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Heinrich Findelkind oder: Die Gründung des Hospizes auf dem Arlberg

Isabella Braun: Heinrich Findelkind oder: Die Gründung des Hospizes auf dem Arlberg - Kapitel 11
Quellenangabe
authorIsabella Braun
titleHeinrich Findelkind oder: Die Gründung des Hospizes auf dem Arlberg
publisherDruck und Verlag der Buchhandlung L. Auer
yearo.J.
printrunFünfte Auflage
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170916
projectidfa0367a9
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Neuntes Kapitel.
Heinrichs erste Almfahrt.

Und es ward wieder Frühling. Die milden, weichen Lüfte drangen auch auf die Hochplatte des Arlbergs, wo Heinrichs neue Heimat stand. Der Schnee schmolz; kleine Halmspitzen stiegen sogleich darunter hervor, wie lachende Kinder aus dem Bette, wenn die Mutter die Decke wegzieht. Sie wurden größer und schlanker; weiße Blumensternchen und Glöcklein mischten sich darein und spreizten die Blätter aus. Dann aber kamen mitten in den Sonnenschein die Bergwasser in Hunderten von Wasserfällen an den Felsrinnen herunter, als ob sie die Herren der Erde wären und mit dem grünen Rasen um die Herrschaft kämpfen wollten. Als Heinrich dieses nie zuvor gesehene Schauspiel der Natur sah, that ihm das Herz weh aus Mitleid um die zarten Frühlingssprossen. Aber als die Wasser verliefen und versiegten, da ging die Herrlichkeit erst recht an; die Sonne kam wie ein echter Frühlingsengel daher und küßte die Halme; die Blümlein sprangen hervor, in tausend Arten und bunten Kleidern, leuchtend wie helles Gold und würzig duftend. Ja, die Himmelsschlüsselein hatten die Erde aufgethan, und nun wimmelte und bimmelte es lustig durcheinander.

Nun begannen Jacklein und Heinrich ihre gemeinschaftlichen Wanderungen aufs neue. Er zeigte dem Knaben stufenweise die Weideplätze, zuerst abwärts zum Frühling und dann mit ihm weiter und weiter hinauf. Er wies ihm die gefährlichen Stellen, vor welchen er die Herde zu schützen hatte, und als Heinrich sich nun genügend in seiner neuen Lebenswelt auskannte, klopfte ihm Jacklein eines Abends auf die Schulter und sagte: »Morgen, Heinrich, geht's auf die erste Almfahrt. Füll' dein Ränzlein, weil du selber kein Grasfresser bist, und mach' deine Sache wohl!«

Das war ein gutes Wort für den Hirtenknaben! Fröhlich zog er am anderen Morgen mit seiner großen Herde aus, und sein jodelnder Gesang vermengte sich mit den bimmelnden Glöcklein und dem Schreien der Tiere, welche das gute Alpenfutter begrüßten.

Kaum hatten die Kühe ihren Stall verlassen, so machten sie ihre linkischen Sprünge ganz närrisch nach allen Richtungen im Gefühle der wiedergewonnen Freiheit; oft wendeten sie plötzlich, gabelten gesenkten Kopfes die Hörner ineinander und zeigten ihr Vergnügen mit lautem Brüllen an. Aber bald senkten sich wieder die Köpfe, der Jubel war schnell vorüber und sie begannen das Gras auf dem Wege raschelnd abzufressen, bis Heinrich sie mit knallender Peitsche vorwärts trieb. Die Geißlein gaben ihm schon ein schwereres Stück Arbeit. Ihr Mutwille wollte gar nicht enden; immer ging's von neuem an ein Boxen und ein Springen, bald voran, bald daneben, bald an einem steilen Berge hinauf und niemals beisammen. Gleich übermütigen Knaben mußten sie auf jeden vorspringenden Stein klettern, und dann klang ihr Meckern wie ein Spottgelächter herunter. Ihr Unabhängigkeitssinn kümmerte sich wenig um den rufenden Heinrich und es war, als ob sie seine Stimme gar nicht hörten. Da ging es mit den Schafen schon leichter, freilich auch langweiliger. Die steckten ihre Köpfe immer blöckend zusammen und trottelten langsam weiter auf dem Wege, nichts sehend, nichts beobachtend, nichts hörend, während die neugierigen Kühe oftmals stehen blieben und lange in Erstaunen auf einen Gegenstand hinblickten. Der wachsame Neger stand unserem kleinen Hirten wacker bei und so gelangten sie endlich auf den ersten, umfriedeten Weideplatz, den die Kühe augenblicklich wieder zu erkennen schienen, voller Freude den Schwanz hoben, sich zusammengesellten je nach ihrer Vorliebe füreinander, sich freundschaftlich ableckten und dann zu grasen begannen.

