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Heiner und Barbara

Hermann Eris Busse: Heiner und Barbara - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
booktitleHeiner und Barbara
authorHermann Eris Busse
year1936
firstpub1936
publisherPaul List
addressLeipzig
titleHeiner und Barbara
pages304
created20180205
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die Reise nach Straßburg

Es war der energischen Frau Pia ein leichtes, in kurzer Zeit der Mariann die kleine Aussteuer zu richten, die der Aufenthalt bei den Verwandten in Straßburg erforderte. Es handelte sich nur um Wäsche und ein paar Kleider für daheim. Was man in Straßburg auf der Straße trug, würden sie der Wahl der tüchtigen Christina überlassen, die an ihren Töchtern bewies, wie gut sie wußte, was den Mädchen stand, ohne daß es auffällig, aber auch nicht eindürmlig war. Christina konnte es, wie sie schrieb, kaum erwarten, die liebe Schwester und die kleine Mariann wiederzusehen, und Dorette wie Annette, die Goldschmiedstöchter, schnatterten in ihrer Unterhaltung nur noch 37 um den Aufenthalt von Mariann, der chère cousine, herum.

Klaus Vogt, des Lehrers Sohn, kam in der Nacht, ehe Mariann abreiste, zum erstenmal nachts unter das Kammerfenster in der Sägerei, und sie weinten beide, als er ihre Hand vom hohen Sims herabzog und sie verküßte. Klaus konnte sie nicht fragen: Und gell, du vergißt mich doch nicht, Mariann! Er fand die Stimme nicht dazu. Und Mariann fragte auch nicht: Gell, du schreibst mir doch sicher einmal!

Sie sagten Lebwohl und einander zum Trost immer wieder: das halbe Jährlein wird auch 'rumgehen.

Die laue Nacht öffnete ihre duftende Schale voller Veilchen und Hyazinthen unter dem Sternenbügel der Milchstraße. So sind die Nächte recht für eine glückselige Traurigkeit, wenn zwei junge Liebende ahnen, daß Liebe sehr weh tun kann, und daß dieses Weh bei den schlichtesten Menschen so groß wie alle Schmerzen der Welt sein kann und bei den Königen nicht um ein Haar größer.

In der Frühe des Sonntags spannte der Sägbauer die besten Pferde vor die Schese (chaise = Wagen), und im vollen Staat ihrer Tracht stieg Frau Pia, vor Anstrengung rotwangig und nicht einmal so schwerfällig wie seit Wochen, in den Wagen und hieß Mariann nachspringen, tutswitt. »Mach nicht so zimperlich, als lauf das Haus weg, während du fort bist!«

Der Vater patschte die Tochter zärtlich auf den Hintern, damit sie schneller mache beim Einsteigen. Lustiger Abschied ist immer der beste, dachte er bei sich selbst. Er schnellte mit der Peitsche, rief noch dem Heiner zu, der bei der Abfahrt in weißen 38 Hemdsärmeln behilflich war: »Und daß man dir alles anvertrauen kann, will ich hoffen!«, und schon zogen die Rösser an und griffen dann fröhlich aus.

Viele Male mußte Mariann zurückschauen, dem Heiner zuwinken, den Mägden, den Knechten, die alle noch einmal so freundlich, wie sie nur sein konnten, der Jungfer mit großen weißen und roten Sacktüchern Lebwohl nachwehten. Sie hatte schon Heimweh wie ein Stein auf dem Herzen, als eben der First des Hauses, auf dem die Tauben dicht gedrängt ihren Morgenputz abhielten, hinter dem schon leuchtend grünen Hügelrücken verschwand.

Sie begriff immer noch nicht, weshalb das mit der Reise so schnell hatte gehen müssen; wie ein Blitz aus heiterem Himmel sagte nämlich die Mutter schon am nächsten Morgen nach dem bedeutsamen Beschluß: »Du, für dich wird es jetzt Zeit, einmal in eine andere Küche zu gucken. Und du sollst auch ein wenig etwas von der Stadt erleben, mit den Basen drüben lustig sein und allerhand lernen, was man hier nicht lernt. Ich bin auch fort gewesen, es hat mir den Kopf geputzt, man merkt nämlich erst in der Fremde, daß die Welt sich auch noch um andere Sachen dreht als nur um die eigenen.«

Das hatte die Mutter so laut gesagt und beinahe scheltend, daß die bestürzte Mariann gar nichts dagegen wußte. Mittags nach dem Essen setzte auch noch der Vater dazu: »Na, Fratz, werd' mir dann nur nicht zuviel Mademoiselle in Straßburg drüben!« Ihr schoß das Wasser in die Augen. »Heul doch nicht!« lachte der Vater, »herrje, ich hätt' drei Purzelbäum geschlagen, wenn ich so hätt' fort dürfen.« 39

Es war also bei den Eltern unwiderredbar beschlossen. Alle wußten es, wenn die in ihrer Schlafstube etwas ausgemacht hatten, dann gab es kein Dagegen.

