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Heinrich Findelkind oder: Die Gründung des Hospizes auf dem Arlberg

Isabella Braun: Heinrich Findelkind oder: Die Gründung des Hospizes auf dem Arlberg - Kapitel 17
Quellenangabe
authorIsabella Braun
titleHeinrich Findelkind oder: Die Gründung des Hospizes auf dem Arlberg
publisherDruck und Verlag der Buchhandlung L. Auer
yearo.J.
printrunFünfte Auflage
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170916
projectidfa0367a9
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Fünfzehntes Kapitel.
Erstes Reise-Erlebnis.

Heinrich ritt wohlgemut durch die klare Winterlandschaft. Dies war nun schon ein ganz anderes Reisen, als vom Arlberge nach Graz, und er überdachte, ob es nicht gar zu stattlich und fürnehm sei für einen so armen Burschen, der betteln gehe; sein demütiges Herz fürchtete sich vor Gottes Mißfallen. Dann aber beruhigte ihn der Gedanke, daß er ja nicht seiner selbst wegen reite und gerne zu Fuß pilgern würde, daß er aber zu Roß schneller vorwärts komme und leichter das heilige Almosen wahren könne. Er dankte also nochmals dem Herzog im stillen für das gnädige Geschenk, klopfte dem Rößlein ermunternd auf den Nacken und weiter ging's in die Welt hinein.

Die Berge ragten mit ihren silberblinkenden Häuptern in die blaue Himmelsluft; tausende von Flämmchen leuchteten im Schnee; die ganze Natur schien noch die Weihnacht zu feiern. Heinrich dachte an die Weisen aus dem Morgenlande, welche ein Stern führte und vertraute gleichfalls einer höheren Leitung. Gleich den Weisen wollte er das Gold der Barmherzigkeit dem Jesuskinde bringen mit aller Demut des Herzens. Auf diese Art waren Heinrichs Gedanken, als er seines Weges zog. Dann überlegte er auch, wohin er sich zuerst wenden solle. Hugo hatte ihm die edelsten, reichsten und mächtigsten Geschlechter genannt, und er beschloß, zuerst nach dem Schlosse Ortenburg zu ziehen, das dem Grafen Wilhelm v. Cilley und seinem Onkel Hermann gehörte, welche beide zwar jetzt auf einem ritterlichen Zuge sich befanden; aber die Witwe Adelheid und Anna, die polnische Königstochter, Graf Wilhelms Gemahlin, lebten dort. Er dachte an seine Pflegemutter zu Kempten und an Martha auf dem Arlberge, wie barmherzig diese waren; sollten es die reichen Edelfrauen nicht um so mehr sein, als sie nur vom Ueberflusse zu geben hatten? Freilich wußte er nicht, wie man sie anrede, aber er hoffte, Gott werde ihm schon beistehen, das rechte Wort zu finden. Dabei überlegte er nun auch, wie er das unternommene Werk heißen solle. Er hatte oftmals von heiligen Bruderschaften gehört, wo viele sich zu einem Werk verbanden, und so wollte er das seine die Bruderschaft St. Christophs nennen.

Solche Gedanken und Pläne verkürzten ihm den Weg, bis er zum Flusse Drau gelangte. Nun sah er auch die Zinnen, Türme, Erker und Mauern von Ortenburg aus der Ferne glänzen. Er ließ den Zügel lose auf des Rößleins Rücken und überlegte nun seinen nächsten Plan. Mehrere Hütten standen an dem Wege, die schon zur Herrschaft Ortenburg gehörten. Im Geiste eines armen Pilgers bat er um eine Unterkunft, mußte aber vergebens an manche Thüre pochen, bis er endlich Aufnahme fand und sein friedliches Aussehen die Furcht verscheuchte, einen fremden Reiter zu beherbergen.

Der Abend war noch ferne; gedrängt von seinem Jugendeifer, wollte Heinrich sogleich ans Werk gehen. Er legte seine Urkunde wohl verwahrt auf die Brust unter sein Wams und näherte sich der Burg. Indem er dieselbe staunend besichtigte, überdachte er, wie er sich den Einlaß verschaffen solle, denn die erste Erfahrung hatte seine kecke Zuversicht gedämpft und die kleinen Lucken in dem Erdgeschosse kamen ihm nicht mehr so harmlos vor, wie ehedem.

Um das Schloß zog sich ein tiefer, ausgemauerter Graben, der mit Wasser gefüllt schien, jetzt aber mit blinkendem Eise überdeckt war. Die Zugbrücke konnte eine völlige Abscheidung bilden; in Friedenszeiten, wie die gegenwärtige, war sie tags über niedergelassen.

