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Heinrich Findelkind oder: Die Gründung des Hospizes auf dem Arlberg

Isabella Braun: Heinrich Findelkind oder: Die Gründung des Hospizes auf dem Arlberg - Kapitel 7
Quellenangabe
authorIsabella Braun
titleHeinrich Findelkind oder: Die Gründung des Hospizes auf dem Arlberg
publisherDruck und Verlag der Buchhandlung L. Auer
yearo.J.
printrunFünfte Auflage
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170916
projectidfa0367a9
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Fünftes Kapitel.
Heinrich faßt einen raschen Entschluß und führt ihn ebenso rasch aus.

Wieder kam ein Sommer, jedoch ohne warmen, anhaltenden Sonnenschein. Immer schichteten sich neue Wolkenzüge am Himmel, das Getreide wollte nicht reifen, die Körnlein erstickten in der Aehre und der Meier von Kempten hatte schließlich nur noch so viel geerntet, als er zum Brot für seinen Haushalt brauchte. Nachdem die Sonne wieder freundlich schien, war's doch, als ob ein ganzes Wolkenheer über der Meierei hänge, wenigstens sah es so trüb darin aus. Dies kam alles von des Vaters umwölkter Stirne; die Kinder getrauten sich kaum, laut miteinander zu reden, denn gleich fuhr der Vater ärgerlich darein und hieß sie schweigen. Die Mutter war in beständiger Sorgfalt, alle zu beschwichtigen, und wenn Jörg und Bärbele, die sich ein Wort mehr als die anderen erlauben durften, frugen: »Mutter, was ist's mit dem Vater? 's ist ja grad' nimmer zum Aushalten!« – Dann sagte sie beschwichtigend: »'s wird schon wieder besser werden! ärgert ihn nicht; er wird halt eine Sorge haben.«

Innerlich sann sie selber stundenlang, was es doch sein möge. Ein Mißwachs sei auch schon früher dagewesen und überstanden worden mit dem rechten Gottvertrauen. Davon sagte sie auch in ihrer sanften Weise dem Manne ein Wörtlein; der aber blieb finster und verschlossen, schüttelte nur unwillig den Kopf, ging seiner Wege, und das Weib betete dafür in der Stille manches Vaterunser.

Eines Sonntags saß der Meier unter seinem Eichbaume und schaute gedankenvoll drein. Da kam ein Wanderer des Wegs, und als er den Meier gewahr wurde, blieb er vor ihm stehen und sagte, als ob er die beste Nachricht nicht eilig genug mitteilen könnte: »Hast's schon vernommen? Der Bauer von der Gabel droben ist eines jähen Tods verstorben, 's ist ein arg' Leidwesen dort, und man sagt obendrein, es steh' schlecht mit Haus und Hof.«

Der Unglücksbote erschrak über den Ausdruck von Jörgs Gesicht und erinnerte sich plötzlich, daß dieser ja der Schwieger des Verstorbenen sei.

Der Meier sprang auf und rief: »Woher weißt's?«

»Bin g'rad' selber des Wegs gekommen und hab's mit leibhaftigen Augen gesehen.«

Jörg hatte kein Wort und keinen Abschiedsgruß mehr; er eilte ins Haus und stand totenbleich vor seinem Weibe, indem er sagte: »Dein Bruder ist tot; ich muß gleich hin und nach der Sach' sehen.« – Er schied mit einer finsteren, verschlossenen Miene und ließ das Weib unter Thränen um den Bruder zurück.

Zwei traurige Tage verstrichen in der Meierei; am dritten kam der Vater heim und stand völlig gebrochen in der Mitte seiner Kinder neben dem armen Weibe. Ein paarmal schluckte und würgte er an seiner Rede, dann aber war sie kurz genug: – der Bruder liege im Grabe, er selber sei durch Bürgschaft für ihn ganz zu Grunde gerichtet.

Dies also war der schwere Sorgenstein auf des Meiers Brust gewesen, und er hatte sich nun über sein Hab und Gut gewälzt, alles zertrümmernd. Von Gutmütigkeit und verwandtschaftlicher Treue getrieben, hatte er ohne Wissen der Seinen das Anwesen verpfändet und sah seit Wochen das Unglück einherkommen, aber doch nicht in so grausenhafter Gestalt, wie es nun erschienen war.

Die Kinder suchten ihn mit ihrem frischen Lebensmute zu trösten und meinten, es sei lange noch nicht alles verloren; sie seien ja kräftig herangewachsen, ihr Brot selber zu verdienen und für Vater und Mutter zu arbeiten. Es half jedoch nichts; da mußte schon die Nacht ein wenig den ersten Schrecken zudecken und bald lagen sie alle auf ihrem Lager.

Am nächsten Morgen fehlten bei der Frühsuppe Jörg und Bärbele, und als man sie rief, traten beide mit einem geschnürten Bündel herein.

