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Heiner und Barbara

Hermann Eris Busse: Heiner und Barbara - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
booktitleHeiner und Barbara
authorHermann Eris Busse
year1936
firstpub1936
publisherPaul List
addressLeipzig
titleHeiner und Barbara
pages304
created20180205
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Hangen und Bangen

Es fiel Barbara so schwer, eine Nachricht von ihrem Mißgeschick an Heiner zu senden, daß sich Wochen dazwischen schoben, und dann quälte sie die tägliche Mahnung und Scham, weil sie es zu spät hatte werden lassen, so daß der Heiner natürlich nicht mehr an den dummen Zufall zu glauben vermochte, sondern eher annehmen mußte, sie mache ihm etwas vor, um ihr ungattiges Schweigen zu entschuldigen.

Dazu kam dann freilich noch die Entdeckung Barbaras, daß der Vater auf neuen Freiersfüßen ging um die Petra Hurst aus Helgenzell.

Das fiel sie an mit heißem Schrecken. Der Vater hatte es mit der Petra Hurst, der Bauerntochter? Sie konnte sich im Augenblick die Petra kaum vorstellen, nur als ein dunkelhaariges Mädchen mit weißem Gesicht und raschen Bewegungen, mehr nicht.

Sie sagte es Pitt, der sie auslachte, mit seinen schönen, gesunden Zähnen bleckend: »Was willst du, Liebling, Männer in unserem Alter können nicht ohne Wärme sein, das will heißen nicht ohne Liebe.«

Männer in unserem Alter – das hätte er nicht sagen sollen. Die kluge Barbara rechnete ihm nach, recht, er war wohl nur wenig jünger als der Vater. Aber die Petra war sogar noch ein Jahr jünger als die Barbara. Und sie fand Gefallen an Doktor Bachroth, der schon zwei Frauen ins Grab gesehen.

Sie hörte es nur wie von weitem, daß Pitt beruhigte: »Mach dir doch keine Flausen, Mädel, es wird nicht gleich ernst sein mit denen, eine Liebschaft, wie es viele gibt.« 227

Nein, das wußte Barbara nun sicher, die stolze Petra Hurst hatte an einer Liebschaft nicht genug, dazu allein gab die sich nicht her, die wollte den Doktor für immer.

Es sieht so oft nach Zufall aus, was unerwartet und doch wie notwendige Einfügung in eine Schicksalshandlung gerät. Es war solch ein Zufall, der Peter Boll und Barbara beim »Goldenen Sternen« halten hieß, um den drei Runzgeschwistern guten Abend zu sagen, und der zur selben Stunde nur wenige Minuten vorher Roman Bachroth und Petra Hurst an den runden Eichenholztisch geleitete, wo sie die Zukunft besprechen wollten.

Sina Runz empfing daher den Weltfahrer und die Barbara mit einer Verlegenheit im Gesicht, die deutlich abzulesen war. Selten in ihrem Leben hatte Sina so ratlos vor einem Ereignis gestanden wie jetzt, wo Barbara schon den Fuß auf die Schwelle zur Stube setzte, in der ihr Vater mit seiner Liebsten saß. Sina hatte ohnedies einiges durchzumachen, wenn sich Bachroth und Petra bei ihr trafen. Noch nie war sie ihrer langjährigen, heimlichen, hoffnungslosen Liebe zu Roman so schmerzlich ausgeliefert gewesen wie jetzt, wo Bachroth die Petra gewählt hatte und nicht mehr von ihr ließ. Bachrothsche Liebschaften, die blühten wie eine strahlende Wucherblume und verblühten wie diese, hatten sie nie verstört. Sie wußte, er konnte nicht anders. Daß er die Städterin nahm, Frau Schwalbe, war ihm gemäß als Arzt der Herren und Damen im Kurort; daß er ihr damals die Dorothea Schauenburg in jungen Jahren vorzog, begriff sie, weil Dorothea so schön gewesen; aber daß jetzt dem alternden 228 Schwerenöter die schwarze, gar nicht hübsche Petra zufiel, das tat ihr bitter weh. Der überließ sie ihn nicht gern, sie konnte nicht klug daraus werden, warum; denn für sich hoffte sie doch längst nicht mehr. Der Petra aber gönnte sie den Bachroth nicht. Das war es ganz einfach!

