Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Hermann Eris Busse >

Heiner und Barbara

Hermann Eris Busse: Heiner und Barbara - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
booktitleHeiner und Barbara
authorHermann Eris Busse
year1936
firstpub1936
publisherPaul List
addressLeipzig
titleHeiner und Barbara
pages304
created20180205
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Nach schlimmen Monden die Weisheit des Herbstes

In der Dannersäge ging es bald auch ohne den Meister, es spielte sich ein. Die Brüder Runz walteten mit ihrer gelassenen, bullenhaften Kraft über dem Werk, und fehlte es ihnen auch an geschäftsmäßiger Umsicht, über dem Holz und seiner Pflege konnten keine treueren Augen offen sein.

Das böse Wetter hatte unabschätzlichen Schaden in den Wäldern ringsum angerichtet, in den Obstkulturen und vorab in manchen Rebstücken. Der schlagbare Dannerwald war grausam geschädigt. Holzmacher schafften, als der Schnee abgeschmolzen, Ordnung. Es gab nur noch billiges Brennholz, das Nutzholz fiel kaum ins Gewicht.

»Macht den Wald in Ordnung, ehe der Bauer wieder auf den Füßen ist«, hatte der Bachroth zu den Brüdern gesagt. 267

Die Kapelle erhielt eine neue Rückwand. Marianne und Daniel Hurst ließen es sich nicht nehmen, den neuen Altar zu stiften. Sina Runz sandte einen Maler herauf, der im »Goldenen Sternen« den Sommer über frei wohnen und essen durfte, um die Bilder vom Schrein zu malen. Der arme Maler war überglücklich und schuf sein Bestes.

Barbara Bachroth blieb lange in der Säge, sie tat, als wäre sie unentbehrlich, und Pia sagte oft zu ihr: »Was hätten wir auch getan ohne unsere Helmutgöttel. Du warst der gute Geist bei uns.«

Barbara strahlte: »Dank schön, Mutter Danner. Nebenbei hab' ich selbstsüchtige Person auch mancherlei gelernt.« Sie zählte es an den Fingern her: »Melken, Salatsetzen, Gänsleaufziehen, Honigschleudern, Brotbacken, Kartoffelsetzen, Käsmachen, Butterrühren, Wildbretzurichten, Speckräuchern, Schafscheren, Schafwollspinnen, Kräutletrocknen, Strümpfstricken und Hosenblätzen. Hurra Germania! Fehlt nur noch das Mannskinnrasieren. Das trau ich mich nicht.«

Pia hatte das bei Severin zu besorgen, der, seit er im Lehnstuhl sitzen konnte, eine große Eitelkeit zeigte. Er wollte nicht mit Stupfeln dasitzen wie ein Landstreicher. Die junge Bachroth hatte ihn bezaubert, er mußte sich dagegen innerlich wappnen. Es ging bergauf mit ihm, mit aller Kraft wehrte er sich gegen Lähmung und Hilflosigkeit. Der Bachroth wunderte sich im stillen darüber. Severin genas überraschend schnell, und sein Geist hatte sich längst aus der kindischen Greinerei und Dumpfheit, die anfänglich bedenklich stimmten, befreit. Und der rege Geist bekämpfte die Unbotmäßigkeit der Glieder der linken Seite mit heller 268 Empörung und auch mit schädlicher Ungeduld. Da gab es einen kleinen Rückschlag. Bachroth mahnte Severin: »Übermut tut selten gut.« Und der Danner gab sich drein, daß er langsam zu genesen hatte und vor seinem eigenwilligen Kopf auf der Hut sein mußte.

Barbara sollte aber doch sehen, daß er noch der stolze Danner sei, weit entfernt vom Greisenalter, noch rechnend mit allerlei Lustbarkeit und Leidenschaft im Leben.

»Bist ein zähes Luder«, sagte der Bachroth, als er den Danner eines Tages im Hof antraf, an zwei Skistöcken mitten im Sommer herumhumpelnd.

