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Heinrich Findelkind oder: Die Gründung des Hospizes auf dem Arlberg

Isabella Braun: Heinrich Findelkind oder: Die Gründung des Hospizes auf dem Arlberg - Kapitel 21
Quellenangabe
authorIsabella Braun
titleHeinrich Findelkind oder: Die Gründung des Hospizes auf dem Arlberg
publisherDruck und Verlag der Buchhandlung L. Auer
yearo.J.
printrunFünfte Auflage
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170916
projectidfa0367a9
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Neunzehntes Kapitel.
Nach achtzehn Jahren.

Zu welcher Heimat? – Noch einmal wollte Heinrich die Stätte aufsuchen, wo sich ihm die erste Heimat erschlossen hatte, und sein Herz pochte in seliger Erwartung, als er sein Roß auf die Straße nach Kempten lenkte.

Wer ist je nach jahrelanger Trennung, welche keine Nachricht ausfüllte, wieder heimgekehrt zur Stätte seiner Jugendlust, ohne dieses Pochen des Herzens empfunden zu haben! die Gedanken eilen voraus zu jedem Plätzchen, und jedes ist bevölkert mit Erinnerungen. Wir sehen wieder die rosigen, lächelnden Gesichter der Gespielen, oder die ernstmilden der Eltern; wir hören im Geiste wieder ihre Stimmen, die Luft wird zu ihrem Atem, die Sonne zu ihrem Lächeln, unser eigenes Herz schlägt mit dem Pulse der Kindheit, unser Geist wiegt die Gedanken des Kindes, unser Gemüt verwandelt sich in einen See der Rührung.

Solch eine Stimmung beherrschte Heinrichs Seele; aber je näher er der Heimat kam, desto seltsamer wurde ihm zu Mute. Zur Freudigkeit gesellten sich die bangen Fragen: wie 's wohl daheim aussehe? ob er nicht fremde Leute dort finde? ob sie alle noch leben? noch an den armen Heinrich denken? Doch bald zog ihn die bekannte Gegend wieder von solchen Gedanken ab. Dort ragte der hohe Berg in die Lüfte und schien, ihn zu begrüßen; dort sah er die stattliche Burg auf dem Felsen; nun kannte er jede Wegbiegung, er wußte im voraus, was nun kommen würde: jetzt der kleine muntere Bach; er war nicht größer und älter geworden und noch ebenso lustig und mutwillig die Blumen und Gräser am Rande bespritzend; jetzt der Wald, an dessen Saume sie die Herden geweidet hatten; jetzt glänzte die Iller herüber; er dachte an den kleinen Schnuffl und seine Kunststücke. Alles, alles war ganz wie ehedem, und sein Herz jubelte hoffnungsvoll. Nun ragte ein hoher Baum empor, der Eichbaum, sein alter, erster Freund; vor ihm lag die Wiese, der Obstgarten mit einigen zurückgebliebenen Aepfeln – Paradiesäpfel dünkten sie ihm – und dort die Meierei. Heinrich hielt sein Pferd an, er lauschte, ob er nicht die Spielenden hören könne und vergaß, daß sie gleich ihm längst erwachsen seien. Wahrhaftig! da spielten wenigstens zwei, ein Knabe und ein Mädchen. Er sprang vom Pferde, warf den Zügel auf dessen Rücken und ließ es frei auf dem Rasen weiden. Er trat zum Baume, zog seine Mütze herab und stand wie vor einem Heiligenbilde. Nun setzte er sich auf das Bänklein und beobachtete die beiden Kinder. Sie waren im Alter wie Jakob und Hanne, als er geschieden war und er rief die beiden Namen ihnen entgegen.

Sie hatten ihn gehört und verwundert nach ihm geblickt. Der Knabe sprang herzu, stellte sich vor ihn und sagte fast aufbegehrerisch: »Ich heiß' aber nicht Jakob! so heißt der Vetter; ich heiß' Heinrich

Es lag in des Knaben Worten und Mienen Stolz auf seinen schönen Namen, und er blickte den Fremdling auch mit Stolz an; aber dieser Ausdruck verwandelte sich in Verwunderung; die Augen des Fremden glänzten von helllichten Tropfen auf blauem Grunde. Er zog den Knaben auf sein Knie und sagte: »Ich heiße auch Heinrich! Ja, sieh' mich nur an! ich bin der Heinrich Findelkind, von dem du den Namen hast.«

»Mein Goth! mein Goth!« Pate. schrie nun der Knabe, und lief immer schreiend dem Hause zu.

