeten. Er entschloß sich, rechts abzubiegen, weil sich nach dieser Seite hin das Ufer erhöhte, der Waldboden also weniger naß zu werden versprach.

Nach einigen Minuten gelangte er zu einer wallartigen Erhöhung des Erdreichs. Sie war zu geradlinig, als daß sie der Natur ihr Entstehen hätte verdankt haben können. Weiter ab vom See zeigte sich auch die Spur eines Grabens, und indem er ihr folgte, kam er an eine scharfe Ecke, hinter der sich Wall und Graben fortsetzten. Er zweifelte nun nicht mehr, hier eine menschliche Ansiedlung zu finden, band sein Pferd mit dem Zügel an einen Baumast und kletterte die ziemlich steile Böschung hinan, sich erst einmal in der Umwallung umzuschauen.

Noch hatte er die Krone nicht erreicht, als sich vor ihm eine graue Gestalt aufrichtete. Eine fistulierende Stimme redete ihn mit heftigen Worten in einer Sprache an, die er nicht verstand. Da inzwischen der Himmel klar geworden war, vermochte er im Dämmerlicht zu erkennen, daß er ein altes Weib vor sich hatte, das beschäftigt gewesen war, mit einem langen Messer Wurzeln auszustechen. Gute Frau, sagte er freundlich, ich bin verirrt und suche ein Obdach für mich und mein Pferd. Wenn Ihr mir's nachweist, soll es Euer Schade nicht sein.

Hier kein Haus, kein Stall – zurück da! antwortete die Alte in gebrochenem Deutsch, indem sie sich ihm drohend mit dem Messer entgegenstellte.

Das kann nichts helfen, meinte er, ich muß ein Unterkommen für die Nacht haben, und wenn Ihr Euch nicht auf leichte Weise ein Stück Geld verdienen wollt, so behalte ich's in der Tasche und gehe allein dem Rauch nach, der mir von dort her in die Nase steigt. Nun? –

Die Alte vertrat ihm den Weg. Teufel soll holen! rief sie. Hier nichts zu suchen – keine Rauch, keine Mensch – fort da, oder –!

Es folgten wieder heftige Reden in der fremden Sprache, die wie Flüche klangen. Das Messer blitzte.

Er schob sie beiseite, daß sie ins Gras taumelte, und stieg weiter den Wall hinauf. Die Alte aber steckte zwei Finger in den Mund und ließ einen schrillen Pfiff ertönen, mehrmals in kurzen Absätzen. Nun hatte er aber auch die Höhe erreicht und erkannte im innern Wallraum unter den Bäumen die Dächer von niedrigen Hütten. Ihm fiel ein, was Freund Hans von einem solchen umwallten Wohnplatz der heidnischen Preußen am Melno-See erzählt hatte, und er zweifelte nicht, daß er sich in denselben verirrt habe. Dann kannte auch das Haus des Waldmeisters nicht fern sein.

Aus den nächsten Erdhütten krochen Männer und Weiber heraus, offenbar durch den Pfiff der Alten aus ihrer Nachtruhe aufgeschreckt. Sobald sie des Fremden ansichtig wurden, gingen sie auf ihn zu. Einige von ihnen liefen in einiger Entfernung über den Wall, wahrscheinlich um sich zu vergewissern, ob man's mit noch mehreren Angreifern zu tun habe. Der Junker brachte nochmals sein Anliegen vor. Ein Mann mit langem weißem Bart in einem bis zu den Waden reichenden, von einem einfachen Ledergurt zusammengehaltenen grauen Rocke trat nun vor und gab ihm mürrisch zu verstehen, daß hier seines Bleibens nicht sein dürfe. Arme Leute hier wohnen, sagte er, nicht haben ein Bett, nicht haben warme Decken.

Aber Ihr habt ein Dach, unter dem Ihr schlaft, entgegnete Heinz, und könnt auf der Herdstelle ein Feuer anzünden, an dem ich meine nassen Kleider trockne. Ich lasse mich so nicht abweisen. Gehört Ihr nicht der Gutsherrschaft von Buchwalde? Dorthin will ich morgen in der Frühe, und wenn ich klage, daß Ihr den Gast unfreundlich behandelt habt, wird es Euch schlecht gehen.

Arme Leute – freie Leute – wohnen im Walde – keinen Herrn erkennen, antwortete der Graubart. Aber der Name Buchwalde hatte doch augenscheinlich Eindruck auf die Umstehenden gemacht; sie steckten die Köpfe zusammen und schienen zu beraten, was weiter mit dem Fremden anzufangen.

Heinz wurde ungeduldig. Wenn ihr mich nicht herbergen wollt, sagte er, so zeigt mir wenigstens den Weg zum Waldmeister Gundrat, der ja hier in der Nähe hausen muß.

Auf den häßlichen Gesichtern der Leute zeigte sich ein grinsendes Lachen.

Kennen den Mann? fragte der Alte.

Ich kenne ihn gar gut, antwortete Heinz zuversichtlich, er ist mein Freund.

