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Heinrich Heine als Lyriker

Gustav Theodor Fechner: Heinrich Heine als Lyriker - Kapitel 1
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authorGustav Theodor Fechner
titleHeinrich Heine als Lyriker
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Gustav Theodor Fechner

Heinrich Heine als Lyriker

(Aus den Blättern für literarische Unterhaltung. 1835, Seite 182-185)

In gewissem Sinne ist es das größte Lob, was man Gedichten beilegen kann, wenn man sagt, es sei kein Verstand darin. Die Poesie kann ja wachsen lassen, was der Verstand schneiden und schnitzen würde, schauen lassen, was er definieren würde, glauben und fühlen lassen, was er beweisen und predigen würde, und über alles dieses noch Dinge schaffen und gestalten, wovon der Verstand gar nichts weiß. Wozu also noch Verstand in einem Gedichte?

Manche der neueren Dichter haben auch von dieser früher weniger benutzten Erlaubnis, denselben aus poetischen Schöpfungen wegzulassen, mit Vergnügen und Leichtigkeit Gebrauch gemacht, wenn schon nicht immer in der rechten Weise; denn freilich reicht nicht hin, daß der Verstand fehle, sondern die Poesie eben soll ihn ausgetrieben haben. Dieses Lob nun gebührt wenig Dichtern in höherem Grade als Heine und würde um so rühmlicher für ihn sein, wenn die Riesin einen Riesen und nicht vielmehr einen Zwerg zu verdrängen gehabt hätte. Bei vielen anderen der besseren Dichter ist die Poesie zwar vielleicht eben so lebendig und tüchtig als bei Heine, aber weil sie außerdem auch noch einen lebendigen und tüchtigen Verstand haben, der Heine abgeht, so kommen sie nie dazu, die Poesie von den Eingriffen des letzteren rein zu erhalten. Ihre Lieder gleichen daher schönen grünen Wäldern, worin man aber doch immer mitunter auf trockne Holzklaftern stößt, die durch verstandesmäßige Zerspaltung poetisch gewachsener Stämme entstanden sind, weil der alte Verstand sich immer moralisch wärmen und philosophische Suppe kochen will. Das fällt aber Heine nie ein. Er legt nie die Axt oder das Messer an ein poetisches Gewächs, um es zu einem anderen Zwecke zuzustutzen, als zu dem es für sich selbst gewachsen ist, und so grünt und blüht und singt und zischt alles bei ihm wie in einer mit gutem Schlamm gedüngten Wildnis voll Farren und Palmen und Paradiesvögeln und Schlangen und Kröten. Das Unkraut und Ungeziefer nimmt freilich in der Wildnis mehr überhand als die guten Kräuter und frommen Geschöpfe, aber es ist doch poetisches Unkraut, poetisches Ungeziefer, und auch die guten Kräuter sind aromatischer, die Palmen kühner und üppiger, das Wild mutiger oder mutwilliger, als wenn das alles unter der Schere oder im Stall nach verständigen Prinzipien gehegt und gezogen würde.

