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Heiner und Barbara

Hermann Eris Busse: Heiner und Barbara - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitleHeiner und Barbara
authorHermann Eris Busse
year1936
firstpub1936
publisherPaul List
addressLeipzig
titleHeiner und Barbara
pages304
created20180205
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Vater und Sohn

Nach den Festen wurde in der Säge um so hurtiger gearbeitet. Da stelzte selbst der Dannergroßvater durch Hof und Stall, schaute im Holzlager, ob alles seine Richtigkeit habe. Jeder wußte, daß seinen scharfen hellen Augen nichts entging. Er war bis zum achtzigsten Jahr ein sicherer Schütze, ein Jäger von echtem Schrot und Korn. Der Heiner schlug ihm darin nach. Er mußte früh schon vor allem, was schießen konnte, gehütet werden. Es war in früheren 87 Zeiten schon einmal vorgekommen, daß ein Dannerbub sich beim Handhaben einer Jagdflinte zuschanden geschossen hatte; auf einzige Hoferben gaben sie seither besonders acht. Aus diesem Grunde konnte Heiner trotz seiner Schießleidenschaft noch nicht mit offener Lust ans Gewehr langen, heimlich tat er es aber öfter, als die Eltern ahnen konnten; denn die Runzbrüder waren nicht so ängstlich, und bei ihnen hatte der Heiner längst gelernt, mit Waffen und Angel umzugehen.

Jetzt am Tag nach der Taufe trat der Großvater Danner an den Severin heran, als der im Schopf die Arbeit des Küfers prüfte, der dabei war, die großen Fässer für den neuen Wein herzurichten. Der Küfer vesperte gerade in der Stube, und die Danner waren so allein.

»Jetzt müßt' man dem Heiner noch manches zeigen, was er noch nicht kann, daß er nicht so dumm nach dem Tirol kommt«, meinte der alte Danner.

»Wohl, Vater, hab's auch schon bedacht.«

»Ich mein, er soll in den Rebberg und auf die Vögel schießen, fressen ja alle Beeren sonst ab. Ich gib ihm meine letzte Flint.«

Der Danner hob rasch den Kopf, spähte dem Vater scharf ins Gesicht: Ist was nicht recht mit dem? Trennt sich von seiner liebsten Flint!

Doch der alte Danner dachte an so was nicht, er schaute mit den weitsichtigen Augen, soweit er schauen konnte, das Tal hinab. Es leuchtete von dem scharfen Grün der nach dem Öhmd neu belebten Matten. Die Kirschbäume hatten rotes Laub, die Sträßlein und Wege schimmerten wie Bachläufe in gleißender Helle von Hängen her, schlängelten sich an Mulden entlang, 88 schrieben kreuz und quer kecke Linien ins Gesicht der Landschaft. Unaufhaltsam fiel sie über Hügel und Täler abwärts, die weite Stromebene des Rheines ruht wie ein gedämpftes, blaugraues Land in der Tiefe.

Der Danner sann. Er hatte, wie so oft in den letzten Jahren, sich ganz in sich selber zurückgesonnen. Severin störte ihn nicht, er wendete sich wieder den Fässern zu, die es wahrhaftig nötig hatten, daß der Küfer sich um sie annahm.

»Es gibt dies Jahr gut aus, sicher«, läßt der Alte sich wieder vernehmen.

»Ja, die Burgunder sind voll wie nie.«

»Das gedenkt mir auch nicht, daß sie so voll gehockt sind mit Beeren. Also, der Heiner soll nachher zu mir kommen, Severin«, fügt er langsam hinzu und stakelt dann auf seinen mageren Greisenbeinen dem Haus zu.

Der Vater hat recht, denkt der Severin, darauf bin ich noch gar nicht gekommen, wir müssen den Heiner noch allerlei lehren, er ist doch verwöhnt worden, der Kerl. Womöglich muß er in der Fremde den kürzeren ziehen unter den anderen Burschen.

Morgen muß dann auch das Motorrad her!

Der Heiner stand bei der großen Kreissäge und schaffte, ohne nach rechts und links zu gucken.

Die Runz machten heute Blauen, die hatten ja auch gestern einen schweren Tag gehabt. Jetzt arbeitete Heiner an der Stelle von Xaver.