Ah – kein Mensch Freund, nix Freund – kennen schlecht, hieß es darauf, nicht aufnehmen in Haus – keinen lassen ein.

Das wollen wir sehen. Wie weit ist es bis dahin?

Kleinen Viertelstunden.

So gebt mir jemand mit, der mich zu ihm führt; ich habe nicht Lust, mich von neuem im Walde zu verirren. Lieber ist mir's freilich, im Försterhause als in einer eurer Erdhütten zu nächtigen.

Sie berieten wieder. Waistute soll begleiten, wurde er dann beschieden, und sogleich trat auch ein junger Mensch in zerlumptem Kleide vor und gab ihm durch einen Wink zu erkennen, daß er ihm folgen solle.

Der Junker warf den Leuten einige Pfennige zu. Nehmt auch mein Pferd mit, rief er, da der Junge sich in entgegengesetzter Richtung entfernen wollte, es ist unten angebunden.

Er ging nun wieder zurück nach der Stelle, wo er das alte Weib getroffen hatte, und meinte, von da mit Leichtigkeit den Baum finden zu können, an dem er den Gaul zurückgelassen hatte. Wie er aber auch in der ganzen Umgegend suchte, das Tier war spurlos verschwunden. Er machte Lärm, schlug an sein Schwert und drohte mit wilden Worten, dem Gesindel den Garaus zu machen, wenn sie ihm nicht das Pferd herbeischafften. Vergebens. Nicht wissen, wo Pferd sein, war die Antwort, nicht geben zu verwahren – hat Wolf gefressen – viele Wolf im Walde.

Ich will den diebischen Wolf morgen schon finden, rief der Junker, und wenn er zwei Beine hat, soll er an demselben Baume hängen, unter dem das Pferd gestanden hat. Er konnte für jetzt nichts tun und folgte daher dem Jungen, immer die Hand am Schwertgriff, da er auf einen Überfall gefaßt war.

Heinz blieb jedoch unangefochten. Nach wenigen Minuten hatten sie einen Waldpfad erreicht, und nach einer Viertelstunde sah der Junker vor sich an der Seite einer kleinen Wiese das Haus des Waldmeisters. Soviel er im schwachen Dämmerlicht erkennen konnte, war es aus rohen Fichtenstämmen ziemlich kunstlos zusammengefügt und mit einem weit überstehenden Dache von Baumrinde versehen, die durch aufgelegte Steine festgehalten wurde. Fenster ließen sich nicht erspähen; über der Tür war ein mächtiges Elchgeweih angebracht und eine große Eule mit ausgebreiteten Flügeln festgenagelt.

Waistute wollte entwischen, der Junker hielt ihn aber am Arm zurück. Erst muß ich eingelassen sein, sagte er, dann kannst du deiner Wege gehen. Er klopfte an die Tür. Sogleich ließ sich von einem stallartigen Anbau her Hundegekläff vernehmen.

Waldmeister sehr böse sein, versicherte der Junge, gleich schlagen tot, weil Haus zeigen an. Viel verboten.

Heinz versprach ihn zu schützen. Im Hause blieb alles still. Er klopfte in Absätzen stärker und stärker, zuletzt mit dem Griff des Schwertes.

Endlich wurde innen ein Geräusch wie von einer zuschlagenden Tür vernehmbar, und durch die Ritzen zwischen den Balken drang Lichtschein. Wer, zum Teufel, ist da draußen? fragte eine rauhe Stimme.

Ein Fremder, antwortete der Junker, der im Walde verirrt ist und dem das Gesindel im alten Preußenwall das Pferd gestohlen hat. Laßt mich ein und gebt mir ein Nachtquartier.

Mein Haus ist keine Herberge, tönte es zurück. Schert Euch zum Teufel und weckt mich mit Eurem verdammten Klopfen nicht wieder aus dem Schlaf!

Das kann leicht so kommen, wenn Ihr nicht gutwillig öffnet. Ich bin fest entschlossen, nicht von der Stelle zu weichen.

Ich sage, schert Euch zum Teufel, wenn Ihr Euer Leben lieb habt. Klopft Ihr noch einmal, so breche ich Euch alle Knochen im Leibe entzwei.

Hoho, Ihr seid ein grober Wirt! Aber mich schreckt Ihr nicht so leicht, und meine Knochen sind fester als Ihr glaubt. Macht auf, oder ich drücke die Tür mit der Schulter ein!

Innen erscholl ein grimmiges Lachen. Ihr seid ein Prahlhans! Und nun habt Ihr Euren Bescheid – laßt mich in Ruh!

Heinz verstand keinen Spaß. Er stemmte sich so kräftig gegen die Tür, daß die lose zusammengefügten Bretter knackten und das Riegelband loszureißen drohte. Himmeldonnerwetter, fluchte der Waldmeister, werft mir das alte Haus nicht um! Wer seid Ihr denn?

