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Heinrich Findelkind oder: Die Gründung des Hospizes auf dem Arlberg

Isabella Braun: Heinrich Findelkind oder: Die Gründung des Hospizes auf dem Arlberg - Kapitel 2
Quellenangabe
authorIsabella Braun
titleHeinrich Findelkind oder: Die Gründung des Hospizes auf dem Arlberg
publisherDruck und Verlag der Buchhandlung L. Auer
yearo.J.
printrunFünfte Auflage
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170916
projectidfa0367a9
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Vorrede.

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In der Vorrede zur dritten Auflage hat die jüngst von uns geschiedene Verfasserin vorliegender ansprechender Erzählung selbst ihre Absichten und Wünsche für das Büchlein so klar und bestimmt ausgesprochen, daß mir nur übrig bleibt, jene erklärenden Zusätze beizufügen, welche die Verstorbene beabsichtigt hatte, selbst in der neuen Vorrede zu berühren.

Vor allem gedachte sie, den großen Unterschied von jetzt und einst zu betonen. Einst, da Heinrich Findelkind mit der selbstlosesten Aufopferung seines Lebens sich dem Samariterdienst in der Bergwildnis weihend – Hunderte von Menschenleben rettete; da noch keine schützende Hütte dem einsamen Wanderer vor Sturm und Unwetter Zuflucht bot, sondern wo ungehört der hilferufende Schrei des im Schnee Verwehten an den starren Felsenwänden des Arlberges verhallte; als es noch keine geebnete Straße oder auch nur Markzeichen gab, die den Unkundigen vor der Gefahr des Absturzes bewahrt hätten, mußten Tausende den beschwerlichen, mit Lebensgefahr verbundenen Weg über den Arlberg wagen, jene Scheidewand zweier Völkerstämme, jenen Wall, der zwischen dem Deutschen Reich und Welschland sich erhebt. Noch ragen in gleicher Unnahbarkeit und majestätischer Ruhe die Felsen und Eisgipfel empor zum blauen Aether, obgleich Jahrhunderte seit dem Einst über sie hingerauscht sind; aus den Thälern wich aber die Totenstille und Einsamkeit; sie machte dem lauten Treiben regsamer Menschen Platz, und wo einst nur der krächzende Schrei des Adlers die Luft durchdrang, da tönt jetzt Tag und Nacht die schrille Pfeife des Dampfrosses, jenes beredtesten Zeugen menschlichen Fortschrittes und industriellen Lebens.

Während Heinrich Findelkind mit wundgelaufenen Füßen die steilen Höhen des Arlberges erklimmen mußte, sitzen wir gemächlich in den weichen Polstern eines Eilzuges und fahren durch düsteres Gestein, durch das kühne Baumeister dem Dampfwagen Weg und Geleis bahnten. Während einst der Wanderer wochenlang zu seinem gefahrvollen Weg brauchte, gelangen wir mühelos in wenig Stunden an das gleiche Ziel. Menschenleer und brach lagen all die großen Gefilde, denen jetzt der Fleiß des Landmanns reichen Gewinn abringt; blühende Rebgelände winken dem Reisenden Labsal und Schatten, wo vordem der Hirte seine Herde weidete; die Thäler widerhallen von dem Dröhnen der Hammerschläge und dem Gebrause der Räderwerke jener vielen großen Fabriken, die heute des Landes Wohlstand machen; – wohin unser Auge fällt, überall rührt und regt sich's, Fleiß und Gedeihen begegnen unseren Blicken.

Noch steht das Hospiz-Kirchlein, wenn auch nicht mehr in seiner ersten Gestalt; noch ragen die finsteren Grate der mächtigen Schindlerspitze über ihm, die auf Heinrich Findelkind, den edlen Menschenretter, schon ganz ebenso drohend herniederblickten; indes die von ihm ins Leben gerufene Bruderstiftung ist aufgehoben, seit Kaiser Joseph II. statt des Saumpfades eine Poststraße anlegen ließ. Doch jenes von Heinrich Findelkind gesammelte Wappenbuch – die Namen der hervorragendsten Regentenfamilien und edelsten Geschlechter Europa's enthaltend – das existiert noch, und befindet sich unter dem Titel: ›Arlberg-Bruderschafts-Buch‹ im k. k. Geheimen Haus- und Staatsarchiv zu Wien. Und Kirchlein und Wappenbuch reden auch heute noch laut von dem Geist christlicher Liebe, der dort oben jahrhundertelang hilfreich gewaltet.

