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Heinrich Findelkind oder: Die Gründung des Hospizes auf dem Arlberg

Isabella Braun: Heinrich Findelkind oder: Die Gründung des Hospizes auf dem Arlberg - Kapitel 9
Quellenangabe
authorIsabella Braun
titleHeinrich Findelkind oder: Die Gründung des Hospizes auf dem Arlberg
publisherDruck und Verlag der Buchhandlung L. Auer
yearo.J.
printrunFünfte Auflage
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170916
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Siebentes Kapitel.
Herberge und Heimat.

Es drängte Heinrich unablässig zu neuen Fragen; aber er hatte sich gemerkt, was eine Wallfahrt sei, und daß er die Pilger nicht in ihren Gebeten und frommen Liedern stören dürfe. Nur hier und da, wenn ihm etwas auf dem Wege auffiel, berührte er des Pilgers Hand und fragte schüchtern: »Herr, darf ich etwas fragen?« – worauf er gewöhnlich eine Bejahung und eine freundliche Antwort erhielt. Es ging gegen Mittag, als Heinrich wieder etwas zu fragen hatte: »Bruder Anselm, warum geht jetzt so eine frische Luft?« und dieser erwiderte fröhlich: »Ei, Kind, wir sind in der Nähe eines großen Wassers; man heißt es den Bodensee, und wir fahren in einem Schiff darüber.«

Heinrich war voll Erstaunen und konnte es kaum erwarten, zu dem Wasser und dem Schiffe zu kommen. Nun aber sah er Häuser und war fast unzufrieden. Der Pilger belehrte ihn, daß es Lindau sei, und daß man das feste Land, auf dem es stehe, eine Insel heiße.

Sie waren nun in Lindau angekommen, und Heinrichs Augen weilten mit Entzücken und Staunen auf dem großartigen Anblicke, der sich ihnen darbot. Da lag das in der Länge unübersehbare Wasser vor ihm, vom frischen Winde bewegt, mit seinem rastlosen Wellenzuge. Da lachten dies- und jenseits der Breite des See's die grünen Wiesen, Obstbäume und Weingärten, welche noch die reifen, glänzenden Beeren trugen; da leuchteten aus der Ferne die mit ewigem Schnee bedeckten Schweizerberge; hier und dort erhob sich eine Ritterburg, ein Kirchlein, eine Kapelle, ein Dorf, ein stilles, einsames Gehöfte und ein dunkler Wald. Unzählige Male tönte es nun von Heinrichs Lippen: »Herr, darf ich was fragen?« bis endlich die Fragen und Antworten vor dem neuen, überwältigenden Anblicke verstummten. Vor ihnen lag der See, dieses glänzende, große Wasser, so tief, so geheimnisvoll, so still und wieder so unruhig, als ob da unten wilde Kriegsheere kämpften. Da lagen die Schiffe mit Stricken und Rudern, und da standen die Männer, sonnverbrannt und von jedem Wettersturm abgehärtet. Was gab es da alles Neues für Heinrich zu sehen, während die Pilger mit einem bärtigen Schiffer die Ueberfahrt nach Bregenz besprachen und bezahlten. Bald stiegen sie in das Fahrzeug; die niemals müden Wogen senkten und hoben es, daß Heinrich zu fürchten begann, die Wassertiefe möchte sie verschlingen. Aber er schaute auf Bruder Anselms ruhiges Gesicht; ihm wurde dabei so zuversichtlich, als ob Jesus selber am Steuer säße. Bruder Anselm machte ihn aufmerksam auf die Wasserbahn, welche das Fahrzeug zog, auf die tanzenden Silberflämmchen, als ob die Welle ihr Boot sei, auf die Vögel, die über dem Wasser schwebten; erzählte ihm von den Gefahren, wenn der von Süden kommende Föhn mit dem Gegenwinde um die Herrschaft streitet, wenn der weißgraue Nebel, als Vorbote dichter, schwarzer Wolken, den Schiffer warnt, sich dem tückischen Elemente anzuvertrauen; nannte und zeigte ihm die vier Himmelsgegenden und die verschiedenen Wetteranzeigen in denselben. Auf diese Weise entschwand die Zeit unbemerkt, und sie landeten ungefährdet am Ufer, wo Bregenz amphitheatralisch mit seinen Häusern, Kirchen und Klöstern an der Ostbucht des See's aufsteigt, einer großen Ritterburg ähnlich, auf der Höhe und Niederung gelagert.

Die Pilger schritten schweigend durch die Stadt und hielten vor einem altersgrauen Kloster, wo sie demütig um Herberge baten und in das Refektorium geführt wurden. Wie ein Hündlein seinem Herrn, folgte ihnen Heinrich, und jeder der ehrwürdigen Mönche lächelte den Knaben an, weil er auf jede Frage mit frischem, frohem Mut antwortete, er pilgere nach Rom, um ein Gelübde zu erfüllen. Ja, Heinrich Findelkind dachte in seiner Einfalt, dort für den Pflegevater zu bitten, daß er nicht von Haus und Hof komme.

