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Heiner und Barbara

Hermann Eris Busse: Heiner und Barbara - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
booktitleHeiner und Barbara
authorHermann Eris Busse
year1936
firstpub1936
publisherPaul List
addressLeipzig
titleHeiner und Barbara
pages304
created20180205
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Heimsuchungen

In der Nacht brach dann das Unwetter los, wie es seit Menschengedenken das Frühlingstal der Lauter nicht mehr heimgesucht hatte. Nach einem Gewittersturm fiel schwerer, nasser Schnee in so dichter Fülle, dreißig Stunden lang, daß die Leute bebend und betend in den nachtdunklen Stuben und Ställen herumirrten. Als es endlich vorbei war, mußten sie Wege bahnen durch meterhohen Schnee, dessen Last die Büsche bog, Blütenbäume zerspellte, die junge Saat niederpreßte, die Erdbeerkulturen verdarb. Der Sturm hatte auch sein Unheil verrichtet. Noch sahen sie die Schäden nicht, aber unter den Schneewällen lagen viele 258 entwurzelte Bäume schier mitleidig verdeckt. In der andern Nacht machte noch der Frost das gnadenlose Werk fertig. Der nasse Schnee gefror an den Blütenzweigen fest, und in den Astachseln sprengte der Frost mit großer Gewalt das Holz, in dem jüngst noch der Frühlingssaft gewirkt hatte. Wo ein Baum stand, knallte, krachte und ächzte es, daß es denen, die es hörten, weh tat wie ein körperliches Leiden.

Mein Wald, mein Wald, dachte der Danner durch all die bitteren Stunden.

Vor Sorge und um sich bei der Arbeit im Schnee nicht die »Kränk« zu holen, hingen alle Männer fest an der Kirschwasserflasche, das machte sie hitzig und aufgeregt und steigerte die leidenschaftliche Schwermut, die bei solchen Geschehnissen das Bauernvolk befällt und es für Tage weit von Gott wegschleudert, dem lieben Gott der Kirchen, Wegkreuze und Kapellen. Aber Gott ist nicht nur die Macht der Liebe, er ist auch die Macht der Furcht, und aus dieser Macht wirft er gnadenlos die Unsal in ein zufriedenes, leuchtendes Tal.

Der Dannersche Wald war vernichtet, zu Bruch gegangen. Und eine herabrollende Lawine hatte die Kapelle von hinten eingedrückt und einen Teil der Reben vernichtet.

»Ich häng mich auf, ich häng mich auf«, ächzten viele Bauern im Tal, nicht nur der Danner. Die Frauen ließen manchen nicht aus dem Aug, auch Pia Danner bekam Herzklopfen, wenn sie Severin eine Zeitlang nicht hörte. In der Osternacht merkte sie, mit einem Schrei aus schwerem Traum aufgefahren, daß das Bett das Bauern leer war. 259

»Du lieber Himmel«, stöhnte sie und zog sich mit zitternden Händen notdürftig an, lief gleich in den Stall, auf die Heubühne, spähte in eine Speicherkammer, verharrte und lauschte, rannte in die Küche, alles leise, um niemand zu stören. Vielleicht kam sie noch rechtzeitig, schnitt ihn vom Seil und brachte ihn zu sich, ohne daß jemand etwas merkte. Da, unter der 260 Stubentür kam schwacher Lichtschein hervor. O Gott, das flackerte so sonderbar! Sie lauschte an der Tür, ihr Herz pochte so laut, daß es alle anderen Geräusche übertönte. Dann drückte sie auf die Klinke.

Im Herrgottswinkel saß der Severin, hatte eine Kerze vor sich auf dem Tisch stehen und starrte ihr entgegen mit unnatürlich großen Augen. Mit drei Sprüngen war sie bei ihm, rüttelte ihn an den Händen, rief ihn beim Namen. Sah, aus seinem schiefgezerrten Mund lief Speichel; aber er lebte, er konnte nur nicht reden. Ein Schlaganfall, begriff Pia endlich, ein Schlaganfall.

Gottlob, Heiner kam aus der Kammer, hatte gehört, daß in der Stube etwas vorging.

»Was ist denn? Warum seid ihr denn noch auf nach Mitternacht?«

»Geh schnell zum Bachroth mit dem Motorrad, der Vater ist krank.«

»Erst legen wir ihn ins Bett, Mutter.«

Es war eine schwere Arbeit, den gelähmten Vater hinter dem Tisch hervorzuziehen und dann zu betten.

»Ja, Mutter, den Bachroth? Ihr seid doch feind mit dem.«

Pia war zum Erstaunen gefaßt: »Grad' zum Bachroth, Bub! Eine rechte Feindschaft ist das nicht. Sie soll auch endlich aufhören.«

Heiner versuchte, über die Unfallstelle anzurufen. Es gelang. Nach einer Weile meldete sich eine Frauenstimme: Barbara?