Als Heinrich an der Rückseite des Schlosses stand, sah er einige Knaben mit allen Zeichen des Schreckens hin und her laufen. Er näherte sich denselben und erriet bald die traurige Veranlassung. Sie waren aus den Hütten der Nachbarschaft und hatten sich im Winterspiele zu nahe an die Brüstung des Grabens gewagt. Einer ihrer kleinsten Gespielen war im knabenhaften Faustkampfe rückwärts gedrängt worden, ausgeglitten und hinabgestürzt. Nun wußten sich die kleinen Menschen nicht zu helfen und getrauten sich nicht, bei den rauhen Schloßknechten um Beistand zu bitten.

Rasch überschaute Heinrich die Szene. Die Mauer des Grabens war tief; aber die Felswände des Arlberges senkten sich noch schroffer und tiefer. Das zerbröckelte Gestein verhieß dem Fuße manchen Anhaltspunkt; hier und dort wuchs auch starkes Geäste durch die Spalten. Es war ihm nicht anders, als ob er auf den Arlberg zurückversetzt wäre. Sogleich stemmte er sich mit dem Rücken gegen die Mauer, stieg und rutschte teilweise hinab, indem er sich vorsichtig mit den Händen anklammerte. So erreichte er die Stelle, wo der Knabe lag. Aus einer Kopfwunde strömte das Blut; eine Ohnmacht hatte ihm die Besinnung geraubt und das Gesicht trug die bleiche Farbe des Todes.

Hier galt es, rasch zu handeln. Sogleich legte er sich das Kind auf den Rücken, schlang sich dessen Aermchen um den Hals, fügte die Finger ineinander, welche sich krampfhaft schlossen im neu sich regenden Leben. Jetzt trat Heinrich den mühsameren Rückweg an, schob sich an der Mauer empor und erreichte als geübter Bergsteiger glücklich die scharfkantige Brüstung.

Die Knaben hatten mit klopfendem Herzen auf den Retter in der Not gewartet; ehe jedoch derselbe wieder erschien, waren sie auseinandergestoben, denn von der Zinne gab das Horn ein Entdeckungszeichen. Bald sah sich Heinrich von Reisigen umgeben, die scheltend über das freche Bettelvolk ihn dann wieder mit seiner Last allein ließen. Nun fühlte er sich völlig ratlos. Das Kind lag immer noch ohne Bewußtsein auf seiner Schulter; es konnte ihm über seine Heimat keine Auskunft geben und doch war schnelle Hilfe von Nöten. Er hatte den Knaben in seine Arme genommen und suchte das quellende Blut zu stillen, als ein mitleidiges Auge ihn gewahrte. Von dem Hornrufe und den Knechten aufmerksam gemacht, sah das Weib des Thorwarts durch ihr enges Fensterlein; als die rauhen Gesellen sich entfernt hatten, öffnete sie das Seitenpförtchen und winkte Heinrich einzutreten.

Es war ein enges, düsteres Gemach; aber das knisternde Feuer verbreitete zugleich ein magisches Licht. Mit dem Instinkte des weiblichen Herzens wußte die Frau sogleich, um was es sich handle, schüttelte das Bett zurecht, holte frisches Wasser, und teilte sich mit Heinrich in die Belebungsversuche. Endlich zuckte der kleine Körper, das Blut kehrte in die Wangen zurück, unter Stöhnen schlug der Knabe die Augen auf und schloß sie gleich wieder in der fremden Umgebung; aber die Lippen sogen gierig die dargereichte Milch ein. Dann sank er in einen unruhigen, fieberhaften Schlaf, während Heinrich an dem Lager saß und das Weib zwischen Verrichtung ihrer häuslichen Geschäfte oft mitleidig daneben stand.

Die Nacht war angebrochen, als sich leise die Thüre öffnete und ein freundliches Mädchengesicht hereinschaute. Bei dem sich ihr bietenden Anblicke wich sie scheu zurück, aber das Weib ging ihr entgegen und nun entstand ein Geflüster, begleitet von neugierigen und mitleidigen Blicken. Das Mädchen war die Lieblingszofe der Gräfin Adelheid und besuchte in der Feierstunde ihre Freundin. Als sie heute wieder ging, trug sie einen reichen Schatz von Neuigkeiten mit sich fort, der sich am anderen Morgen bei der Gräfin anbringen ließ.

