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Heinrich Findelkind oder: Die Gründung des Hospizes auf dem Arlberg

Isabella Braun: Heinrich Findelkind oder: Die Gründung des Hospizes auf dem Arlberg - Kapitel 13
Quellenangabe
authorIsabella Braun
titleHeinrich Findelkind oder: Die Gründung des Hospizes auf dem Arlberg
publisherDruck und Verlag der Buchhandlung L. Auer
yearo.J.
printrunFünfte Auflage
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170916
projectidfa0367a9
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Elftes Kapitel.
Feind und Freund.

Schau' rings herum in der Natur! Du findest im Frühlinge festgeschlossene Knospen und bist begierig, welche Farbe sie entwickeln werden. Plötzlich, über Nacht, ist ein Wunder geschehen; du suchst die Knospe und findest die volle Blüte. So geht es oft mit den Menschen und solch einer war unser Heinrich. Da steht er nun, als Jüngling schon in der Thatkraft des Mannes. Selbst körperlich schien er gewachsen, seine Muskeln gestärkt, seine Glieder zu jedem Wagnis bereit und gelenkig, Selbständigkeit im hellen Auge. Ja, er hatte seinen Beruf gefunden. Das von der Barmherzigkeit gerettete und erzogene Findelkind mußte rettende Barmherzigkeit üben; dies erkannte er als seinen angeborenen Beruf.

Jacklein machte dem kühnen Jünglinge nun ein wertvolles Geschenk: er übergab ihm den treuen Neger, dessen Spürkraft ihm selber schon gute Dienste geleistet hatte. Aber Neger begann zu altern und Heinrich nahm darauf Bedacht, demselben einen Gesellen zu geben und diesen genau für den beabsichtigten Zweck abzurichten. Der Pfarrer von Dalaas, welcher Heinrichs großes Vorhaben mit teilnehmendem Interesse im Auge behielt, schenkte ihm eines Tages einen jungen Hund aus guter Spür-Rasse, und als Heinrich denselben zum ersten Male vor sich hatte, dachte er wieder an die Tage seiner Kindheit und an seinen allerletzten Abschied mit Wehmut zurück. Gleich einem Schulmeister erhob er den Finger, sah dem aufmerksamen Tiere in die Augen und sprach zu ihm, als verstände es jedes Wort: »Schnuffl, das ist fortan dein Name! Hörst du? merkst du?« – und er wiederholte das eine Wort zu oftmalen. »Du sollst herumschnuffeln überall, weit und breit, aber nicht nach den Fleischtöpfen, sondern du sollst Menschen wittern; nicht um sie zu beißen, sondern um sie zu retten. Horch! horch!« und hierauf erhob Heinrich seinen Hilferuf, so durchdringend, so klagend, so ängstlich wie ein verirrter, in Gefahr geratener Mensch. Der Hund erhob seinen Kopf, streckte den Hals und heulte, als ob ihm der Ruf zu Herzen dränge und er ihn verstünde. Heinrich verstärkte den Ton der Angst, und der Hund brach in ein so lautes Gebell aus, daß Mutter Martha ängstlich in die Stube lief und bei dem überraschenden Anblicke in ein herzhaftes Lachen ausbrach. Als Heinrich ihr sein Vorhaben erklärte, störte sie ihn fürder nicht mehr in den Unterrichtsstunden.

Aber Schnuffl sollte im nämlichen Winter und beim Uebergang zum Frühling noch praktischen Unterricht erhalten. Heinrich nahm ihn überall mit sich, und er wurde Negers treuer Lehrjunge. Zu oftmalen vernahm er ähnlichen Hilferuf, horchte mit gespitzten Ohren, folgte dem spürenden Gesellen, hörte den Angstschrei näher und näher, sah endlich den ratlos Irrenden entweder an einer schroffen Felswand, oder tief im Schnee, oder hängend am Abgrunde, nur an eine schwache Tanne geklammert. Dann folgte er winselnd Heinrich mit den Augen, als dieser eine solche gefährliche Rettung vollbrachte, und begleitete den Fremdling mit Freudensprüngen nach Hause.

