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Heinrich Laube: Novellen

Heinrich Laube: Heinrich Laube: Novellen - Die Gebirgsnovelle
Quellenangabe
typenovelette
booktitleReisenovellen
authorHeinrich Laube
year1993
publisherNicolaische Verlagsbuchhandlung Beuermann GmbH
addressBerlin
isbn3-87584-435-1
titleDie Gebirgsnovelle
pages76-80
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1837
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Heinrich Laube

Die Gebirgsnovelle.

(aus dem IV. Band der »Reisenovellen«)

Es war des Sonntags, und dem Tage zu Ehren kuckte die Sonne mitunter durch die Regenwolken, daß ich Muth gewann, mich aufzumachen und auf den Bergen und Wäldern herumzuklettern.

Tief im Bergforste hatte ich Weg und Steg verloren, und es war mir sehr erwünscht, in der grünen Einsamkeit einen Burschen daherschreiten zu sehen; dem Anscheine nach war's ein Bauer, der aus der Kirche kam. Die Sonne und das Wetter hatten sein Antlitz gebräunt und gefärbt, und als ich näher zusah, da dünkte es mich, er könnte höchstens dreißig Jahre alt sein, wenn auch die Hände, welche das Gesangbuch und den Stock hielten, dick, rauh, zerarbeitet aussahen. Ich begrüßte ihn, er dankte freundlich, nahm seinen harten Sonntagsfilz ab, und beschied mich mit guter Miene meines Weges. Unterdeß holte er sein rothgeblümtes baumwollenes Sacktuch hervor und trocknete sich den Schweiß von der Stirn das gab Anlaß, ihn zu fragen, warum er so rasch gegangen sei, und da er offen und treuherzig war, so erfuhr ich, ein Stück mit ihm schreitend, seine ganze Geschichte. Ich kann seinen Dialekt nicht wiederholen, aber doch etwa die Art seiner Darstellung:

Schau'n Sie, sagt er, ich bin von dort drüben hinter dem Berge her, der nach der Hochschaar zu liegt, und wie sie mich da sehen, da bin ich ganz und gar, nur eine Jacke und ein Hemde, ein Paar stramme Lederhosen und feste Stiefeln habe ich für die Werktage, aber ich habe frisch und rüstig sein müssen um es so weit zu bringen, und weiter wird's wohl nicht möglich sein, ich hab's heute der Margareth geraderaus sagen müssen, 's ist ihr nahe gegangen und 's hat mir auch herzlich weh gethan, aber's ist nun einmal nicht anders auf der Welt.  

Ich fragte ihn nach Margarethen. –

Nu junger Herr, sagte er, daß ist die Margareth bei Müller Vincenz, sie dient schon in's vierte Jahr dort, und ist mein Schatz; aber Du lieber Gott, an's Heirathen ist halt gar nicht zu denken, das hab ich ihr heute sagen müssen, der liebe Herrgott muß es doch nicht haben wollen – nehmen Sie mir's nur nicht übel, daß ich so flink schreite, wir haben zu lange miteinander geklagt, ich und Margreth, und wenn sie sich bei unserm Bauer um den Tisch setzen und 's fehlt einer, da ist's an allen Ecken nicht recht. –

Ich hatte nichts zu versäumen, ging mit ihm und ließ mir erzählen. Diese kleinsten Verhältnisse diese unscheinbaren, und doch unübersteiglichen Schwierigkeiten, diese Ergebung in den traurigsten Zustand hatte für mich etwas sehr Ueberraschendes. So niedergeschlagen, so durchdrungen von einer innern Atmosphäre der Armuth hatte ich mir den Bauer nicht gedacht, der doch im steten unmittelbaren Verkehr mit der producirenden Schöpfung, in der Kraft körperlicher Tüchtigkeit meines Erachtens muthiger sein müßte. Aber Sommer und Winter, Saat und Ernte, die regelmäßige Wiederkehr unabänderlicher Gesetze, gänzlicher Mangel jedes Ungewöhnlichen, ununterbrochenes Ringen um das Nothdürftige drücken den Landmann unserer Tage nieder.

Andreas war der zweite Sohn seines Vaters, das kleine Haus und Gärtchen war an den Erstgeborenen gekommen, eine verlahmte Schwester mußte von diesem mit erhalten werden – sie will doch auch alle Tage essen, und wenn zwei Jahre um sind, braucht sie einen neuen wollenen Kittel, er sitzt sich zu Schanden, wenn man ihn auch nicht in der Arbeit abreißt; da mußt' ich mir denn einen Dienst suchen, und mich wacker regen, um so weit zu kommen, wie ich bin, und – nur der Himmel mag mir's vergeben, mit der Margreth hab ich mich freilich übereilt, daß ich sie zu meinem Schatze machte. Aber, junger Herr, Sie können mir's glauben, ich weiß selbst nicht, wie's gekommen ist, und als wir zum ersten Male miteinander gesprochen hatten, da dacht ich: na vielleicht schickt der Himmel ein Paar gute Jahre, und der Bruder rafft sich ein Wenig, und gibt uns die kleine Bodenkammer mit ein, wo die Schwester schläft, und was ich etwa sonst noch für Gedanken hatte. 's soll aber nicht sein: gestern Nacht kam wieder ein Frost, und hat dem Bischen Ernte des Bruders den Rest gegeben, und jetzt hab' ich's der Margreth sagen müssen.

Ich brachte ihn drauf, wie er mit Margreth bekannt geworden sei, um ihn heitrer zu stimmen.

