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Heiner und Barbara

Hermann Eris Busse: Heiner und Barbara - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
booktitleHeiner und Barbara
authorHermann Eris Busse
year1936
firstpub1936
publisherPaul List
addressLeipzig
titleHeiner und Barbara
pages304
created20180205
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Am Abgrund

Heiner hätte nun einen Brief an Mariann schreiben sollen, doch schob er es hinaus wie ein Übel. Was sollte er auch zu allem sagen, was konnte einer denn schon sagen, wenn er so ins Unglück gestoßen wurde. Es ließ ihm freilich keine Ruh, auch weil er nun nach vielen übereifrigen Arbeitstagen über die »Sache« ins Nachdenken geriet, die der Vater mit der Bürgschaft angestellt hatte. Ade jetzt, stolze Pläne einer Vergrößerung der Dannersäge, eines Fortschritts in Acker und Wald und Reben; denn das konnte er sich wohl ausmalen, daß das bissel Geld der Sina Runz vorerst nur den Pfänder abgewehrt hatte und nicht als breite Grundlage die Dannersäge sicherte. Schön war es von der Sina, daß sie gleich half und so stolz.

Er setzte sich also am freien Sonntag hin und schrieb an die Runzgeschwister in den »Goldenen Sternen«. Es wurde ein kurzer Brief, er klang sogar ein wenig lustig, doch die guten Leute lasen zwischen den Zeilen vom Heimweh, an dem der Bub sicherlich zu leiden 215 hatte. Nun war Heiner so ins Schreiben geraten, daß er nicht an Mariann, wohl aber an Barbara Bachroth schrieb.

»Liebe Barbara!

Du hast gewiß schon lang auf ein Lebenszeichen von mir gewartet. Über ein Jahr bin ich nun hier auf dem Gstettnerhof bei dem tüchtigen und lustigen Besitzer, der immer nach Wien reist, wenn er etwas vom Leben haben will, und mich dann auch manchmal mitnimmt. Es ist eine schöne Stadt, und ich finde mich gut zurecht dort, könnte ebensogut unter den Städtern leben wie unter den Bauern, glaub ich, wenn ich nur wollte. Aber ich will nicht. Es ist mir zu dumm, mit der Mode zu gehen, wie es diese Wiener machen, und mit hellen Gamaschen an den Füßen herumzustolzieren und das Neueste von den Krawattenmustern zu zeigen. Mit einem Laufstecken oder wie sie sagen Spazierstock käm ich mir auch dabbig vor, obwohl ich ihn schon zu schwingen wüßte. Was bessert das aber, wenn ich innerlich mich halb scheckig lache über die Narren, die nur den Mädchen nachlaufen. Es sind ja auch nette Mädchen in Hülle und Fülle da. Allein im Gstettnerhof wimmelt es nur so von Schönheiten, sie haben gottlob alle schon ihren Schatz. Ich mag keine von ihnen erobern, hab' sie aber alle gern. Sie sind so offen und lieb zu mir und so lustig.

Es hält mich nichts davon ab, noch jahrelang hierzubleiben. Wir leben hier großzügiger als in Tiefenspring, nicht so unter Aufsicht. Sonst aber hab' ich festgestellt, daß das Bauernleben überall gleich ist, in Tirol wie im Schwarzwald. Es gibt nichts anderes 216 als Arbeit, Säen und Ernten, eben wie bei uns auch. Und sie denken übers Wetter und übers Beten und über den Nachbarn und übers Wasserrecht und Waldrecht und Wegrecht und Fischrecht genau so wie bei uns und kriegen Krach miteinander wegen solchen Sachen, wie sie bei uns auch Streit kriegen. Aber die Gstettners sind reicher und lustiger als die Danners. Sie nehmen nicht alles so schwer. Und wenn die Moni, die Vroni, die Toni von ihren Gschpusi verlassen würden – so sagen sie es mir immer, wenn sie fröhlich sind –, dann nehmen sie halt mich, wenn ich mag. Ich wüßt fast nicht, ob ich möchte oder nicht. Das wird man dann ja sehen.