Der Junker ließ ab und schöpfte Luft. Ein guter Bekannter von Danzig her, antwortete er. Habt Ihr denn vergessen, Gundrat, was Euch dort an der Stadtwaage begegnet ist? Hätt' ich Euch nicht geholfen, Ihr säßet vielleicht heute noch im Stockturm.

Wie, der Junker von Waldstein?

Derselbe.

Ja, warum sagt Ihr das nicht gleich? Soll ich Euch an der Stimme erkennen? Wenn's so ist – in drei Teufels Namen, tretet ein! Er schob den Riegel zurück; die Tür öffnete sich knarrend.

Flucht nicht so gotteslästerlich, Alter, sagte Heinz, indem er über die Schwelle und in den Lichtschein trat, den die Kienfackel durch den schmalen Raum verbreitete. Bin ich's nun, oder bin ich's nicht? Warum glotzt Ihr mich so an?

Gundrat schlug ein Kreuz über die Brust. Gott steh mir armem Sünder bei, antwortete er, Ihr seid es, Luzifer mag wissen, wer Ihr eigentlich seid! Er zeigte nach einer Öffnung in der Seitenwand. Da hinein, wenn's Euch beliebt, Junker. Ein bequemes Lager hab' ich Euch nicht zu bieten, aber die Waldstreu ist trocken, und meine wollene Decke will ich Euch abtreten.

Er schloß vorsichtig wieder den Riegel der Haustür, folgte ihm dann in das Gemach und steckte die Kienfackel in einen Ring an der berußten Wand. Da ist das Lager.

Heinz sah sich in dem halbdunklen, kahlen Raum um und schüttelte den Kopf. Hört, Waldmeister, sagte er, so billig ist Eure Gastfreundschaft nicht. Mich hungert tüchtig, müßt Ihr wissen, und ich bin naß wie eine Katze, die man aus dem Wasser gezogen hat. Da ist ein Ding, das allenfalls wie ein Kamin aussieht, und ein Haufen Holz liegt daneben aufgeschichtet. Ein Feuer für meine Kleider wäre mir lieb, und wenn Ihr dem knurrenden Magen etwas zu bieten habt, will ich's Euch danken.

Der Alte brummte etwas in den grauen Bart, warf aber doch einige Scheite auf die Ziegelplatte und setzte sie in Brand. Bald wirbelte der Rauch auf und suchte sich einen Abzug durchs Dach. Euch hungert also – gut! Ich will Euch anbieten, was ich habe, weil Ihr's in Danzig um mich verdient habt. Das nichtsnutzige Krämervolk! Er öffnete einen Eßschrank, der mehrere Fächer hatte. Das Brot ist alt, Junker; nur wöchentlich einmal schickt mir's der Bäcker in Rheden hinaus. Aber da habt Ihr einen Topf mit Honig von meinen Waldbienen dazu. Der Schafkäse wird Euch nicht schmecken, er ist steinhart geworden, und zu diesem Flicken getrocknetes Fleisch gehören gute Zähne. Versucht's! Da fällt mir ein, daß ich in dem Fläschchen Danziger Feuerwasser, das ich mitbrachte, noch einen guten Schluck zurückgelassen habe. Es geht warm durch alle Glieder. Da – stärkt Euch!

Heinz hatte sein Wams abgezogen und auf die Stange am Herde gehängt, sich auch der schweren Stiefel entledigt. Er setzte sich auf den Baumklotz, der als Stuhl neben einer bunt gemalten Lade stand, deren Platte zugleich als Tisch diente, und ließ sich Speise und Trank gut schmecken. Der Alte, der sich an seinen Gast zu gewöhnen schien, holte auch noch einen Krug Met aus einem Kellerloch vor und schenkte für sich und ihn ein. Er erkundigte sich nun auch, wo der Junker herkomme und wie er sich hierher verirrt habe, auch was es mit dem Pferde für eine Bewandtnis gehabt, immer freilich in seiner knurrigen, unfreundlichen Weise. Dabei sah er den Gast mitunter aus seinen tiefeingesunkenen Augen so prüfend an, als habe er noch ganz andere Fragen auf den Lippen.

Nun geht zur Ruhe, sagte er, als der Junker gesättigt schien, es ist spät geworden. Er warf ihm aus seiner Bettstelle die Decke auf die Streu in der Ecke und nahm für sich selbst einen Mantel von einem Pflock an der Wand. Die Kienfackel löschte er aus. Heinz streckte sich auf das weiche Moos und schlief bald ein. Mehrere Stunden lang mochte er in tiefem Schlaf gelegen haben, als eine wundersame Helle sich um ihn verbreitete. Es war ihm, wie wenn er von der Erde aufgehoben und fortgetragen werde, höher und höher und in immer lichtere Räume. Er sah darin Gestalten auf und ab schweben, alle wie in Licht gebadet und selbst leuchtend, und erkannte Maria und seine Schwester Waltrudis. Endlich wurde der Glanz so scharf, daß die geblendeten Augen Schmerz empfanden. Er wollte sich abkehren, aber es gelang bei aller Anstrengung nicht. Darüber wachte er auf.