Was für ein Gesicht würde Barbara nun machen? Barbara, die den Heiner mit dem Peter Boll betrog, wenngleich man nicht wußte, ob ein Versprechen zwischen Heiner und Barbara gewesen. Barbara betrat die Schankstube, dicht hinter ihr schritt Peter Boll. Der sah das Paar zuerst und lachte laut, drängte die Barbara leicht zur Seite, er wußte, warum er ihr so Zeit ließ, sich zu fassen, und Bachroth Zeit ließ, den Gleichmut wieder in sein Gesicht zu sammeln. Er lachte lärmend und begrüßte laut den Vetter: »Das heiß ich eine Überraschung! Wir wollten uns gerade wieder mit bösem Gewissen fortdisseln, gell Bärbel, weil wir dich nicht besucht hatten, jetzt laufen wir dir ausgerechnet in die Händ. Fräulein Petra, waren Sie auch über Land? Alle Tage schöner werden Sie, der Neid muß es ihnen lassen.«

Bachroth faßte sich rasch, reichte dem Vetter, dann der Tochter ernst die Hand. Sie fühlte sich heiß und feucht an. Barbara wischte unwillkürlich ihre Handfläche am Mantel ab. Bachroth sah es und wurde weiß im Gesicht, vorher sah er rot aus und überfüllt mit Kraft, jetzt plötzlich ganz zerfallen. Barbara nahm die Blicke nicht von des Vaters Gesicht. Es ist grausam, das dachte sie – was denkt man nicht alles in solchen Augenblicken, rasend denkt sich das Nächste und Fernste durcheinander –, es ist grausam, dem 229 Vater so die Haut vom Gesicht zu ziehen mit Blicken, um dahinter das lebendige Geheimnis mit ein wenig Verächtlichkeit hervorzuzerren.

Im gleichen Gedankenkreis befiel sie die Erkenntnis großen Mitleids mit dem Vater, der nur schwer meisterte, so ertappt worden zu sein.

Sie setzten sich. Barbara vermied es fast unbewußt, der Petra die Hand zu geben. Doch die Petra, glaubte sie, würde dies zu vergelten wissen, obschon sie jetzt klein und schmal unter den großen Menschen saß, die einer anderen Welt zugehörten, der Gesellschaft, und sie war eine Bauerntochter, die in diese Welt eintreten wollte, woran sie niemand hindern sollte. Sie war jedoch noch so jung und hatte sich jetzt auch zu unerwartet der Barbara gegenüber gesehen, von der sie genau wußte: Die will alles nicht haben, die wird gegen mich sein, mich hassen. Petra saß klein und still da neben dem Roman Bachroth, doch Peter Boll sah, daß dieses schmale Ding eine gefährliche Flamme, ein schmaler, gefährlicher Pfeil auf einem satt gespannten Bogen war. Die kannte das Ziel. Es sah wohl so aus, obschon in Petras glänzenden Augen scheue Furcht vor Barbara stand, der Tochter des Mannes, den sie so gern hatte, daß sie für ihn ihr Leben hätte hingeben können.

Bachroth spürte, wie sie zitterte. Seine Seite berührte die ihre. Das brachte ihn zum Entschluß. Er legte rasch den Arm um ihre schmalen Schultern. »Kind, nun hab' keine Angst«, sagte er fest, »die Barbara soll wissen, daß wir zusammen gehören. Sie hätte es morgen sowieso erfahren. Wir haben doch«, zu Barbara und Peter Boll gewendet, »kein 230 Verstecken nötig und geben es nicht zu, daß ihr uns hier auf Heimlichem ertappt habt. Also, die Petra wird Frau Bachroth, Bärbel, du wirst es leiden müssen. Ich hoff', ihr findet euch nicht unverträglicher als vorher, wo ihr doch einander gut Freund gewesen seid.«

Er sah Barbara fest in die Augen, befehlerisch sollte es sein, aber er zuckte mit den Lidern. Es war nicht so einfach in dieser merkwürdigen Stunde, an diesem Platz, so unvorbereitet und unfeierlich sich zu einer Liebe zu bekennen, die ungewöhnlich schien. Barbara tat der Vater unendlich leid. Sie schämte sich für alle, sie hätte vor Scham in den Boden sinken mögen. Doch bekam sie Gewalt über ihre Lippen und sagte: »Der Vater wird wissen, was er tut, ich bin nicht sein Vormund.«

»Gut«, sagte Bachroth kurz und hart. Das Zucken in den Lidern war weg. »Ich dachte es mir, daß du vernünftig bist.«

Peter Boll streckte dem Paar die Hände hin: »Ich wünsch euch Glück.« Im stillen fand er, dieses Verlöbnis könne ihn mit Barbara eher ins Reine kommen lassen; Barbara mußte jetzt doch erst recht dem Doktor aus dem Haus; denn eine Stiefmutter, die jünger war als die Stieftochter, das tat nie gut.