»Was ist's?« frugen Vater und Mutter ganz erschrocken, und Bärbele sagte: »Wir zwei wollen fort, dann sind zwei Mäuler weniger zu füttern. Wir können leicht einen Dienst finden und Euch unseren Lohn geben zum Unterhalt für die anderen.«

Die Mutter wurde leichenblaß, der Vater fuhr auf und rief: »Aber, wie soll ich ohne Euch zurechtkommen? Dann geht gar noch alles zu Grund!«

Die anderen Kinder brachen in Thränen aus, und Jakob legte den Löffel nieder; sogar ihm war der Hunger vergangen. Niemand achtete auf Heinrich, der sich leise hinausgeschlichen hatte; alles redete durcheinander und der Jammer wollte kein Ende nehmen. Da erschien Heinrich wieder, seinen eigenen kleinen Bündel unter dem Arm. Seine blauen Augen leuchteten von frischem Mute und der kleine, achtjährige Mensch stand aufrecht, indem er rief: »Der Jörg und das Bärbele dürfen nicht fort! Wer soll dem Vater und der Mutter helfen! Ich geh'! ich bin groß genug, ich kann wo anders um Lohn und Pfleg' die Schafe hüten und der Jakob kann daheim meine Arbeit verrichten. Gott vergelt's Euch hunderttausendmal, was Ihr an mir gethan habt!«

Bei diesen Worten verließ den armen Knaben seine Kraft, und all die Bilder seiner glücklichen Heimat standen vor seinen Augen. Die Abschiedsthränen schossen gewaltsam in dieselben, und sein junges Herz stand wie eine Insel in dem See der Zähren. Ueberwältigt fiel er in den Schoß der Mutter und schluchzte laut. Aber es dauerte nur einen kurzen Augenblick. Wieder stand er aufrecht und lächelte mutig durch seine Thränen. Alles, was man gegen seinen raschen Entschluß sagte, bestärkte ihn nur, und in des Vaters Augen las er eine stille Bestätigung; die Liebe zu den eigenen Kindern und die eigene Verzagtheit hatten den Vorrang gewonnen. Heinrich eilte zur Thüre; als es jedoch so bitterer Ernst war, packte die Mutter schnell ein Säcklein mit Vorrat für die Wanderschaft, ach, und wie viele Stoßgebetlein für das Kind, welches ihr so lieb geworden, kamen dazu. Jakob stellte sich Seite an Seite zum Bruder und faßte dessen Hand, als wollte er mit ihm gehen. Heinrich aber machte sich los und trat vor den Vater. Sprachlos legte dieser seine Hand auf des Knaben Haupt; die rauhe, kräftige Hand zitterte, als er nun sagte: »Gott sei dein Geleitsmann! und geht dir's schlecht, so kennst deine Heimat.«

Die Mutter bespritzte den Scheidenden von der Stirne bis zu den Füßen mit Weihwasser; es mußte für die Thränen gelten, welche sie gewaltsam zurückdrängte. Nun eilte Heinrich aus der Thüre, und alle gaben ihm das Geleite ein Stück Weges, Jakob und Annaliese dicht an seiner Seite.

Als Heinrich von weitem den Baum sah, fühlte er's wieder in seinem Herzen anschwellen, und wie einer vor der heranwogenden Meeresflut entflieht, riß er sich ohne ein letztes Abschiedswort von ihnen, sprang so schnell er konnte, sah nicht rückwärts, hörte aber Jakobs Stimme und fühlte, daß dieser ihm folge. Da verdoppelte er seine Eile und war längst an dem Eichbaume vorüber, als er atemlos innehielt und auf den Rasen sank. Hier lag er mit geschlossenen Augen in Erschöpfung von der Eile. Da fühlte er etwas an seiner Hand. Er schlug die Augen auf und vor ihm saß sein treuer Schnuffl und beleckte die kleinen Finger. Heinrich lächelte das gute Tier unter Thränen an, streichelte dessen Kopf und sagte dann: »Schnuffl, es nutzt nichts! du mußt wieder heim. Dich können sie dort brauchen, der Jakob am allermeisten. Du mußt ihm alle deine Kunststücke vormachen, damit er lustig wird und lacht und an mich denkt. Schnuffl, jetzt geh' heim und mach' mirs Herz nicht so schwer!«

Aber die Worte waren zu sanft und traurig gesprochen, als daß Schnuffl sie im richtigen Sinne verstanden hätte; nur der wohlbekannte Klang: »Kunststücke« drang zu seinem Verständnisse. Sogleich wedelte er mit dem Schweife, legte sich wie mausetot auf den Rücken und begann damit die Reihe seiner kleinen Künste. Heinrichs Herz klopfte laut in der bewegten Brust, und während er sich zum letzten Male an allem weidete, war es zugleich ein schmerzlicher Abschied von all den stillen Plätzen, woselbst er ihm dieselben gelehrt hatte.

Nun aber kam in das kleine, mutige Herz wieder die Entschlossenheit. Rasch stand er auf, erhob den Finger und rief: »Schnuffl, jetzt fort und das gleich!« Der Hund verstand diese oft gehörten Worte, zog den Schweif ein und wandte sich langsam der Heimat zu; auch Heinrich eilte in entgegengesetzter Richtung von dannen. Aber nach einigen Augenblicken konnte er sich's doch nicht versagen, nach dem treuen Kameraden umzublicken. Schnuffl hatte das gleiche gethan und als er Heinrichs Augen begegnete, kehrte er rasch um. Da griff der Knabe nach einem Steine am Wege und schleuderte denselben mit zitternder Hand gegen das Tier. Freilich traf er nicht das Ziel; aber Schnuffl hatte den Ernst des Gebotes verstanden und lief zurück. Heinrich raffte sich zusammen und trat kräftig die heimatliche Erde mit seinen kleinen Füßen, weiter und immer weiter fortschreitend, der fremden, einsamen Lebensbahn entgegen.

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