Auf diesen Gedanken war Barbara gekommen: »Da habt Ihr doch am besten Halt. Dannervater, und dazu ist's ein Witz.«

Sie lachte ihm lustig mit den Augen zwinkernd, dabei an: »Wir zwei, gell, wir machen halt gern Streich!« sagte sie ihm ins Ohr.

Ja, das gefiel ihm über die Maßen. Streiche hatte er sein Lebtag gern gemacht, und eine so feine Spießgesellin, die gab's auf der Welt nicht noch einmal. So brachte ihn Barbara behutsam einmal, ein andermal schalksklug über schwermütige Stunden hinweg, die nicht ausblieben; denn wie sollte es nun weitergehen, wenn er nicht ans Schuldenzahlen kam. Es gab Augenblicke, da übermannte ihn jäher Zorn auf sich und auf den Doktor. Er humpelte zischend durch die Stube und stieß dabei auch einmal mit dem Stock den Spiegel zu Scherben, der ihm unvermutet sein verzerrtes Gesicht und sein schiefes Gestell herwies.

»Ich häng mich noch auf«, brüllte er, als Pia entsetzt hereinstürzte. 269

»Mann! Aber Severin!«

Er hob erst drohend den Stock, sie in blinder Wut zu stoßen, aber sie schritt so rasch und sicher auf ihn zu und faßte so kräftig sein Handgelenk, daß er, von Schwäche gepeinigt, in die Knie schwankte und Pia als Stütze brauchte, um auf seinen Stuhl zu kommen. Dort saß er dann in tiefer Scham verstummt und tat gehorsam alles, was sie von ihm verlangten: essen, schlafen, ruhen, essen.

Diese Anfälle wurden indessen immer seltener, und als im Hof die Dreschmaschine ihren hurtigen Lärm vollführte und die Spreu und der Staub überall die 270 Luft verdickten, da stand er schon ganz rüstig wieder ohne Stock dabei, nur sein faltiges Bauerngesicht verriet, was er hinter sich gebracht hatte, nämlich alle Jugend und allen Sommer. Der alte Danner, alle alten Danner sahen aus diesem Bauerngesicht mit dem ergrauten Schläfenbart.

Um diese Zeit kam der Heiner vom Soldatendienst heim. Er hoffte, noch den Segen des Herbstes im Rebberg und beim Trotten mitmachen zu können, aber bei dem Danner wie bei so manchem Weinbauern war ausgeherbstet und ausgetrottet seit dem schweren Unwetter im Frühjahr. Die Pia ging mit Helmuts Kindereimerchen durch die Reben und schnitt die verkümmerten reifen Trauben ab. Es reichte gerade zu einem Schmaus für das Kind. Es war ein Glück, daß der Weinherbst im verwichenen Jahr gut ausgegeben hatte; denn der Danner sollte täglich seinen Wein haben. Da wurde kein Mostkrug mehr vorwurfsvoll nach ein paar Tagen Leichtsinns wie früher vor ihn hingesetzt. Die Pia selber sagte sich, der alte Wein hält uns Leib und Seel noch eine Zeitlang beisammen, wir haben lang genug Most getrunken. Sie wurde geradezu städtisch gelüstig, die Großmutter Danner. Sie steckte auch öfters ein Huhn in den Topf und briet dem Mann und sich zum Vesper die Schlegele knusprig, das war nach dem Herzen Severins, der es doch immer ein wenig groß im Kopf gehabt hatte.

Oder sie sagte Sonntags, wenn schönes Wetter war: »Alter, was meinst, die Sina hat mit Rebhühnle gewunken. Der Vinzenz könnt uns hinauffahren.« 271

Und der Severin schüttelte verwundert den Kopf: Was war in die Alte gefahren? Na, Alte? Die sah doch noch recht stattlich aus, ein wenig gerundeter wieder und daher liebenswert glatt im Gesicht. Er sagte heiter, sie vernahm aber doch den noch leicht ihn ankommenden weinerlichen Klang in der Stimme: »Pia, du bist die Beste; wenn ich dich nicht hätt'!«

»Und die Barbara«, neckte sie, nicht frei von Eifersucht.

 

 << Kapitel 26  Kapitel 28 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.