Heinrich war ihm nachgeeilt, und auch das Mädchen folgte neugierig. Aus der Thüre wankte ein Mütterlein; sie wollte eilen und vergaß, daß ihre Kräfte nachließen; aber Heinrich breitete seine beiden Arme aus und rief: »Mutter, Mutter! da bin ich wieder nach achtzehn Jahren!«

Sie hatte keinen anderen Willkomm als ein lautes Schluchzen, ein Händeschütteln und abgebrochene Worte der Freude. Inzwischen rief der kleine Bursche seine Nachricht durchs ganze Haus und in den Stall, und Jakob eilte herbei, der große kräftige Jakob! Wieder sahen sich die braunen und blauen Augen treuherzig entgegen, wie in den Tagen der Kindheit, und die Männerhände griffen ineinander sich schüttelnd und drückend. Nun kam auch Jörg in seiner bedächtigen Weise, als ob er nicht an das Märchen glauben könne, Jörg der zweite, wie er leibte und lebte; als er jedoch die Gruppe sah, beschleunigte er seine Tritte und rief: »Bist wahrhaftig wieder da! Grüß' Gott zu hunderttausendmal! Schau', schau', der Heinrich!«

Inzwischen war unter die Hausthüre ein junges Weib getreten, und das Mädchen hing an ihrer Schürze.

»Annaliese?« frug Heinrich. Die Mutter schüttelte den Kopf und entgegnete schmunzelnd: »Das bin ich von ehedem, Jörgens Weib, aber feiner als die Alte gewesen ist, die Meierin von Kempten.«

»Schwätz' nit so, Mutter!« sagte das Weib lächelnd, und reichte dem Angekommenen die Hand.

Nun führten sie den Wiedergefundenen in die Stube, während der kleine Heinrich zum weidenden Pferd eilte, hinaufkletterte und es mit unendlichem Stolze in den Stall ritt.

»Wo ist der Vater?« rief nun der Jüngling und schaute sich um; aber er begegnete dem Blicke der Mutter und verstand ihn. Dann sagte sie: »Gott geb' ihm die ewige Ruh'! die Sorgen haben dem armen Mann das Herz abgedrückt, bald nachdem du fortgegangen bist.«

Heinrich senkte das Haupt, und eine feierliche Stille trat ein. Sie wurde durch den kleinen Buben unterbrochen, der das schöne Sattelzeug in die Stube schleppte. Die Mutter hielt ihn am Arm und sagte zu dem Jüngling gewendet: »Sieh', das ist dein Goth, damit du weißt, wie wir an dich gedacht haben alleweil. Der Jakob hat ihn statt deiner über die Tauf' gehoben und ihm deinen Namen gegeben. Hab' nit gemeint, daß unsere Augen dich noch einmal wieder sehen werden und mir das auf den Himmel verspart.« –

Heinrich hob den Knaben freudig in die Höhe und schloß Freundschaft mit ihm, indem er seine Feder von der Mütze nahm und sie als Zier auf jene des Kindes steckte. Die alte Mutter wollte den Wiedergefundenen ganz für sich allein haben; sie betrachtete ihn von Kopf bis zu Fuß, schlug die Hände zusammen und rief: »Aber, wie du gewachsen bist!«

Heinrich meinte lachend, das sei schon lange her, mit dem Wachsen sei 's längst vorbei, und ließ sich gutwillig wie ein kleiner Knabe behandeln.

In Küche und Stall ging's rührig zu, als ob die Geschichte von dem verlorenen Sohn sich wiederhole. Es wurde geschlachtet, gebraten, gesotten und gebacken; aber die Mutter stellte beim Abendessen noch Käs und Birnschnitz auf, weil sie dran dachte, wie Heinrich diesen Festtagsschmaus geliebt habe. Dabei erzählte dieser von seiner ersten Reise, wo er von dem mitgegebenen Vorrat unter dem Baume gegessen und unter freiem Himmel geschlafen hatte. Alle hörten mit inniger Teilnahme zu und wollten noch mehr wissen. Heinrich aber wollte nicht erzählen, sondern vor allem hören, wie es seit Jahren in der Meierei gegangen sei, und wo sich alle Geschwister befänden.

Dies war bald erzählt: – zuerst ging's schlimmer und schlimmer, daß Jörg sich abhärmte und die Augen zur Kirchhofsruhe schloß. Dann hatten sie alle treulich mitsammen gewirtschaftet mit den übergebliebenen Feldern; Bärbele war zuerst hinausgezogen, nicht in die weite Welt, sondern als Gabelbäurin, wo es durch Fleiß und Sparsamkeit allmählich wieder besser ging; Annaliese war auch in der Nachbarschaft verheiratet, Hannes diente als Reitersmann in der Burg; dann hatte Jörg sein Weib geholt, eine gar Fleißige und Gute, mit einem ergiebigen Brautschatz, daß die Meierei von Kempten wieder sich sehen lassen konnte; die Kleinen, welche inzwischen alle groß geworden, hatten sich da und dort zum Dienst gemeldet und ihr gutes Unterkommen gefunden; nur Jakob war zur Hilfe des Bruders daheimgeblieben.