Die Unterhaltung führten jetzt Bachroth und Boll eine Weile allein weiter. Boll berichtete vom Hausbau, und der Doktor tat, als fesselte ihn das sehr. Barbara starrte vor sich hin und fühlte die tiefe Qual, die in der Runde umging und nur den Pitt nicht angriff, weil er glaubte, es sei irgendwie durch die neue Fügung Wasser auf seine Mühle gekommen. 231 Bachroth schaute oft mit einem Streifblick zur Tochter hinüber. In ihm kämpfte Unmut und Sorge. Er liebte die Bärbel mehr denn je, das spürte er jetzt wie Schmerz. Einen Augenblick schoß ihm Reue über seinen Entschluß durchs Herz, aber als er wie hingesogen den Blick zu Petra wandte, traf er in ihre dunklen, zärtlich leuchtenden Augen, und das kleine, scheue Lächeln ihres Mundes bewegte ihn wie stets und gewann aufs neue Macht über ihn. Er war ganz erleichtert, daß Barbara bald aufstand und sagte: »Jetzt müssen wir fahren, Vetter, ich muß morgen früh wieder auf dem Damm sein.«

Der Abschied klang kühl zwischen allen. Bachroth ging mit die Staffel hinunter, und während Boll sich am Wagen zu schaffen machte, nahm er Barbara fest an sich, daß es ihr fast weh tat, und bat: »Mädel, Mädel, versteh mich doch, mach mir keinen Kopf hin, mach deinem Vater nicht die letzten guten Jahre schwer.« Es klang wie ein Schluchzen durch seine flüsternde Stimme.

Barbara sagte nur: »Ach, es kam so schnell. Ich werd' es schon verwinden. Bin dir ja nicht dawider. Was hilft es auch?«

Sie trennten sich. Peter war beim Abschied wieder zu lärmig, er übertönte alle anderen Stimmen. Was hilft es auch, sagte er sich, jeder lebt sein Leben und muß es tragen. Nur das Schwere wird dem Schwerfälligen noch schwerer. Das ist es. Mit dem Herzen waren die alle so schwerfällig, die Bachroths und die Danners. Der Boll hatte sein Herz in all den Abenteuern und Begegnungen draußen nicht vor heiße und schwere Fragen gestellt, so hatte es an Ballast nur 232 sich selber zu tragen. Aber jetzt schien es doch in dem Vordergrund zu pochen, ein Recht zu fordern, um das es nie angegangen worden, das Recht auf Liebe. »Liebe Barbara«, pochte das Herz des kühlen Peter Boll, des sturmerprobten tropischen Pitt, des klaräugigen Arztes. Schweigsam fuhren sie durch eine sternenüberströmte Lichtnacht nach Baden.

Als sie ausstiegen, hielt Peter Boll ungewohnt lang die Hand der Barbara in der seinen. Sie empfand die feste Wärme wohltuend, jetzt, wo sie sich so heimatlos fühlte, ausgestoßen aus dem Haus des Vaters und aus seinem Herzen. Sie war dem Vetter dankbar, daß er sie begriff und ihr Halt sein wollte, ohne davon zu reden. Und sie ließ es ruhig geschehen, daß der große, reife Mann sie dicht an sich zog und Arm in Arm mit ihr durch die Diele des Sanatoriums die Treppe hinaufging, ohne auf die erstaunten Augen des Hausmeisters und der in den Gängen huschenden Schwestern zu achten. Er küßte ihr nicht die Hand vor ihrer Zimmertür, er wollte ganz behutsam sein, der sonst gern laute Peter Boll. Er gab ihr nur die Hand und tröstete ruhig: »Na, na, Bärbel, beschlafen wir einmal die Überraschung, gute Nacht, Liebling.«

»Gute Nacht, Peter«, sagte sie weich.

Ja, das buchte er zugunsten seiner Liebe. Am liebsten hätte er wie ein Bursche durch die Gänge gepfiffen, die vornehm stillen Gänge des Krankenheimes. Er ging aus dem Haus und fuhr in die Stadt hinab. In der Ecke einer Bar trank er versunken eine Flasche Wein wie ein Sieger. Gut Nacht, Peter, das konnte man doch zu seinen Gunsten buchen.