Die Kraft und Lebendigkeit von Heines Poesie haben daher auch dessen entschiedenste Gegner zugestanden, aber ihm die unverschämte Nacktheit und Rücksichtslosigkeit vorgeworfen, mit der sie im Bewußtsein, daß sie eben Poesie sei, sich nun nicht kümmere, was sie sonst noch sei und die poetische Freiheit oder vielmehr Lizenz von der Form auf den Inhalt ausdehne. Sie wollen, daß die Poesie eben außer der Poesie noch etwas anderes sein, wenigstens ein vernünftiges Gehirn und moralisches Herz aufweisen solle. Und sie haben nicht Unrecht. Eigentlich soll ja nichts so rein für sich selbst sein, daß es nicht wenigstens den Keim oder den Reflex, oder die Stütze oder die Schranke von etwas Höherem oder doch etwas anderem entlehnte; aber Heines Lieder kümmern sich um nichts als um sich selber; sie klingen in die Welt hinein, unbekümmert, zu was sie mitklingen oder mißklingen. Schönheit, Wahrheit und Tugend sollten immer beisammen wohnen und sich wechselseitig dienen, aber Heines Poesie ist den Schwestern entwichen und hat ihnen nur Einiges, was sie gerade zu brauchen denkt, diebisch mitgenommen, was nun das Wahre und Gute ist, das man noch an Heines Poesie findet; aber schön bleibt sie, soweit es eben für sich allein geht. »Da sitzt sie mit goldenem Kamme und singt ihr Lied dabei, das hat eine wundersame, gewaltige Melodei«, und so zieht sie das Gemüt in ihren Zauberstrudel hinein, daß man sich an den Mastbaum binden möchte, um nicht fortgerissen zu werden, aber vermag es für nichts zu kräftigen und zu stärken als für einen gleichen Taumel, als in dem sie sich selbst bewegt. Heines Poesie ist in ihrer Art so abstrakt als bei anderen der Verstand, es ist die Quintessenz einer Poesie, rein herausdestilliert aus den Gegenständen; nichts Holziges, nichts Klümperiges, nichts Fettiges noch Mehliges ist mitübergegangen, obwohl manches feine, flüchtige, wohlschmeckende Gift. Soll das dein alleiniges Getränk sein, so bist du verloren an Leib und Seele; es ist nicht der gemeine Teufel, der in diesen Gedichten umgeht, es ist der gefährlichere Teufel, der den Pferdefuß in schöne Stiefeletten von goldverbrämtem Leder versteckt, freundlich mit der Hahnenfeder nickt und ein Schätzchen im Arme wiegt, das bloß an einer unheimlichen Glut fühlt, daß hier nicht alles mit rechten Dingen zugeht. Ehe man sichs versieht, guckt er wieder einmal durch die Gebüsche durch, und hat man ihn erst einmal gesehen, sieht man ihn überall, auch wo er nicht ist. Aber es spielen auch Engel in den Baumzweigen, die er wie Vögelchen zu seinem Vergnügen zu halten scheint; es glänzen schöne Burgen im Abendgolde und silberne Wellen, und unschuldige Fischer und Fischerinnen wohnen daran, die nichts vom Bösen wissen, und er geht umher und sagt, wenn ich euch haben will, habe ich euch doch.

Alles in Allem ist der ganze Grundzug dieser Gedichte eine Libertinage der Empfindungen, die aber so liebenswürdig und leichtsinnig spielt, daß keine Perücke vor ihr auf dem Kopfe sicher ist. Andere Dichter, wenn sie einmal ein Gefühl erlegt haben, weiden es aus, zergliedern es, stopfen den Leser voll damit; aber Heine spielt mit den Gefühlen wie die Katze mit der Maus, läßt sie laufen, hascht sie wieder und mordet sie zuletzt, nachdem er sie eben aufs freundlichste gestreichelt hat, bloß aus Spaß und Scherz, um einem anderen nachzulaufen und es mit gleicher Lust zu liebkosen und zu zerstören. Manche seiner Lieder kommen mir vor wie jene Dämonen in Callots Bilde von der Hölle, die man von Martern gepeinigt und furchtbar schreien sieht, und denen man doch ansieht, sie fühlen eigentlich keinen Schmerz und schreien bloß aus Spaß und um zu zeigen, daß sie es besser können als die armen Menschen, denen wirkliche Qual die Töne auspreßt. Wie leuchtend die Poesie sei, die in Heines Gedichten erscheint, greifen muß man nichts dahinter wollen. Sie hat von der Blume die köstlichsten Farben und den erquickendsten Duft, vom Himmel den glänzendsten Sonnenschein und das reinste Sternenlicht, aber es ist keine Blume, keine Sonne, kein Stern dahinter, sondern ein phantastisches Wesen, was das alles für einen Augenblick ist und im nächsten wieder das Gegenteil ist, ja das Gegenteil schon dahinter ist.