Der Danner beobachtete ihn eine ganze Weile, ohne daß Heiner es unterm Lärm der Sägerei merkte. Er stellte fest, daß der Bub genau und mit Vorteil 89 schaffte. Also hatte er sich die »Menkenke« mit dem Studieren abgewöhnt. Der wär ja auch kein übler Studierter geworden, das konnte der Danner ruhig anerkennen, der Heiner sah vielleicht zu fein aus für ein grobes Sägerhandwerk, und er wollte gar nicht recht Farbe annehmen in der Sonne, blieb immer bläßlich; aber der leichte, fast mühelose Schwung, mit dem Heiner ein schweres Eichenstück zur Säge hob, strafte den schwächlichen Eindruck Lügen, den der schmale, hochgeschossene Bursche machte. Danner freute sich so tief, daß er zu dem Sohn hintreten mußte; aber er legte ihm nicht die Hand auf die Schulter, ihn freundlich lobend anzusprechen. Er schrie im Lärm dem Buben ins Ohr: »Du, du sollst zum Großvater kommen, säg das Stück noch fertig, dann. Ich mach derweil weiter.«

Heiner nickte nur. Machte gelassen sein Werk fertig, während der Vater den Kittel abzog und die Hemdärmel hochstreifte. Es gelüstete ihn geradezu, diese Arbeit anzupacken, da ging mit dem Schwitzen der Höhenrauch aus dem Kopf. Das war nötig. Und so nahm der Severin Danner, als der Sohn fortgegangen, die Arbeit auf, die er wohl seit zehn Jahren nicht mehr getan, weil er ein wenig herrenmäßig geworden und die Runzbrüder hier fleißig und zuverlässig an ihrem Posten wußte. Sie schnitten Eichenbretter für Faßdauben zu; es war ein gutes Geschäft, die Küfer wußten, wo sie die beste Ware herbekamen. Die Bauherren wußten auch, wo sie ausgewählt schöne Tannen-, Eichen-, Buchendielen, Hölzer für Balken und Böden herbekamen. Die Dannersäge hatte besten Ruf. 90

Severin schaffte gleich seinem Sohn Heiner mit einer geradezu grimmigen Lust, nur ließ er seine Kraft bewußt spielen und sich anstrengen. Hei, auch er war noch jung und zu allerlei fähig! Warum soll man auch alt sein, ehe der Saft verdorrt oder zu dick wird! Solang wie der Vater wollte er nicht Greis sein. Wer sich zu früh aufs Leibding setzt, der wird auch früh alt. Er möchte noch gut und gern seine zwanzig Jahr im Geschirr bleiben. Das freilich würde dem Heiner zu lang währen. Vielleicht kann der Heiner aber noch mehr Landwirtschaft treiben, dann bleibt für zwei Arbeit genug. Möglich, daß dem Haltersepp der Meisenbuck feil wird, da wird der Danner mit beiden Händen zugreifen. Das gibt Reben. Schon lang hat er gesagt, daß dort ein Rebboden ist wie nirgends sonst. Meisenbucker soll der Wein heißen.

Inzwischen stand der Heiner rot vor Freude mit dem Großvater hinten im Entengarten und schoß sich mit der letzten, das heißt mit der neuen Flinte des alten Danner ein, die der zum achtzigsten Geburtstag von den Jagdherren der Umgegend als großer Jäger und vorbildlicher Heger gestiftet bekommen hatte. Der Großvater lachte auf den Stockzähnen; denn er sah, wie bewandert der Bub das Ding in die Hand nahm. Der hatte wahrscheinlich hinterm selben Busch gehockt wie der Großvater selber mit siebzehn Jahren, hatte auch heimlicherweise den Umgang mit Schießeisen gelernt wie das Pfeifenrauchen.

Bei diesem großväterlichen Staunen blieb es jedoch nicht, auch den Vater setzte Heiner einen Tag darauf in Verwunderung.

Sie machten sich morgens auf den Weg zur Bahn, 91 um nach Offenburg zu fahren. Dort wollten sie das Motorrad erstehen. Der Danner hatte sich einstweilen schon nach dem Preis erkundigt und nach der Marke. Es stand für ihn fest, daß er gleich etwas Rechtes kaufen würde, wenn ihm auch die Kosten schier den Atem versetzten.