»Ja, hier ist Bachroth.«

»Hier Heinrich Danner. Der Vater hat einen 261 Schlaganfall. Der Doktor möcht sich bereit machen. Ich hol ihn gleich.«

»Nicht nötig, Heiner, wir haben einen Wagen jetzt, ich fahr den Vater sofort zu euch. Verliert den Kopf nicht. Wir kommen sofort.«

»Gut, danke schön.«

Ja, da war nicht viel zu machen. Abwarten, Ruhe. Bachroth war tief erschüttert. Herrschaft, so ein junger Kerl und läßt sich umwerfen! Severin lag ohne Bewußtsein. Alle sahen auf seinen verzerrten Mundwinkel mit dem feuchten Rinnsal, das Pia immer wieder voller Scham über die entsetzliche Entstellung des stolzen Gesichtes abwischte.

Barbara begrüßte Heiner blaß und stumm. Ihre Hände klammerten sich vor Erregung ineinander. Erst später, als er am Ostermontag morgen sein Rad zur Rückreise nach Ulm rüstete, weil der Urlaub abgelaufen war, fiel ihm ein, wie fest und hart Barbaras Hand gewesen.

Sie hatten nichts miteinander gesprochen als das, was den Vater betraf. Aber ihre Blicke hatten sich im gegenseitigen Anschauen und Ausforschen gekreuzt. Heiner fühlte, von der kam er nicht mehr los, nie. Und mußte doch um jeden Preis von ihr ablassen, weil er jetzt ein verarmter Bursche war und förmlich zerschlagen von Sorgen und Not.

Gegen Mittag kam der Bachroth abermals herauf. Petra saß im Wagen. Sie wollten später nach Helgenzell in den Thomashof fahren. Die schwarze Petra war in der Hoffnung. In ihrem zusammengezogenen, gelben Gesicht glühten die Augen wie im Fieber, es schien ihr nicht gut zu gehen. Der Doktor 262 behandelte sie sehr sorglich. Sie solle in der Stube bleiben, nicht einmal zu dem Kranken hineinsehen.

Severin erkannte diesmal den Doktor, man sah es an den dunkler werdenden Augen. Leise, wie abwehrend oder wie hinnehmend, man verstand ihn ja nicht, bewegte er die rechte Hand. Der Bachroth ergriff sie und tröstete: »Danner, mach keine Sachen, alles wird gut.«

Danner versuchte, etwas zu sagen. Der Mund gehorchte aber nicht.

»Schlaf, morgen ist es bestimmt besser. Ist gar nicht so schlimm. Das wirft einen starken Mann nicht gleich über den Haufen.«

Er sagte auch der Pia und dem Heiner, hoffnungslos sei der Fall seiner Ansicht nach nicht: Geduld und Ruhe, Ruhe und Geduld. Es braucht seine Zeit. Übrigens, Barbara läßt sagen, sie komme zur Pflege andertags. Die Dannerin ist für andere Dinge nötig, und der Danner braucht jetzt stets jemand um sich. Barbara will ihn wieder lustig machen. Sie traut es sich zu.

Ja, dann werde ich schon über alle Berg sein, dachte Heiner bei sich. Dennoch war er beinahe heiter, schalt sich leichtsinnig wegen des kranken Vaters, konnte aber nichts dagegen machen. Die Barbara in der Dannersäge! Wie tief kann er da an sie denken, kann sich vorstellen, wo sie sitzt und wo sie am Fenster steht.

Nach dem Mittagessen nahm er Abschied. Die Mutter jammerte, daß er einen so bösen Urlaub hinter sich lasse.

Sie war zum Erbarmen blaß und schmal. »Gib auf dich Obacht, Mutter«, mahnt Heiner sie, »nicht daß du 263 dich auch noch hinlegst, daß wär bös wegen dem Helmut.«

Den Helmut sah er auch nicht mehr. Mariann hatte den lebhaften Buben mit sich auf ihren Hof genommen, wo er nicht still zu sein brauchte; denn da tobten noch zwei kleine, wieselhafte Seelen herum.

Die Fahrt nach Ulm war nicht so einfach. Heiner dachte nicht daran, daß die Gebirgsstraßen voll Schnee lagen, meterhoch verweht oft und nur mühsam schmal gebahnt. Mit allen Listen und ein wenig Glück erreichte er kurz vor Ablauf des Urlaubs seine Kaserne, und noch keine Nacht hatte er so abgrundtief geschlafen wie in dieser nach den drei gestörten Nächten daheim.

Der muß es toll getrieben haben, sagten seine Kameraden, als sie ihn morgens kaum wach bekamen. Er hörte das deutlich in sein Erwachen hinein. Toll? Ja, es hat's mit mir toll getrieben. Wenn ihr nur wüßtet.