Mariann fuhr schweigsam und trotzig dahin. Auch als sie allein mit der Mutter im Bähnle saß und 40 quer durch die Rheinebene fuhr auf den Straßburger Münsterturm zu, grollte sie noch, und kein Blick in die Landschaft hinaus mit den grün angeflogenen Weidenhainen und ebenen Wiesen, auf denen Waldbäume wie in einem gepflegten Park gesondert standen, gab ihr den frohen Gedanken ein, es könne doch schön werden in Straßburg, wo sie soviel Neues sehen und hören würde und zwei so gute Kamerädinnen wie eine Schwester sie aufnehmen würden.

Sie dachte immer noch bei sich: Nein, nur nie mehr von daheim fort. Wenn ich wieder daheim bin, bringen mich keine zehn Gäul abermals fort, freiwillig nicht!

Die Mutter spähte dann und wann verstohlen in der Tochter Gesicht und hielt es fürs beste, gar nichts zu ihr zu sagen. Mariann hatte einen roten und einen blassen Backen; auf dem roten saß noch der Kuß des Vaters. Das hatte nur so geklepft, wie der große Mann dem zierlichen Kind mit Lachen den Abschiedskuß gab. Pia sah es über das leicht gekrauste hellbraune Haar des Kindes, wie Severins Augen dunkel wurden, weil es ihm in diesem Augenblick doch schwerfiel, die Krott, wie er die Mariann gutgelaunt nannte, in die Fremde zu lassen.

Im Bahnhof zu Straßburg empfingen sie die drallen Töchter der Christina und der Goldschmied, ein schlanker Herr mit Brille und Spazierstock, ein Städter mit freundlich-schönem Gesicht. Der Pia fiel es auf, daß er sie erstaunt musterte, allerdings nur kurz, und daß dann ein sonderbares, ja verschmitztes Lächeln um den seinen Mund fuhr. 41

Die Familie wohnte in der Vorstadt, in der Villenkolonie, in einem schmucken Haus mit Garten. Mariann war eigentlich, sobald die Basen sie in die Mitte genommen hatten, heiter geworden, die lustigen Mädchen ließen gewiß nie mehr Griesgram bei ihr aufkommen. Das sah die Mutter gleich und war erleichtert.

In der geräumigen, hellen Diele traten sich nun die Schwestern entgegen, beide stattliche Frauen, einander ähnlich, nur ein Jahr im Alter auseinander; zudem hatten sie im gleichen Jahr Hochzeit gehalten. Der Goldschmied blieb ein wenig abseits stehen, gespannt auf ihre Gesichter, wenn sie einander mit Blicken umfangen hatten. Und er kam auf seine Kosten. Sie blieben wie angewurzelt ein paar Schritte weit voneinander stehen, schätzten sich mit raschen Blicken ab, gingen dann wie zagend aufeinander zu, wie in Scham und doch mit unnennbarer Zuneigung, die weit über das Schwesterliche hinausging. Eine hatte der andern angesehen, daß sie in ihren reifen Jahren abermals gesegnet war. Und eine hatte vor der andern vermeint, es verheimlichen zu können. Als später die Schwestern ein Stündchen allein saßen, weil der Mann mit den drei lebhaften Jungfern sich auf dem Bummel in der Orangerie zeigen wollte, lachten sie hellauf, als Pia erzählte, warum sie sich Mariann hatte aus den Augen schaffen wollen. Nun war das gute Kind sozusagen vom Regen in die Traufe gekommen. Da die Mädchen aber zu dritt waren und einander genug ablenkten, schien es den gesegneten Frauen so doch gut, daß Mariann von daheim weg war. Die kluge Pia dachte später auf der Heimfahrt 42 auch bei sich: So erlebt das Kind doch, wie ein neues Wesen auf die Welt kommt, und wird seinem Brüderlein vielleicht dann wie ein junges Mütterchen sein, und das Schämen war auch überwunden, wenn sie wußte, daß andere Mütter von erwachsenen Mädchen auch noch ein Kind bekamen. Pia erwartete mit großer Sicherheit einen Knaben.

Der Dannerbauer holte sein Weib wieder ab an der Bahn, und es muß gesagt sein, daß er wie ein Bräutigam schneidig und ritterlich vorfuhr, mit keckem Scherz die Weltreisende empfing; weil er ein wenig oft den Durst in seiner frauenlosen Zeit gelöscht hatte, war er auch lustig. Es ist nicht zu beschreiben, wie spitzbübisch er lachte, als ihm die Pia erzählte, wie sie ihre Schwester Christina angetroffen hatte.

 

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