Es war wirklich hell im Gemach, seinem Blick bot sich aber jetzt eine schreckhafte Erscheinung. Neben seinem Lager stand der alte Waldmeister, nur bekleidet mit einer engen Lederhose und einer wollenen Jacke, die über der Brust weit offenstand und so die ungemeine Magerkeit des Körpers erkennen ließ, der nur ein mit Haut überspanntes Knochengerüst zu sein schien. Er hatte in der linken Hand eine hell flackernde und knisternde Kienfackel, in der rechten aber das lange, nackte Weidmesser und prüfte mit gierigem Blick dessen Spitze auf dem Daumennagel der Hand, welche die Fackel trug. So eifrig war er damit beschäftigt, daß er nicht bemerkte, wie der Schlafende die Augen öffnete. Nur einen Augenblick freilich starrte der Junker ihn an, unsicher, ob er wache oder träume; dann gab er sich gewaltsam mit den Armen einen Stoß und saß nun aufrecht, alle Muskeln zu einem Sprunge gegen den Angreifer gestrafft.

Gundrat erschrak über diese plötzliche Bewegung aufs heftigste. Er taumelte einige Schritte zurück und ließ die Fackel zur Erde fallen. Sie erlosch dort nicht, drohte aber die hölzerne Bettstelle in Flammen zu setzen. Heinz sprang auf, riß sie an sich und beleuchtete seinen Wirt, der leichenblaß und zitternd an allen Gliedern dastand, den Arm mit dem Messer herabgesenkt. Mörder! rief er empört.

Mörder, wiederholte der Alte lallend. Mörder –

Was tat ich dir? fragte der Junker, indem er näher trat und ihm die Waffe aus der Hand nahm. Ich sah dich vorher nur einmal, und da erwies ich dir eine Guttat. Jetzt bin ich dein Gast, und ich war wehrlos und schlief. Warum wolltest du mir ans Leben?

Gundrat schüttelte den Kopf. Nicht Euch, nicht Euch – antwortete er mit matter Stimme. Diese Brust – wollte ich treffen, diese Brust. – Er faßte mit beiden Händen das wollene Hemd und zerrte es von den knochigen Schultern.

Und deshalb standest du mit dem Windlicht vor meinem Lager, rief Heinz hell auflachend, und prüftest über mir die Schneide des Messers! Glaubst du mit einem Narren zu sprechen?

Lacht nicht, Junker, lacht nicht – bat der Alte mit fast kläglichem Tone. Ich bin ein unglücklicher Mann und lange des Lebens satt. In dieser Nacht aber überkam es mich mit unwiderstehlicher Gewalt, daß ich ein Ende machen müßte. Das hat guten Grund, glaubt mir, guten Grund. Schon in Danzig bei hellem Tage – aber mehr noch gestern, als Ihr in mein Haus tratet – Ihr habt etwas, das mich anzieht und abschreckt zugleich. Ich kann das Auge nicht von Euch lassen, und finde doch nicht, was ich suche. Meine Gedanken aber werden rückwärts gezogen in eine ferne Zeit, und da steht vor ihnen eine schwere Tat, die unsühnbar mein Gewissen belastet. Ich floh vor ihr in diese Einsamkeit, und entfloh ihr doch nicht. Es ist Zeit, ein Ende zu machen.

In des Jünglings Gemüt kämpften die Empfindungen des Abscheus und des Mitleids. Das Mitleid siegte. Er faßte den Arm des Alten und führte ihn nach dem Klotz neben der Lade, drückte ihn sanft auf denselben hinab und lehnte ihn mit dem Rücken gegen die Wand des Kastens. Ihr scheint zu träumen, sagte er, und es ist augenscheinlich nicht ohne Gefahr, Euer Schlafgeselle zu sein. Ich kenne Euch als einen jähzornigen Mann, dem gar leicht das Messer in die Hand fliegt, und wenn es einmal den Unrechten trifft –

Ich schwöre Euch, Junker, unterbrach Gundrat, es war auf mein eigenes Leben abgesehen. Aber wie ich nun auf meinem Bette lag und nach dem Weidmesser hinter mir an der Wand griff, tanzte darüber der bleiche Schein von den glimmenden Kohlen auf der Herdstelle wie ein Gespenst hin, daß ich erschrak und mich umschaute, und da sah ich Euch liegen und konnte Euer Gesicht doch nicht genau erkennen. Und es war mir, als ob ich es genau erkennen müßte. So ließ es mir keine Ruhe, bis ich aufgestanden war und in die Kohlen geblasen und die Kienfackel angesteckt und über Euch gehalten hatte. Da erwachtet Ihr.

Und was ist das für eine Tat, von der Ihr sprecht? fragte Heinz teilnehmend. Keine ist unsühnbar, als die gegen Gott selbst gerichtet war.

