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Heiner und Barbara

Hermann Eris Busse: Heiner und Barbara - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
booktitleHeiner und Barbara
authorHermann Eris Busse
year1936
firstpub1936
publisherPaul List
addressLeipzig
titleHeiner und Barbara
pages304
created20180205
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Das Verlöbnis

Heiner ritt gleich danach nach Tiefenspring zurück, stolz am »Sternen« im Hespengrund vorüber. Sina sah ihn vorbeireiten, aber sie hatte vor lauter Gästen keine Zeit, ihn anzurufen. Sie sah ihn auch wieder mit seinem Rad talauf schnurren, ohne allerdings dem Sternenwirtshaus einen Blick zu gönnen.

Sina sagte kopfschüttelnd: »Den hat's doch, den unruhigen Geist.«

Er schnurrte auch an den Eltern und Helmut vorüber, die heimwärts gingen, hob nur die Hand und lachte. 290

Pia sah ihm nach; sie ahnte, was ihn abermals in den Trubel lockte; denn sie hatte etwas läuten hören von dem Tanzpaar auf der Festwiese.

Der Severin knurrte den Helmut an, der dem Heiner weinend nachrief, er solle ihn mitfahren lassen: »Der kann dich heut nicht brauchen, morgen wieder.«

Oft seit seiner Krankheit war der Danner verstimmt, er konnte dann keinen Menschen um sich vertragen. Mitten in guter Laune befiel ihn heiße Sorge um Zins und Schulden, er rechnete dann heimlich mit zähem Eigensinn und kam doch zu keinem Ergebnis. Das machte ihn ganz verrückt. Er konnte es dann auch nicht sehen, wenn der Heiner mit dem Rad fortfuhr, er hatte stets daran etwas auszusetzen und überschüttete Pia mit abfälligen Bemerkungen über den feinen Herrn Sohn, der solange den Vornehmen spiele, bis ihm das Gericht die Säge pfände.

Pia schwieg nicht lange zu seinem mißmutigen Wesen, sie setzte ihm gehörig den Kopf zurecht. Ob er etwa immer bei der Säge geblieben sei, auch Sonntags? Ob er etwa in Heiners Alter im Kloster gewesen sei oder bei den Abstinenzlern? Sie schonte ihn nicht. Sie war auch nicht mehr so langmütig wie früher und so geschickt im Schweigen, aber der Mann hätte sich ehedem auch ihre Widerrede nicht gefallen lassen. Jetzt verstummte er, wenn sie ihm seine Ungerechtigkeit vorhielt.

Pia empfand dies schmerzlich. Sie wurde zuweilen von heftiger Sehnsucht nach ihrem früheren Mann erfaßt. Sie schämte sich seiner Schwäche, es machte sie ganz traurig, daß er sich so verändert hatte. Jetzt wußte sie erst, wie stolz sie den Poltrian liebte, der 291 keine Widerrede duldete und der niemals klein beigab, selbst wenn er gewahr wurde, daß er einen Fehler gemacht. Früher zeigte er zuweilen schreckenerregend seinen Zorn und setzte seinen Willen durch, um danach mit klarem Lachen wieder der beste Mensch zu sein. Jetzt bruttelte er an allem herum, und sein Lachen war vergessen, erstickt im ständigen mürrischen Gemurmel.

Er war eigentlich erst seit der Heimkunft Heiners so unerträglich geworden. In den ersten Tagen schritten Vater und Sohn einträchtig, ernst beratend durch Hof, Säge und Äcker. Stolz pries der Danner in der Schlafkammer die Umsicht des Sohnes und den guten Einfluß, den die Fremde auf ihn gehabt. Als sich dann Heiner manche Selbständigkeit erlaubte, wurde der Vater unzufrieden.

Heiner ließ sich auch nicht viel sagen, er merkte es wahrscheinlich gar nicht, daß es manchmal aussah, als dränge er den Vater beiseite.

»Hör«, sagte der Doktor Bachroth eines Tages zur Pia, er hatte gerade nach dem Helmut gesehen, »der Severin gefällt mir nicht, da ist mit der Leber etwas nicht in Ordnung.«

»Das kann erst noch sein, der wird mir so schwermütig in letzter Zeit.«

»Schick ihn zu mir, du bringst das fertig, Pia.«

Als Pia dem Mann ganz offen von der Besorgnis des Doktors erzählte, brauste Danner sie heftig ab.