Auf diese Weise verging der erste Winter und der Frühling nahte, jene Zeit des Tönens, Rauschens, Rollens und Gebrauses in der einsamen Gebirgswelt. Es tropft und fließt von den Felswänden, die Eiszapfen fallen krachend und splitternd herab; die eingefrorenen Steine poltern losgelassen in die Tiefe; Eisblöcke rasseln hernieder; die Bergrinnen erweitern sich; mit Ungestüm drängt sich die aufgelöste Schneemasse hinein, alles mit sich fortreißend, Gerölle und Stämme, und immer neue Wasserbäche ausnehmend. Der Pfad ist ein brauner, wilder See geworden; gleich Wracken von zertrümmerten Schiffen bäumen sich die herabgerissenen Stämme, der immer neue Sturz wirft wilde Wogen, die grause Schlacht der Natur sendet ihren Donner durch die Lüfte, und die Felswände tragen ihn mit Widerhall durch die Runde. Da erscholl oftmals das klägliche Geschrei der Verunglückten. Neger stürzte mutig in die Flut, packte den Ertrinkenden, zog ihn auf einen schwankenden Stamm und hielt ihn über der Flut, bis Heinrich mutig zur Hilfe eilte, damit der Arme nicht an einen Felsen geschleudert zerschelle.

Kein Sieger kann nach der gewonnenen Schlacht fröhlicher sein, als Heinrich nach solch einer gelungenen Rettung, obwohl er vom Wasser triefte, vor Kälte schauderte, oder mit blutig zerrissenen Händen und Füßen nach Hause kam.

Als der erste Winter und Frühling, nachdem Heinrich Findelkind »den Anfang gemacht hatte«, vorüber war, zählte er bereits sieben gerettete Menschenleben. Mancher vermehrte aus Dankbarkeit den kleinen Schatz, welchen er mit seinem Hirtenstabe erworben hatte; mancher spendete ein frommes Zeichen, ein Bild, oder was er sonst bei sich trug. Dies alles heftete Heinrich an den Eichstamm unter das Kreuz als Dankeszeichen, machte ein schirmendes Dächlein darüber, eine Kniebank davor, und so entstand mitten in der Einsamkeit der Berge eine Art von Kapelle, wo mancher Wanderer stille kniete und zu Gott den Dank und die Bitte des beruhigten oder geängstigten Herzens emporsandte.

Heinrich war der kühnste Bergsteiger geworden. Wo es dem Auge dünkte, daß kein Fuß Platz finden konnte, stieg er schwindelfrei und sicher hinauf und hinab; sein starker Arm war zum Kampfe mit den Raubtieren der Berge gestählt, und kein Schütze traf sicherer das ferne Ziel. Für ihn gab es nun was Besseres zu thun, als die Herde zu hüten, wie ehemals der schwache Knabe; immer aber blieb er ihr Beschützer und hatte schon manchen Strauß mit dem Steinadler oder Lämmergeier, die oft das sorglos werdende Lämmchen in den Horst trugen, bestanden. Er kannte die Höhlen der Füchse, und der schlaue Kamerad war ihm nicht schlau genug. Heinrich schützte auf seinen Streifzügen durch die Berge nicht nur die Wanderer, sondern auch das einsame Gehöfte, seine Heimat. Da gab es manches kühne Abenteuer, und ein solches ereignete sich in den schönen Tagen, wo der Frühling vor den Gluten des Sommers wich und das farblose samt'ne Edelweiß die höchsten Berge schmückte.

Es war der Vorabend eines Festtages; Heinrich wollte seine Kapelle schmücken und die weiße Blüte dünkte ihm dafür den rechten Kranz zu geben. Er hatte seine Armbrust über die Schulter gelegt und trat die Wanderung auf einen der hohen Punkte an, wo das Edelweiß seine Einsiedelei aufgeschlagen hat. Kühn und sicher stieg er von einem Vorsprung zum anderen, schwang sich empor, über enge Schluchten und Bergrisse hinüber, und die Anstrengung verlieh ihm eine jubelnde Freudigkeit. Die kältere Luft umwehte ihn und kühlte seine heißen Wangen. So stand er hoch auf dem Felsen und hatte bereits die rote Alpenrose gepflückt, zu der er nun das weiche, zarte Edelweiß fügte. Er wollte wieder den Rückweg antreten, als er ein wildes, kreischendes Geschrei, den Flügelschlag des Steinadlers und darein gemischte Menschenlaute vernahm. Er blickte um sich, aber er sah von seinem Standpunkte nur den blauen Himmel und die zerklüfteten Felswände; vor ihm gähnte die Tiefe und die Wand senkte sich steil und unzugänglich. Aber von hier herauf tönt immer wilder das Geschrei und der Flügelschlag. Da erwachte in seinem Herzen die alte Todfeindschaft, die er dem grausamen Räuber der Berge geschworen und vermischt sich mit dem Drange, ein gefährdetes Menschenleben zu retten. Rasch entschlossen bringt er sein Geschoß in Ordnung und späht mit den Augen und Ohren des geübten Jägers. Wieder vernimmt er die kreischenden Töne und den Flügelschlag. Da legt er sich über die Brüstung der Felsenwand und blickt hinab in die schaudernde Tiefe. Aber mit bleichem, von Entsetzen starrendem Angesichte richtet er sich wieder auf. Was hat er gesehen?