Der Alte ließ den Kopf auf die Brust sinken. Diese doch – diese doch, antwortete er. Es wäre Gotteslästerung, zu behaupten, daß ein Priester sie vergeben könne. Eine schwerere Buße, als die er auszudenken vermöchte, habe ich mir selbst auferlegt, aber das Gewissen schweigt nicht und verwirrt mir die Sinne, daß ich mit Augen sehe und mit Ohren höre, was nicht da ist, und mein Leben lang bin ich ein elender Mann. Oh – oh – oh!

Er seufzte aus tiefster Brust und starrte wie abwesend vor sich hin.

Erleichtert Euch, bat Heinz, indem er sich seitwärts auf die Lade setzte. Teilt mir mit, was Euch so schwer bedrückt.

Ich werde Euch nicht helfen können, aber auch das schon ist Trost, mit seinem Leide nicht mehr allein sein zu dürfen.

Der Waldmeister nickte. Es ist Trost. Und Ihr gerade. – Es mag Sinnenverblendnis sein, wie der Teufel denn allemal gern mit sündigen Seelen spielt; aber Ihr habt nun einmal diese traurige Erinnerung wieder in mir geweckt – sei's drum! Ihr sollt alles erfahren. Einen jähzornigen Mann habt Ihr mich genannt, Junker, und Ihr sollt recht haben. Als Knabe war ich schon von heftiger Gemütsart, und wenn mir das Herz schwoll, achtete ich nicht darauf, ob ich einen oder zehn gegen mich hatte, sondern schlug zu, wohin ich traf. Aber das Herz schwoll mir nur, wenn ich Unrecht litt oder Unrecht sah; sonst war ich in allem bedacht und gut zu leiden. Das war mir aber mitgegeben von meiner Mutter, einer Friesin, die schwere Schicksale erlebt hatte und durch arge Ränke der Feinde ihrer Familie um Haus und Hof gebracht war, daß sie nun in der Fremde Dienst tun mußte. Als sie meinen Vater heiratete, verlangte sie dessen Schwur, daß er sie rächen wollte, und er leistete ihn. So trug sie sich immer mit Gedanken, ob es schon an der Zeit sei, und nährte im stillen ihren Zorn. Als ich sechs Jahre alt, zog mein Vater aus, der Mutter Erbe zurückzugewinnen. Er verbündete sich mit anderen Unzufriedenen, und es kam zum Schwertkampf. Er erlag. Meine Mutter hatte seitdem keinen frohen Tag mehr. Sie verzweifelte an Gottes Gerechtigkeit und starb im Wahnsinn. Meiner hatte sich ein vornehmer Herr angenommen, der über viel Land und Leute gebot und auch große Waldungen sein Eigentum nannte. Er gab mich zu einem Waldwart und setzte mich, als ich erwachsen und in jedem weidmännischen Brauch wohl erfahren war, selbst in ein Jägerhaus ein. Es lag fern vom Schloß, nahe der Grenze, und selten sah ich andere Leute als Holzschläger und Wilddiebe. Aber mir war es nicht einsam, seit ich ein Weib gefunden hatte, das mich von ganzem Herzen liebte. Gott schenkte uns auch ein Töchterchen, ein wundersam schönes Kind, und nun war unser Glück voll.

Er stützte den Kopf in die Hand und schien ganz in Gedanken verloren. Nach einer Weile fuhr er fort: Ja, sie war wundersam schön, die Kleine. Sie hatte ihrer Großmutter, der Friesin, lichtes Haar, und sah aus wie heller Sonnenschein. Meine Frau hatte ihr ein rotes Käppchen gemacht, und nun nannten wir sie unser Rotkäppchen, und ich sagte immer: sie kann durch den tiefsten Wald gehen ganz allein, Bär und Wolf tun ihr nichts an. Wie Mechthild dann schlank aufwuchs, hatte jeder seine Freude, sie zu sehen, und wo sie sich zeigte, wurde es still, und selbst die rohen Waldleute wagten in ihrer Nähe kein unzüchtig Wort. Wir aber lehrten sie, was wir wußten, und waren ihrer Liebe froh. So wurde sie sechzehn Jahre alt und ging in ihr siebzehntes, und hatte von der Welt noch gar wenig gesehen. Da veranstaltete mein gnädiger Herr im Herbst eine große Jagd und kam mit vielen Gästen von hohem Adel, lustigen Junkern und stattlichen Knechten, und lag drei Tage lang in meinem Hause und in den Waldhütten rundum, die wir aus Baumzweigen erbaut hatten, und sagte beim Abschied: Ich bin zufrieden mit dir, Meinhard, du hast uns gut aufgenommen, und in deinem Walde jagt sich's gut. Und schenkte meiner Frau ein feines Tuch zum Kleide und meiner Tochter ein güldenes Kettlein, um den Hals zu tragen. Das gefiel ihr sehr, und sie putzte sich gern damit in aller Unschuld. Nun könne sie wohl auch zu Hofe gehen, meinte sie, und würde überall angesehen sein. Darüber lachten wir und dachten bei uns: sie weiß nicht, wie schön sie ist, und daß das Kettlein sie nicht schöner macht.