Barbara schlief nicht viel in dieser Nacht. Pläne 233 eilten einer über den andern hin. Sie war wie auf der Flucht. Alles jagte ihr Schrecken ein, auch Peter Boll. Sie wußte fast sicher, was nun an sie herankommen würde: die Werbung Peter Bolls. Warum eigentlich fürchtete sie sich davor? So gut die Petra den Doktor Bachroth noch für jung fand, so gut könnte auch sie den Peter Boll nicht für zu alt finden. Alle achteten sie den Weltfahrer, den Forscher. Er war großzügig und männlich, humorvoll und leidenschaftlich, er war wohlhabend und kunstfreudig.

Wie stand Heiner daneben, wie ungeduldig und schnell gekränkt, wie unausgebacken eigentlich und unwissend. Sie verglich, und Heiner zog in jeder Hinsicht den kürzeren. Aber er schwand nicht hinweg, obschon er tief im Schatten des großen Peter Boll stand, er blieb eigenwillig stehen und forderte den Vergleich heraus und trug es, daß er nicht gut abschnitt, aber er blieb stehen. Und Barbara konnte ohne ihn nicht weitergrübeln, Peter Boll mußte in seinem Schatten den fernen Heiner Danner dulden. Es war wie ein Verhängnis. Heiner Danner bei Peter Boll verhinderte, daß sich Barbara in dieser Nacht entschied. Am folgenden Tag spürte Boll es gleich, sein Siegjubel bekam einen Dämpfer, Barbara sagte Vetter, nicht Peter. Sie war abwesend mit den Gedanken. Sie schrieb in Gedanken einen Brief an den Herrn Heinrich Danner in Tirol.

So gingen die Gedanken zwischen Heiner und Barbara hin und her, der Heiner hatte seinen Brief Wirklichkeit werden lassen, aber die Wirklichkeit war vor den Augen Barbaras zerflattert, und eine lange Pause fing sich zu dehnen an, bis es Barbara zu spät schien, 234 das schnöde Geschehnis dem Heiner mitzuteilen und Heiner keine Hoffnung mehr hegte, noch eine Antwort auf sein Schreiben zu bekommen. Keine Antwort war in seinem Fall eben eine: es mußte stimmen zwischen Boll und Barbara. Zwar schrieben sie daheim nichts von einer Hochzeit, das hätten sie nicht vergessen, und er wollte keinesfalls fragen. Sie deuteten jetzt oft an, daß er wohl bald heimkehren müsse. Er ging indessen nicht auf diese Andeutungen ein. Es war ihm ja nicht ums Heimkehren. Wenn der Boll so nahe bei Tiefenspring baute, mußte man ihm zu oft begegnen und noch jemand, das war schwer, das konnte womöglich bös ausgehen. Heiner kannte alsgemach seinen Jähzorn.

Es gab keinen fleißigeren Menschen im Gstettnergut als Heiner, aber auch keinen ruheloseren. Der Gstettner nahm ihn mit auf die Gemsenjagd, das war so recht nach Heiners Wünschen. Wie daheim bei den Bauern, stand jetzt bei ihm neben dem Betthaupt griffbereit die Flinte, die schöne, wertvolle Flinte des Dannergroßvaters. Und der Pfeifenkloben wurde nicht kalt vor seinem schweigsamen Mund. In landesüblichen kurzen Lederhosen schritt er einher, sie lotterten fremd um seine mageren, sehnigen Knie. Sein helles Haar wellte sich ungebändigt über die Stirn, es störte ihn nicht mehr. Nur daß die lichte Lohe die Weiber rebellisch machte, das störte ihn.

Er bekam einen schönen Lohn und brauchte davon wenig auf. Nur dann und wann ergriff ihn ein Stadtrappel; da nahm er Urlaub nach Wien und stürzte sich in die Sünde, wie Franz sagte.

»Ob das Sünde ist, fragt sich«, meinte Heiner wie ein Alter, »ich tu halt, was ein Mann braucht.« 235

Die Hochzeiter der Gstettnermädchen, die das hörten, lachten unbändig über diesen Ausspruch.

Drei Hochzeiten wurden an einem Tag gefeiert, das heißt, es wurden acht festliche Tage daraus, nachdem die drei Gstettnerinnen in stolzem Zug aus dem Haus zur Kirche gezogen und das Gebirge dabei von den Schüssen der Burschen erdröhnt hatte. Der alte Gstettner wurde noch einmal so dick vor Hochmut über seine bräutlichen Mädchen, die er so gut untergebracht hatte. Ja, das war natürlich sein Verdienst ganz allein. Die jungen Schwiegersöhne ließen ihn auf dem Glauben, sie allein wußten, wie lange sie eingestiegen waren, ohne daß der Mann im Barte etwas ahnte.