Den Stoff zu ›Heinrich Findelkind‹, dieser wahren Historie, entnahm Isabella Braun hauptsächlich Hormayrs Goldner Chronik, sowie dem Historischen Schatzkästlein für Bayern, worauf Dr. Franz Binder, ein langjähriger treuer Freund der Dichterin, sie aufmerksam gemacht hatte, als beide im Sommer 1859 in Reichenhall sich trafen. Letzterer nahm auch an dem Werden und Wachsen des Büchleins, das im darauffolgenden Winter zur Reife gedieh, regen Anteil.

Und so möge denn Heinrich Findelkind seine Reise von neuem antreten! Leider muß das Büchlein, einem Waisenkinde gleich, ohne den schützenden Geleitsbrief seiner Mutter sich hinauswagen. Möge die Welt ihm einen freundlichen »Willkomm« bereiten!

Mir aber, der Nichte der Heimgegangenen, sei es verstattet, ihrem Gedächtnis hier einen kurzen Nachruf zu weihen; er diene dazu, die jungen Leser mit dieser vortrefflichen, seltenen Kinderfreundin ein wenig näher bekannt zu machen und damit das Andenken an Isabella Braun in der nachwachsenden Jugend zu pflegen und wach zu erhalten.

Die am 2. Mai dieses Jahres verstorbene Isabella war geboren zu Jettingen in Schwaben als Tochter des Rentenverwalters Bernhard Braun und genoß in dem alten gräflich Staufenberg'schen Schlosse, ihres Vaters Dienstwohnung, eine gar frohe, frische Kinderzeit. Ein Bruder und ein Schwesterchen bildeten nebst den Söhnen des Verwalters ihre Spielgefährten, mit denen sich die kräftige, lebensfrohe Kleine in Schloß und Garten, in Feld und Wald lustig tummelte. Der Sommer wie der Winter fand die junge Schar gleich fröhlich und vereint beisammen. Durch den Umgang mit den größeren Knaben war das kühne, kleine Mädchen beinahe ein wenig verwildert, so daß der Strickstrumpf und das Zuhausebleiben dem sonnverbrannten Kinde stets ein hartes Muß blieben. Jedoch die Mutter bestand in ihrem häuslichen Sinn streng auf einem täglichen Pensum, was Isabella manchen Seufzer, manche Strafen und Thränen, Aprilschauer in ihrem Kindersonnenschein, kostete. Trotz diesen flüchtigen Wölklein war aber Isabella's Kinderzeit eine goldne, selige, wie sie nur wenigen Kindern vergönnt ist. Noch in späten Jahren klang diese schöne, traute Zeit in ihren Erzählungen › Aus meiner Jugendzeit2 Bände. Verlag der Buchhandlung L. Auer in Donauwörth. hell und melodisch nach.

Nur zu bald wurde dem Kinderglück ein jähes Ende. Isabella war noch nicht zehn Jahre alt, als der geliebte Vater starb und für immer seine »kleine braune Bill« verließ, wie er sein ältestes Töchterchen zu nennen pflegte. Tief und nachhaltend litt das Kind unter diesem ersten, großen Schmerz. Die Mutter, eine höchst vortreffliche Frau, siedelte nach dem Tode ihres Gatten mit ihrer kleinen Schar und Nanni, dem Faktotum des Braun'schen Hauses, nach Augsburg über. Sie that das sowohl der Erziehung ihrer Kinder zulieb, als auch, um an ihrem Bruder, dem Landrichter v. Merklin, eine männliche Stütze für ihre Familie zu finden. Isabella sollte sogleich in das Institut der Englischen Fräulein kommen; eine heftige Krankheit verzögerte den Eintritt in die Schule. Als sie genesen zum ersten Male vor ihren neuen Mitschülerinnen stand, brachen diese in lautes Gelächter aus über das lange, magere Mädchen mit dem aufgeputzten Lockenkopf und den unstädtischen Kleidern. Bös war es wohl nicht gemeint, aber die Wirkung auf Isabella nichtsdestoweniger eine verletzende.

Monatelang saß das gefangene Naturkind, um seine Freiheit trauernd, in der engen Schulstube, wenig sprechend und noch weniger gefragt. Ein gegebenes Aufsatzthema rief das heimwehkranke Kindesgemüt zu neuem, frischem Leben. Es galt, die Heimat zu beschreiben! Diese Aufgabe entsprach allen Gedanken der von Sehnsucht erfüllten Kindesseele, und in begeisterten Worten schilderte sie ihr liebes Heim im grauen viertürmigen Schlosse zu Jettingen. Die Lehrerin las erstaunt diese Arbeit, gab sie einer Schülerin zum Vorlesen und gewann dadurch dem vereinsamten Kinde die Liebe, nach der es so schmachtete. Von da an flogen alle Herzen dem liebenswürdigen Kinde zu, und im Sturme hatte Isabella die ganze Klasse samt den Lehrerinnen erobert, sie war der erklärte Liebling des ganzen Instituts geworden. Der kurzen traurigen, Zeit folgten Jahre frohen Mädchenglückes. Im Sonnenschein der Freundschaft gedieh die liebedürstende Pflanze und entwickelte sich zur schönsten Blüte. Auch die Poesie trieb ihre ersten Knospen zu jener Zeit harmloser Mädchenfreundschaften, von denen sich manche bis zum Tod erhielten.