So nun können Heines Lieder schaden, indem sie das Gemüt, was sich bisher eines regelrechten Ganges und einer soliden Diät der Empfindungen befleißigt und dabei wohl befunden hat, zu einer Liederlichkeit und Unordnung verführen, die später schlechte Früchte tragen wird, ohne doch so schöne Früchte, als manche von Heines Liedern selbst sind, hervorgebracht zu haben. Sein Feuer kann andre anstecken, aber es brennt sie bloß zu Asche, weil sie nicht wie sein böser Geist in ihrem Elemente darin sind und bloß den toten Brennstoff, aber nicht den lebendigen Zünder in sich tragen. Ein junger Mensch wußte vielleicht gar nicht, daß das Leben sich anders verhält als ein Stück Brot, von dem man ein Stück nach dem anderen abschneidet, es mit mäßiger Butter genießt und, wenn das letzte genossen ist, sich hinlegt, zufrieden, daß es wohl geschmeckt hat, und des Vertrauens, daß es Gott einem nach dem Schlafe gesegnen werde. Aber von Heine wird das Brot mit leichtem Wurfe unter den Tisch geworfen und das Getreide, woraus es gemahlen werden soll, mit leichtsinnigem Fuße niedergetreten. Wohl ihm, wenn ihm die Ambrosia, mit der ihn die Poesie auferzogen und verzärtelt hat, nie mangelt; aber schlimm, daß andere, die dem Himmel für ihr hausbacken Brot und die rüstigen Arme, mit denen sie es im Schweiß ihres Angesichts verdienen können, danken sollten, nun es Heine nachtun und glauben, es reiche hin, die mütterlich für sie sorgende Prosa zu verhöhnen und den offenen Mund nach dem Himmel zu kehren, um auch mit poetischem Götterbrot gespeist zu werden.

Wenn ich Heines Poesie ein abstraktes Gift nannte, so ist sie es doch nur dann, wenn sie auch abstrakt genossen wird; sonst kann sie Gewürz, Arznei oder Gegengift sein, und in diesem Sinne soll man seine Lieder betrachten, wenn man sie von der günstigen Seite ansehen will. Nicht wie ein Gastmahl muß man diese Lieder nehmen, zu dem man sich niedersetzen und mit gesunder Kost seinen Leib stärken könnte, sondern wie eine Flasche Spiritus, die, mit dem schlechtgegangenen Brote und harten Rindfleische, der gewöhnlichen Kost in der deutschen Literatur, bewirkt, daß der Magen wenigstens einigen Nervenreiz behält. Heine steht wie ein üppig aufgeschossener Gewürzbaum da, welcher Geist und Phantasie, zu deren Gedeihen es sonst bei uns an Sonne fehlt, in reichem Maße trägt, durch ein inneres, Mark und Wurzel allmählich verzehrendes, Feuer erhitzt. Freilich, wenn Heine auch noch besonnen, Philosophie verständig, moralisch gut wäre, oder vielmehr Geist und Phantasie sich bei ihm mit diesen Eigenschaften ebenso durchdrängen, als sie in der Regel mit dem Gegenteile davon durchdrungen sind, so würde Heine noch für etwas mehr als ein bloßer Baal der Poesie zu gelten haben; insofern es aber nicht der Fall ist, kann man ja wohl zu eignem Frommen der Polizei oder dem lieben Gott überlassen, ihn für seine etwaigen schlimmen Streiche hier und dort zu bestrafen, und sich selbst zu Nutze machen, was er Gutes und Schönes zu bieten vermag. Viele Kritiker aber übernehmen lieber selbst das Amt der Polizeidiener, denen es gar nicht darum zu tun ist, etwas Gutes an einem Menschen, der einmal ihrer Aufmerksamkeit verfallen ist, zu entdecken, sondern ihn durch jedes Mittel an den Schandpfahl zu bringen. Es gibt Gedichte in Heines Sammlung, die, für sich betrachtet, so engelrein sind, um keinen anderen Vorwurf zu verdienen, als daß sie eben von Heine herrühren, und daß freilich ihre Gesellschaft nicht durchgehend die frömmste ist. Sie wachsen wie weiße Lilien unter Stechäpfeln und Tollkraut, und derselbe heiße Boden, der in diesen das berauschende Gift auskochte, hat diese Lilien Palmen gleich emporgetrieben und den wunderbarsten Duft in ihnen bereitet.