Nun kam die Reihe des Erzählens an Heinrich, und alle horchten mit Verwunderung, und man konnte die Kinder nicht von seiner Seite bringen. Die Mutter faltete die Hände, manche Thräne erzitterte an den grauen Wimpern; Jakob aber blickte mit Stolz auf den Bruder, als er hörte, zu welch vornehmen Leuten Heinrich gekommen sei, und rief: »Hab' ich's nicht immer gesagt, daß du noch einmal fürnehm wirst?«

Heinrich schaute ihm lachend ins Gesicht und entgegnete: »Ich fürnehm! nichts bin ich, als der Bettler vom Arlberg, der nichts hat, als das Gewand am Leib, und das ist arg mitgenommen!«

»So! und all das Geld droben in der Kammer, das du mir gezeigt hast, all das Gold und Silber?«

Heinrich sprach mit heiliger Scheu: »Das gehört Sankt Christoph! ich hab' nichts, als Leib und Leben, das der Meier von Kempten, Gott hab' ihn selig, gerettet hat, und drum gehört's auch nicht mir, sondern allen, die in Gefahr sind.«

Da zog eine fromme Erkenntnis durch Jakobs Seele, und er mußte mit Ehrfurcht auf den Bruder blicken.

So lange, wie in dieser Nacht, hatte in der Meierei die Oellampe noch nie gebrannt. Endlich lagen Heinrich und Jakob wieder beisammen auf dem Lager, vom Schlafe umfangen.

Wie verschieden waren jedoch ihre Träume! Durch Heinrichs Geist zogen all die mannigfaltigen Bilder seiner Kindheit; ihm war's, als hörte er Schnuffl bellen, der längst unter dem Eichbaume verscharrt lag, als hörte er die Peitsche knallen, als triebe er die Herde zur Weide, und die Meierei vermischte sich mit dem Arlberge. Jakob aber träumte von Abgründen, von Rittern, von St. Christoph, der ihn bei der Hand nahm, und als er erwachte, hielt er des Bruders Hand in der seinen. Da war sein Entschluß gefaßt: er wollte sich nicht mehr von Heinrich trennen und sein treuer Geselle werden.

Am anderen Morgen sah man ein altes Mütterlein auf den Arm eines Jünglings gestützt, zum Friedhof wallen. An einem Grabe knieten sie beide nieder und beteten lange. Hinter ihnen stand Jakob; hier sagte er den beiden sein Vorhaben, weil er meinte, der Vater könne ihn da besser hören. In Heinrichs Augen glänzte die Freude, der Bund wurde geschlossen, und eine Thräne aus dem Auge der alten Mutter segnete ihn.

Acht Tage blieb Heinrich in der Meierei. Er besuchte mit Jakob jede Stätte der Erinnerung, und der kleine Heinrich lief ihnen überall nach, denn er hatte den Paten sehr liebgewonnen. Auf diesen Gängen gab es auch so lustige Knabengeschichten zu hören und: – »weißt noch?« war stets der Anfang einer neuen. Daheim saß der kleine Heinrich oft auf dem Knie des großen. Er konnte nicht fertig werden zu fragen, wie hoch die Felswände seien, höher als die Meierei? der Eichbaum? der Kirchturm? wo die flinken Gemsen ständen? ob er sie auch mit dem Pfeil und Bogen schießen könne? Dann frug er nach den Adlern und ihren Nestern, nach Bären und Wölfen; Heinrich aber wurde nie müde, ihm zu antworten; gerade so war er in seiner eigenen Kindheit gewesen.

Auch zu allen Geschwistern in der Runde zog Heinrich und überall war die gleiche, freudige Ueberraschung. Zu Annaliese sagte er: »Du, ich hab' eine Kuh nach dir genannt, unsere schönste und beste; die kriegt allemal den Kranz bei der Heimkehr von der Almfahrt.«

Sie lachte und gab ihm die Hand, indem sie rief: »Bist halt immer noch der Alte!«

Endlich schlug die Abschiedsstunde. Die Mutter sagte: »Das nächste Mal sehen wir uns droben im Himmel! ich danke Gott, daß Er mir auf Erden diese Freude noch gemacht hat.«

Heinrich, dem durch seine weite Reise nun die Entfernung sehr klein vorkam, hatte eine fröhlichere, irdische Hoffnung. Er rief den Zurückbleibenden zu: »Wenn eines von Euch nicht weiß wohin, so kommt nur zu mir. St. Christoph kann alle brauchen!«

Jörg hatte als Bruderschaftsgeschenk sein bestes Pferd aus dem Stalle geholt, damit auch Jakob wohlberitten sei; und so zogen die beiden Jünglinge von dannen, noch oft zurückblickend zu der Gruppe unter der Hausthüre, welche ihnen Abschiedsgrüße zuwinkte.

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