Jetzt hatte Heinrich schon mehr Ruhe und konnte sich an der schönen Gebirgswelt erfreuen. Er streckte sich ins Gras, sah zum blauen Himmel empor, wie ehemals daheim und dachte an Jakob und alle, wo sie wohl sein möchten und ob sie ihn nicht vergessen hätten? Aber bald wurden seine Gedanken abgelenkt. War das ein Singen und Schmettern in allen Tonarten, hoch und nieder, im Gras und auf den Bäumen!

»Was sie sich nur alles erzählen? gewiß von ihren weiten Reisen und Erlebnissen! Könnt' ich's nur verstehen!«

So dachte Heinrich und lauschte, bis der schallende Chor den einzelnen Gesang verschlang.

»Guck', guck'! Was krabbelt hier im Grase?« Wie glänzendes Metall schimmert es von dem Rücken und den Flügeldecken der Käferlein; die Sonne glitzert darauf und spielt in allen Farben. Wie sie gleich Seiltänzern auf den schlanken Halmen balancieren, sich wiegen, sich drehen nach unten und oben und nie herabfallen! – »Halt, Mäuschen – und laß dich fangen an deinem langen dünnen Schweife!« Husch! – es ist vorüber; aber da ist ein Eidechslein mit seinen hellen Augen. »Bleib' ein wenig bei mir; ich thu' dir ja nichts, kleiner Schelm, möcht' dich nur genauer ansehen.« Fort ist's!

»Gibt's schon wieder 'was Neues?« – Ein flinkes Häslein jagt über die Wiese, Neger ihm nach, aber nur zum Spasse. Jetzt fliegt es mehr als es springt bergauf, hat den Aufenthalt eines anderen Häsleins erreicht, jagt es aus dem Verstecke, birgt sich selbst darin und lacht den Kameraden mit dem klopfendem Herzen wohl aus, weil er nun für ihn gehalten und verfolgt wird. Nun setzt sich der pfiffige Schelm auf die Hinterbeine, spitzt die Ohren und lauscht. Heinrich aber betrachtet alles in seinem stillen Verstecke und ist seelenvergnügt auf der lustigen Almfahrt. O, wenn nur Jakob auch dabei wäre!

An jedem Abende treibt Heinrich seine Herde in den nahen Stall, und die Geißlein machen ihm wieder zu schaffen, besonders sein Hansel und sein Jackel, das sind die losesten Böcklein, voller Neugier; die müssen alles sehen und sind kaum heimwärts zu bringen. Aus bloßem Kraftgefühl rennen und stoßen sie auch wieder ihre steinharten Köpfe aneinander, steigen auf die Hinterfüße, so hoch sie können und fahren mit dem Kopf in den Gegner ein im lustigen »tütschen«. Heinrich möchte am liebsten selbst mittütschen, aber er knallt mit der Peitsche drauf, daß es weiter geht. Nun thun sie wie gehorsame Kinder; plötzlich fällt ihnen das Gegenteil ein, sie nehmen Reißaus und Heinrich klettert ihnen nach, flink wie sie selber, hoch, hoch hinauf und treibt sie endlich zur Herde.

Daheim angekommen, gibt's viel zu erzählen, und Jacklein schüttelte vergnügt das Haupt, indem er denkt: »Der Bub' sieht tausenderlei, was ich meiner Lebtag, solang ich auch in den Bergen bin, nicht bemerkt hab'.« Aber er gewann ihn von Tag zu Tag lieber.