Die Felswand, auf welcher Heinrich steht, bildet einen Vorsprung, gleichsam ein schützendes Dach. Hundert Schritte unter ihr hat der Adler in einer Höhle der Wand sein Nest gebaut. Zwei mit Flaum bedeckte Jungen strecken die Hälse hervor und stoßen ihr Geschrei aus. Aber in einiger Entfernung, an die Felszacken gedrängt, steht der kühne Jäger, der sich zum Adlerhorst emporgeschwungen, während die Alten ihre blutige, räuberische Reise in dem weiten Jagdgebiete halten. Doch des Adlers Auge hat den Feind erspäht, und sein mächtiger Flug trägt ihn eilig herbei zum Schutze seiner Jungen. Er verteidigt die Wälle seiner Burg mit dem Flügelpaare; sein kräftiger, spitzer Schnabel ist ein furchtbarer Speer, das Geschrei der Jungen ist ein Trompetenstoß, das Notsignal für die Mutter. Ein wilder Kampf zwischen Mensch und Tier streitet um den Sieg. Immer grimmiger funkeln die Augen des Adlers, immer wilder und schwerer wird sein Flügelschlag, immer näher kommt der Schnabel seinem Feinde, immer heftiger streitet er um die Stelle, wo der Menschenfuß unsicher steht. Des Jägers Geschoß ist bereits in die Tiefe gestürzt; er hat nur eine freie Hand, sich zu wehren, die andere klammert sich an den scharfen Stein in der Felswand, und der Adler schlägt nach derselben, um den Mann hinabzudrängen in die klaffende Schlucht. Die Augen des Tieres und Menschen funkeln gegeneinander, wie die grimmigsten Feinde, aber der Streit ist ein ungleicher: das Tier schwebt sicher über seiner Heimat und des Mannes Fuß schwankt, sein Auge beginnt sich vom Schwindel zu umfloren.

Dies alles hat Heinrich in einem Augenblicke weniger gesehen als geahnt; aber gleich dem Adler ist er in seiner Heimat; sogleich steht die ganze Felsengruppe vor seinem Auge; er allein kennt die erreichbare Stelle, von wo sein Geschoß den Feind zu treffen vermag, dessen scharfes Auge durch den Kampf von ihm abgewendet ist. Sicher, wie eine Gemse, und geschützt von unsichtbaren Engelsflügeln, steigt er von Fels zu Fels; er hat die rechte Stelle erreicht. Noch ein Blick – was zittert sein starker Arm? warum senkt sich das bereits erhobene Geschoß? Sein Auge hat den grimmigen Blick des Mannes aufgefangen, und es war derselbe, der ihn schon einmal im Leben getroffen, den er als Knabe in seinen Träumen gesehen hatte. Plötzlich ist die Gegenwart vor seinem Geiste verschwunden, er sieht sich emporgehoben von demselben Manne, sieht den gleichen Blick funkelnd auf sich haften; aber ihm ist's, als klänge es wie von Engelsharmonie um ihn:

Mitten im Leben
Sind wir vom Tod umgeben,

und das Gebilde zerrinnt; da, vor ihm steht der bedrängte Mensch. All dies war ein innerer Vorgang des Augenblicks! Ein Gebetsseufzer steigt aus Heinrichs Brust – der Pfeil fliegt von der Armbrust, der Adler stürzt getroffen in die Tiefe.