Weder der Gstettner noch Monika noch Heiner hatten es sich denken können, wie still es im Haus werden würde, nachdem Vroni und Toni davongezogen waren. Die Monika allein war ernst als Frau. Früher hatte immer eine die andere zum Lachen angeregt, alle drei gemeinsam waren sie ein Hort der Freude. Eine allein ging so ernsthaft durch den Tag wie jede andere junge Frau, über die viel Neues hereinbrach.

Es war schließlich so still im Gstettnerhaus, daß der Bärtige trübselig wurde und schleunigst nach Wien reiste. Auch Heiner entbehrte das frühere Leben in Stuben und Stiegen sehr. Franz war unverändert, er gab auch seine Kraxlerei nicht auf. So hatte Heiner wenigstens eine freundschaftliche Übung behalten.

Mariann wiegte daheim den zweiten Buben, den Daniel, dessen Patin nun die heftige Petra war. »Weißt du, Petra, die jetzt bald Frau Doktor Bachroth heißen wird! Barbara ist immer noch in Baden, 236 aber es heißt, sie gehe mit einer Baronin auf deren Gut nach Preußen. Mit dem Boll scheint es aus zu sein, der ist in Amerika. Sein Haus steht vollkommen fertig eingerichtet da, innen und außen schön und praktisch. Die Barbara hat aber scheints nicht vor hineinzuziehen. Denk Dir, sie ist eine Woche in der Dannersäge zu Besuch gewesen und hat den ganzen Tag den Helmut am Bändel gehabt, den kleinen Springer. Und die Mutter war mit ihr ein Herz und eine Seele. Der Vater hat es wohl nur halb gern gesehen, bloß weil sich vielleicht der Bachroth darüber ärgert. Heiner, wann kommst endlich heim? Drei Jahre bist du bald fort jetzt. Und Annette hat sich mit dem Niklaus Vogt verlobt. Alles ändert sich, nur in der Dannersäge geht es seinen gleichen Trab. Der Vater schafft wie nie, er ist wieder lustiger, aber er schimpft auf alle Leut, das hat er früher nie getan. Keiner kann es ihm recht machen. Der Prozeß, den er mit der Gemeinde Oberspring wegen dem Wasser führt, zieht sich hin und macht ihn ganz hinterfür. Die Mutter hat trotzdem neulich gesagt: Laß nur, der Prozeß ist ihm gesund, da hat er Nüsse zu knacken und einen Platz für seine Gedanken. Der Vater hat auch sonst Ablenkung, die aber der Mutter zu schaffen macht. Ich möcht mir am liebsten einmal den Mund verbrennen mit dem, was ich von ihm weiß mit einer Magd von uns, die ich fortgejagt hab'. Aber dann trau ich mich doch nicht, der Vater wär imstand, sich etwas anzutun im Unmut. Auch möcht ich ihn einmal mahnen, dich heimzurufen.«

So erfuhr Heiner abermals durch Mariann, was ihn am meisten berührte. 237

Die Mariann fragte dann auch in guter Stunde den Vater, der sie sonntags heimsuchte und mit Daniel in den Eichenschälwald wollte, den Bauern jedoch nicht antraf, warum er den Heiner nicht heimrufe. Da antwortete der Danner rauh: »Glaubst, ich will schon abgeben? Ist noch zu früh. Dem tut die Fremde noch lang gut. Einen Aufpasser brauch ich nit, einen, der alles besser weiß.«

Es ging aber doch mit ihm um, er schrieb doch eines Tages im Frühjahr: »Es wär an der Zeit, daß Du endlich heimkämst. Ich hab' zwar noch nicht vor, das Sach abzugeben, der Helmut ist noch zu klein, und der Prozeß wegen dem oberen Stau zieht sich hin. Wir brauchen stärkeres Wasser, und es ist unser Recht. Die Sache hat mir der Bachroth eingebrockt.«

Davon war Danner nicht abzubringen. Bachroth saß im Rat Obersprings und riet damals nur in Bausch und Bogen für Oberspring; daß es um eine Lebensader ging, hatte er nicht geahnt.

Also Heiner wußte kurz und herb, woran er war. Er konnte heim und nicht heim, die Aufforderung des Vaters sah fast nur wie eine Höflichkeit aus. So schrieb er heim, es gehe noch eine Weile, bis er zurückkehre, sie brauchten nichts zu fürchten. Er habe sich beim Heer gemeldet.

Heiner wurde Soldat in Ulm an der Donau und nahm Abschied von den Gstettners. Als hätte er die Heimat zu verlassen, so schwer fiel ihm das Lebewohl! 238

 

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