Man trug den Pilgern Speise und Trank auf; Heinrich aber vergaß beinahe das Essen, indem er auf die Gespräche seiner Begleiter mit den Mönchen horchte und so viel von der heiligen Stadt und dem herrlichen Lande vernahm, wohin sie pilgerten. Sein junges Herz glühte voll Begeisterung und Verlangen, dies alles zu sehen, und dabei wünschte er sehnlich, auch ein Pilgerkleid zu haben. So kam der Abend heran; die Mönche gesellten ihn für die Nacht zu einem frommen Klosterbruder, und Heinrich konnte lange nicht einschlafen, er mußte immer auf den Mann blicken, der auf den Knieen betete. Endlich schlief er doch ein und träumte von einem herrlichen Paradiese mit goldenen Früchten. Als man ihn weckte, sprang er munter von seinem Lager und war in Bälde bereit, den Morgenimbiß einzunehmen, worauf sie nach frommen Abschiedsbegrüßungen ihre Reise fortsetzten.

Der Reisetag hatte ihn bereits mit den Pilgern vertraut gemacht, und diese hingegen hatten den frischen, gutherzigen, wißbegierigen Knaben liebgewonnen. Jetzt getraute er sich schon öfters zu fragen, oder zupfte Bruder Balthasar an seinem Pilgerkleide, um dessen Aufmerksamkeit zu erregen; aber die beste Erklärung wußte stets Bruder Anselm zu geben, und er that dieses auch ungefragt. So lenkte er des Knaben Aufmerksamkeit auf eine stattliche Burg, welche auf einem Berge thronte, und sagte: »Schau' dahin, Heinrich! das ist die Feste des Grafen v. Montfort, eines tapferen Ritters. Graf Rudolf ist der Stammherr; er und seine Gemahlin Elisabeth hatten sechs Söhne, von denen drei den geistlichen Hirtenstab führten und drei das Schwert ergriffen. Diese letzteren teilten sich in seine Länder; Hugo II. gründete die Tettnangische, Rudolf die Feldkirch'sche und Ulrich die Bregenzer Linie, und so wandern wir nun durch die Gauen dieser edlen Grafen.«

Heinrich schaute mit seinen lebhaften Augen auf die schöne Burg und hatte auf dem ganzen Wege das Verlangen, einen Grafen v. Montfort zu sehen. Dann aber war seine Aufmerksamkeit wieder von den Bergen angezogen, und Bruder Anselm erklärte ihm, daß es die norische Alpenkette sei, und daß sie über einen dieser Berge wandern würden. Wie freudig schlug nun des Knaben Herz, das so oft, wenn er den großen Berg bei Kempten betrachtet hatte, die Sehnsucht kaum unterdrücken konnte, einmal hinaufzusteigen und von dem Gipfel in die Welt zu schauen. Von Schritt zu Schritt traten die Berge immer deutlicher hervor. Ihre Höhen grenzten sich am tiefen Himmelsblau in scharfen Umrissen ab und bildeten die seltsamsten Gestalten, welche immer wieder wechselten. Während er neugierig umherschaute, beteten die Pilger entweder leise, oder sie sangen fromme Lieder. Er bat sie oftmals, das erste, welches er von ihnen gehört, und das ihm so viel Mut gegeben hatte, wieder zu singen, bis er sowohl die Worte, als auch die Melodie inne hatte und es mit seiner hellen Stimme mitsingen konnte. Sie unterbrachen ihre Wallfahrt, um auszurasten, und das war für Heinrich unendlich beglückend. Er verstand es, die schattigsten Plätze und die frischeste Quelle zu entdecken, durfte seine beiden Beschützer bedienen und beim Mahle ungehemmt nach allem fragen, was ihm zu Sinne kam. Bei ihrer gegenwärtigen Rast nahm Bruder Anselm aus der Reisetasche ein Buch, und als er dasselbe aufschlug, glänzten liebliche Bilder im Farbenschmucke daraus hervor. Heinrich rief sogleich: »Herr, was sind das für Kaiser? Sie haben alle goldene Kronen auf!«

»Das sind Heilige, mein Kind, und die Kronen sind keine irdischen aus Gold und Edelsteinen, sondern himmlische, meist Dornen- und Martyrerkronen, mit Blut bespritzt, wie unser Heiland sie trug; aber der liebe Gott verwandelte sie in Seinem Himmel so wunderbar schön, viel schöner, als irdische Kronen zu sein vermöchten.«

Heinrich verlangte nun inständig, ihm die Geschichten zu den Bildern zu erzählen, und Bruder Anselm willfahrte ihm gerne. Er wählte die Lebens- und Leidensgeschichte jener Heiligen, welche für Heinrichs kindliches Verständnis paßte, und sprach begeistert von dem Glaubensmute, der Selbstentsagung, Gottes- und Menschenliebe, welche keine Mühsal und selbst den Tod nicht scheute.