»Steht fest, Graf Werdenberg! ich komme!« schallt es nun von Heinrichs Lippen hinüber zu dem Manne, den die Ueberraschung beinahe der Sinne beraubt, in dessen Ohren das Geschrei der jungen Brut immer noch kreischt, der noch den Flügelschlag zu hören meint – seinen eigenen Namen aber, wie vom Himmel kommend, dazwischen vernimmt und den Feind in die Schlucht stürzen sieht. Da steht er nun an dem Felsen; ihm ist's, als ob dieser unter seinen Füßen weiche, und hoch oben in den Lüften erscheint aufs neue ein Feind, gleich als ob er durch den Aether schwimme. Das stolze, harte, sonst so furchtlose Herz pocht hörbar und der Fuß verliert die Sicherheit. Da erscheint der Jüngling von unten, arbeitet sich empor, seine Stimme rafft des Mannes erlahmte Kraft zusammen und nun steht er an dessen Seite, indem er ruft: »Fort von hier, eh' der neue Feind uns erreicht!«

Wortlos lenkt er die Schritte des Grafen auf dem Steinpfade und führt ihn von Stufe zu Stufe, von Fels zu Fels, bis sie endlich auf sichere Wege gelangen, und der Gerettete erschöpft niedersinkt. Heinrich eilt zum Felsen, von dem im Silberfaden das Wasser fließt und bringt in der hohlen Hand dem Erschöpften die Labung. Bald stärken sich die abgespannten Nerven und die Kraft kehrt zurück. Sie treten aufs neue schweigend den Rückweg an und gelangen nach mühsamer Wanderung auf die grüne Trift, wo Heinrich als Knabe seine Herde geweidet und den Eichbaum zur Kapelle umgestaltet hatte.

Da saß der mächtige, aber bis zum Tode erschöpfte Mann, während Heinrich mit den Blumen der hohen Bergregion, die er im rechten Augenblicke geholt hatte, seine Kapelle schmückte, und es war derselbe, zum Jüngling gereifte Knabe, dessen Herz einst bis zum Tode geängstigt unter dem grimmen Blicke des Ritters geklopft hatte. Als er mit seiner Arbeit zu Ende war, sprach er zu dem Geretteten: »Graf Werdenberg, wollt Ihr Rast halten bei Jacklein über dem Rain, oder wohin soll ich Euch geleiten, um Eure Jagdgenossen zu finden?«

Der Graf blickte bei Nennung seines Namens auf und betrachtete den Jüngling, dessen Augen wie das klare Blau des Himmels in seine umnachtete Seele schauten. Er sprach verwundert: »Wer bist du, daß du meinen Namen kennst? Ich habe dich nie zuvor gesehen.«

»Ihr habt mich gesehen, Herr! aber das ist lange her;« war Heinrichs schlichte Antwort und als der Graf weiter forschte, erzählte er demselben, daß er, noch ein Kind, hinausgezogen sei aus der Stätte der Barmherzigkeit in die weite Welt, er, Heinrich Findelkind; erzählte ihm von den beiden Pilgern und ihrem Schutze, von der schreckhaften Begegnung in Dalaas und dann hielt er inne, denn wieder waren des Grafen Augen auf ihn gerichtet, daß sein Blut zu stocken schien. Dieser aber rief: »So hat dein Pfeil das Ziel verfehlt und den Adler statt meiner getroffen?«

»Herr! rief Heinrich mit glühender Entrüstung, mein Pfeil traf sein Ziel, und ich habe mit Angst zu Gott darum gerufen.«

»Aber ich war dein Feind, und man tötet seine Feinde!« sprach finster der Graf.

Da glänzten des Jünglings Augen von Begeisterung, indem er ruhig erwiderte: »Nein, Herr! man vergibt ihnen und erweist ihnen Gutes. Ich aber bin aufgestellt, die Menschen auf dem Arlberg zu retten, wenn sie in Gefahr sind.«

Graf Werdenberg blickte erstaunt auf den Jüngling, der bescheiden, nicht mit dem Ausdrucke eines Siegers vor ihm stand. Zum ersten Male, in seinem von finsteren Gewaltthaten befleckten Leben, fühlte er mit innerlichem Schauer die Macht jener Religion, welche am Kreuzesstamme gegründet wurde. Vor seinem geistigen Auge gestalteten sich zwei Bilder: er sah sich selber mit dem im Zorne emporgehobenen Knaben und sah hierauf denselben Knaben zum Jüngling erwachsen über dem Abgrunde stehen, den Rettungspfeil entsendend. Eine Rührung, wie er sie noch nie gefühlt, bemächtigte sich seiner. Er stand auf, reichte seinem Retter die Hand und sprach männlich: »Du hättest mich töten können, und du hast mich gerettet. Ich will es dir danken, Heinrich Findelkind. Aber was kann ich jetzt thun, um dich zu belohnen?«