Abermals war es ein Todesfall, der Isabella's Glück trübte. Ihr einziger Bruder Anton, ein hoffnungsvoller junger Mann, starb während der Abwesenheit von Mutter und Schwesterchen an einem Blutsturz in Isabella's Armen. Tief gebeugt durch diesen schweren Verlust, beschloß die Mutter, mit ihrer Tochter Sophie, einer längst gehegten Neigung folgend, sich in Herrnhut einer Brüdergemeinde anzuschließen, deren friedlich harmonisches Zusammenleben ihrem wunden Herzen Trost versprach. Isabella aber blieb allein in Augsburg zurück, woselbst sie mit Hilfe und Unterstützung von Onkel und Freunden sich zum Lehrerinnenberuf vorbereitete. Nach zwei Jahren fleißigen Studiums legte sie ihre Prüfung mit der ersten Note ab und erhielt an ihrem 21. Geburtstag die Stelle einer Volksschullehrerin in Neuburg. Wer war glücklicher als sie? denn Kinder lieben und lehren war ihr Beruf und entsprach ganz ihrem innersten Seelenbedürfnis.

Es traf sie somit gleich einem schweren Schlag, als sie, nach elfjähriger Thätigkeit, ihre Stelle den Englischen Fräulein überlassen mußte, welchen die Mädchenschule übertragen worden war. Ein glänzendes Zeugnis von der kgl. Regierung erfreute sie wohl, vermochte sie aber ebensowenig zu entschädigen, als die Unterstützung, die sie aus dem Ursulinerfond erhielt. Ihr Lebensbaum schien ihr entwurzelt, und wie er ohne die Liebe der Kinderwelt fortgedeihen könne, vermochte Isabella sich gar nicht vorzustellen.

Kurz vor ihrem Ausscheiden von der Schule hatte sie mit der Tochter des dortigen Appellationsgerichtspräsidenten v. Stengel ein inniges Freundschaftsband geknüpft, das von lebenslänglicher Dauer war und sie in jeder Beziehung hoch beglückte, dem sie später auch die Freuden einer trauten Häuslichkeit zu verdanken hatte. So schwer es Isabella geworden war, sich von dem ihr teuren Berufe loszumachen, so gab sie doch dem eigenen inneren Drang und dem Zureden ihrer Freunde nach und wendete sich einem neuen Lebensberufe zu, der sie auf anderem Wege der Jugend nahe führte. Sie beschloß, sich ganz der Dichtkunst zu widmen. Vor allen anderen war es der Allvater der Jugendschriftstellerei, Christoph v. Schmid, der die junge Dichterin bewog, vor die Oeffentlichkeit zu treten. Um ihr das zu erleichtern, führte er selbst ihr Erstlingswerk – ›Bilder aus der Natur‹ – mit einem begleitenden Vorwort in die Welt ein. Die einfachen, die Kinder sehr ansprechenden Gedichtchen gefielen und erwarben sich rasch ein größeres Publikum, so daß der ersten Auflage nach Jahresfrist eine zweite folgte. Der Erfolg beflügelte den Mut der bescheidenen Autorin und sie beschenkte die Kinderwelt nun nacheinander mit mancherlei Büchergaben.

Nach Verlauf von zwei Jahren siedelte Isabella Braun mit ihrer Freundin Amanda v. Stengel nach München über, woselbst auch ihre Schwester Sophie verheiratet war, sich dort ein Heim schaffend. Der anregende Verkehr mit Dichtern, Gelehrten und Künstlern hob und erweiterte den Gesichtskreis der strebsamen Jugendschriftstellerin. Mit dem Kinderfreund Franz Pocci hatte ein günstiges Geschick sie zusammengeführt, denn in ihm fand sie einen treuen und selbstlosen Freund und Berater, der sich auch bald darauf als ihr fruchtbarster, eifrigster Mitarbeiter der ›Jugendblätter‹ bewies, die Isabella auf Anregung der Gebrüder Scheitlin in Stuttgart ins Leben rief. 1854 erschien der erste Band dieser Jugendzeitschrift, berühmte Namen als ihre Mitarbeiter aufweisend, von denen übrigens beinahe alle zu ihren persönlichen Freunden zählten.