Heinrichs Blicke schwammen in Thränen, und als der Pilger sein Buch schloß, rief er: »O Herr! lehrt mich die Schrift lesen, damit ich alles erfahre, was in diesem Buch steht.«

Da lächelte Bruder Anselm und sagte: »Meinst du, das sei so leicht und bald geschehen? Siehst du alle die vielen Buchstaben? Wie willst du sie dir merken?«

»O, Herr! es sind ja oft die ganz gleichen! Nennt mir einige und Ihr sollt sehen, daß ich sie wieder kenne, wenn sie auch wo anders stehen.«

Der Pilger hatte Freude über des Knaben Eifer und versprach ihm, bei der Abendrast die Lektion zu beginnen. Nun aber brachen sie auf. Die reiche Natur rings herum hatte für Heinrich in diesem Augenblicke den Reiz verloren, denn er dachte immer an das Buch. Da lenkte Bruder Anselm wieder dessen Aufmerksamkeit auf die Gegend, welche sie durchwanderten. Er sagte: »Jetzt geht's auf den Arlberg zu, Heinrich, und das Ländchen, welches wir durchschreiten, heißt von ihm: Vor-Arlberg. Des Berges eigentlicher Name kommt von den Adlern, welche auf seinen Zacken nisten, und er heißt eigentlich der Adlerberg. Ueber den geht's ins Land Tirol, Heinrich!«

Der Knabe war so freudig, daß er mit seinen kleinen Füßen tapfer den Boden trat und niemals über Müdigkeit klagte. Die schönen Lieder halfen ihm noch besser vorwärts, und er freute sich auch so sehr aufs Nachtquartier, wo er etwas aus dem Buche lernen sollte.

Es war gegen Abend, als sie Feldkirch erreichten und in einer kleinen Herberge Nachtlager nahmen. Aber trotz seiner Müdigkeit bat Heinrich um die versprochene Unterweisung. Bruder Anselm nahm sogleich ein Blatt, das er bei sich trug, zog sein Schreibgeräte hervor und schrieb mit großen, deutlichen Buchstaben: » Heinrich Findelkind«.

Jetzt erklärte er: »Das ist dein Name, mein Knabe; nun schau' ihn nur recht an, und dann sag' mir jeden Buchstaben einzeln vor.«

Heinrich war nicht nur erfreut, sondern auch höchlich ergötzt. Er mußte die Zeichen, die miteinander ihn selber bedeuteten und doch mit ihm keine Ähnlichkeit hatten, anlachen. Mit allem Eifer nannte er nun die Buchstaben in und außer der Ordnung und sah sich im Geiste schon im Besitze der ganzen, großen Wissenschaft des Lesens. Im Ungenügen der Jugend bat er seinen Beschützer, auch noch ihre beiden Namen beizufügen und blickte dann mit Stolz auf die einfachste Lese-Fibel, die jemals ein Kind besessen haben mag. Als sie zur baldigen Nachtruhe sich begaben, schwammen die Buchstaben in leuchtendem Schimmer, gleich einer Sternenschrift am Firmamente, durch seinen Traum.

Beim frühen Morgendämmern unternahmen die Pilger ihre Weiterreise und schritten zwischen den saftigen, von kleinen Flüssen durchzogenen Weidetriften rüstig dahin. Diese Wanderung gefiel unserem Heinrich sehr wohl, und er rief ein- über das anderemal aus: »O, wenn sie daheim so gutes Futter hätten! Da wär's eine Lust, zu hüten! Das thät' meinen Kühlein schmecken!«

Die Berge traten immer deutlicher hervor; sie schienen sich aus einem Mantel zu wickeln und die Pilger einladend zu begrüßen. Das heutige Reiseziel war ihnen noch nicht vollständig bekannt, und sie besprachen sich in den Pausen zwischen ihren Gebeten und Gesängen hier und da mit vorübergehenden Wanderern deswegen. Als sie dem Arlberge, den sie zu übersteigen hatten, immer näher kamen, warfen sie manchen sorglichen Blick auf den kleinen, schwachen Knaben, dessen Füße in schlechten Schuhen staken, die durch die mehrtägige Wanderung merklich gelitten hatten.

Des Kindes offener, frischer Sinn, sein wißbegieriges Fragen und sein anschmiegendes Vertrauen hatten ihre Liebe bereits gewonnen und ihrer Pilgerschaft einen frühlingsgleichen Reiz verliehen. Aber sie durften darüber nicht des Knaben Wohl vergessen; sie mußten daran denken, ihm eine passende Unterkunft zu verschaffen. Wie sollte sein schwacher Körper die weite, beschwerliche Reise, mit allen Wechseln der Witterung, unbeschützt von guter Kleidung, aushalten? Und selbst dann noch: gewöhnte diese frühe Reise nicht den Knaben an ein müßiges Herumschlendern, während seine künftige Lebensbahn die der strengen Arbeit sein mußte?