Heiner schritt still neben dem Vater her, beide halbsonntäglich angezogen. Es sah nach Regenwetter aus, 92 da sollte das gute Zeug nicht verdorben werden. Danner rauchte an einer Zigarre, die ihm der Doktor Bachroth gegeben. Sie schmeckte ihm nicht recht, sie war ihm zu stark und zu groß. Er rauchte am liebsten Stumpen. Er beriet mit Heiner, wie sie es mit dem Rad machen würden; Heiner mußte ja erst fahren lernen. »Das ist nicht so einfach, du, das ist eine gefährliche Sache, wenn man noch nie mit einem gefahren ist.«

»Oh, Vater«, sagte endlich Heiner etwas überheblich, »Motor ist Motor, damit können wir doch denkwohl umgehen. Das Fahren ist dann das wenigste.«

Danner war schon gereizt. Der Heiner hatte in letzter Zeit eine Art zu widersprechen, die leicht seinen Zorn erregte. Er sog an der Zigarre, die sich ob der schlechten Behandlung nach allen Seiten wie ein Federwisch sträubte. Schließlich warf er sie in hohem Bogen in die Lauter. Danach wollte er sich einen von den Stumpen anzünden und merkte, daß er sie bei Gott vergessen hatte. Er schimpfte halblaut vor sich hin.

Da griff Heiner in seine Rocktasche. »Ich hab' auch bei mir«, sagte er, »hier! Sie sind aus der Schweiz, der Straßburger Vetter hat sie mir geschenkt. Gut sind sie.«

Dem Danner brach der Schweiß aus. Was, der Luser, der Mehlbäbbelesbub, der raucht schon?

Doch er hielt an sich, neben dem zornigen Staunen schlängelte sich eine ganz lachlustige Achtung im Danner hoch, Achtung vor dem Kerli, der gar nichts verheimlichte, der einfach tat, als wäre es ganz richtig, daß er schon mit dem Gewehr umgehe wie ein alter Jäger und auch dementsprechend rauche und trinke. 93 Man konnte es nur gar nicht recht glauben, wenn man das hochgeschossene blonde Bürschle mit dem Mädlesgesicht sah, in dem nur der Mund zu hart und eigensinnig stand.

Der Danner zog, nicht einmal zögernd, einen Stumpen aus dem roten angebrochenen Päckchen und ließ es ruhig wieder den Buben einstecken. Jeder andere Vater, das war Heiner klar, hätte die ganze Packung mit hartem Griff an sich genommen und womöglich schimpfend dem ungeratenen Sohn eine ins Gesicht gedroschen. Der Danner benahm sich großartig, das machte Heiner von innen her stolz auf den Vater. Er paßte unwillkürlich seinen noch etwas schlaksigen Gang dem straffen Schritt des Vaters an. Der Danner merkte es sogleich; das gefiel ihm recht. So kamen sie munter gestimmt in den Zug. Dort sagte Danner zum Sohn: »Könntest mir noch eine anbieten, falls du großzügig genug bist.«

Heiner schoß das Blut in den Kopf. Jetzt war er doch noch ein geringer Bub. »Nimm sie alle, ich brauch sie ja nicht.«

Der Danner lachte hellauf: »A bah, behalt nur, was übrigbleibt, es braucht dir nicht den Hosensack durchbrennen wie mir einmal.«

Und er berichtete, er habe schon als Achtklässler mit Rauchen angefangen. »Da bin ich einmal mit einer großen Zigarre aus des Vaters Sonntagskiste gegen Abend mit einer Botschaft für den Viehdoktor das Tal hinaufgegangen. Ich dachte an nichts Böses, da sah ich miteins eine Gestalt im Havelock auf mich zukommen, das war der Bürgermeister, mein Pate. Schnurstracks stopfte ich da die brennende Zigarre in 94 die Hosentasche, drückte sie fest an den Schenkel, daß sie ersticken sollte. Nur ein Lehmbollen im Sack verhinderte, daß ich mir die Haut verbrannte. Der Bürgermeister wollte nun langes und breites wissen von daheim und guckte immer so merkwürdig; aber ich stand ihm Red und Antwort, wie wenn nix wär. Endlich sagte der Vetter »B'hüt Gott«, stapfte weiter und erzählte dann am Stammtisch, er hab' immer drauf gewartet, daß der Ertappte in Flammen aufgehen würde.«