Die jungen ›Jugendblätter‹ fanden überall freundliche Aufnahme und bürgerten sich rasch bei reich und arm ein. Später, als Scheitlin sich vom Geschäft zurückzog, gediehen die ›Jugendblätter‹ lustig weiter bei der berühmten Firma Braun und Schneider in München. Neue Mitarbeiter waren zu den ersten gekommen und halfen treulich an dem edlen Werk. Das Erscheinen des 25. Jahrganges wurde öffentlich durch eine Abordnung der Schulkommission Münchens und die nachdrücklich wiederholte Empfehlung des kgl. Kultusministeriums gefeiert. König Ludwig II. ehrte die Schriftstellerin durch Verleihung der Ludwigsmedaille für Kunst und Wissenschaft, Herzog Maximilian in Bayern sandte ihr eine Medaille mit seinem Bildnis, und die Königin-Mutter gedachte der Verdienste Isabella Brauns in einem höchst schmeichelhaften Handschreiben. Die Glückwunschschreiben mancher anderen hohen Glieder des kgl. Hauses, die mit der liebenswürdigen Kinderfreundin auf huldvoll freundschaftlichem Fuße standen, Beweise der Liebe und Anerkennung von allen Seiten, machten dieses Ereignis zu einem schönen Feste für Isabella Braun. Leider fehlten schon damals mehrere ihrer Getreuen. Graf Pocci vor allem vermißte sie schwer, dann hatte sie auch ihrer hohen Mitarbeiterin, Prinzessin Alexandra von Bayern, ins Grab sehen müssen. Die geliebte Mutter war längst aus diesem Leben geschieden; 1865 starb sie hochbetagt in ihrer teuren Brüdergemeinde in Thüringen.

Allein ob auch manch schwere Wolke über Isabella Brauns Lebenshimmel gezogen war, immer blieb die schon an Jahren vorgerückte Dichterin jung und frisch im Gemüt wie ein Kind. Zu den Kindern auch zog sie es gleich mächtig, bei ihnen fühlte sie sich in ihrem ureigensten Elemente. Wo es galt, ein Kinderfest zu feiern, war sie unermüdlich, schöne Gedichte zu produzieren, freundlich andringenden Wünschen entgegenzukommen, und derartige Erzeugnisse für Familien, Institute, Schulen und Klöster füllten nach ihrem Tode drei dicke Bücher.

Das Heim der Dichterin, fern davon, ein glänzendes zu sein, bot ihrem schlichten Sinn eine traute Gemütlichkeit und ihrem geistigen Leben höchst anregenden Verkehr. Da fanden sich Besuche aus allen Ständen ein; Prinzessinnen unseres hohen kgl. Hauses machten der Dichterin oft die Freude ihres persönlichen Erscheinens; eine treue, liebe Freundin war ihr auch die verstorbene Baronin Moltke, welche sich häufig an den geselligen Abenden einfand, an denen sich traulich um die Lampe Künstler und Schriftstellerinnen versammelten. Zwischen all diesen Gestalten waltete ihre Freundin Amanda als der Genius des Hauses. In liebendster Weise sorgte sie dafür, daß Isabella's Heim ein beglückendes war. Die Häuslichkeit von Sophie, der verheirateten Schwester der Schriftstellerin, bot ihr dabei mit ihrer Kinderwelt auch den Reiz eines Familienlebens.

Leider war seit dem Jahre 1881 Isabella Brauns Gesundheit sehr schwankend geworden. Trotzdem leitete sie in gleich sorgfältiger Thätigkeit ihre lieben ›Jugendblätter‹ denen die Ehre zu teil geworden war, in der jugendlichen Erzherzogin Marie Valerie eine höchst begabte Mitarbeiterin zu erhalten, was der Herausgeberin noch zu großer Freude gereichte. Neben den Jugendblättern befaßte diese sich mit der schwierigen Ausgabe, ihre sämtlichen Schriften zu sichten und zu sammeln, was ihr auch trefflich geriet, denn noch zu ihren Lebzeiten waren 12 Bändchen bei J. F. Schreiber in Eßlingen erschienen. Mit ›Heinrich Findelkind‹ sollte eine II. Serie beginnen.