Während die Pilger auf diese Weise für den Knaben dachten, schritt dieser harmlos an ihrer Seite hin und freute sich an allem, was er sah. Inzwischen zog er wohl auch mit einigem Stolz sein beschriebenes Blatt hervor, betrachtete aufs neue die Buchstaben, zählte sie und frug, wie viele er noch zu lernen habe. Die kleine Zahl ermutigte ihn, und er freute sich schon aufs nächste Nachtquartier, um noch mehr davon zu hören.

Nach vielen Wegstunden fühlten sie sich ermüdet und sie waren froh, als sie den kleinen Ort Bludenz erreichten, wo sie Mittagsrast halten wollten. Der Wirt war ein redseliger Mann mit einem offenen, freundlichen Gesichte. Er begrüßte die Pilger ehrerbietig, gleich Geistlichen, und verwunderte sich, den Knaben in solcher Gesellschaft zu sehen. Als dieser müde auf der Bank rastete, rief er daher: »Und wohin geht's, Kleiner?«

Alsogleich leuchteten Heinrichs Augen, indem er rief: »Ich wallfahrte bis nach Rom.«

Da rief der Wirt lachend: »Hoho! warum nicht gar bis nach Jerusalem zum heiligen Grab! Siehst mir auch g'rad' aus wie der Walther von Habenichts, von dem die Ritter erzählen. Deine zerrissenen Schuhe und Kleider taugen dazu! die brauchen doch mit Wind und Wetter nicht erst Bekanntschaft zu machen. Also nach Rom gehst? Hast vielleicht ein Geißböcklein umgebracht und mußt deswegen Buße thun?«

Heinrich war in seinem heiligen Ernste der Pilgerfahrt durch des Wirtes Scherz ein wenig erzürnt und rief mit Lebhaftigkeit: »Ihr braucht mich nicht auszulachen! ich geh' doch nach Rom mit meinem Gelübde. Der Meier von Kempten hat mich, Heinrich Findelkind, vom Tod errettet und erzogen. Nun ist er durch Bürgschaft verdorben und ich will in Rom beten, daß er nicht von Haus und Hof muß.«

Heinrich hatte Thränen in seinen guten, blauen Augen; der Wirt sah ihn mitleidig und wohlgefällig an, und auch Bruder Anselm hatte dem Gespräch mit Wehmut zugehört; denn die Zuversicht des Knaben, ihre Wallfahrt zu teilen, und der dankbare Zweck derselben bewegte sein Herz, während er die Unmöglichkeit immer deutlicher einsah.

Nun wurden die Speisen aufgetragen; der Hunger verscheuchte alles andere und ließ die Gespräche verstummen. Nach dem Essen erkundigte sich Bruder Anselm über den Weg und das Nachtquartier, das sie zu wählen hatten. Der Wirt nannte ihnen das Oertchen Dalaas, welches sie in vier Stunden erreichen konnten. Als sie ihn nach dem Weg über den Arlberg frugen, sagte er: »O, jetzt, um diese Jahreszeit geht's noch, wenn's auch ein langer und böser Weg ist. Aber wenn die Nebel kommen und gar der Schnee, dann gnad' einem Gott! Der Arlberg hat schon vielen das Wandern für immer gelegt! der ist fast wie ein Gottesacker und viele liegen begraben im Schnee oder in den Schluchten.« – Nach einer Pause fuhr er fort: »Aber wie soll der Kleine über den Berg kommen mit seinen zerrissenen Schuhen? die halten die spitzen Stein' und das Gerölle nicht aus!«

Heinrich hörte diese Worte mit Schrecken und sah die Blicke, welche der Wirt mit den Pilgern wechselte. Sogleich stand er auf seinen Füßen, das Bündelein auf dem Rücken, und als die Pilger sich weiter darüber besprachen, war er bereits aus der Thüre und eilte fort, fort auf dem Wege, bis er Bludenz hinter sich hatte. Als die Pilger ihm langsam folgten, hörten sie die reine, klare Kinderstimme zum blauen Himmel emporsteigen:

In Gottes Namen fahren wir,
Seiner Gnade 'gehren wir!
Nun helf' uns allen Gottes Kraft,
Verleih' uns Pilgern Schutz und Macht.
            Kyrieleison!

Da stimmten die Pilger in den Sang des Knaben ein und noch nie hatte ihr Lied frommer und vertrauungsvoller, als in diesem Augenblick, geklungen.