Was helfen aber Heine diese Gedichte ohne Makel und Tadel? Die Kritiker, denen sie ein größerer Anstoß sind als seine schlechten, mit denen sie schon wissen, was sie anfangen sollen, sagen: mit gefangen, mit gehangen; was unter Unkraut wächst und das Unkraut nicht überwächst, ist selbst Unkraut und fällt von demselben Sensenhiebe. Ein Mensch ist eine Totalität; ist der Grund schlecht, so ist das Ganze schlecht, und es kann an ihm bloß noch etwas gut aussehen, aber nicht gut sein. Freilich ist ein Mensch eine Totalität, aber wie die Totalität eines Apfels, der eine faule und eine frische Seite hat, wovon man die eine wegwerfen und die andere genießen kann. Und wer heißt es uns, den ganzen Apfel auf einmal in den Mund zu nehmen? Freilich kommen jene schönen Gedichte nicht aus Heines Herzen, sondern aus seiner Phantasie; sie beweisen weiter nichts für ihn, als daß ihm im Grunde die Tugend eben so viel wert ist als ihr Gegenteil, wenn sie ihm gleiche poetische Dienste leistet; aber das alles kann doch eigentlich nur die Wirkung haben, daß wir nichts von Heine selbst wissen wollen, ohne deshalb nichts von seinen Gedichten wissen zu wollen. Wohl gibt es Gedichte, die wir nicht bloß um ihrer selbst willen, sondern auch um ihres Ursprungs willen lieben, oder in denen wir ihre Quelle lieben lernen. Gewiß, Heines Gedichte gehören nicht zu diesen; aber wird ihr eigner Wert dadurch verringert, daß sie Heines nicht vermehren? Jedoch ich gebe zu, ganz läßt sich beides doch nicht trennen.

Ziehen wir Vergleiche, so kann man sagen, daß Schiller in fast allen Stücken achtungswert ist, worin es Heine nicht ist, und das sind sehr viele Dinge; aber es ist gewiß, daß Schiller nur ein paar lyrische Gedichte gemacht, und in den übrigen, die er dafür ausgegeben, kein gutes Muster gegeben, während Heines ganzes Verdienst in seiner lyrischen Kraft und der Leichtigkeit, mit der er sie braucht und freilich auch mißbraucht liegt; und in erster Beziehung das Schillersche Muster überboten zu haben, hat ihm die deutsche Lyrik zu danken. Andere werden nun singen, ohne wie er Gott, die Geliebte und sich selbst zu lästern, aber sie werden von Heine lernen können, wie die Prosa einen Mantel, und wäre es der schönste, nicht um die Gegenstände und Gefühle werfen, sondern davon abwerfen soll, so daß sie in ihrer eignen Lebendigkeit erscheinen. Das konnte sie nicht von Schiller lernen.

Freilich wird man sagen, hierzu brauchten wir Heine nicht, denn das hat Goethe schon lange vor ihm in so viel höherem und edlerem Sinne gewirkt. Dies aber kann nur teilweise zugegeben werden. Ich glaube, oder die Erfahrung lehrt es vielmehr, daß Goethe noch nicht ausreichte, Schillers Lyrik zu verdrängen; dazu ist sie zu ruhig, zu geduldig, zu sehr auf das Objekt gerichtet; aber Heines Lyrik wird es, indem sie die Kraft des Pfeils dem Jäger, der ihn künftig führen soll, nicht am Wilde, sondern an seinem eignen Herzen zeigt. Nur langsam bekehrt sich der Jüngling von Schiller zu Goethe. Nachdem er seine Leidenschaft an der Laura erschöpft hat, die den Felsenadern Pulse leiht, fühlt er endlich an dem lebenswarmen Atem der Mignon und Ottiliens und Gretchens und selbst Philinens, daß jene Laura auch selbst nur aus Felsen gehauene Adern hat, daß ihr Lächeln versteinert ist. Goethe mit seiner stillen Lebendigkeit umwächst, umschlingt, umkriecht ihn allmählich, und hat er ihn erst bei einem Haare, so hat er ihn dann allerdings ganz, und zuletzt bemächtigt er sich seiner mit solch einer dämonischen Gewalt, daß dem von Goethe Besessenen auch dessen Schweißtropfen als Perlen und dessen Schnarchen als ein Ton aus der Harmonie der Sphären erscheint.