Von der Heimat erfahre ich nur Enttäuschung. Ich bleib also hier, wo ich ein echter Bergkraxler auch schon geworden bin, bis ich nicht mehr anders kann und heim muß. Heimweh hab' ich nicht. Ich möcht nur, wenn ich manchmal in dem ›Simplizissimus‹ lese, den Mummelsee da haben oder wenigstens nachts mal träumen, daß ich auf der Grind steh und alle Berg um mich Wellen machen seh wie ein Meer von Bergen. So wie unsere Schwarzwaldberge sind die Tiroler nicht, so rund und gutwillig und so voller Geheimnisse, sie sind ehnder herb und hartschlägig. Der Wald ist oft wie bei uns und doch wieder ganz anders. Das weiß ich nicht so zu schreiben. Mit so hohen Bergen können wir im Schwarzwald auch nicht aufwarten.

Ich hoff', es geht Dir gut in Baden-Baden. Kann zwar nicht begreifen, wie man immer so mit Kranken herumzärteln mag. Für mich wär das nichts. Wird von mir ja auch nicht verlangt. Wir bauen viel Wein, einen guten Wein, das kannst mir glauben, das macht 217 mir Spaß. Ich möcht vom Boden nicht weg, trotzdem ich die Stadt Wien ganz gern hab'. Ich könnt ring in eine Stelle beim Holzhandel in Wien eintreten mit gutem Auskommen und wär dann kein grober Bauernkerl mehr für manche mit Lockenhaar und könnt langsam die erste Million am Reichtum anfangen – aber mir wär nicht wohl dabei. Bleib ich also, was ich bin, ein einfacher Bauer und Säger – es wird mich halt dann schon einmal eine andere wollen.

Hab' gehört, Du heiratest den Peter Boll, es sei aber wahrscheinlich nur ein Gerücht. Falls es wahr ist, wünsch ich Dir Glück.

Es grüßt Dich

Heinrich Florian Danner.«

Nun war nur noch nötig, daß der Brief abgeschickt wurde. Er holte das gestohlene Bild, legte es zu dem Brief, war in Versuchung, es mit in den Umschlag hineinzuschieben. Die würde ja staunen! Er sah es noch einmal an. Nein, nein – er konnte es nicht lassen. Er warf es in die Tischschublade zurück, als versengte es seine Finger. Er schlug mit den Knöcheln der Faust an die Stirn, an den Mund und wurde wach am eigenen Stöhnen. Den Brief steckte er rasch in den Umschlag, verklebte ihn mit zitternder Sorgfalt, klebte die Marken darauf und brachte ihn mit dem Kraftrad zur Posthilfsstelle. Alles mit einer seltsamen Hast, als wollte er sich selbst übertölpeln. Nein, der Brief mußte fort, es war wie eine Entscheidung.

Antwort kam nicht. Heiner ertappte sich manchmal dabei, wie er sonderbar auflachte, höhnisch oder verzweifelt konnte es klingen, sobald er daran dachte, daß 218 die Barbara es unter ihrer Würde hielt, ihm überhaupt zu antworten.

Er machte mit dem Diplombauern Franz große Bergstiege, ein gelehriger Schüler, der dem Lehrer bald gewachsen war, und es kamen zweimal schwere Versuchungen über ihn: Unten brach es wie Höllenschlund auf in grüngeborstener Spalte, alles Grübeln und Wehleidigsein hätte da ein Ende. Der Schritt in den Schatten der schaumdurchtosten Tiefe löste ihn ab vom Leben, an dem er keine Freude mehr zu haben glaubte, und niemand kam hinter das Geheimnis seiner Weltflucht – ein Fehltritt eben, schad um den begabten jungen Mann. Tränen würden vor allem die Mädchen weinen. Barbara Bachroth würde vielleicht die Brauen in erschrockenem Bogen über den hell-kühlen Augen heben, er sah oft genug in das Bildgesicht, um alle Linien genau zu kennen, würde nachsinnen über sein Wesen und dann vielleicht dem Vater Bachroth recht geben, wenn der sagte: Das hab' ich dem vermacht, der ist schon immer ein Eigensinniger gewesen. Alles hat er erzwingen wollen. Barbara hätte dann eigentlich träumen müssen und diesen Traum für Ahnung halten, daß Heiner nicht ganz aus fremder Gewalt in den Tod gestürzt sei, sondern aus eigenem Geschehenlassen.

Nein, nachher fror es Heiner, wenn er daran dachte, wie Böses er geplant, nur einen Fehltritt weit getrennt von der Entscheidung zum Tod. Was focht ihn an?

Es focht ihn zweimal an, rasch, schier unabweislich gewann die Versuchung fast den Sieg über seine ratlose Seele.

Barbara Bachroth schrieb nicht. 219

 

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