Beim rüstigen Weiterschreiten begegneten ihnen einzelne Reiter, welche die Straße dahersprengten, als ob sie die Pilger überreiten wollten. Die beiden Männer wechselten besorgte Blicke miteinander. Sie sahen nicht wie Leute aus, welche Furcht kannten, aber sie wollten bei ihrem Pilgergange jeden Streit vermeiden und auch unerkannt bleiben. Die einzelnen Reisigen ließen auf einen größeren Zug schließen; in der ganzen Gegend war man ohnedem an solche Reiterscharen gewöhnt, da sie den drei Zweigen der Grafen von Montfort gehörten, welche sowohl in Bludenz, Werdenberg, als auch Feldkirch gastlich die Ritterschaft willkommen hießen.

Der Tag neigte sich dem Abende zu, als unsere Pilger den kleinen Ort Dalaas vor sich liegen sahen. Die Herberge befand sich am Anfange desselben, und ein wilder Lärm tönte ihnen von dort entgegen. Sie gewahrten auch auf dem herbstlichen Rasen hingestreckte Gruppen von Reisigen, welche mit von Wein geröteten Gesichtern sangen, zechten und spielten. Aus dem Hause selber drang nicht weniger toller Lärm, denn dort hatten sich die Ritter einquartiert. Die beiden Pilger mochten mit dem Treiben dieser wilden Gesellen vertraut sein; deshalb blieben sie beratend stehen. In der Herberge selber war für sie keine Unterkunft zu suchen, und sie entschlossen sich, in einem weiten Umwege den Ort zu umgehen, damit sie irgendwo eine, wenn auch ärmliche, verborgene Unterkunft fänden. Als sie soeben ihren Vorsatz ausführen wollten, wurden sie von einem Reitersmanne entdeckt; sogleich rief er ihnen zu: »Herbei! herbei! Ihr schwarzen Gesellen von der Kanzel! Ihr sollt uns eine Predigt halten; eine lustige Predigt zum Zeitvertreib!«

Im selben Augenblicke war die Aufmerksamkeit des ganzen Trosses auf die Pilger gerichtet. Sie warfen die Würfel zur Seite und riefen im wilden Chore: »Ja, eine Predigt, eine lustige, zum Zeitvertreib.«

Bruder Anselm suchte die anstürmenden Gesellen mit sanften, ernsten Worten abzuweisen; aber sie hatten bereits für ihren Verstand zu lange gezecht, und die weiter entfernt stehenden riefen ungestüm: »Lauter, lauter! wir wollen die Predigt auch hören! Wir wollen Euch sehen! Hinauf auf den Tisch; er soll die Kanzel sein!«

Ein lauter Jubel erfaßte den Troß, und die eben gesprochenen Worte wurden einstimmig wiederholt. In Bruder Anselms Gesichte malte sich eine edle Entrüstung; seine dunklen Augen blitzten gebieterisch; er stand unbeweglich, wie eine granit'ne Säule vor der wilden Rotte; als aber einer der Knechte seinen Arm ergriff, donnerte seine Stimme: »Zurück! feiler Knecht! berühre mich – und bei meinem Leben!« ... –

Aber er beendete den Satz nicht; plötzlich senkte er sein Auge auf das arme Pilgerkleid und das Feuer des Zornes wechselte mit der Demut des Wallfahrers. Anders verhielt es sich mit seinem Begleiter. Kaum hatte der Reitersknecht Bruder Anselms Arm berührt, als Balthasar den Angreifer packte und denselben mit Kraft und Ungestüm zu Boden schleuderte. Keiner hatte sich dessen versehen, der Kreis erweiterte sich, eine augenblickliche Stille trat ein, aber es war die gärende Stille vor dem Zornesausbruche. Der Sturm brauste jedoch von anderer Seite rasch einher, denn der Anführer des Trosses hatte den Vorgang vom Fenster aus gewahrt und stand nun plötzlich in dem Kreise. Es war eine hohe Gestalt, an wilde Gewaltthat gewöhnt, und aus dem von Wein geröteten Gesichte sah zugleich Entrüstung und Hohn, als er die Pilger erblickte. Das Erscheinen des Ritters schürte das Feuer unter dem Trosse, denn sie kannten ihren Herren gut genug, um zu wissen, »daß der Tanz mit den Pfaffen nun erst angehen werde«. Ihre Zuversicht ward alsogleich erfüllt, denn der Ritter schrie: »Ihr wollt meinen Knechten nicht predigen, nun so predigt mir, dem Herrn!«

Bruder Anselm sah dem Ritter ernst und würdig in das Gesicht und entgegnete: »Steht ab von Eurem Uebermute und laßt uns des Weges ziehen zu frommer Pilgerfahrt. Das ist kein Gebaren für einen echten Ritter, der auf das Kreuz seines Schwertes geschworen hat, die Bedrängten zu beschützen.«

Bei diesen Worten brauste der Zorn des Ritters in wildem Sturme in seinem Herzen; aber er verbarg ihn unter der Maske des Hohnes, indem er rief: »Das ist keine Predigt nach meinem Sinne! laßt mich eine andere hören, und damit sie lustig wird, bringt den vollgefüllten Humpen, ihr Knechte!«