Er sprang auf, daß sie alle erschraken.

»Deinen Vogel hättste daheim lassen können«, maulte einer, »billig hätten wir den abgegeben.«

Heiner fuhr ihm mit der Faust unter die Nase, daß er entsetzt zurückstob.

»Mehr Angst als Vaterlandsliebe, Kleiner.«

»Scheiße – – –« zischte der mundfertige Sachse.

In der ganzen Stube herrschte eine graumaunzige Katerstimmung, nur der Heiner, weil er eben meistens anders war wie die anderen, pfiff beim Waschen und beim Aufräumen in sich hinein.

»Mensch, der hat entweder die Braut gewonnen oder das große Los«, stupfte einer. 264

»Die reinste Pythia auf dem Schustersessel«, spöttelte Heiner den Schuhmacher aus Tuttlingen aus, der steckte auch sonst immer voll Neugierde und Vermutungen.

In der ersten freien Minute abends sprang Heiner zu einem Fernsprecher und rief daheim an.

Mit dem Vater war es noch das gleiche. Eine unruhige Nacht. Es sprach Barbara. Er sagte, die Fahrt sei keine Kleinigkeit gewesen. Ja, erwiderte sie, es sei allen erst spät eingefallen, daß ja überall noch Schnee liege. Grausam habe das Wetter gehaust, nicht zum Sagen. Nun taue es rasch und die Lauter habe Hochwasser.

Oha! Die Runzvettern sollen nur auf dem Posten bleiben! Sag es ihnen bitte besonders! Den Schlüssel zum Stau soll der Xaver an sich nehmen, den Schwemmgumpen räumen, sonst jagt es die Stämme gegen das Säghaus. Das soll der Franz gut überwachen. Notfalls Hilfe anstellen oder die Feuerwehr von Oberspring.

Seine Stimme klang ihm selber noch scharf im Ohr, als er längst eingehängt hatte.

Er gehörte heim, das kam ihm jetzt erst deutlich zum Bewußtsein. Ja, der Abend endete nicht mit Flöten und Singen.

Barbara hatte ruhig gesagt: »Gut, ich will mich um das alles kümmern. Sei ohne Sorge.«

»Ich ruf morgen wieder an. Grüße an alle. Gutnacht.«

Ja Gutnacht. In dieser Nacht schlief er wie ein Waldtier, mit den Ohren wach, mit den Gedanken 265 wirr und unwirklich unterwegs. Die Dannersäge stand in Flammen, wie er aber näher hinkam, war es nur ein unerklärlicher, leuchtender Schein, der nichts versehrte.

Morgens erschrak er, als ihm der Traum wieder einfiel, das Leuchten, das er für Feuer gehalten. Sollte sich etwas erzeigt haben? Ihm war noch selten ein Traum nachgegangen. Der Dienst ließ ihm bis zum Abend keine Zeit, daheim anzurufen. Als er den Hörer in die Hand nahm, zitterte sie so, daß ihm das Rohr an die Schläfe schlug. Er war darauf gefaßt, die schlimmste Botschaft zu hören. Barbaras Stimme klang jedoch sehr ruhig durch den Fernsprecher, so ruhig und mild, daß Heiner die Vorstellung einer Krankenschwester hatte, die in weißblaugestreiftem Kleid unter weißer Schürze mit gestärktem Häubchen zur Güte und Geduld erzogen wurde und Güte und Geduld auch seinem hastigen und vorwegnehmenden Fragen entgegensetzte.

»Oh, dem Vater geht es ganz ordentlich. Die Nacht war gut. Er schaut schon heller in die Welt und erkennt alle. Nur sprechen kann er noch nicht. Es wird wohl wieder gut mit ihm, langsam.«

Heiner lachte vor Freude in die Ferne. Ein Albdruck wich von ihm, der ihn den ganzen Tag belastet hatte.

»Noch eins«, rief er in den Fernsprecher, und Barbara konnte hören, wie froh er war, »heut nacht hab' ich schön von dir geträumt. Du hast einen hellen Schein um dich gehabt.« Er log faustdick, aber er wollte verhindern, daß sie rasch wieder einhängte.

Sie lachte und meinte: »Schluß jetzt, das kostet 266 ja ein Vermögen sonst. Erzähl es mir schriftlich! Lebwohl, schlafwohl!«

Gut, also schriftlich! Schriftlich lügen? Nein, das brachte er dann doch nicht fertig. Und es geschah abermals, daß ein Briefwechsel einfach unterblieb, weil es gewissen spröden Leuten schwer fiel, ihr Gefühl dem Papier anzuvertrauen. Es sah alles so verkehrt aus, wenn er zum Beispiel versuchte hinzuschreiben: Barbara, es war das Feuer der Liebe, das den Schein um unser Haus stellte in jenem Traum.

 

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