»Wegen mir . . . dem Vater hat er wenigstens nichts gesagt, der hätte mir das Rauchen vertrieben. Und das Loch im Hosensack, das noch hineingebrannt war, hat mir die Mutter vons Sternewirts geflickt, die hat immer so gut zu mir gehalten wie die Sina zu dir.«

Mittlerweile kamen sie nach Offenburg, schlenderten durch die werktätige, geschäftige Stadt. Viele Leute kannten den Danner, alle fragten nach dem Stand der Reben, und das wurde ganz ausführlich in Rede und Gegenrede behandelt. Und endlich kam auch der Kauf des Motorrades zustande, bei dem der Heiner und der Verkäufer fast ausschließlich das Wort führten, was den Danner innerlich immer mehr wegen der Sicherheit und des Wissens erstaunte, mit dem der junge Kerl verhandelte, fragte, prüfte. Sie kauften das beste Rad im Geschäft.

Der Danner zahlte und gab an, wohin das Rad zu bringen sei, nämlich an die Bahn auf den Zwei-Uhr-Zug. Nach Oberspring solle es.

Heiner fragte: »Vater, während du die anderen Sachen besorgst, bleib ich hier und laß mir noch manches erklären.« 95

»Gut, wir vespern dann im Bahnhof, dort kommst hin!«

Der Heiner fuhr indessen mit dem Gesellen des Kaufmanns um die Stadt, und als der Vater kam, saß Heiner bereits an einem Tisch und wartete. Draußen, sorgsam hingestellt und verwahrt, lehnte am Bordrand das Motorrad.

Sie aßen tüchtig zu Mittag. Der Danner war gut gelaunt, er hatte eine Lieferung von Parkettholz abgeschlossen, und ein großer Waldherr, der hinten im Tal schlagbare Buchen hatte, übertrug ihm die Arbeit des Fällens und Sägens. Das Motorrad war hiermit bezahlt. Mehrmals spähte er auf die Uhr, daß sie ja den Zug nicht verpaßten; denn sie wollten in Renchen noch etwas besorgen, ehe sie das Bähnle ins Tal hinaufführte.

Der erfahrene Junge hatte ja alles schon in der Tasche, auch abgestempelt, daß er das Rad fahren durfte. Ein Freund der Sternenbrüder, ein Kraftwagenfahrer in Oberspring, hatte ihn schon längst gelehrt und beraten. Er hätte das mit den Stumpen nicht machen sollen, es war ein bissel zuviel auf einmal. Schließlich konnte er aber nicht mehr feig sein und sagte lachend heraus: »Vater, jetzt muß ich doch alles beichten, ich kann auch schon fahren und darf auch fahren. Wir können ohne Fahrplan von hier aus heim, du brauchst nur hinten drauf zu sitzen. Ich geb schon acht.«

Es war ein Glück, daß der Wirt hinter Heiners Stuhl trat und horchte, da konnte der Danner nicht anders als obenhin zu sagen: »Na also, das hättest 96 auch bälder sagen können, aber ein Bier kriegst jetzt nicht mehr.«

Danner war doch noch jung, den Unmut über Heiners freche Selbständigkeit übertrumpfte die helle Neugier, wie das Motorradfahren sein würde. Natürlich setzt er sich nur diesmal hinter den Luser; es war ihm klar, daß er schon morgen fahren lernen würde.

Ganz gelassen schwang er sich in den breiten Sattel: »Ha, da sitz ich wie in einem Klubsessel!«

»Halt«, sagte er ruhig, ehe Heiner den Gashebel trat, »erst sehen, wieviel Uhr es ist! Bin gespannt, wie lang wir brauchen.«