Augenblicklich war sein Begehren erfüllt und der Ritter streckte den Arm aus mit dem Becher gegen Bruder Anselm. Aber plötzlich traf ihn ein starker Schlag auf die Hand, daß der Humpen ihr entfiel und der Wein ihn bespritzte. Vor ihm aber stand Heinrich Findelkind mit noch erhobenem Stocke; die blauen Augen leuchteten, und die Wangen glühten vor Entrüstung. Der Ritter stand einen Augenblick sprachlos vor der Gruppe; dann rief er im Hohne: »Wahrlich, Ihr habt Euch einen tüchtigen Kämpen ausgesucht! Aber bei meinem Ritterwort, so wahr ich Graf Albrecht v. Werdenberg bin, der Bursche soll mein Geisel sein, bis Ihr ihn auslöst in gutem Kampfe, und er soll es inzwischen büßen bei meinem Schwerte! Und hier, Ritter Wolfegg, denn ich erkenne Euch nun trotz der Kutte, liegt zum Zeichen der Ausforderung mein Fehdehandschuh!«

Indem der Ritter also that, ergriff er den zitternden Knaben, hob ihn über sein Haupt empor, sah ihn mit flammenden Blicken ins Gesicht und machte dann eine Bewegung, ihn fortzuschleudern. Aber so schnell wie ein Gedanke, hatte Bruder Anselm den kleinen, armen Schützling ergriffen, hielt ihn mit beiden Armen an der Brust und zu gleicher Zeit erscholl aus seinem Munde der feierliche Ton des folgenden Liedes: Dieses Lied » Media Vita« hat den als Dichter und Komponisten ausgezeichneten Mönch Notker Balbulus von St. Gallen zum Verfasser, der es einst (um das Jahr 900) am Martinstobel gedichtet und gesungen, als er den Bauleuten zuschaute, wie sie mit Lebensgefahr über den grausen Abgrund der Wildnis eine Brücke schlugen. Es blieb mehrere Jahrhunderte lang ein allgemeines Volkslied in Gefahren.

Mitten im Leben
Sind wir vom Tod umgeben!
Wen suchen wir zum Helfer aus
Als Dich, o Herr der Stärke?
Wohl zürnest Du rechtlich um uns're Schuld
Und uns're Wissewerke;
Doch haben auf Dich und Deine Huld
Die Väter gehofft und sind bestanden!
            Heiliger Herre Gott!

Es haben zu Dir und Deiner Huld
Die Väter gerufen und wurden nicht zu Schanden.
Heiliger, starker Gott!
Verschmäh' uns nicht, wenn die Kraft gebricht,
In der Zeit des Alters verlass' uns nicht!
Barmherzig sei in der letzten Not
Und gib uns nicht in Nacht und Tod!
            O Heiland, Herr und Gott!

Beim ersten Tone dieses allbekannten Liedes, das die Gemüter erschütterte, wohin es drang, das in Zeiten schwerer Bedrängnis, unter Schrecken des Todes, mitten im Meeressturme, als Kriegslied in Schlachten gesungen wurde, trat die ganze Rotte auseinander, alle neigten das Haupt und die Pilger zogen mit dem Knaben singend durch ihre Reihen. Als der letzte Ton verklang, hatten sie den Ort verlassen und wanderten auf freiem, friedlichem Felde.

Bruder Anselm legte nun den zitternden Knaben auf den Rasen; Heinrich blickte jedoch ängstlich um sich und trieb sie zur Eile. Nun hatten sie den Arlberg dicht vor sich. Was sollten sie thun? Ihre eigene Kraft war zwar unerschöpft, aber der Knabe konnte den Berg nicht mehr übersteigen. In dieser Ratlosigkeit gewahrten sie einen Mann, der im Walde Holz sammelte. Bruder Balthasar ging auf denselben zu, sprach eine Weile mit ihm und brachte die Botschaft, daß sie nach zwei guten Wegstunden zu einer Hochebene des Arlberges gelangen und seitwärts eine Meierei finden würden. Sie gehöre dem Jacklein über Rain und das sei ein guter Mann, der gern Herberge verleihe. Bruder Anselm sah auf den jungen Begleiter und las in dessen Augen, daß der ausgestandene Schrecken das kleine Herz immer noch mit Furcht gefesselt hielt und die Scheu ihn vorwärts treibe, obwohl seine Füße vor Müdigkeit wankten. Sie zogen also weiter; Heinrich hielt sich an Bruder Anselms Hand, ohne sie einen Augenblick loszulassen, und als tiefe Stille herrschte, sprachen des Knaben Lippen ganz leise das Echo seiner Seele aus:

Mitten im Leben
Sind wir vom Tod umgeben!