Dies ist das Definitivresultat bei vielen; doch gibt es auch viele, die zu schnell ins Amt kommen, als daß die Poesie Zeit behielte, sich von Schiller zu Goethe durchzuarbeiten; sie erstarren noch mit dem ganzen Schiller im Leibe, und seine Verehrung bleibt ihnen nun Glaubensartikel, dagegen sie Goethe als einen eindringlichen heidnischen Götzen betrachten, zu dessen Dienst nur Verblendung veranlassen konnte. Aber Heines Poesie faßt gleich von vornherein und unmittelbar das Herz des jungen Menschen und stachelt und reizt und drückt es an jeder einzelnen Fiber, und bei der süß krampfhaften Zusammenziehung, die dabei entsteht, fallen alle die geschnitzten und gehauenen Bildwerke und Denktafeln Schillers heraus.

Schillers sogenannte Lyrik erscheint wie ein kunstvoll gebautes Pantheon voll Götterstatuen, zu denen man erst voll heißer Anbetung tritt, aber zuletzt kühl hinausgeht, weil sie nichts Menschliches zu reden wissen; da tritt man in Goethes Lyrik wie unter einen klaren blauen Himmel, unter dem die menschlichen Originale dieser Götterstatuen lebendig wandeln, freilich auch unbedeutende darunter; dieser Himmel überwölbt ruhig und großartig und geduldig Schillers Pantheon, und läßt die Anbeter darin ruhig gewähren, bis sie von selbst heraustreten; aber Heines Lyrik ist wie eine Wetterwolke, halb von der Sonne prachtvoll vergoldet, halb blitzend und schwarz, von heulenden Stürmen gejagt, Gespenster und Engel, die sich wie aus einem Schiffbruche darauf zusammengefunden haben, zugleich tragend, und mit ihren Blitzen das Pantheon treffend und die Götterstatuen zerschlagend und die Anbeter hinaustreibend, die nun mindestens für einen Augenblick die Erscheinung des Göttlichen in dem lebendigen aber verderblichen Naturwunder zu erblicken glauben. Es wird vorübergehen, und dann wird der blaue, klare Himmel noch so ruhig und geduldig wie vorher stehen und Geschlechter und Sangesweisen unter sich hinwegziehen sehen.

Was den speziellen Inhalt von Heines Liedern anlangt, so ist sein Umfang nicht groß. Ein sich selbst und andere maltraitierendes Herz, eine verfehlte Liebe, eine tolle Wut gegen Philistrosität, die sie überall ins Bein beißt, wo sie ihr auf dem Wege vorkommt, Gespenster, deren fast mehr sind als Fleisch und Bein, und er selber immer mitten drunter, das ist alles; ja selbst seine Reisebilder und Romanzen sind nur eine besondere Form für diesen Inhalt. Freilich, da ist Goethe reicher; in seinen Gedichten fahren wir in der ganzen Welt herum, durch die schönsten und manche langweilige Partien; Heine führt uns bloß an den Krater eines halb ausgebrannten, halb brennenden Vulkans voll Asche, glühender Lava und Steine, und dieser Vulkan ist sein Herz. Begnügen kann man sich bei diesem Schauspiele nicht; aber man muß zugeben, daß es, wenn nicht ein erfreuliches, doch ein fesselndes ist, in einer Art, die bei Goethe nie vorkommt. Der Eindruck, den beide Dichter machen, die übrigens zu vergleichen manchem Blasphemie erscheinen mag, hat daher auch ein ganz irrationales Verhältnis.

Goethes Poesie ist mächtig im Schaffen, Heines ist es nur im Zerstören; jene schwingt sich wie ein Adler in den hellen Tag hinein und überschaut klar das Ganze, diese sieht mit ihren feurigen Eulenaugen nur im unheimlichen verneinenden Dunkel der Nacht und ergreift mit Sicherheit ihre einzelne Beute, taumelt aber matt, wenn es gilt, durch den lichten Tag zu fliegen. Wie schlecht es Heine gelingt, der bejahenden Seite des Lebens etwas abzugewinnen, zeigen unter anderen recht gut seine neuesten »Liebeslieder«, worin er den unglücklichen Einfall gehabt, in der Liebe glücklich zu werden. Heine gibt, wie die Orange, nur geritzt und gequetscht würziges Öl und süßen Saft. Wenn er daher seinen Vorteil versteht, möge er ja wieder in sein altes Unglück verfallen, oder vielmehr in ein neues, da das alte nun freilich ausgequetscht genug ist.