Eines Nachmittags lag Heinrich wieder im Grase und blickte, auf seinen Arm gestützt, zur Seite. Da traf sein Auge ganz in der Nähe ein sitzendes Vögelein mit hochaufgepusteten Federn. Sogleich schlich er ganz sachte hinzu; dasselbe hatte ihn gesehen, ohne fortzufliegen. Die Aeuglein sahen ihn traurig und ganz unverwandt an; es regte sich nicht von der Stelle, als ob es von Stein wäre, nicht einmal die Flügelein hob es. Der Blick war für den Knaben fast erschreckend, gar, gar so traurig! Langsam streckte er seine fünf Finger aus, höhlte die Hand, deckte sie über das Tier und hielt es nun in derselben. Es regte sich nicht, obwohl das Herzlein pochte. Nun untersuchte er es. O weh, sein Flügel war gebrochen! ein fast ausgewachsener Nestling, der noch nicht flügge war, entweder aus dem Neste fiel oder seinen ersten Flug versuchen wollte. Heinrich legte das Tier an seine warme, rote Wange, streichelte die Federn nieder und sagte: » Armer Findling! fürchte dich nicht vor mir. Ich, Heinrich Findelkind, bin ja wie du aus dem Nest gefallen, und ich will dich pflegen, wie mich die Meierin von Kempten behütet hat.« –

Den ganzen übrigen Nachmittag pflegte er nun den Vogel, umband mit weichem Moose und einem zarten Grase das Flügelein, und als er die Herde nach Hause trieb, bettete er's sachte auf Gras, das er in die Tasche schob. Er zeigte seinen Findling allen im Hause und wußte ihr Erbarmen zu gewinnen. Dann machte er ihm ein weiches Lager, that es in einen Korb, den er auf das Fenstersims im Stalle stellte, und Stephan, der Knecht, versprach, in Heinrichs Abwesenheit Hans Findling, wie er den Vogel nannte, zu füttern. Nun war sein erster und letzter Gang des Tages zu dem Lieblinge, und so oft er kam, sahen die Aeuglein frischer aus, der Schnabel regte sich und pfiff ihm entgegen. Als er eines Morgens in den Stall trat, saß der Vogel nicht mehr im Korbe, sondern auf Annaliesens Rücken und flatterte hinüber zu der Blaß und war ganz daheim unter den Tieren. Aber sein Flug war doch noch nicht kräftig genug, er mußte sich schon gedulden. Endlich aber nahm Heinrich das Vögelein in seiner Tasche mit hinaus und ließ es an dem Orte, wo er's gefunden, fliegen. Da flog's wie gewöhnlich von einer Kuh zur anderen, bis es endlich zum Baume emporflatterte. Noch viele Tage kam es traulich zu Heinrich und der Herde, bis endlich sein Freiheitssinn es weit, weit hinwegführte. Und der Knabe dachte: » Gerade so ist's mit mir auch! Was sie nun wohl daheim treiben? Ob sie alle gesund sind und noch an mich denken?«

Nun aber war die niedere Maienalp abgeweidet und die Kühe merkten es gar wohl. Bereitwillig zogen sie weiter und wußten genau vom vorigen Jahre her den Weg, den sie zu ziehen hatten. Als sie sich dem Ziele näherten und eine niedere Hecke es verbarg, standen sie alle davor und blickten neu- und lustgierig darüber. Nun vernichteten sie den von Jacklein vorsorglich angebrachten Stangenhag. Sogleich setzten sie ihre Gabel an, lupften die obere Stange, warfen sie ab, gingen an die zweite auf gleiche Weise und stiegen hinüber.

Das war ein herrlicher Rasenplatz rings mit Bäumen umfriedet. Die lieblichsten Alpenveilchen mit ihren geringelten, zurückgeschlagenen, violetten Blättlein dufteten im Grase, daß es eine helle Lust war, sie anzuschauen. Aber auch noch andere Blümlein wuchsen da in Fülle. Da war das rosenrote Tausendgüldenkraut mit seinen geschlossenen Knösplein und winzig kleinen Blättern, das sich zu gewissen Tageszeiten öffnet und wieder schließt; da waren die größeren und die kleineren violetten Glockenblumen, das zarte blaßgelbe Löwenmaul, da wucherte der wilde Thymian, da funkelte die rote Lichtnelke, da stand scharenweise das liebliche Heidekraut, da kräuselte der Lufthauch die schlanken Halme durcheinander, als ob sie geschwätzig die Köpfe zusammensteckten.

War das eine Lust und Herrlichkeit! Heinrich pflückte sich die schönsten Kinder der Alpenflur, fügte sie mit den Halmen zusammen und hatte bald einen Kranz um sein Hütlein geschlungen.