Wieder schwieg er und nickte mit dem Kopfe und lächelte ganz eigen. Dann erzählte er weiter: Kurze Zeit darauf geschah es, daß ein junger Bursche zu mir kam und einen Brief von meinem gnädigen Herrn brachte. Darin stand, daß er guter Leute Kind sei und ein Jäger werden wolle, und daß ich ihn unterweisen möge in allem, was ich von Wald und Wild wüßte. Er nannte sich Leuthold und war kräftig gewachsen und hatte krauses, blondes Haar wie Ihr, Junker. Ich nahm ihn bei mir auf, wie mir geboten war, und fand ihn willig in allem, was ich ihm aufgab, so daß ich ihn lieb gewann. Es war mir auch wenig zuwider, daß er sich oft den Grenzleuten als ein herrischer und gewalttätiger Geselle zeigte, da er gute Ordnung schaffte und seinen Übermut niemals gegen mich kehrte. Den Frauen erwies er alle Höflichkeit. Mechthild wollte ihn unter meines gnädigen Herrn Jagdgesellschaft bemerkt haben, und er lachte dazu und stritt es nicht ab. Bald wurde es mir auch gewiß, daß er des Mädchens wegen gekommen war, und dagegen könnt' ich nichts haben. Ein braver Jägersmann wäre mir schon recht gewesen zum Schwiegersohn, und wollt' er mein Nachfolger werden im Waldhause, so hätten wir uns von unserem Kinde nicht zu trennen brauchen. Auch ein Blinder mußte es merken, daß Mechthild Gefallen an ihm fand, und daß er rasch ihr junges Herz gewann. Einmal überraschte meine Frau die beiden, wie er sie bei den Händen hielt und ihr viel freundliche Worte sagte. Da meint' ich, es sei an der Zeit, einzusprechen, daß nichts Unziemliches hinter unserem Rücken geschehe, nahm ihn mit mir in den Wald und sprach ihm ins Gewissen, daß er uns das Mädchen nicht verstören solle, wenn er nicht redliche Absichten habe, und daß er in allen Ehren um sie werben oder mein Haus meiden müsse. Darauf gestand er, daß er Mechthild liebe und in Ewigkeit nicht von ihr lassen wolle. Was er mir aber sonst noch vertraute, gefiel mir wenig. Er sei nicht, wofür er sich ausgegeben habe, sondern aus einem edlen Geschlecht, wenn auch ein jüngerer Sohn, sei nicht unter meines gnädigen Herrn Dienerschaft, sondern unter seinen Gästen gewesen, habe Mechthild gesehen und gleich beschlossen, seinem Herzen zu folgen. Deshalb habe er seinem Jäger Leuthold das Schreiben ausgewirkt und dann selbst davon Gebrauch gemacht. Seinen rechten Namen müsse er verschweigen; vielleicht daß er ihn nie mehr annehme. Denn lieber wolle er auf Wappen und Erbe als auf des Mädchens Liebe verzichten. Auf dieses Wort möge ich ihm Glauben schenken und sein Werben nicht hindern; er hoffe sich wohl künftig mit seiner Familie zu versöhnen, und wenn Mechthild sein Weib sei, werde man sie ihm nicht nehmen können. Das war nun aber nicht nach meinem Sinn. Das Blut trat mir in die Stirn, und ich sagte ihm zornmütig: Nach alledem seid Ihr, wie Ihr's auch wenden mögt, ein Lügner oder ein Schelm oder beides zugleich. Mich und mein Weib und mein Kind habt Ihr hintergangen; Ihr habt Euch eingeschlichen in mein Haus, um mein Mädchen zu berücken, und wenn Ihr seid, wofür Ihr Euch ausgebt, so wißt Ihr am besten, daß Mechthild Euer Weib nicht werden kann. Deshalb laßt ab von ihr und geht auf der Stelle, daß Ihr nicht Schimpf über uns bringt. Nie erwartet von mir, daß ich Euch zu so unredlichem Tun die Hand biete. Mein Jäger Leuthold seid Ihr nicht mehr; wer Ihr sonst seid, das möget Ihr offen beweisen, wenn's Eurer Sippe genehm ist, daß Ihr eines Waldwarts Tochter heimführt. Das ist Euer Bescheid. – Da brauste er auf und nannte mich einen harten Mann und schwor bei allen Heiligen, daß er reine Absicht habe, und bat mich fußfällig, ihn nicht von dem Mädchen zu trennen. Ich aber blieb fest, wie es meine Pflicht war, und sagte ihm ab. Da gab's in meinem Hause viel Klage und Herzeleid, und ich sah wohl ein, wie weit er's schon heimlich getrieben hatte. Mechthild wollte sich nicht scheiden von ihm; in ihrer Herzenseinfalt verstand sie gar nicht, wie da ein Unterschied sein könnte zwischen Mensch und Mensch, und warum man es ihm verwehren wolle, ihr Leuthold zu sein und im Walde zu bleiben. Mein liebes Weib aber wurde weich und sprach ihr das Wort und meinte, es könne sich ja doch zum Guten wenden, wenn er treu und ehrlich an unserem Kinde festhalte seiner Sippe zum Trotz. Ich stand fest und hatte zuletzt meinen Willen – aber des Kindes Liebe und Vertrauen waren hin.