Das Wort subjektiv ist in der Betrachtung der Poesie nun fast zu einem Schimpfwort geworden, seit Goethe die Objektivität in die Mode gebracht hat. In gewissem Sinne verdient freilich Heine dieses Beiwort mehr als irgend ein anderer, da im Grunde so gar nichts als er selber Gegenstand seiner Lieder ist; denn merkwürdigerweise selbst in seinen Liebesliedern besingt er nicht die Geliebte, sondern nur sich, und aus seinen ganzen Liedern kann man kein Bild von ihr zusammensetzen. Alle, selbst die diametral einander entgegengesetzten Gedichte Heines sind doch nur wie ebenso viele Öffnungen, durch die man von entgegengesetzten Seiten in ihn hinein, nie aus ihm heraussieht. Aber eben darin liegt der Unterschied Heines von anderen subjektiven Dichtern, daß er wie eine camera obscura die Welt und das Leben in zusammengedrängter Klarheit und Farbenfülle in der dunklen Kammer seines Innern erscheinen läßt, während andere die ganze Welt nur zu einem langweilenden Spiegelbilde ihres ewig gleichen Ichs machen. Wenn diese sich in ihren Gedichten wie Ausrufer vor ihr sprach- und kraftloses Bild stellen und rufen: hier ist zu sehen die ungeheure Liebe, der tiefe Todesschmerz, die Resignation und die Dichterglut! blickt und ruft das alles von selbst aus den Bildern hervor, die in Heine erscheinen. Genau die Art Subjektivität, die man bei Heine findet, ist es, welche der lyrischen Poesie überhaupt ihre Macht gibt. Das Objekt soll sich nicht hüten vor der Vermischung mit dem Subjekt; denn das ist eben die kalte Prosa, die den Gegenstand genauso betrachtet wie er an sich, nicht, wie er in seiner Aufnahme und Aufhebung in lebendigen Individualitäten ist. Der Gegenstand soll dem Subjekt Gestalt und sinnliche Kraft leihen und dafür Seele, Gefühl, Empfindung von ihm erhalten; so wird die Seele des Dichters zur Seele des Gedichts und dieses zu einer lebendigen Erscheinung mit lebendiger Wirkung. Sei es nun eine gute oder böse Kraft, die im Dichter walte, sie wird sich durch das Gedicht fortpflanzen und in anderen Seelen ihres Gleichen zeugen. Wenige Gedichte haben diese Macht in gleichem Grade ausgeübt als Heines; es liegt eine ansteckende Kraft in ihnen, vor der die einen wie vor einer Verpestung zurückweichen, während andere ihr rettungslos unterliegen. Heines Gedichte können nur Ekel oder Entzückung oder Beides zugleich erregen; man kann sie nicht wie andere gegenständlich betrachten und leidenschaftslos loben oder tadeln; man muß sich dafür oder dagegen ereifern; man kann sie verwerfen, verachten, aber nur scheltend, nicht übersehend.

Und doch sind Heines poetische Mittel im Ganzen so einfach. Wenn der eine Dichter mit einem Strauße, der andere mit einem Füllhorn, der dritte mit einem Frachtwagen kommt, um ihrer Königin der Poesie zu huldigen, bringt Heine nichts als seine ausgemergelte Gestalt und seinen spöttischen Zug um den Mund mit, und ihm wirft sie doch ihre günstigsten Blicke zu. Jenes künstliche Gewebe von Gedanken, Gefühlen, Bildern, was vielen allein Poesie heißt, ist bei Heine nicht zu finden. Er gibt seine Bilder von der Sache, dieses Surrogat der Poesie, er gibt die Sache als Bild, nicht die Noten, sondern die Klänge der Gefühle. Er sucht vielleicht manchmal sein Gedicht, aber er sucht es nie zusammen. Sein Lied enthält gewöhnlich nur eine Idee, nur eine subjektive Idee, nur einen einzelnen Wellenschlag dieser Idee, aber es enthält diesen ganz, voll, überschwellend in andrer Herzen, sie mit erfüllend, überfüllend und fortflutend.