Wie er so von einer Stelle zur anderen ging, blieb er plötzlich stehen, und sein Herz pochte wie im Wiedersehen. Vor ihm stand ein hoher, vielverzweigter Eichbaum, und ihm war nicht anders, als ob die Blätter einen Gruß rauschten. Er streckte seine beiden Arme aus, legte sie um den Stamm und wußte nicht, sollte er weinen oder laut aufjauchzen und jubilieren.

» Das heiß' ich die Meierei von Kempten! rief er in raschem Einfalle. Hansel, Jackel, Grethel, Annaliese! herbei, herbei! wir sind in der Meierei von Kempten, hui o! juhe!«

Er trieb seine ganze Herde zusammen und Neger umkreiste sie, als ob er den Knaben verstünde. Da gab's ein Schreien, Blöcken und Meckern durcheinander und Heinrich knallte, während er ein lustiges Lied sang, das Jacklein ihn gelernt hatte.

Nun kam ihm ein Gedanke. Hier wollte er sich eine Almenhütte bauen, zum Schutze, wenn ein Tier seiner Herde ein klein wenig verunglückte oder der Pflege bedürfte. Hier wollte er eine Ansiedelung machen. Es war ein so sicherer Platz, daß keines der Tiere sich leicht verlaufen konnte und ihm genug Zeit zu der spielenden Arbeit blieb, um so mehr, als Neger ein treuer Wächter war. Er trug Stämmchen und Stecken zusammen, was er nur Taugliches finden konnte, und war Tag für Tag eifrig beschäftigt. Als er es Jacklein erzählte, lachte dieser und gab ihm Stroh, seine Almhütte zu decken, Annaliese aber mußte es auf ihrem Rücken hinaustragen. Auch der Baum erhielt seine Zierde. Zum dankbaren Andenken an seine Lebensrettung fügte er zwei Hölzer übereinander zu einem Kreuze, heftete es an den Stamm und hing täglich einen frischen Kranz darum. Jeden Abend, ehe er abzog, lüftete er sein Hütlein davor, faltete die Hände und betete ein Vaterunser. So verband sein dankbares Gemüt stets die Vergangenheit mit der Gegenwart.

Endlich mußte er auch diesen traulichen Platz verlassen und höher auf den Berg wandern mit seiner Herde. Die Bergnatur trat hier großartiger und steiler hervor. Starre Felswände stiegen hoch hinan, Klüfte und Abgründe erschlossen sich, das Bergwasser rauschte von den Höhen, hoch oben flatterten die krächzenden Vögel ohne Gesang, und es galt hier, sorgsame Hut zu halten, damit keines der Tiere sich verlaufe oder stürze. Aber auch die Schönheit der Natur war reicher, und die Lieder klangen in feierlichem Echo wieder. Da sang Heinrich zum ersten Male die heiligen Worte, welche er von den Pilgern gelernt hatte, und seine Gedanken folgten denselben auf der großen, weiten Wallfahrt.

Die stillen, lieblichen Weideplätze hatten des Knaben kindlichen Sinn gepflegt; nun aber kam's auch ein wenig anders. Wenn hier der Wind oft an die Felsenwände tobte und ein schauerliches Lied pfiff, wenn er in seine Haare sauste und gegen seine junge Brust stürmte, wenn ein heranziehendes Gewitter den Kampf heraufbeschwor, und er vorsorglich seine Herde auf eine schützende Stelle trieb: da erwachte in ihm ein kecker Mut, er stemmte kräftig seine Füße und bückte fast herausfordernd gegen das streitende Gewölke. Es war ihm dabei ganz lustig und kampfbereit zu Mute und keine Furcht beschlich sein Herz. Er fühlte sich als Beschützer seiner Herde und that sehr wichtig und vorsorglich. An schönen Tagen versuchte er es seinen Böcklein am Klettern zuvor zu thun, und er wäre zu gerne hinaufgestiegen an den zackigen Wänden, um recht weit ins Land hineinschauen zu können.

