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Heinrich Findelkind oder: Die Gründung des Hospizes auf dem Arlberg

Isabella Braun: Heinrich Findelkind oder: Die Gründung des Hospizes auf dem Arlberg - Kapitel 4
Quellenangabe
authorIsabella Braun
titleHeinrich Findelkind oder: Die Gründung des Hospizes auf dem Arlberg
publisherDruck und Verlag der Buchhandlung L. Auer
yearo.J.
printrunFünfte Auflage
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170916
projectidfa0367a9
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Zweites Kapitel.
Wie es in der Meierei zugeht und die beiden Schlaf- und Spielkameraden aufwachsen.

Heinrich war im ganzen Sinne des Wortes Jakobs Schlafkamerad: nicht nur, daß er an seiner Seite in der Wiege lag, sondern er schlief auch in einem fort; er that niemals die Augen recht auf, zwinkerte nur damit ein wenig, trank seine Milch mit geschlossenen Lidern, schlief gleich wieder in den Tag und die Nacht hinein und zeigte für seine Umgebung so wenig Interesse, daß es sie nachgerade zu verdrießen begann. Hannes war dabei der Eifrigste und zog wieder über das Kind los, eilte aber doch in jedem müßigen Augenblicke an die Wiege, um aufzupassen, wenn Heinrich denn einmal erwachen würde und ausgeschlafen hätte. Bärbele und Annaliese hatten sich in die beiden Kinder geteilt; es gab sich ganz von selbst seit jenem ersten Sonntage, wo Bärbele ihren Jakob und Annaliese den Heinrich herumgetragen hatte. So ging es hinfürder auch und jedes hielt nun zu seinem Pfleglinge wie eine eifersüchtige Wärterin. Hannes hatte sich Annaliese anvertraut und diese gelobte ihm hoch und heilig, ihn sogleich herbeizurufen, wenn Heinrich einmal »rechtschaffen« aufwache aus seiner ewigen »Duselei«, und so ging er in vollem Vertrauen frischweg an seine Arbeit.

Es war bereits seit jenem Samstag eine Woche vorüber und neuerdings Samstag geworden, wo es noch viel zu thun gab für den Sonntag und Wochenabschluß. Jörg langte eben in Begleitung des Vaters mit einer großen Holzfuhre vom Walde an, schirrte die Pferde aus und schickte sich an, abzuladen, während in einiger Entfernung sich Hannes sehen und vernehmen ließ, welcher sein Lieblingsstück pfiff. Er war als ein schwarzhaariges, braunäugiges Rößlein an seinen eigenen Wagen gespannt, denn er schob einen mit Reisig hoch-beladenen Schubkarren vom Walde her. Hanne stand seiner wartend unter der Hausthüre, denn nun begann ihr gemeinschaftliches Geschäft, und die Mutter hatte bereits gezankt, daß der Herdwinkel ohne Vorrat sei. Er stellte mit einem tüchtigen Stoße den Karren nieder und schlug die Arme übereinander in rascher Bewegung, um sich warm zu machen. Seine Hände waren rot und ein wenig blutig geritzt, aber er achtete es nicht und begann abzuladen, während Hanne kleine Pauschen machte, sie an dem gebogenen Knie brach, um sie dann mit einem Strohband zu umwinden, wobei ihr Hannes noch helfen sollte. Es hatten sich also zwei Gruppen gebildet, dort der Vater und der Jörg, hier die beiden kleineren Geschwister.

Auf einmal erschien Annaliese unter der Hausthüre; sie winkte eifrig und bedeutungsvoll dem Bruder, und als er's nicht merkte, schrie sie: »Hannes, Hannes, komm' gleich!«

Das Verständnis, was der eilige Ruf bedeute, kam ihm augenblicklich; er rannte beinahe den Schubkarren samt der Hanne um und eilte in die Stube. Aber seine Schwester war nicht faul und sprang ihm nach. Sogleich standen sie an der Wiege und da lag Heinrich mit ausgeschlafenen, offenen Augen, groß und blau.