und er blickte dabei mit dem tiefsten Ausdrucke innerlicher Erschütterung in Bruder Anselms freundliches Gesicht. Wieder stimmten die beiden Männer das feierliche Lied an, und Heinrichs ganze offene Seele nahm es auf. Unter diesem Gesange entwich allmählich das finstere, drohende Gesicht des Ritters, wie er ihn empor gehalten hatte, und das Gefühl des göttlichen Schutzes, der in seinem Leben ihm schon öfters so augenscheinlich zu teil geworden war, kam über ihn mit süßer Beruhigung. So stiegen sie betend und Gott lobpreisend, teils in Worten, teils in Gedanken, langsam weiter, immer höher auf steinigem Gerölle, zwischen dunklen Tannen, wo bereits das Licht des Tages erloschen war. Bisweilen standen sie unsicher, welcher Spur des Weges sie folgen sollten, und mußten auch wieder zurück, um den rechten Weg zu suchen. Die beiden Stunden hatten sich bereits verdoppelt, die Nacht war völlig eingebrochen, Heinrich wankte bei jedem Schritte und zitterte vor Müdigkeit und Frost. Aber sobald Bruder Anselm begann:

Mitten im Leben
Sind wir vom Tod umgeben!

– raffte sich der Knabe zusammen, und ihm war's, als jage ihn der wilde Reitertroß, um ihn zum Gefangenen zu machen. Sie glaubten sich gänzlich verirrt, als sie dieses Lied aufs neue anstimmten, in dessen feierliche Töne sich nun Hundegebell mischte. Da schwiegen ihre Lippen und die Herzen klopften freudig:

Du gibst uns nicht in Nacht und Tod,
O Heiland, Herr und Gott!

Das Hundegebell kam näher und näher, dann ließ sich ein funkelndes Licht erblicken, dieses drang durch den Wald, und vor ihnen stand ein großer, kräftiger Mann, teils in der Tracht des Landmannes und des Reisigen. Trotz der Narbe in dem wettergebräunten, bärtigen Gesichte sah dasselbe doch recht freundlich auf die verirrten Wanderer und lud sie ein, ihm zu folgen. Bald gelangten sie auf eine schöne Hochebene, auf welcher die Meierei des Jacklein über Rain in tiefer Stille und Einsamkeit lag. Unter der geöffneten Hausthüre stand sein Weib, frisch und freundlich, nach echtem Gebirgsschlage, und hieß die Pilger mit ausgestreckter Hand willkommen. Als sie den Knaben erblickte, schlug sie jedoch die beiden Hände zusammen und rief: »O mein lieber Herr Jesus Christ'! wie kommt der arme Bub' zu solcher Wanderschaft und noch jetzt, wo 's auf den Winter geht! Komm', komm', setz' dich und wärm' dich am Ofen, und du, Jacklein, schür' etwas nach, derweil ich die Abendsupp' koche.«

Geschäftig eilte sie nun von dannen; die Männer setzten sich um den Tisch, Heinrich aber war so müde, daß er auf der Ofenbank am wärmenden Feuer alsogleich einschlief. Mitleidig ruhten die Blicke der drei Männer auf dem Kinde, und Jacklein sagte: »Mit Vergunst, edler Ritter – denn das seid Ihr trotz dem Pilgerkleid; bin selbst ein alter Reitersmann und meine Augen haben noch nicht verlernt, den Platz zu kennen, wo der Harnisch zu sitzen pflegt; – also nochmal mit Vergunst, edler Ritter, wo zieht Ihr hin und was soll's mit dem Buben?«

Bruder Anselm sagte nun, daß sie für jetzt wenigstens keine Ritter, sondern arme Pilger auf einer Wallfahrt nach Rom seien, und erzählte ausführlich, wie sie zu dem Knaben gekommen waren, was sie über seine ersten Lebensschicksale erfahren hatten, und schilderte das treuherzige, frische, mutige Wesen des armen Findelkindes, das so heimatslos in der Welt umherirre. Da rief Jacklein mit Rührung: »Wißt Ihr was? Laßt den Knaben bei mir! Ich will ihn großziehen, und Gott soll mich strafen, wenn ich nicht wie ein Vater an ihm thu'!«

Die beiden Männer sahen sich fragend an, und Bruder Balthasar sagte: »Er hat weder gute Schuhe noch Kleider.« Bruder Anselm nickte ganz traurig mit dem Haupte und entgegnete: »Ja, er wird unterliegen auf dem weiten Wege und wir müßten ihn schutzlos zurücklassen. Es geht mir ganz zu Herzen, von dem Kinde zu scheiden; aber es muß sein! Jacklein, Ihr werdet ihn gut halten?«

Dieser legte seine kräftige Hand zum Gelöbnis in die Rechte des Pilgers, und Bruder Anselm sagte dann: »Wir wollen morgen dem Knaben die Sache vorstellen und ihn fragen; er mag selbst entscheiden. Mir ist's nicht anders, als ob er von Gott mir anvertraut sei; aber vielleicht war ich nur das Mittel, ihn zu Euch zu führen.«