»Herr! sprach Heinrich mit Freudigkeit; ich brauche nichts! Wollt Ihr aber um meinetwillen andere schützen und schirmen und keinen hilflosen Buben mehr erschrecken« – er hielt inne, denn eine tiefe Röte überzog des Grafen gebräuntes Gesicht. Dieser sagte: »Bist du so reich, daß du nichts brauchst, und ist dein Lohn so groß? Wer hat dich angewiesen, die Menschen zu retten?«

Blitzend vom Strahle der Begeisterung zog es über Heinrichs Augen, indem er rief: »Gott selber! Seht, Herr, ohne Seine und der Menschen Barmherzigkeit wäre ich ja ganz elendiglich umgekommen! Was kann ich dafür weniger thun, als auch ein paar Menschen zu retten hier auf dem Arlberg?«

Der Graf sagte kein Wort, aber er sah lange vor sich nieder. Dann reichte er Heinrich nochmal die Hand und sprach: »Leb' wohl! Ich finde meinen Weg, denn meine Gefährten jagen in der Gegend.«

Heinrich schied, und indem er weiter schritt, hallte sein Sang durch die Berge:

Nun bitten wir den heiligen Geist,
In dem rechten Glauben allermeist,
Daß Er uns behüt' an unserm End',
Wann wir heimfahren aus diesem Elend,
            Kyrieleison.

Plötzlich blieb Heinrich stehen; er horchte. War's ihm doch gewesen, als ob mitten in seinem Sange eine klangvolle Stimme sich der seinen beigemischt hätte? Noch einmal begann er das Lied – und jetzt vernahm er deutlich den Doppelsang; sein Herz schwoll ihm vor heiliger Freude, dann blieb er wie festgewurzelt an der Stelle, und seine ganze Seele lauschte. Nach einer Pause klang's von einer kleinen Höhe rein und volltönig hernieder:

Die Blum' in Waldesschlüften,
Das Gold in Erdenklüften,
Des Himmels Dach, des Meeres Grund,
Das alles ist Dir, Herre, kund
Und hüten's Deine Hände;
Und alles himmelische Heer
Spricht Deine Treu' und Güte nicht zu Ende.

Heinrich war der so klangvollen Stimme mit Seele und Auge gefolgt; jetzt erschien eine Gestalt an der grünen Bergwandung und der Sänger stieg herunter. Es war ein Jüngling von Heinrichs eigenem Alter, aber nicht der Hütte, sondern der Ritterburg entstammt. Auf seinem Haupte trug er das Barett mit der wallenden Feder, neben welcher frisch gepflückte Alpenblumen prangten. Seine blonden Haare wallten leicht gebogen auf die Schulter herab und umschlossen ein blühendes Gesicht mit seelenvollem Ausdrucke. Seine hohe, schlanke, biegsame Gestalt trug das grüne Jagdkleid; eine Armbrust lehnte an der Schulter, das Hüfthorn hing an seiner Seite, und ein kurzer Dolch war seine einzige Waffe. Der Jüngling sah so wenig weid- und mordlustig aus, daß Heinrich sich nicht verwunderte, als ein Hase in bester Schußweite ungefährdet vorüberhuschte. Seine Blicke suchten vielmehr die reichen Schönheiten der Natur und paßten völlig zu dem Liede, das er von neuem anstimmte:

Die Läuber an den Zweigen,
Die Halme, die sich neigen,
Des Meeres Sand, der Sterne Schaar,
Die bleiben unermessen gar,
Mit Augen und mit Sinnen:
So mag auch, Herre, Deinen Preis
Nie Menschenmund vollenden noch beginnen.

Nun standen sich die beiden Jünglinge gegenüber. Heinrich sah mit innerlichem Entzücken auf den ritterlichen Jäger. Als dieser vollendet hatte, rief er: »Herr, thut mir die Gunst und singt nur noch einmal Euer Lied, daß ich mir's besser merken kann; so ein schönes Lied hab' ich meiner Lebtag noch nicht vernommen!«

Der Sänger hatte sich auf einen Rasenvorsprung gelegt und sang nun aus voller Brust; es war, als ob seine Augen mitsängen, indem er zum Himmel blickte. Heinrich merkte jedes Wort, und als jener geendet hatte, sang er selbst jubelnd in die Berge hinein. Da sprang der Jüngling auf und rief voller Freude: »Wer bist du? Ich habe dein Lied schon da oben vernommen, und mir klang's wie ein Brudergruß im edlen Meistersang.«

»Hoher Herr, ich bin nur Heinrich Findelkind,« war die bescheidene Antwort.