Sehen Sie, sprach er, 's war um Georgentag, wo die vornehmen Stadtleute in Freienwalde ihre Kinder zum ersten Mal wieder barfuß gehen lassen, da kam ich Sonntags in die Kirche. 's Wetter war so schöne, daß einem das Herz im Leibe lachte, alle alten Leute, die neben mir in die Kirche nach Freienwalde gingen, freuten sich über das Frühjahr, und sagten, das könnte eine gesegnete Ernte werden: die Schneedecke war den Winter durch warm gewesen für die Saaten, und geregnet hatte es in den letzten vierzehn Tagen auch, die Winterung hatte ihre gehörige Feuchtigkeit und 's schönste Gedeihen, der alte Vater Willer Christoph sagte, wir sollten's nur nicht besprechen, und den lieben Gott schönsten's bitten. So gingen wir hier durch's grüne Holz, 's war schier grüne, wenn auch noch nicht ganz, die Vögel waren schon alle wieder da, und munter und fleißig, und wie wir dort unten auf die Lehne kamen, wo man nunter sehen kann in's Städtel, da hörten wir die Glocken in die Kirche läuten; ich kann ihnen gar nicht sagen, wie fromm und hübsch mir zu Muthe war, und sehen Sie, an demselbigen Morgen begegnete mir drunten bei den ersten Zäunen in Freienwalde Margreth, sie hatte auch ihren Sonntag just, und ging in die Kirche, und sagte zu uns „Gelobt sei Jesus Christ“, und wir sagten alle gar herzlich „in Ewigkeit Amen“. Der alte Willer Christoph aber meinte sachte zu mir: Kuck mal Andreas, das wär so a Madel!

Und von der Stunde an hab' ich sie nicht mehr vergessen können. Na, sie würde Ihnen auch gefallen, wenn Sie sie sehen sollten, sie hat ein Paar kohlenschwarze Augen, und ist schmuck groß und rüstig.

Das ging nun so den ganzen Sommer durch, wir sahen uns alle vierzehn Tage in der Kirche – denn ich hatte mir's behalten, wann sie ihren Sonntag hätte, und am Michaelstage da faßt' ich mir ein Herze, und sprach sie an, als ich sie just alleine bei den Scheunen fand, und sie stand mir auch Rede, und wir fragten einander, wie wir hießen und wo wir her wären. Nu, so ging's halt wieder, zur Kirmes im Freienwalde, da macht' ich mir einen zeitigen Feierabend und ging 'nüber und in's Wirthshaus. Ich dachte, Margreth wird sich's wohl denken, und sie hatte sich's auch gedacht, und stand unter den Mädeln im Winkel; ich zog sie zum Schießer auf, und wir waren den Abend seelenvergnügt. Sie hatte ihre Kuh schon besorgt, und brauchte nicht vor Zehne heim zu gehen. Um drei Viertel ging ich denn a Stück mit ihr, und da haben wir uns zum ersten Male beim Mondschein einen Schmatz gegeben, und ich hab's ihr gesagt, daß ich dächte, wenn noch so a gut Jahr käme, mein Bruder würde uns die Kammer geben – wie ich jenen Abend durch's Holz nach Hause gekommen bin mit dem lichten Mondscheine, das kann ich mein Lebtag nicht beschreiben. Als ich mich aber niederlegte, da hab' ich's auch der Margreth und dem lieben Herrgott schönstens gedankt, und Sie können mir's glauben, junger Herr, ich bin noch nicht so gottesfürchtig gewesen als damals, und des Morgens war ich immer der Erste auf'm Zeuge. s hat mir freilich nichts geholfen, na, ich muß denken, der Herrgott hat's nicht gewollt; aber wenn ich an die Margreth gedenke, die heute zu mir sagte: Andres, ich laß Dich nicht, es mag gehen wie's will – sehen Sie, lieber Herr, da kommt mir's Wasser aus den Augen, als wenn ich noch in die Schule ginge, und 's arbeitet in mir, als müßte ich sterben. –

Ach, wer doch aller Welt helfen könnte? sprach ich zu mir auf dem Heimwege, wenigstens den Liebespaaren, deren Glück so wohlfeil ist. Meine Kasse war zu spärlich, saß ich doch selbst ausgestoßen, verlassen in diesem abgesonderten, äußersten Winkel deutscher Welt, und wußte noch nicht, wo sich mir ein Loch des Zugangs wieder öffnen würde. Aber ich rechnete auf den alten Major, ich wollte ihn bereden, eine Sammlung zu sanktioniren für Andres und Margreth. Mit diesen Gedanken kam ich auf die Blöße, welche hinabfällt zu unserer Wasserkolonie – eine tiefe Wehmuth übermannte mich. Menschenjammer, Menschenfeindschaft, wo ist Deine Wurzel zu finden, daß man sie ausreuten könne ganz und gar? Mein Leben und das Schicksal dieses Liebespaares waren eben wie diese Gegend, über welche dunkle Strichwolken zogen und trotzigen Regen warfen, aller Horizont war von himmelhohen Bergen verbaut, und wenn ich sie überfliegen könnte, wohin käme ich dann? Nach Mähren, nach Ungarn – verstohlen ließ ein Sonnenstrahl in die einzige Lücke der Gegend hinein, nach Schlesien; ich setzte mich auf einen Feldstein und ließ mich beregnen und war voll Trauer –

Und hast du mich verlassen
Welt, die ich so geliebt?
Doch will ich die Liebe nicht lassen,
Die mir nur Thränen giebt.
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