Die Hausfrau hatte inzwischen die Speisen aufgetragen und Jacklein weckte den müden Schläfer, der anfänglich nur mit halbem Bewußtsein zum Tische hinkte. Nun machte sich der Hunger fühlbar und er griff so wacker zu, daß Jacklein seine Freude daran hatte. Bald nach dem Essen suchten die Pilger ihr angewiesenes Lager auf, und heute umgaukelte den müden Heinrich kein Traumbild, trotz der erlebten Gefahren. Er schlief fest und tief und erwachte nicht eher, als bis Jacklein ihn weckte. Mit Schrecken und Bestürzung sah er die Pilger bereits reisefertig vor sich stehen. Er sprang auf, sank aber vor Schmerz auf sein Lager zurück. Seine von den zerrissenen Schuhen nur dürftig geschützten Füße waren von dem langen, steinichten Wege wund gerissen und voller Blasen. Jacklein warf den Pilgern einen Blick des Einverständnisses zu und sagte dann zu Heinrich: »Kleiner, du kommst nicht weiter; da hilft einmal nichts. Bleib' nur bei mir; du sollst meine Schafe hüten und mein kleiner Dienstmann sein.«

Heinrich schaute erschrocken auf Jacklein und von diesem auf Bruder Anselm. Als er in dessen Augen einen so wehmütigen Abschiedsblick entdeckte, stammelte er mit Bestürzung: »Herr, ich soll nicht mit Euch gehen?«

Bruder Anselm neigte sich zu ihm und entgegnete: »Armer Knabe, wie weit würdest du kommen mit deinen müden, verwundeten Füßen, ohne gute Schuhe und schützende Kleider! O Heinrich, erkenne in Jackleins Anerbieten Gottes sorgende Barmherzigkeit, welche nun dreimal in deinem jungen Leben dir rechtzeitig zu Hilfe kam. Jacklein will dir ein so guter, väterlicher Herr sein, wie es der Meier von Kempten gewesen ist. Bleib' bei ihm und diene ihm ebenso treu und willig!«

Des Knaben Herz wogte vom Schmerz des Abschiedes und er sagte mit weinerlicher Stimme: »Und ich darf nicht in Rom mein Gelübde erfüllen?«

»Ich will statt deiner Gottes Segen herabflehen über deinen Wohlthäter; du bist zu einem Wallfahrer noch zu klein. Deine erste Pflicht ist die Arbeit, mit welcher du immer das Gebet verbinden kannst.«

»Und ich darf den schönen, blauen Himmel und die fremden Wälder mit den goldenen Früchten, das große Meer und die Stadt und die weite Welt nicht sehen?«

»Heinrich! der blaue Himmel ist überall ausgespannt; ob die Welt weit oder eng sei, überall ist sie ein Wunder des allmächtigen Gottes!«

»Und ich darf die schönen Geschichten in dem farbigen Buche nicht lesen lernen?«

»O Kind! die herrlichsten Geschichten von Gott selber stehen in dem großen, farbigen Buche der Natur. Es ist immer vor deinem Blick aufgeschlagen; dahinein schaue mit dem rechten, gläubigen, forschenden Auge!«

»Und ich soll mich von Euch trennen?« rief nun Heinrich, indem er in ein lautes Schluchzen ausbrach.

Bruder Anselm kniete neben dem weinenden Knaben nieder, betete leise und legte segnend seine Hand auf des Kindes Augen, indem er sagte: »Sei wacker und stark, mein Kind; und nun gib uns die Hand zum Abschied: In Gottes Namen fahren wir!«

»Wann werde ich Euch wiedersehen, Herr?« sprach Heinrich mit halb erstickter Stimme.

»Wann Gott es will! Seine Wege sind wunderbar!«

Nun nahm Heinrich auch von Bruder Balthasar traurigen Abschied und dankte ihnen mit der ganzen Flut seiner Augen; dann schritten die Pilger, von Jacklein begleitet, rasch von dannen. Heinrich aber, der sich mühsam aufgerichtet hatte, sank auf sein Lager zurück und schluchzte bitterlich. Wieder eine Trennung! und das junge Herz hatte sich an den liebevollen Beschützer so innig geschlossen. Wer kennt nicht die Macht des Geistes, wenn er, gleich dem Aether vom Sonnenschein, durchwärmt ist von Menschenliebe! Wer kennt sie nicht, jene wunderbare Macht, welche die Herzen gewinnt und fesselt, Fremdes vereint, wenigen Stunden die Länge von Monaten verleiht in ihrer Wirksamkeit; und wer kennt dich nicht, gutes, edles Wort, das in die offene Seele fällt und dann durch das ganze Leben fortkreiset, hinüber auf tausend andere Leben, immer Gutes wirkend. Weine nur, Knabe, solche Thränenflut ist ein dankender Quell, der dein eigenes wackeres Herz zu einer Frühlingsau macht, aus der die Blumen der Menschenliebe sprießen.

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