Die ganze Nacht über saß Heinrich vor dem kleinen Kranken, und als am Morgen das Weib am Bette erschien, strahlte ihr des Jünglings Auge fröhlich entgegen, denn der Knabe war zum Bewußtsein erwacht und rief nach seiner Mutter. Sobald die gute Frau deren Namen erfuhr, eilte sie von dannen. Sie hatte nicht weit zu gehen, denn auf einem Steine zusammengekauert saß die arme Mutter seit vielen Stunden. Nun stürzte sie ins Gemach und war selig im Anblick ihres wiedergefundenen Kindes.

Heinrich wollte sich eben davonschleichen, als die Zofe Agnes ihm entgegenkam mit der Aufforderung, sie zu ihrer Herrin zu begleiten. Wie da seine Augen strahlten! Rasch brachte er seine Kleider in Ordnung, zog seine Urkunde hervor und folgte leichten Trittes seiner Führerin durch den Hof und die Gänge bis zum Rittersaale.

Ein schöner Anblick bot sich ihm dar. Die Decke wölbte sich in hohen Spitzbogen gleich einer Kirche; an den Wänden hingen blanke Waffen aller Art, vermengt mit mancher erbeuteten Siegestrophäe, ein helles Feuer loderte in dem Kamine; in der Mitte des Saales befand sich ein überzogener Stickrahmen, vor welchem mehrere Zofen emsig die Nadel führten, und bunte Farben mit Seide, Gold und Silber vermengt hineinstickten. Oftmals mochte die Halle von Sang, Waffen- und Becherklang erdröhnt haben, jetzt wurde sie von den beiden Edelfrauen zur Werkstätte benützt, um die heimkehrenden Burgherren mit dem neuen Banner zu überraschen; die Arbeit näherte sich bereits ihrer Vollendung. In eins verbunden sah man hier die Wappen von Henneberg und Cilley. Auf blauem Felde glänzten des ersteren drei goldene Sterne und daneben auf silbernem Grunde die beiden roten Balken, darüber der Helm, vom blauen Federschmucke des Grafen Cilley umwallt.

Emsig stickten die Zofen; aber manch verstohlener Blick fiel auf den eintretenden Jüngling. Gräfin Anna trug ihr kleines Aennchen auf dem Arme und hielt die Fingerlein, welche nach der bunten Seide und den glitzernden Perlen langten. Ihr junges, edles Frauengesicht war ein Bild des hoffnungsreichen Morgens; wie die klare Luft oftmals keine Spur von dem nicht ferne aufsteigenden Gewitter zeigt, lag auch in diesem Antlitze keine Ahnung des bitteren Leides, das ihrer Jugend eheliches Glück in Bälde zerstören sollte. Graf Wilhelm v. Cilley starb schon am 19. September 1392 in Wien auf der Rückkehr von einem Türkenfeldzuge.

Gräfin Adelheid, die Witwe Ulrichs v. Cilley, Landeshauptmann von Krain, trat dem Jüngling einige Schritte entgegen, betrachtete denselben eine Weile mit prüfendem Auge, und sagte dann: »Meine Zofe Agnes hat mir berichtet, was Ihr an dem verunglückten Knaben gethan. Ihr sollt nicht von Schloß Ortenburg scheiden ohne unseren Dank, denn das Leben unseres geringsten Unterthanen ist uns wert und heilig. Sagt offen, was begehrt Ihr zum Lohne? Suchet Ihr etwa einen ritterlichen Dienst? Die Grafen Hermann und Wilhelm sollen Euch aufnehmen unter ihre Reisigen.«

Heinrich neigte sein Haupt und entgegnete mit halbem Lächeln um den Mund: »Habt Dank, edle Frauen; aber ich diene schon einem mächtigen Herren; in seinem Dienste reise ich von Burg zu Burg, von Land zu Land, und ich habe auch eine Botschaft an Euch.« –

Verwundert blickten die Frauen auf den Jüngling und Gräfin Adelheid frug: »Wie heißt Euer Herr?«

Da erhoben sich Heinrichs Augen treuherzig, indem er zur Antwort gab: »Mein Herr ist der große St. Christoph im Himmel droben und er läßt Euch einladen zu seiner Bruderschaft, die er auf Erden gründen will durch mich, seinen Knecht.«

»Das ist ein seltsamer Herr und ein seltsamer Diener, – sprach die Gräfin lächelnd; dann fuhr sie fort: Wie aber nennt Ihr Euch, Fremdling?«

Heinrich näherte sich zutraulich der Gräfin, reichte ihr die Urkunde hin und sagte: »Seid so gut, edle Gräfin, und leset, was da drinnen steht, 's ist alles getreulich verzeichnet vom Herzog Leopold selber.«

