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Heiner und Barbara

Hermann Eris Busse: Heiner und Barbara - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
booktitleHeiner und Barbara
authorHermann Eris Busse
year1936
firstpub1936
publisherPaul List
addressLeipzig
titleHeiner und Barbara
pages304
created20180205
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Ein Soldat tritt auf den Plan

Manches Wasser rinnt vom Berg herab, bis ein Jahr um ist, und manche entscheidende Stunde versinkt ab ins Gestern und geht im Strom des Lebens fort, als wär sie nie gewesen. 239

Im Tal der Lauter, wo unsere schicksalgetriebenen Leute wohnten, kam über die frühlingslichte Landschaft ein ungeheures Winterunheil, wie es seit Menschengedenken nicht geschehen. Die Kirschbäume hatten ihre weißen Sträuße an den Straßen aufgesteckt, an den Hängen bis hoch hinauf in die Waldsäume schäumte die Blust, die Bienenorgel hing in allen Zweigen, und die Vogelchöre hielten nicht inne von Dämmerung zu Dämmerung. Dotterblumen umrundeten die Rieselbäche mit goldenen Borten, und über die lichten Wiesen neigten sich die zarten Reigen der Schlüsselblumen, der Kuckucksblumen. In den Hasennestern wusselten die Jungen, der Fuchs zog fröhlich und leuchtend rot im Fell seine klugen Wege. Um die Storchennester wogte noch immer der Kampf der Gegner, aber die Stare saßen schon längst zum Leidwesen der Spatzen im angestammten Kasten am Baumstamm. Die Schwalben waren noch nicht da, und der Severin Danner hatte ein paar Tage, bevor das Unheil ausbrach, über den Hochplatz am Schwemmgumpen entlang ein weißes Wiesel huschen sehen. Schneeweiß war es noch zum Erstaunen Danners. Er sagte mittags zur Pia: »Ich mein' als, der Winter ist noch nicht 'rum.«

Pia wollte es nicht wahrhaben: »Dies Jahr geht alles früher an nach dem Hundertjährigen.«

»Geh mir weg mit dem Hundertjährigen! Diese Rechnung hat der Mensch gemacht. Der Herrgott rechnet anders. Wenn das Wiesel noch schneeweiß ist in diesem Monat, denn legt's nochmal einen Schnee hin, der mehr schadet als bloß ein Aprilbutzen.« 240

»Gut wär's dann, wenn wir die Kartoffeln noch in den Boden brächten«, meinte Pia.

»Ja, nach den Feiertagen gleich.«

Der Danner ging mit dem Pfuhlfuhrwerk den ganzen Tag fast über die Äcker. Seit dem Mißfall mit der Bürgschaft machte er Arbeiten, an die er nie mehr gekommen. Er hatte immer Angst, ein anderer würfe seinen ausgeklügelten Wirtschaftsplan um, überall wollte er die Augen zugleich dabei haben. Es galt jetzt der Pfennig soviel wie früher die Mark, der Verlust eines Ziegels auf dem Dach war der Sorge eines ganzen Tages wert.

Wenn Mariann zuweilen in die Säge herabkam, dachte sie bei sich: Gottlob, daß ich diese Pfennigleiderei nicht mitmachen muß! Jetzt hätte sie sich daheim nicht einmal eine winzige Haarspange leisten können, geschweige denn eine duftende Seife für den Sonntag oder ein paar Lackschuhe zum Festkleid. Vorher, da hatten diese Ausgaben keine besondere Frage aufgeworfen, die Mutter hatte selbst einmal tief hineingelangt, wenn sie in die Stadt fuhr; um einzukaufen. Es war ihr nicht zu fein, eine Flasche Kölnisch Wasser für sich zu erwerben oder einen waschseidenen Strumpf für die Sonntage im Sommer. Das hatte aufhören müssen. Der Vater hielt in seinen Händen alles fest, was Geldeswert hatte, um die Schulden zu decken. Seit einigen Tagen stritt es auch mit ihm, ob er nicht vom Wald ob dem Meisenbuck einen Teil abholzen solle, er war ja eigentlich schlagreif. Das Stammholz stand gut im Preis. Den Wald hatte er selber als kleiner Bub mit dem Vater pflanzen helfen, die Pia 241 Danner wußte sogar noch, daß ihre junge Mutter damals zu den Tännlesetzerinnen gehört hatte.

Der Danner dachte bei sich: Wenn dann der Heiner von den Soldaten heimkommt, ist die Schuld um ein großes Stück getilgt, und man kann so tun, als wär man in der Lage, sogar ein neues Land dazu zu kaufen oder eine neue Kreissäge, weil die alte nicht mehr so recht wollte. Oder einen Lastkraftwagen, einen gebrauchten natürlich, wie sie manchmal ausgeschrieben sind. Der Bub würde auf das Neueste sowieso erpicht sein.