Die Sommerszeit eilte und eilte; die Sonne stand nun am höchsten und brannte so glühend heiß hernieder, daß selbst die Tiere oft das Fressen vergaßen und sich niederlegten zur Ruhe. Einmal war's kaum auszuhalten. Alles in der Natur schmachtete, die Halme und Gräser neigten ihre Spitzen und Heinrich wunderte sich, daß der grüne Rasen nicht in hellem Feuer aufgehe, so heiß war er. Plötzlich umzog sich der Himmel. »Wie das nur so schnell gehen kann? wo nur die Wolken herkommen? hab' doch vor kurzem keine einzige gesehen!« dachte Heinrich verwundert. – Nach einer Weile wurde es ganz finster und der Wind erhob sich. Heinrich trieb die Herde, zusammen und sagte vor sich hin: »Wenn's heute losbricht, gibt's ein Unwetter, wie ich's noch nicht erlebt Hab'; marsch, voran; im Stall ist's sicherer!«

Neger sprang ängstlich um die Herde und trieb zur Eile, daß die Kühe ausschlugen, und die Schafe in einem dichten Knäuel weiter trottelten. Aber kaum waren sie eine Viertelstunde weit gekommen, als schon der Donner rollte, die Blitze blendend zuckten und das Gewitter losbrach. Es war nicht anders, als ob von allen Seiten eines gegen das andere kämpfte, als ob in den Wolken eine Schlacht geliefert würde. Nun stürzte auch der Regen hernieder, jener Gebirgsregen, der von allen Seiten gegeneinander peitscht, daß man die Augen nicht aufthun kann und sich nicht zu wehren weiß. Da hatte Heinrich große Not mit seiner Herde, weil er sich selbst kaum auf den Füßen halten konnte. Er suchte eine schützende Stelle; vergebens! hier eine Schlucht, dort ein Engpaß, der wieder in eine solche mündete, kein umfriedetes Plätzchen weit und breit. Die Schafe ergriff der körperliche Schrecken und machte sie noch dümmer als gewöhnlich. Sie drängten sich und liefen, keines wußte, wohin; sie hoben die Köpfe in die Höhe und jeder Blitzstrahl drängte sie zum Ersticken zusammen, daß sie voller Angst schwitzten. Die Kühe brüllten in den Donner hinein, liefen bei jedem Blitze auf die Seite, alles Bewußtsein verlierend, und Neger hatte seine Not mit den Geißen, welche Lust zu verspüren schienen, das Gewitter von einem Felsen aus zu betrachten. In so großer Not war der arme Hirtenknabe noch nie gewesen. Er fürchtete mit jedem Augenblicke, der Strahl möchte zündend seine Herde vernichten. Endlich nach einer ziemlich langen Stunde hatte sich die Gewalt der empörten Elemente gebrochen und er trieb die Herde eilends der Heimat zu. Triefend von Regen laugte er dort an, und Jacklein kam ihm voller Sorge entgegen. Dieser trieb die Herde statt seiner in den Stall und befahl ihm, trockene Kleider anzulegen. – Aber das schwerste kam hernach. Als Heinrich den Stall betrat, fehlte – Annaliese, seine gefleckte Lieblingskuh. Er wurde bleich vor Schrecken, und sein Herz pochte voller Angst. Da galt kein Säumen. Sogleich lief er fort, eilig, eilig, als ob es sich um Leben und Tod handle. Der Abend brach an, und der graue Himmel verkürzte noch vollends den Tag um den letzten Rest. Aber Heinrich kannte den Weg; er dachte nicht an sich, nur an seine Kuh und an Jacklein, dessen Eigentum in Gefahr stand. So rannte er fort, ohne einmal inne zu halten und Atem zu schöpfen, immer fort, rechts und links schauend, bis er zur Stelle kam, wo das Gewitter sie überfallen hatte. Hier stand er ratlos. Wohin sollte er sich wenden? Vorwärts, zu ihrem Weideplatz, rechts, links, hinab in die Schluchten, wohin der Engpaß führte, hinauf an dem Abhange? – Vielleicht war Annaliese zurückgeblieben, und er hatte in der Eile ihrer nicht besonders geachtet. Wann und wo hatte er sie zum letzten Male gesehen? Aber die Angst und Aufregung verwirrte seine Gedanken völlig, daß er sich auf nichts mehr zu besinnen vermochte. Da rief er mit angstvoll klagender Stimme ihren Namen in die Berge hinein; er horchte, kein Laut kam ihm entgegen. Er rannte zum Weideplatze, rief wieder, spähte durch die Dämmerung mit seinen klaren Augen. Nein, da war sie nicht! – er kehrte zurück bis zum Hohlwege, drang hinein und immer aufs neue tönte sein Ruf in die Berge, aber nur das Echo antwortete ihm fast höhnend.