Als die zarten Hände nun die Urkunde entfalteten, blinkte der Farben-, Gold- und Silberglanz der Wappen so herrlich, daß daneben selbst die Farben der Stickerei matter erschienen, und Erstaunen zeigte sich auf allen Gesichtern. Es steigerte sich, als die Gräfin mit lauter Stimme die uns bekannte Urkunde las. Nachdem sie geendet hatte, sprach sie bewegt: »Heinrich von Kempten, diesem Herren und diesem Werke, von dem Ihr bei uns auch eine Probe abgelegt habt, wollen wir Euch nicht abtrünnig machen. Aber wie kommt es, daß Ihr Euer junges Leben für ganz fremde Menschen wagt, ohne jeden Erdenlohn?«

Heinrich entgegnete treuherzig: »Seht, gnädige Frau, ohne das Erbarmen des Meiers von Kempten wäre ich ja selber auch nimmer am Leben; vom Erbarmen landfremder Leute leb' ich und so gehört's denen mit Recht.« Dann erzählte er seine einfache Geschichte und schloß mit den Worten: »Und nun fleh' ich Euch an um der heiligen Barmherzigkeit willen, gebt mir eine Gabe aus Euren reichen Schätzen, Ihr und die andere Edelfrau mit dem Kindlein und verbrüdert Euch mit dem großen Bund durch einen jährlichen Beitrag. Gott aber segne es Euch tausendmal an Gut und Leben und an Eurer Seele Seligkeit.«

Es lag in den schlichten Worten eine unbeschreibliche Innigkeit, welche alle Anwesenden rührte. Gräfin Adelheid entgegnete sogleich: »Es sei, wie Ihr begehrt. Aber wie können wir Euch, Heinrich von Kempten, selber die edle That an dem verunglückten Kinde lohnen?«

Da schweiften Heinrichs Augen mit fast kindlicher Freude über das glänzende Wappenbild des Banners, und er sagte zögernd: »Ich wüßte schon was!« –

»Nun, so sagt's frischweg, Heinrich!« – ermunterte die Gräfin.

Wollt Ihr mir das schöne Wappen da unter Eure Namen malen, wie der Herzog Leopold hat thun lassen? O, das könnt' mich freuen, mehr als alles!« – war nun Heinrichs etwas stotternde Antwort.

Die Burgfrau lächelte Gewährung zu und sagte dann zu ihrer Zofe: »Agnes, du warst schon einmal seine Führerin; bring' ihn zum Schloßhauptmann, daß er unser Gast sei und gut bewirtet werde.« Dann neigte sie das Haupt zum Abschiede und Heinrich verließ das Gemach. Auf dem Wege sagte dieser zutraulich zur Zofe: »Und wie steht's mit Euch, Jungferchen? Gefällt Euch St. Christoph nicht zur Bruderschaft? Ihr habt gewiß in Eurem Täschlein da mit den silbernen Borten auch etwas inwendiges Silber?«

Agnes lächelte und klimperte mit dem Inhalte vor seinen Ohren, indem sie rief: »So, meint Ihr, das sei für Euch? das reicht gerad' für Bänder und Spitzen, wenn der Sebastian Mosatti wieder vorspricht; das ist der rechte Mann dafür!«

Heinrich merkte wohl, daß sie scherze; drum rief er lachend: »O, der käme nicht mehr, wenn ich ihn auf dem Arlberge nicht aus dem Schnee gezogen hätt'; aber all seine Waren sind drin stecken blieben; er hat nichts mehr für Euch. Drum gebt das Geld nur mir für St. Christoph.«

Agnes reichte es ihm lachend; aber er mußte ihr dafür die Geschichte von Sebastian erzählen.

Dann rief sie: »Das sag' ich den anderen; Ihr sollt all unser Geld haben! Bis der Sebastian wieder mit neuen Waren kommt, gibt's auch neue Silberstücke.«

Ans der Gräfin Geheiß fand Heinrich auch unter den Kriegern gute Aufnahme. Nachdem er sein Rößlein in die Burg geholt hatte, verbrachte er den Tag und den folgenden teils in der Thorstube, teils unter den lustigen Gesellen, teils beim Schloßkaplan, wo überall kleine Bruderschaftsgaben flossen. Am dritten Tage wurde er wieder in die Halle beschieden, wo ihm schon von weitem das gemalte Wappen entgegenleuchtete. Reiche Gaben fügten sich dazu, und auch die Zofen hatten ihr Scherflein gegeben. Als ihn die Witwe und Gräfin Anna entließen, hing eine Thräne der Segnung in ihren Wimpern. Reich beglückt und ermuntert verließ Heinrich die Burg und fühlte neuen Mut zu seiner Pilgerfahrt.

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