»G'rad' wie der Himmel!« rief der Hannes vor Entzücken und Freude. – Annaliese fiel ihm ins Wort: »Ja, wie der Himmel, wenn er blau ist, aber der ist oft nicht so schön ganz blau. G'rad' wie ein Vergißmeinnicht, ein recht großes, am Bach.«

Die Kinder konnten sich gar nicht satt sehen. Sie waren voll Verwunderung, weil sie alle mitsammen braune Augen hatten, und nun meinten sie, blaue Augen seien viel fürnehmer, und gewiß hätten die Ritterskinder oder gar die Engelein blaue Augen; ja, das Jesuskind in der Kirche hatte blaue Augen und flächserne Haare. Sie schoben die kleine Haube auf die Seite und – »Herrjeh!« die flächsernen Haare kamen dicht hervor. Auf einmal stand Jörg auch noch hinter ihnen und schaute über ihre Schultern und Köpfe neugierig in die Wiege und dabei verzog sich sein Mund bis an die Ohren.

Jetzt vernahmen sie von draußen des Vaters gellenden Pfiff; auch die Mutter schrie: »Hanne, Gretel, Hannes! wo steckt Ihr denn allsamt? Macht voran, sonst werdet Ihr in alle Ewigkeit nicht fertig!«

Wieder ertönte der Pfiff des Vaters und dann erschien er unter der Thüre und rief: »Tausend schwere Not! was gibt's denn da? Kommst endlich, Jörg? Muß ich allein abladen?«

»Es hat die Augen aufgemacht, Vater!«

»Und sie sind ganz himmelblau, Vater!«

»Wie Vergißmeinnicht!«

So riefen ihm die Kinder im Chore entgegen, während er näher trat. Er mußte lachen, sah das Kind an und sagte: »Nun, was gibt's denn da zu wundern? Mein' fast, Ihr könntet das aneinander schon oft gesehen haben.«

»Aber, Vater, sie sind nicht wie die unsrigen; schau' nur 's Jakoble an!«

»Meinetwegen braun oder grau, wenn er nur sieht! Hab' schon gemeint, er hätt' sich gar die Augen ausgeschlafen. Nun aber rasch vorwärts, oder ich hole die Peitsch' und treib' Euch zur Arbeit!«

Nun stob der ganze Schwarm auseinander, jedes eilte zu seinem Geschäfte, Annaliese war wieder allein an der Wiege und bald kam auch die Mutter zu ihr. Beide freuten sich mitsammen, daß Heinrich so frisch und blauäugig ins Leben hineingeguckt hatte.

Draußen aber ging's bei der Arbeit sehr gesprächig zu; Grete hatte sich zu den beiden Geschwistern gesellt und sie sprachen immer von dem Kinde und vergaßen schier den lieben, kleinen Jakob. Sie machten allerlei Pläne für die Zukunft: wie sie die kleinen Buben auf dem Schubkarren schieben und ihnen sogar einen Wagen und allerhand Spielzeug machen wollten.

Mit dem erwachten Kindlein aber ging es nun von Woche zu Woche besser. Die zuerst so mageren Wangen schwollen an; die ziegelfarbige Röte floß in eine wahre Rosenblüte über, die Runzeln glätteten sich, die faltigen Hände bekamen ordentlich Fleisch, und statt ungewiß umherzukrabbeln, schlossen sie fest den hingehaltenen Finger ein, und die beiden Büblein lachten bald um die Wette. Gegen das Ende des Winters saßen sie einander gegenüber in der Wiege; ganz aufrecht, spielten mit ihren eigenen Füßen, oder streckten sie in die Höhe, als ob sie damit zum Munde wollten, und die blauen und schwarzen Augen starrten sich an, bis die Finger gegeneinander ausgriffen und sich ins Gesicht fuhren.

Es entstand zwischen Bärbele und Annaliese ein Wettstreit, welches Kindlein dicker und schöner sei, und die Mutter mußte einschreiten, sonst wären sie überfüttert und gemästet worden. Alle im Hause: Vater und Mutter, Jörg nicht ausgenommen, hatten ihre helllichte Freude an den zwei Bürschlein und freuten sich mit jedem Tage mehr. Freilich meinten Christian und Viktörle, gar niemand spiele mehr mit ihnen; aber sie beruhigten sich und spielten dafür mit Jakob und Heinrich.