Er drückte die Hand auf die Augen, zog sie aber bald wieder fort und schien etwas von sich stoßen zu wollen. Ich will's kurz sagen, begann er wieder. Nur daß Ihr begreift, wie ich – und Ihr werdet es doch nicht begreifen. Aber hört zu! Leuthold verließ mein Haus, wie ich's begehrte, und ich sah ihn nicht wieder. Den Wald verließ er nicht. Ein Köhler gab ihm Obdach, und den Tag über hielt er sich vor mir versteckt, in der Nacht aber umschlich er das Haus, und die Hunde bellten nicht, weil sie ihn kannten. Ich erfuhr's erst, als das Unglück geschehen war. Eines Morgens blieb Mechthild ungewöhnlich lange in ihrer Kammer; mein Weib ging hinauf, sie zu wecken, und kam händeringend zurück und schrie, sie sei verschwunden. Da wußten wir alles: der Bube hatte sie uns entführt. Vater und Mutter hatte sie verlassen und war dem Manne nachgegangen, der sie um ihre Ehre betrog. Unser Kind – unser einziges Kind! Wie ein wildes Tier jagte ich durch den Wald, die Spur des Räubers zu entdecken. Aber er kannte ja alle geheimsten Schleichpfade und Klüfte besser als ich. Vergebens, alles vergebens! Und wäre sie noch zu retten gewesen? Uns war sie ewig verloren. Drei Tage lang nahm ich nicht Speise noch Trank; meine Augen konnten nicht naß werden, das Herz lag mir in der Brust wie ein Stein. Das hatte mein Kind mir getan!

Und Ihr habt nichts weiter von Mechthild erfahren? fragte Heinz, der mit wachsender Spannung zugehört hatte.