Der Severin dachte täglich an den Heiner, plante etwas, um ihm zu zeigen, wir sind auch nicht hinterm Mond daheim geblieben, du kannst hier ruhig weitermachen, es ist auch etwas wert, was wir hier im Lautergrund haben, obgleich es nicht so weitläufig und großartig wie bei den Gstettners hergeht. Es so weit zu bringen, ist ja wohl deine Sache, Heiner, konnte er dann sagen, wenn er selber wieder schnaufen und auch ein Verlustjahr auszuhalten vermochte, ohne daß es ihn aus dem Sattel warf.

Er stellte sich den Heiner als großen Herrn vor mit breitspurigen Ansprüchen und bösen Augen, wenn er etwas sah, was minderwertiger war, als er es nun gewohnt worden. Der Heiner war schier vier Jahre in der Fremde, Herbst wurde es, bis seine Soldatenzeit um war. Am Helmut merkte man es am deutlichsten, wie lang schon der große Bruder fehlte. Der Helmut wurde bald Schulerbub, bis der Heiner kam, und hatte doch noch die Windeln genäßt, als Heiner fortzog. Und die Mariann rechnet mit dem dritten Kind. 242

Wie doch die Zeit verging! Ein Rätsel war es heute dem Danner, weshalb Heiner nie um sein Heimkehren schrieb. Blieb einfach jahrelang fort, der Teufelsbraten, und kümmerte sich um nichts. Was er schrieb war mager, fast kalt. Vielleicht war es gar nicht richtig, ihm so die Steine aus dem Weg zu räumen und so zu tun, als wäre über die Dannersäge all die Jahre her keine Wolke gezogen.

Wer Kummer hat, wird früher reif und besonnen; wer kämpfen muß, wird eher stark als einer, dem der Tisch schon gut gedeckt ist.

Der Danner schämt sich jedoch zu arg vor der Frage des Burschen: Wie hast auch können Bürgschaft stehen für mehr als du vermagst? Und damit hätte der Bursche recht gehabt. Heute weiß er ja selbst nicht mehr, wie er so hat handeln können. Der Bachroth war schuld. An diese eigensinnige Behauptung klammert er sich wie ein Greis, der sich gegen das Altenteil wehrt. Das Gericht gab ihm dazu noch Boden; denn der Danner gewann den lang hingezogenen, zähen Prozeß mit der Gemeinde Oberspring; aber er konnte vorerst das Recht nicht nützen, wie er wollte, weil das Stück Land, auf das er mit dem Wasserrecht gerechnet hatte, der Gemeinde Oberspring noch nicht feil war. Sie kuranzten ihn, den fuchtigen Sägbauern. Den Schlüssel zum Stauwehr aber verwahrte er, und zwar mit allen Rechten. Seit er so weit war, wuchs der Severin wieder mit den Schultern in die Breite. Er hatte wahrhaftig wieder ein wenig Oberwasser, und im Haus Danner atmeten sie freier und frischer seither, sie sahen das Tor des Glücks sich wenigstens einen Spalt breit öffnen. 243

Wo ein Anfang wieder gut aussieht, wird auch der Fortgang nicht ohne Segen sein, seufzte Pia, und setzte zur Feier des Tages dem Mann und dem Ingesind einen Schoppen richtigen Wein vor, nicht den alltäglichen Most, gemischt aus Äpfeln und Birnen. Und der Danner sah ihr zum erstenmal wieder, wie seit Jahren nicht, tief in die Augen mit dem heimlichen Glühen, das ihr früher stets so zu schaffen gemacht hatte. Es war, als hätte eine neue Liebe Macht gewonnen über die leise ausglühenden Herzen der Eheleute und ihre Bewegungen und Gesichter verjüngt. Die sprachen in richtigen Zwiegesprächen, nicht nur in knapp Hingesagtem, über den Heiner, und Pia, überglücklich, einmal ihre Sehnsucht zeigen zu dürfen, gestand, wie gern sie den Heiner als Soldat in der schmucken Uniform der Ulmer Artillerie gesehen hätte.

Dem kann geholfen werden, hatte Severin beigepflichtet, selber warmgelaufen beim Gedanken an seine eigene Soldatenzeit im Krieg, und wollte gleich andern Tags schreiben.

Es kam etwas dazwischen, Arbeit und Sorge. Wochen gingen vorbei. Pia lebte immer in der Meinung, der Severin habe geschrieben, traute sich aber nicht zu fragen. Solche Dinge fragt die Bäuerin den Bauern nicht gern, es sitzt alles ganz heikel zuhinterst im Herzen. Mütter wissen, wie empfindlich das Vater-Sohn-Kapitel im Buch der Ehe ist.