Freilich tief ist Heine nicht, da wir tief die Dichter zu nennen lieben, bei denen sich der Gedanke im Gedicht versteckt, daß der Leser ihn mühsam suchen muß und im Dunkel nicht erkennen kann, ob der, den er fängt, der rechte ist, – Goethe hingegen manchmal nur zu tief. Ich meine aber, der Gedanke, der in der Seele dunklem Grunde dämmerte und sich seiner selbst nur halb bewußt war, soll durch die Beschwörung des Dichters wach und licht hervortreten und eindringen auf das Gemüt des anderen und es überkommen, und diese Erscheinung und Selbstbewegung des Gedankens soll das Gedicht sein. So ist es bei Heine, und es ist eine wunderbare Leichtigkeit und Anmut, mit welcher der Gedanke diese Bewegung bei ihm vollzieht. Leicht gegürtet, nicht gedrückt noch gehemmt durch fremden Schmuck und Anhängsel, bloß seiner eignen dämonischen Kraft vertrauend, schreitet er einher. Es ist oft ein nichtswürdiger Gedanke; aber die freie und kecke Gebärde, mit der er heraus- und herantritt oder heranspringt, läßt ihm Tor und Türe in Gemütern offen finden, die der vortrefflichste Gedanke, wenn er dick eingepackt, schwerfällig oder zappelnd in anderer Gedichten auftritt, sicher verschlossen findet.

Noch habe ich Heine nicht durch das Wort charakterisiert, womit man ihn sonst zu charakterisieren anfängt. Man nennt Heine den Zerrissenen, ungefähr wie man Karl oder Goethe den Großen nennt; ja, wenn ich nicht irre, sagt Heine selbst einmal irgendwo von sich, der Riß der Welt sei durch sein Herz gegangen. Weit entfernt indes, daß diese Zerrissenheit ihm in den Augen des Publikums geschadet, hat es vielmehr in den Ritzen und Spalten so schöne Goldadern erblickt, daß viele sich sofort auch freiwillig zerrissen, ja manche ihr taubes Gestein mit größter Mühe zerarbeitet haben, um es Heine gleich zu tun, freilich ohne etwas von seinem Inhalt zu Tage zu bringen. Heine erscheint jetzt als der Koryphäe einer ganzen Bande mit zerlumpten Herzen, mit denen man, wenn auch nicht das in Anspruch genommene poetische, doch ein prosaisches Mitleid fühlen würde, wenn man nicht der Überzeugung leben könnte, daß die selbst beigebrachten Wunden nur eben von derselben Beschaffenheit sind als die künstlichen Selbstentstellungen der Bettler, mit dem Zweck, das Gemüt des Publikums zu erregen, und daß sie, wenn die Leute in die Jahre oder in prosaisches Brot kommen, von selbst wieder zuheilen werden, so daß auch nicht eine poetische Narbe zurückbleibt. Dies verhält sich freilich bei Heine selbst, dem Urzerrissenen, anders. Er wird in der Maße, als er älter wird, immer mehr auseinanderfallen. Sein Herz war eine Wurzel, die im Beginn ein prächtiges Kraut getrieben, aber gleich anfangs faule morsche Flecke inwendig hatte; es hat ihm Vergnügen gemacht und, wie es scheint, einen eignen Kitzel erregt, darin herumzuwühlen und Höhlen und Fisteln zu graben; so fressen diese Stellen immer weiter um sich; und man sieht ihn unaufhaltsam sich der Auflösung nähern, die zuletzt auch seine Glanzseite verdirbt. Schon seine letzten Poesien zeigen den Fortschritt zu diesem Endpunkte an. Er ist darin zu seinem eigenen Nachahmer herabgesunken und vom Troß der übrigen nicht mehr verschieden. Früher hat er einen würzigen Wein ausgeschenkt, möge er die Hefen nun für sich behalten. Wir haben sogar genug an dem, was wir von jenem gekostet und wollen kein neues Faß mehr, auch wenn er eins darzubringen hätte. Seine Poesie ist ein Individuum, was nur einmal zu leben die Berechtigung hatte, keine Gattung, die immer neue Individuen zeugen soll. Sie hat ihre Bestimmung erfüllt, ein Fortleben derselben ist ein Überleben, und jeder Nachahmer war gleich anfangs zu viel.








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