Der Alte lachte auf wie ein Wahnsinniger. Sagt' ich Euch nicht, daß eine schwere Schuld mein Gewissen belaste? Oder meint Ihr, das sei schon Schuld genug, daß ich mein Kind vor dem Verderben retten wollte und seinem Herzen Gewalt antat? Ihr könnt recht haben, denn die Welt hat sich sonderbar verkehrt. Ich aber meinte getan zu haben, was ich vor Gott verantworten konnte, der mir dieses Leben anvertraute, und ich hielt mein Kind für schlecht und undankbar, daß es sich so von unseren Herzen löste. Ein Jahr verging – mein Weib starb vor Gram – und noch ein Jahr und noch ein Jahr. Im vierten aber ward ich weit über Land geschickt von meinem gnädigen Herrn, nach Böhmen hinein, wo sein Vetter, der edle Vogt von Plauen, große Wälder besaß, die wenig Nutzen brachten. Ich sollte sie einforsten und Waldwärter ansetzen und sie mit Weisung versehen. Als ich nun eines Tages ganz allein den Wald durchschritt und Merkzeichen in die Stämme kerbte, daß ich den Weg wiederfinden möchte, kam ich von ungefähr zu einer Stelle, wo viel Steine zusammengeschichtet und Fichtenstämme mit allem Geäste darüber hingestreckt lagen, als ob sie der Sturm niedergeworfen hätte. Ich schaffte mir aber freie Bahn und trat in den Raum ein und stieß bald auf eine Waldhütte, die sich an das Gestein lehnte. Ein kleiner Knabe spielte vor der offenen Tür mit einer Dogge. Die fuhr mich wild an, als ich mich näherte, daß ich sie durch einen Schlag abwehren mußte, und floh dann heulend ins Haus. Gleich darauf aber erschien auf der Schwelle eine junge Frau mit einem Kinde auf dem Arm und rief ängstlich: Heinrich, wo bist du? Die Stimme schlug mir bekannt ans Ohr, und das Weib – allmächtiger Gott, es war meine Tochter. Sie sah mir ins Gesicht und wurde kreidebleich und stand da wie vom Schreck gelähmt. Dann, mit einem gellenden Aufschrei, stürzte sie mir entgegen und wollte sich an meine Brust werfen. Ich aber konnte meine Arme nicht ausbreiten, sie zu empfangen. Vater! rief sie und taumelte zurück und legte das Kind zu dem Knaben ins Gras und bedeckte das Gesicht mit den Händen. Hast du einen Vater? fragte ich. Sie schluchzte. Und wenn du einen Vater hast – eine Mutter hast du nicht mehr! Sie ist dem Gram um dich erlegen. Da sank sie in die Knie und rang die Hände, aber mir wollte kein Mitleid noch Erbarmen kommen. Sind das deine Kinder? fragte ich. Sie stand auf und trat vor sie hin wie zu ihrem Schutz und sagte: sie sind es. – Und du bist sein eheliches Weib geworden? fragte ich weiter, halb toll vor Schmerz. Sie sah mich bittend an und antwortete bebend: Vater – wir lieben einander! Da schwoll mir das Herz vor Zorn und schwoll und schwoll wie ein giftiger Lindwurm; das Blut schoß mir ins Gehirn und in die Augen. Verworfene! rief ich und ballte die Faust und streckte sie nach ihrer Stirn aus. Da war's, als ob der Teufel mich gepackt und plötzlich dicht vor sie hingestellt hätte. Ich fühlte einen Widerstand, und vor und unter mir sank die Gestalt zusammen – lautlos. Ich sah nichts recht: die Waldhütte und das Gestein und die Bäume gingen mit mir im Kreise herum, bis ich taumelte und zu Boden fiel. Da faßte ich eine schlaffe Hand – einen Arm – eine Schulter, da griff ich in das weiche Haar. Ich riß gewaltsam die Augen auf – da blickte ich in ein bleiches, lebloses Antlitz, und auf der Stirn – mitten auf der Stirn war ein blauer Fleck. Ich warf mich über sie, ich rüttelte sie, ich küßte sie, ich gab ihr tausend süße Namen, auf die sie als Kind gehört hatte – sie regte sich nicht, sie war tot –, ich hatte sie erschlagen. Aus dem Wipfel der Tanne hinter der Hütte flogen zwei Raben auf und umkreisten mich krächzend. Wildes Entsetzen erfaßte mich. Mörder – Mörder! hörte ich über mir rufen. Ich raffte mich auf vom Boden, durchbrach die Hecke, lief wie gepeitscht waldeinwärts – immer weiter, immer weiter, bis ich zusammenbrach. Und nach kurzem Schlaf weiter den ganzen nächsten Tag, und so am dritten weiter, fast ohne Rast. Ich kam über das Gebirge, bettelte mich durch Schlesien, durch Polen nach Preußen hinein. Da setzte ich über den breiten Fluß und suchte wieder den finsteren Wald, mich zu verstecken vor der Sonne, die meine Tat wußte. Hier brach ich zusammen vor Hunger und Elend, und wäre gestorben, wenn sich nicht die Leute im Heidenwall meiner erbarmt hätten. Und so bin ich nach vielen Monden wieder gesundet und habe beschlossen, Gott nicht weiter zu versuchen und zu bleiben, wo er mich niedergeworfen hatte, und abzuwarten, was er über mich weiter verhängen wolle. Abnehmen kann er mir die Last nicht, die ich meinem Herzen aufgebürdet habe, und täglich hängt sich der Teufel daran und will sie noch schwerer machen. Nun treibt er sein Gaukelspiel mit Eurem Krauskopf und scheucht mich auf vom Bett und heißt mich, die Fackel über Euch halten. Ah, warum habt Ihr mich nicht gewähren lassen?

Er sprang auf, riß die Fackel aus dem Ring und warf sie auf den Herd, daß die Funken aufstoben. Es wurde dunkel im Gemach, aber durch die Ritzen in den Wänden und im Dach blickte schon mattes Tageslicht. Heinz rührte sich nicht von der Stelle. Die Leidensgeschichte seines Wirtes hatte ihn aufs tiefste erschüttert. Er vermochte kein Wort darauf zu sagen, und auf das, was er noch zu fragen gehabt hätte, konnte der Alte keine Antwort geben. Es lag ihm im Sinne, was aus den Kindern geworden wäre, und ob der Mann sie neben dem toten Weibe noch lebend angetroffen hätte. Der Waldmeister ging eine Weile mit raschen Schritten auf und ab, unverständliche Laute vorstoßend und die Faust gegen seine Stirn drückend. Dann blieb er stehen und lachte auf. Ist's nicht toll, rief er, daß man über so etwas hinwegleben kann, Junker? Ihr seid wie auf den Mund geschlagen, und ich will's Euch nicht übelnehmen. Es ist Narrheit, daß ich Euch mit meinem Leid beschwere. Was geht's Euch an? Aber nun schlaft; Ihr habt noch ein paar Stunden Zeit. Ich will indes zusehen, ob ich Euch das Pferd wiederschaffe. Es wird nicht leicht gelingen.

Damit warf er ein Wolfsfell als Mantel um seine knochigen Schultern, hob eine Armbrust von dem Wandpflock und verließ das Haus. Heinz hörte ihn draußen die Stalltür öffnen und den Hund freilassen. Er saß noch eine Weile auf der Lade und lehnte die Schulter gegen die Wand. Aber die Müdigkeit legte sich ihm so schwer auf die Augen, daß sie immer zufallen wollten. Deshalb hielt er's nun wirklich für das beste, dem Rate des Alten zu folgen, warf sich wieder aufs Lager, deckte sich warm zu und schlief nach wenigen Minuten schon so fest, als wäre er nie aus seiner Ruhe aufgestört worden. Glückliche Jugend!

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