»Ihr könnt mich alle – gernhaben.«

Er ging natürlich nicht zum Bachroth. Dafür ließ er sich von einem wandernden Teehändler, der vorgab, den Leuten die Krankheit an den Augen ablesen zu können, mehrere Pfund Unkraut gegen die kranke Leber 292 aufschwindeln, mit denen man eine Kuh hätte füttern können; aber das wäre ein zu teurer Spaß gewesen. Er trank den Tee, bis er in der Zeitung las, daß er einem Betrüger ins Garn gegangen.

Zum Bachroth begab er sich trotzdem nicht. Er wußte zwar, Weintrinken sollte man nicht, wenn man es an der Leber hatte, aber er trank jetzt täglich soviel wie sonst in der Woche.

»Was nützt einem denn das schlechte Leben«, sagte er zu Pia, »wenn man doch sterben muß«, und er lachte ein wenig dazu, es war jedoch ein unfreies Lachen. Er fühlte sich eben doch nicht wohl in seiner Haut.

Auch jetzt, da er vorzeitig mit Frau und Kind das Fest verließ, fiel er sich selber zur Last. Er wäre gern fröhlich gewesen, im Inneren hatte er den guten Willen, ja die Lust, fröhlich zu sein; doch er hatte das Mürrischtun so als Hülle um sein empfindlich gewordenes Ich gepanzert, daß er sich nackt und beschämt ohne diese Gewohnheit vorkam. Wer ihm ins Gesicht gesagt hätte: Danner, du wartest ja nur auf eine Gelegenheit, wieder der alte, das heißt der junge Danner zu sein, der Poltrian, der nach dem Gewitter so tüchtig scherzen und lachen und lebenschön machen konnte, dem hätte er eine Faust unter den Bart getrieben. Und doch war es so! Das bewies sich schon am gleichen Abend.

Sie saßen noch, nachdem gefüttert und gemolken war, im sinkenden Tag in der Stube, der Danner hinter einem Krug Wein, vor sich hinsinnend, Pia mit einer Stricket auf der Ofenbank, den Abendschein auf ihrem noch glatten, doch sehr still gewordenen Gesicht, da fauchte das Kraftrad in den Hof und gleich 293 danach ein Kraftwagen. Der Schäferhund bellte halb böse, halb freudig. Danner und Pia blickten sich an, keines aber erhob sich, um zu sehen, was draußen los sei, sie hielten nur fast den Atem an vor merkwürdiger Spannung.

Da ging die Stubentür auf, und herein traten Heiner und Barbara, dahinter der Doktor Bachroth und die Petra, und zuletzt kam, als könnte es gar nicht aufhören mit Menschen, die Familie Hurst, Mariann und Daniel mit den zwei Kindern. 294

Danner und Pia erhoben sich jetzt, beiden bebten die Knie. Heiner nahm Barbara bei der Hand und sagte ganz einfach zu den Eltern: »Vater und Mutter, wir sind uns jetzt einig. Barbara will meine Frau werden.«

Pia trat auf Barbara zu, Tränen sprangen ihr aus den Augen, und sie umarmten sich.

Der Danner sagte rauh: »Das ist ein Überfall, so ist es nicht der Brauch, dünkt's mich. Aber die Jugend weiß ja alles besser. Also, Schwiegertochter – ich hab' nichts dagegen. Der Vater hat ja scheints mitgeholfen beim Überrumpeln.«

Sein Blick blitzte in altem Feuer zum Bachroth hin, der dröhnend lachte, und Barbara und Danner zusammenschob, daß Barbara nicht anders konnte, als dem Sägbauern einen Kuß zu geben.

»Auch das ist nicht der Brauch, aber es schmeckt dir doch auch, gelt, du alter Schwede. Du bist auf dem Holzweg, Danner, mir hat die junge Brut gar keine Gelegenheit gegeben, dem Freier Käs auf den Tisch zu stellen.«

»Das hättest auch nicht getan, du; einem Danner ist noch nie Käs aufgetischt worden, wo er gefreit hat; jeder war froh um diesen Tochtermann. Die Weiber sind zuwett gerannt, um Eier mit Speck zu backen wie für ein Regiment Soldaten.«

»Ja, holla«, sagte der Bachroth, »das müssen wir halt bei euch nachholen. Schnell Pia und Mariann, Eier mit Speck, darauf steht uns der Sinn.«

Die Frauen lachten und eilten in die Küche.