So kam der 12. Dezember 1885 und mit ihm in großem Maßstabe eine Wiederholung all jener Ehren, die Isabella Braun bei Erscheinen des 25. Jahrgangs der ›Jugendblätter‹ so hoch beglückten. Es geschah das aus Anlaß ihres 70. Geburtstages, den die Schriftstellerin bei ganz auffallend günstigem Wohlbefinden feierte. Das Weihnachtsfest und die folgende Zeit fand sie rüstiger und frischer als seit Jahren. Da plötzlich erkrankte sie an ihrem alten Leiden, dem sie auch in wenigen Wochen unterlag. Eine rührende Geduld an den Tag legend, sprach die Kranke Worte der innigsten Liebe zu ihrer Umgebung und erging sich wieder und wieder in Dankesausbrüchen für die vielen Beweise der Teilnahme während ihrer Krankheit. Dankbarkeit und opferwillige Liebe waren die zwei Grundzüge ihres Herzens – ein edles, reiches Leben baute sich auf ihnen auf, ihr zur Lust, uns zum Gewinn!

Ueber das feine Verständnis für die Kinderwelt und die natürliche Anmut, mit welcher Isabella Braun zu erzählen verstand, brauche ich mich kaum weiter auszubreiten: wer ihre Schriften gelesen hat, kennt die klare, einfache und dabei die Herzen rührende Sprache derselben, und wem es noch unbekannt sein dürfte, dem rate ich, sich selbst davon zu überzeugen, indem er Isabella Brauns ›Gesammelte Erzählungen‹ liest. Die Kinderwelt kann nicht leicht eine unterhaltendere, veredelndere Lektüre in die Hand bekommen.

München, im Juli 1886.
Isabella Hummel

Vorrede zur fünften Auflage.

Schickt eine Mutter ihren Sohn in die Welt, so gibt sie ihm wohl einen Geleitsbrief an »die draußen« mit, der ihm helfen soll, die Gunst der Fremden zu gewinnen.

Viermal schon kehrte ›Heinrich Findelkind‹ erfolgreich von seinen Wanderungen zurück, – mehr als sieben Jahre sind's, daß er zuletzt hinauszog in Stadt und Land, an den Thüren guter Menschen um Einlaß bittend. Und wahrlich, froher Willkomm wurde dem schlichten, aber wackeren Wanderer vielorts geboten, der stets da gab, wo er doch nur zu nehmen schien.

Ein Findelkind, das keine wahre Heimat sein eigen nennt, das ist auch unser Heinrich immer mehr geworden, seit er verwaist, ohne seiner geistigen Mutter Geleitsbrief und Fürsprache hinaus sich wagen mußte in den Kampf mit der Welt; kein Wunder, wenn zuerst das Herz ihm zagend bebte.

Allein die vielen tausend Freunde, die unser Findelkind sich schon draußen durch sein schlichtes, treuherzig deutsches Wesen gewann, die vielen Herzen frommer Kinder – vor allem ernst-kühner Knaben – die alle Heinrich schon kennen und lieben gelernt haben, machen dem Guten auch Mut, die Fahrt aufs neue mit frischem Hoffen auf warmherzigen Willkomm zu wagen.

Möge er denn den alten Freunden kein Fremdling und den Fremden bald ein Freund sein!

Seit ich zum ersten Male meinen unberühmten Namen statt des vielgenannten der Autorin dem Geleitsbrief unterzusetzen hatte, sind fast sieben volle Jahre dahingerauscht im Strome der Zeit und ›Heinrich Findelkind‹ hat seitdem – mit den ihm innerlich verwandten Geisteskindern Isabella Brauns, mit den ›Gesammelten Erzählungen‹ (zwölf Bändchen, à M 1.50), ›Eine Mutter‹, ›Das Vaterunser‹, das ›Glückwunschbüchlein für Kinder‹ und ›Kleine Theaterstücke‹, gleichfalls der Jugend gewidmet – nunmehr sein Heim in der gastlichen Pflegestätte für christlich-katholische Lektüre, in der Firma L. Auer in Donauwörth gefunden. Und wahrlich, eine besser Herz und Geist veredelnde Gabe vermöchte die Firma ihrem Leserpublikum nicht zu bieten. Nicht nur die reifere Jugend, sondern auch ganz Erwachsene wird ›Heinrich Findelkind‹ von Anfang bis zu Ende fesseln, unterhalten und – kühn sei es gesagt – belehren! Soeben erhalte ich von der Kgl. Lokal-Schul-Kommission München die erfreuliche Mitteilung, daß ›Heinrich Findelkind‹ in den Kanon für Schülerbüchereien aufgenommen worden ist.

Der Geist der verklärten Autorin aber möge ihm segnend das Geleite auf dieser neuen Fahrt geben!

München, im Mai 1894
Isabella Hummel.

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