Zu Weihnachten baute Hannes eine Krippe auf und steckte Lichtlein auf; aber die kleinen Kinder in der Wiege schauten kaum hin, sondern griffen nur mit beiden Händen nach den rotbackigen Aepfeln und ließen sie auf dem Boden herumkugeln. Gegen das Frühjahr rutschten sie ihnen sogar nach und als der Boden draußen am Eichbaume weich und mit Gras bedeckt wurde, als Hunderte von weißen Maßliebchen heraufblühten, daß ein weißes Tuch über den Rasen gedeckt schien, als der Himmel doch noch tiefblauer sich färbte, wie Heinrichs Augen: da saßen die Kinder nebeneinander draußen in der linden Luft, purzelten um- und übereinander, Christel und Viktörle thaten es ihnen vor, pflückten die Blumen zum Zerzupfen für die kleinen Finger, aber sie fragten die Blumen nicht, gleich den Erwachsenen, ob sie sich liebten? das fühlten sie alle von selbst in ihrem Herzen.

Dann kam der Sommer. Jetzt begann der Sprachunterricht mit jenen Kinderlauten in allen Wortverkürzungen und -verdrehungen, die reicher sind, als die Sprachen der Gelehrten.

Dann kam der Herbst mit seinen süßen Baumfrüchten, in welchen sie mit den festen Kiefern und jungen, einzelnen Zähnen wühlten, wo sie nicht mehr auf dem Boden rutschten sondern sich aufrichteten an jeder Bank, niederfielen und ohne Weinen aufstanden, wo sie herumliefen an Bärbele's und Annaliesens Schürze, endlich selbständig überall waren, wo man sie nicht brauchen konnte, und sie im Stalle den Schafen und Gänsen und allem zahmen Getier Besuch abstatteten.

Dann kam ein zweites Frühjahr, noch viel lustiger, als das erste, wo Hannes sie hinausschob auf seinem Karren in den nahen Wald voll der grünen, singenden Herrlichkeit; ein zweiter Sommer mit süßen Beeren, die sie einander und sich selbst ins Mäulchen schoben; dann kam mit einem Male auch mancher Pitsch und Patsch, wenn sie nicht gut thun wollten. Sie lernten des Vaters Pfiff verstehen, den sie anfangs nur für lustig gehalten hatten, und sie lachten nicht mehr bei seinem Stirnrunzeln, sondern liefen gehorsam, wie die anderen, auf dieses gebietende Zeichen.

Und so kam und ging eine Jahreszeit um die andere. Zuerst ritten sie hopp, hopp auf Jörgs Knie und dann saßen sie, zwar festgehalten, auf den langsamen Ackergäulen, zuletzt allein sich anklammernd, mit den Händen und immer fester mit dem Zügel. Immer mehr kam mit der Zeit; sie nahm und brachte dagegen anderes, nicht nur den zwei Kleinen, sondern auch den Größeren. Hannes wurde durch Christel am Schubkarren abgelöst und gesellte sich zu Jörg und dem Vater; Annaliese und Hanne thaten Bärbele's Geschäfte, während diese eine kräftige Dirn wurde im Felde draußen, und eines rückte dem anderen nach.

Jakob war ein schwarzhaariger, dickbackiger, brauner Bub geworden und Heinrichs Flachshärlein hatten sich in einen blondhaarigen Krauskopf verwandelt. Seine Augen glänzten immer blauer und seine Wangen waren wie ein Gemisch von Milch und Blut. Die beiden Knaben kletterten wie Eichkätzlein auf jeden Baum und nahmen das Obst ab; sie zogen gemeinsam auf die Gänsehut und thaten genau, was die anderen in ihrem Alter gethan hatten.

Von Heinrichs rechter Mutter fand sich keine Spur; er war das Kind des Meiers von Kempten, wie die anderen. Die kleinen Geschwister hatten den Vorfall, welcher ihn hergebracht, gänzlich vergessen, die größeren wurden nie daran gemahnt und selbst die Eltern schienen es in ihrer gleichmäßig verteilten Liebe vergessen zu haben. Die Meierei stand ziemlich abgesondert, der Verkehr mit Nachbarn war für die Kinder gering und so hatte Heinrich, als er sein sechstes Lebensjahr erreichte, keine Ahnung, daß er ein armes Findelkind sei, welches die Barmherzigkeit zu Jakob in die Wiege gebettet hatte.

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