Heiner konnte es eigentlich nicht recht fassen, daß der Vater alles hinnahm wie selbstverständlich, er war beinahe enttäuscht. Hart legte er los, machte im Ungestüm einen Krach, daß die Leute, die am Bahnhof herumstanden, entsetzt zusammenfuhren. Dann flogen sie förmlich. Dem Danner war zuerst nicht ganz wohl dabei, er hatte es aber bald heraus, wie er sich benehmen mußte, wenn es um Ecken herum oder Kurven schwang. Auf der freien Landstraße ließ es der Teufelsbub laufen, daß ihm Hören und Sehen verging. Das Rädle ist gut, dachte er und hatte selber eine Weltsfreude daran. Kaum hatte er sich an das Fahren gewöhnt, erreichten sie schon Renchen, stiegen bestaubt ab und lachten sich wie Brüder an. Heiner blieb beim Rad, der Danner nahm in der Apotheke eine Viehsalbe mit, lupfte noch einen Schoppen und war trotzdem im Handumkehr wieder da. Heidi, aufgesessen, heimwärts! Nein, im Hespengrund bei den Runzbrüdern kehrten sie noch ein, das gehörte sich. 97

Ein verhaltener Himmel strahlte über dem breiten Tal, leichtes Grau, als wollte es gegen Abend sanft und traurig zu regnen beginnen. Der Heiner hatte seinen Hut in die Tasche geklemmt, nun flog vor des Vaters Augen das helle, ein wenig strähnige Haar Heiners auf und nieder. Wie ein Mädchen hat er Haar, dachte der breitwuchtige Mann auf dem Rücksitz, und doch ist er ein Draufgänger, daß es schier zuviel ist für sein Alter. Der Vater kam sich fast klein vor an Macht, so hinter Heiner sitzend. Plötzlich stieg etwas auf in Severin Danner, heimlich hatte es ihm schon eine ganze Weile die Freude an der raschen, mühelosen Fahrt gestört: sein Stolz fühlte sich gedrückt. War es recht, daß er so hinter dem Schulerbub saß und daß der wußte, wie abhängig und rückständig der Vater sei? Er hatte die Autorität verloren. das war es. Der Kerl war ihm über den Kopf gewachsen. So war es.

Danner machte mit sich aus, bis zu den Runz fahre er noch mit. Keinesfalls aber durch Tiefenspring zum Gaudi aller. Er blieb einfach im »Sternen« hängen, schickte den Buben heim.

Und so kam es auch. Nachdem die Sina die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen hatte über den Strolch, der einfach mit dem Motorrad davonfuhr wie ein gewöhnlicher Mensch, nicht wie ein Tausendsassa, mit seinen noch nicht achtzehn Jahren, konnte Heiner wieder allein davonbrausen. Es war dem Vater wahrscheinlich nicht recht, auf dem Soziussitz so abgestellt zu sein. Das begriff Heiner gut. Er verlor darum auch gar kein Wort, sondern sagte nur mit 98 aufstrahlendem Gesicht: »Mei, die werden staunen, Vater!«

»Das glaub ich«, sagte Severin, nun ganz in der Reihe. »Fahr nur nit wie der Henker!«

Das hörte der Heiner schon nicht mehr.

Als Severin eine Stunde später nach Hause kam und in die Stube trat, saß die Frau am abendlichen Fenster mit dem Kleinen im Schoß, und Severin sah gleich, daß sie die Augen voll Wasser hatte.

»Ja, was ist los mit dir?«

Es kam heraus, daß die sonst immer hartschlägige Dannerin um den Heiner wegen des Teufelskarrens weinte, mit denen schon soviel Unglück geschehen sei.

Danner lachte: »Jetzt aber still, Frau, du siehst Gespenster! Wer hat dich schon einmal heulen sehen? Und jetzt wegen so einem Hafenkäs plärrst? Kannst das Büble nimmer anbinden, du. Der Heiner sagt dir, was er will, der hat's faustdick hinter den Ohren, das hab' ich heut gemerkt, und einen Eisenkopf dazu. Den Falkenkopf, Pia.«

»Den Dannerkopf«, widersprach sie.

»Den Falkenkopf, wenn ich es sag.«

»Den Dannerkopf dazu.«

»Oha, doppelt genäht hebt besser!« lachte der Mann.

Die Sägerin senkte den Kopf: War sie bei dem neuen Kind schwach geworden? Sie spürte seit einiger Zeit ahnungsvoll zum erstenmal, wieviel Bitteres in dem Spruch liege: Und deine Seele wird ein Schwert durchdringen. 99

 

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