Jetzt gaben sich der Danner und der Bachroth fest die Hand. Aug in Aug verharrten sie eine Weile und Bachroth sagte: »Spaß beiseite, Severin, mich freut 295 es, daß unsere Kinder beisammen sind. Hab' es auch einmal anders im Kopf gehabt mit der Bärbel, und an Freiern hat es ihr nicht gefehlt. Den arme Pitt hat sie besonders tief getroffen durch ihre Ablehnung, das weißt du; aber das Schicksal bringt doch die Rechten zusammen, brauchst die zwei ja nur anschauen, wer kann da noch dagegen sein. Und wenn wir es wären, Alterle, was meinst du, was die zwei danach fragen würden? Einen Sch . . . dreck. Verzeihung, meine Damen! In dieser feierlichen Stunde sollte ich alter Esel mich beherrschen. Wenn ich eben ein alter Esel wär, würde ich es tun, jedoch – – –«, er griff die junge Petra um die Schultern, »neben der da fällt es mir schwer, graue Haare zu bekommen. Der Bachroth geht mit Weib und Tochter wieder in den Kreis der Sippe hinein, das ist doch wunderbar, Danner, vielleicht begreifst du das.«

Der Danner wußte nicht gleich, wie es der Bachroth meinte. Der Heiner kam ihm zu Hilfe: »Ha ja, Vater, die Bachroth sind doch mit den Hurst verwandt und mit den Danner weitläufig.«

»Ja so«, wird es hell bei ihm. Jetzt überwältigte ihn auch das freudige Ereignis, und er sagte zu allen, doch es galt besonders dem Heinrich: »Die Danner haben immer gewußt, was sie wollen, es wird auch jetzt so sein.«

Sie setzten sich um den Tisch. Der Daniel Hurst holte Wein aus dem Keller, die Mariann deckte hurtig Gläser und Teller, die Petra stellte einen Asternstrauß auf den Tisch. Einmal gingen Danner und Bachroth gleichzeitig aus der Tür und blieben eine Weile fort. 296

Der Doktor sagte dabei dem Säger ganz offen ohne Umschweif, was die Barbara mitbekomme. Ihr Geld soll ruhig in der Säge schaffen, dazu sei es da.

Der Danner wurde vor dunkler Scham rot. Der Doktor konnte es zum Glück nicht sehen.

»Ich weiß doch, Severin, daß ich ein wenig mitschuldig bin bei deinem Unglück mit der Bürgschaft. Wir sind halt Bauernschädel alle miteinander und trumpfen mal auf, wo es gar nichts aufzutrumpfen gibt. Du hast dich wacker durchgerackert, ich weiß es. Und der Heiner wetzt alles aus, das weiß ich auch. Es ist ganz gut, daß die Jungen noch merken, wie schwer ein Vorwärtskommen ist, deshalb brauchen sie vorerst gar nicht zu wissen, was wir beredet haben. Auf den Jänner kann ich das Geld erst für das andere Jahr kündigen. Wenn du etwas nötig brauchst, Danner, mußt du es mir nur sagen. Es gibt dann auch andere Wege. Und auf jeden Fall – es bleibt alles unter uns.«

Der Danner wehrte ab. Nein, das sei nicht der Fall, er schaffe es schon. »Es ist hart auf hart gegangen, wohl, aber ich hab' es gezwungen.«

Dem Danner lag viel daran, daß der Bachroth merke, mit seinem Geld rette er die Säge nicht, er mache sie aber dafür reicher.

Bachroth kannte seine Pappenheimer. Er lobte den stolzen Geist der Danner, den der Heiner auch verschiedentlich gezeigt habe.

»Wir passen alle zusammen, Danner, wir können einander Glück wünschen.«

»Gut«, sagte Danner nur, »gut.« 297

Er wollte es nicht zeigen, aber ihm kam es vor, als löste sich ein Reif von seiner Brust. Er mußte an sich halten, um nicht ein allzufrohes Gesicht zu machen. Doch das machte ihm später keine Mühe, er strahlte so auf, daß er in Versuchung kam, wie früher bei guter Laune zur allgemeinen Freude auf den Händen durch die Stube zu laufen.

Es war nach dem Aufbruch gut, daß Barbara steuern konnte, der Bachroth mit der glühenden Bacchantin Petra wäre nicht mehr imstande gewesen, den Wagen ungefährdet nach Oberspring zu fahren.

Heiner und Barbara hatten still beisammengesessen wie auf einer Insel inmitten der freudig feiernden Familie.

 

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