Jetzt war es ganz dunkel geworden, und er stand in einer ihm beinahe fremden Gegend, wo er nicht wußte, wohin sein Fuß mit Sicherheit treten konnte. Da brach ihm fast das Herz; laut schluchzend setzte er sich auf einen Felsenvorsprung, bis sich die Brust ein wenig erleichterte. Nun drang ein Schimmer durch das Gewölle; der Mond schien Bedauern mit dem armen Knaben zu haben und sich ihm als Führer anzubieten. Frischer Mut trieb ihn auf die Beine; ruhiger und fester schritt er weiter auf der gefahrvollen Bahn, spähte umher; ein freudiges Gefühl leuchtete in ihm auf: dort sah er etwas Weißes; er eilte hinzu, aber der Mondschein hatte nur eine Felswand beleuchtet; seine Annaliese war es nicht. Wieder hielt er ratlos inne. Sollte er umkehren? Weiter konnte das Tier sich nicht gewagt haben, oder es lag zerschmettert im Abgrunde. Ja, er kehrte um.

Er hatte gar nicht bemerkt, daß bereits Stunde um Stunde verstrichen war; er dachte nicht an seine schauerliche Einsamkeit, nicht an die Gefahren für sein eigenes, junges Leben, er fühlte nicht die wund gerissenen Füße, aber sie zitterten doch, und jeder Schritt wurde unsicherer. Nun stand er wieder an dem alten Platze und ging verzagt langsam weiter. Er wußte sich nicht mehr zu helfen noch zu raten, da zog es ihn zu seinem Lieblingsplatze, der alten Eiche, die seitwärts von seinem Wege lag; es zog ihn hin, um dort zu beten. Die kindliche Zuversicht hatte ihm neue Kraft verliehen, keuchend sprang er weiter und dann warf er sich vor dem Rasenbänkchen auf die Kniee, erhob die Hände und schrie: »Lieber, lieber Gott! gib mir die Annaliese wieder!«

Was war das? Jubelnd sprang er auf. »Annaliese, Annaliese! wo bist?«

Ja, das war ihr Ruf, er kam von seiner kleinen Almhütte; dahinter hatte sie sich in ihrem klugen Ortssinn versteckt, wahrscheinlich von ihrer Irrfahrt zurückgekehrt im sicheren Instinkte. Heinrich sprang auf sie zu, er umschlang ihren Hals und weinte vor Freude. Er war halb närrisch, der gute Knabe, schalt und lobte sie, streichelte ihren Rücken. Nun ruhte er ein Weilchen aus, dann aber nahm er sie beim Horne, ließ sie nicht mehr los und führte sie jubelnd heim. Mitten in der Nacht erklang nun sein Lied, und Jacklein hörte es schon von ferne; nun wußte er auch, wie die Sache stand; Neger aber bellte ihm den freudigen Willkomm entgegen.

Der Sommer verstrich und die letzte Almfahrt nahte heran; es galt Abschied zu nehmen von der Trift und daheim zu bleiben. Dieser letzte Tag war fast der allerschönste. Heinrich hatte viel zu thun. Als die Herde nach Hause zog, hätte man nicht glauben sollen, daß der Herbst draußen walte. Voran ging Annaliese mit dem schönsten Kranz von Blumen und Blättern, und ihr folgten die anderen Tiere, alle mehr oder minder geschmückt, nicht eines war ganz leer ausgegangen.

Alle Insassen der Meierei eilten in den Hof und freuten sich des Anblickes. Da stand jedes der Tiere, das zum ersten Male mit ihm ausgezogen, keines fehlte, keines war verunglückt bei seiner treuen, fürsorglichen Hut. Am selbigen Abend trat Jacklein zu dem Knaben, der aufrecht vor ihm stand, die blauen Augen zum Gesichte des Meisters erhoben. Der aber sprach: »Heinrich, da ist dein Lohn, treu und ehrlich verdient. Zwei blanke Silbergulden sind's, und alljährlich um diese Zeit sollst du ebensoviel bekommen; und dort ist ein neues Gewand für den Winter. Hast's recht gemacht, Bub'!« Dabei klopfte er lustig auf den blonden Lockenkopf; wer aber war glücklicher, als unser Heinrich Findelkind!

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