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Heinrich Findelkind oder: Die Gründung des Hospizes auf dem Arlberg

Isabella Braun: Heinrich Findelkind oder: Die Gründung des Hospizes auf dem Arlberg - Kapitel 19
Quellenangabe
authorIsabella Braun
titleHeinrich Findelkind oder: Die Gründung des Hospizes auf dem Arlberg
publisherDruck und Verlag der Buchhandlung L. Auer
yearo.J.
printrunFünfte Auflage
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170916
projectidfa0367a9
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Siebzehntes Kapitel.
Ein kurzer Reiseüberblick.

Heinrich ergriff mit verjüngter Frische seinen Wanderberuf, und erkannte in dem letzten Vorfalle die Prüfung Gottes, welche ihn frug: »Willst du ausharren auch auf dem Wege der Dornen?« – »Ich will! ich will!« klopft jeder Pulsschlag und sein Auge glänzte im freudigen Opfermute. Er zog weiter in das Land hinein, und er ward geläuterter und demütiger. Wie der heiße Sonnenstrahl die Erde vertrocknet und das rege Leben darin erschlafft: so geht's auch der Seele mit dem beständigen Glücke. Wie so ein Sturm sie reinigt! so eine Flut sie auffrischt! Der überaus glückliche Verlauf seiner Reise bei den Reichen des Landes hatte ihn vergessen lassen, was die Pilger ihm einst von dem Geiste der rechten Wallfahrt gesagt. Nun beschloß er, nicht nur in Burgen die reiche Gabe zu sammeln, sondern auch auf der Straße und in den Städten um das arme Scherflein zu bitten, damit der Segen der Entbehrung zum Almosen komme.

Oftmals stieg Heinrich vom Pferde und ging wallfahrend daneben her, indem er eines seiner alten Pilgerlieder sang. Dabei fand er Gelegenheit zu manchem Gespräche auf der Landstraße und zum Einsammeln der kleinen Gaben. In Dörfern und in Städten sammelte er, auch in den Häusern, und wo er rauh abgewiesen wurde, legte er seine Demütigung zum Almosen. Er bettelte sein Brot vor den Herbergen, und wenn ihm die freie Aufnahme versagt wurde, schlief er unter einem Baume; sein Rößlein fand Nahrung genug, er selber aber litt Hunger. Er war wieder ganz der arme Heinrich Findelkind wie vor sechzehn Jahren; nun aber konnte er tüchtig der Mühsal trotzen, und er trotzte ihr mit Leib und Seele.

Er befand sich nun mitten in Ungarn und mitten im Sommer. Vor ihm lagen die weiten grasreichen Ebenen, die unabsehbaren Heiden, die Fruchtfelder jenes Landes. Der Magyare auf seinem flinken, kleinen Rosse sauste an ihm vorüber; die fremde, klangreiche Sprache berührte sein Ohr, und manches Wort grub sich fest in sein Gedächtnis, womit er bittend und traulich den stolzen Geist jener Einwohner besiegen konnte. Die Landschaft zog in malerischem Wechsel an ihm vorüber: Traubenhügel, unzählige Flüsse und Bächlein, das finstere Gebirg mit seinen Klüften und Eishöhlen, die spiegelklaren Seeflächen, Sümpfe und Moräste, die wunderlichen Luftspiegelungen der Heide, alles, alles war da zu sehen.

Endlich gelangte er nach Galizien, damals zu Polen gehörend, das terassenförmig sich gegen die Karpathen hinzieht, in das Flußgebiet des Dniester, Pruth und Bug. Da gab es Vorsicht aller Art zu üben. Tiefe Moräste breiteten sich aus und machten die Reise unsicher; wilde Bienen umschwärmten ihn und das Pferd, Bären und Wölfe heulten durch die Nacht der Gebirgswälder, und es galt oftmals rasche Flucht, um das Leben zu retten.

Von hier aus durchwanderte er ganz Polen, und hatte seine Freude an den schönen Menschen mit starkem Körperbau, feurigem Auge und rascher Gewandtheit. Er sah sie einsam ihre Herden weiden, stets eine Art Streitaxt mit langem Stiele, welche zugleich als Stab und Waffe diente, in der Hand haltend. Bei manchem der adeligen Geschlechter war ihm Gräfin Anna v. Cilley's Wappen ein guter Geleitsbrief, denn sie hingen an dem alten Königshause der Piasten, das mit Kasimir dem Großen in männlicher Linie erlosch und dessen Krone nunmehr auf dem Haupte Ludwigs von Ungarn saß. Da fiel manch reiche Spende in seine Reisetasche, und er segnete die Stunde, wo er den armen Knaben im Burggraben gerettet hatte.

Jetzt lenkte Heinrich sein Roß gegen die Küsten der weiten Ostsee und durchzog die Sandflächen Pommerns, diese endlosen Ebenen, nur durch kleine Seen und Wälder unterbrochen. Rauh und kalt wehte der Wind, und der frühe Winter machte die Gegend zu einem öden Leichentuche. Viele Meilen mußte er wandern, bis er endlich ein Haus oder ein Schloß erreichte; aber die Gastfreundschaft bot immer offene Thore, und die Nachkommen von Bogislaw und Wratislaw übten freigebig die Gesetze des Christentums, welche die ersteren ihren heidnischen Unterthanen gegeben hatten. So verstrich der erste Winter in der weiten, fremden Welt für Heinrich und im Glanze der Frühlingssonne lag das Meer vor ihm, das endlose Meer mit seiner ruhigen Flut gleich einer seligen Menschenbrust, und seinen wilden Wogen gleich jener, welche von Leidenschaften aufgewühlt ist; das Meer mit seinen Silberstreifen, mit seinen beflaggten Schiffen, mit seinem sandigen, bespülten Gestade, mit seiner täuschenden Vereinigung von Wasser und Himmel. Heinrich zog immer weiter von Land zu Land, von Ort zu Ort, von Burg zu Burg. Aber den Sohn der Berge überkam endlich eine tiefe Sehnsucht nach dem majestätischen Gebirge, welches den Blick abschließt. Nun zog er rascher vorwärts, hin zum Rheine, der mit seinem Rauschen ihm wie ein Gruß aus der Heimat klang, wo er seine Entstehung hat.

Es kann nicht unsere Absicht sein, Heinrich bei all seinen Abenteuern, Erlebnissen, Freuden im Gelingen und Demütigungen der Fehlbitten, durch alle die weiten Länder zu begleiten; dies würde den Faden dieser Geschichte ins unendliche ausspinnen. Es muß uns genügen, bei demjenigen zu verweilen, was im besonderen auf seine Pilgerfahrt einwirkte, und so finden wir ihn wieder in den schönen Tagen, wo Sommer und Herbst sich die Hand reichen, dem Rheinstrome entgegenpilgernd.

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