»Nur Heinrich Findelkind!« rief nun seinerseits lebhaft der Fremde. »Nur Heinrich Findelkind, der Retter auf dem Arlberg. Her deine Hand zum Gruße, schlag' ein! Dich wollt' ich schon lange finden.« –

»Aber Herr! wer seid Ihr, daß Ihr so freundlich mit mir sprecht?« entgegnete Heinrich verwundert.

»O, ich bin nur der Hugo v. Montfort, ein fahrender Sänger, der nicht mit dem Schwert und nur mit dem Liede kämpft für Gottes Ehre. Ich singe das Lied der Schönheit; ich singe laut die schöne Sprache der Blumenglocken, der Halme und Gräser, vom Zephyr bewegt, der rauschenden Läuber, des funkelnden Gesteines, des schimmernden Taues, der leuchtenden Gestirne am Himmel; ich gebe Worte den Melodieen des Vogels, ich verdolmetsche das Gezirpe und Gesumse der kleinen Kreaturen rings herum; mit einem Worte: ich bin ein Sänger der Natur und stimme fröhlich ein in ihren Preis des Schöpfers!«

Heinrich war's, als ob er laut und deutlich hörte, was er bei seinen einsamen Bergwanderungen und der stillen Hut so oft gedacht und gefühlt hatte. Der Jüngling aber fuhr fort in seiner Rede: »Die Natur ist meine Heimat, nicht die kalten, dumpfen Ringmauern einer Burg voll Schwerterklang, voll Lärm und Streit. Hier ist mir's wohl, und auch du stehst mit mir im Bunde; aber du rettest, wo sie zerstören muß, und schützest so ihre Heiligkeit. Drum laß uns einen Bund schließen, Heinrich Findelkind. Stimm' nochmal ein in mein Lied zum Preis der Schöpfung.«

Und vereint sangen sie nun wieder das Lied, welches Heinrich mit so reinem Entzücken erfüllt hatte. Als es beendet war, stieg plötzlich ein Gedanke in Hugo von Montfort auf und er rief: »Aber ich vergesse ganz, weshalb ich jetzt herumstreife. Hast du meinen Begleiter nicht gesehen?«

Rasch erwiderte Heinrich: »Ihr meint den Grafen Werdenberg, edler Herr?«

»Wo ist er? ich habe ihn auf der Jagd verloren, als ich die Blumen suchte, statt des armen, gehetzten Tieres.«

Heinrich erzählte nun einfach ihr gemeinsames Erlebnis, und der ritterliche Sänger erblaßte. Er reichte dem Jünglinge die Hand und rief: »Ich muß ihn holen; leb' wohl! aber wir sehen uns wieder. Vergiß nicht unser Losungswort:

Die Blum' in Waldesschlüften.

Diesesmal aber verstummte sein Lied, und er eilte von dannen. Heinrich sang es zu Ende und schritt mit bewegter Seele von all den Erlebnissen dieses Tages der Heimat zu.

Diese Begegnung war keine vereinzelte in Heinrichs Leben. Noch oft trafen sich die Jünglinge bei ihren Bergwanderungen. Auch Graf Werdenberg hatte seinen jungen Lebensretter nicht vergessen. Er sandte ihm ein reiches Geschenk zu seinem »heiligen Almosen«, und als er ihn wieder traf, war es nicht mehr der finstere Blick, der in des Grafen Augen leuchtete, sondern ein freundlicher Strahl des Wohlwollens.

Jahre um Jahre verstrichen mit ihrem natürlichen Wechsel in der ruhigen und doch so bewegten Welt, wo Heinrich seinen großen Beruf erfüllte. Sein Ruf drang immer mehr durch die Gegend, und mancher Wanderer trug seine Thaten und seinen Namen segnend weiter. Nach sieben Jahren der Mühsal und Gefahr hatte er bereits vierzig Menschenleben gerettet und selbst das schadlose Tier geschützt, wo er es in Gefahr fand. Alles und jedes, was in Not war, erfuhr die Liebe eines Herzens, das die selbst erfahrene Lehre der Barmherzigkeit übte, und nur darin seine Freude und seinen Lohn suchte und fand. So wuchs das kleine Kapital, welches der Meier von Kempten in dessen Seele niedergelegt, immer höher und höher an, so wuchs die Saat, die eine mitleidige Hand in die Kindesseele gestreut, immer reicher empor. –

Da trat ein Ereignis ein, das bestimmt war, für Heinrich Findelkind einen neuen, wichtigen Lebensabschnitt zu bilden, dem wir ein eigenes Kapitel widmen müssen.

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