Am Tag darauf, als Danner das weiße Wiesel gesehen hatte, es war der Gründonnerstag, ratterte ein Kraftrad in den Hof, und da jetzt öfters Kunden und Händler auf dem Kraftrad in die Säge kamen, sah zunächst niemand besonders hin, bis ein freudiges 244 Jaulen des Hundes die Pia unter die Stalltür lockte und sie in dem Soldaten den heimgekehrten Sohn erkannte.

Das gab aber ein Lebtag im Haus, im Hof und auf der Säge: ein Soldat marschierte mit schweren Stiefeln überall herum, sein Gesicht strahlte, nicht daß er gelacht hätte, es strahlte nur, als hätte es ein Weinen siegreich in sich aufgesogen; denn wahrhaftig, der Heiner hatte nie gewußt, daß er nah ans Wasser gebaut. Nun, einem Sägmüller kann man das vielleicht nicht 245 verübeln. Bald fünf Jahre aus der Heimat weg und zum erstenmal wieder daheim, und gleich mit dem ersten Schritt wieder überall daheim, als wär man nie fortgewesen, das übermannte eben.

Die Runzbrüder, aber die hatten ja inzwischen graues Haar in ihre rostbraunen Borsten bekommen, lachten mächtig und hieben ihm die schlaksigen Hände auf die Schultern. Dann sagte der Xaver, und das Wasser rollte ihm aus den Augen in die Nasenfurchen: »Komm, Heiner, trink mal, das hält Leib und Seel zusammen, Kraft mußt haben, auch für große Freud. Jeggis, jeggis, das wird aber die Sina freuen, das alte Fegnest, wenn sie hört, daß du da bist.«

Heiner hängte sich durstig tuend an die Buttel: »Brrr, das tut, bi Gott, gut, das Zeugs«, schüttelte er sich beim Loben. Er mußte ja den Vettern Bescheid tun. Es war auch gut so: Ablenkung von der verdammten Heulerei, die den ganzen Dannerhof zu überschwemmen drohte, den Vater noch ausgenommen, der stiefelte wieder einmal in streitenden Gedanken droben im Wald herum, ob er schlagen sollte oder nicht.

»Bei der Sina ist's schon überstanden«, keuchte er, als er wieder auf den scharfen Kirschwassertrunk zu Atem kam. Jetzt trieb auch ihm dieses Schwarzwälder Wasser die Tränen aus den Augen, er hatte dem brennten Wasser seit Jahren nicht mehr weh getan, es nur bisweilen mit dem Enziangeist gehalten, wenn die Kälte das innere Gebein zum Klappern gebracht hatte.

»Ja, bei der Sina hab' ich's bereits überstanden.« 246 Weiß Gott, es war nicht leicht, er hatte fest auf die Soldatenfüße stehen müssen, um der Brandung ihrer jähen Gottenliebe etwas entgegenzusetzen. Die Sina hatte zwischen ihren großen Küssen geheult, laut wie ein Tier. Heiner konnte sich nur mühsam, halb erschüttert, halb ärgerlich über soviel zuchtlose Leidenschaft, befreien. Nur indem er laut ausrief: »Laß mich, ich fall dir sonst tot um vor Hunger und Durst.«

»Jehle, nei, Büble, Herr Soldatebüble, komm schnell in die Stub. Es soll an nichts fehlen. Wie einem Menschenfresser tisch ich dir auf, und weh, wenn du nit ratzekahl alle Platten putzest samt Knörbel und Knochen, dann laß ich dich nicht mehr fort.«

Heiner fuhr ein saftiger Soldatenwitz heraus, nie sonst behielt er solche Redensarten oder wendete sie gar an, jetzt, in seiner Aufregung, abwehrbereit, entschlüpfte ihm das. Sina stutzte erst, sah ihn starr an und lief dann mit hellem Schrei in die Küche.

»Spiegeleier auf Speck«, rief er ihr noch nach.

»Wahrhaftig, man merkt, daß du kein Bürschel mehr bist«, sagte sie fast besinnlich, als sie ihm eine große Pfanne mit Ochsenaugen auf Speckscheiben gebacken brachte, dazu frisches Weißbrot und einen Schoppen Klingelberger, »wenn du so wüste Männerwitz machst.«

Heiner aß wie ein Wolf und trank mit Lust. Sieben Stunden war er unterwegs und hatte nur aus dem Brotbeutel und der Feldflasche mit Tee gelebt vor lauter Heimkehrereifer.

Aber bald machte er sich frei, und ehe Sina recht zu sich kam, brauste er schon die Straße nach Tiefenspring hinab. 247

 

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