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Heiner und Barbara

Hermann Eris Busse: Heiner und Barbara - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
booktitleHeiner und Barbara
authorHermann Eris Busse
year1936
firstpub1936
publisherPaul List
addressLeipzig
titleHeiner und Barbara
pages304
created20180205
sendergerd.bouillon@t-online.de
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In der Fremde

Ein Jahr bereits weilte nun der Heiner in der Fremde auf dem Gstettnergut. Man sah ihm an, wie wohl ihm das bekam. Sein Gesicht war heller und freier, die Stirn zog sich nicht mehr mürrisch zusammen über der Nasenwurzel, der Mund war fester und voller und ohne das spöttische Zucken, das ihn vordem fast entstellt hatte. Die Blicke griffen ruhig und offen das an, was sie schauen wollten, und sprangen nicht mehr scheu und störrisch ab bei jeder Gelegenheit, die ihm nicht hold war. Viel breiter hatten sich die 196 Schultern nicht gedehnt, aber doch paßten sie jetzt eher zu seinem hohen Wuchs. Er ging straff und federnd, es war alles in allem aus dem viel zu ernsten und finsteren Burschen, der damals ins Gstettnerhaus einzog, ein klaräugiger und kräftiger junger Mann geworden. Das Lachen fiel ihm immer noch nicht so leicht wie anderen gleichaltrigen Gesellen, aber bei allem Ernst sah er doch heiter aus und hell vor Lebenslust.

Moni, Vroni und Toni, die drei lustigen Töchter des Gstettnerbauern, sorgten schon dafür, daß ihr blonder Bruder, als den sie den Heiner in ihre dunkelhaarige und dunkeläugige Gemeinschaft aufgenommen hatten, das Lachen lernte und sich nicht gleich durch jedes unbesonnene Wort gekränkt fühlte; denn die zenselten alle drei gern und sangen vor allem mit ihren klaren, tiefen Stimmen kecke Reime über alles, was ihnen an dem Schwarzwälder auffiel. Er ging in eine freimütige und lustige Schule. Die drei Gstettnermädchen waren keine Zimperliesen und keine Neunmalklugen. Was sie sagten und taten, war einfach und deutlich, es wußte jeder, wie er mit ihnen daran war. Sie hatten gottlob alle drei schon ihren Gschpusi, so konnten sie zu Heiner wirklich schwesterlich stehen, wenn sie auch zuweilen die Augen auf dem blonden Haar zärtlich ruhen ließen oder von seinem helläugigen Gesicht schwer loskommen konnten.

Ihre drei Freier waren stattliche, junge Männer echten Tiroler Schlags, dunkelhaarig und kraftvoll im Wuchs, mit kühnen, gebogenen Nasen, schweigsame, doch leidenschaftliche Naturen, denen freilich beim Wein und frohen Singen das Herz aufging. Der eine war Hoferbe, nicht minder reich als der Gstettner, 197 der zweite ein studierter Förster, der dritte heiratete in die Gstettnersäge, um sie später weiter zu führen, und war sozusagen ein Diplombauer; er hatte in Schulen und auf Gütern gelernt und war eine Zeitlang in Kalifornien und in Schweden auf Gütern tätig gewesen. Das hatte ihn indessen nicht hochnäsig oder selbstherrlich gemacht, im Gegenteil, er zeigte sich als der stillste und bescheidenste der Schwiegersöhne des Gstettner, der ein gutmütiger, dicker Mann mit einem mächtigen Andreas-Hofer-Bart war.

Heiner sah manchmal, wenn am Wintersonntag die Stube voll von diesen Menschen saß, erstaunt von einem zum andern und verglich. Es kam ihm vor, als säße ein Tisch voll Geschwister da. Alle hatten die gleichen großen, dunklen Augen mit dem perlmutterweißen Augapfel, alle sahen in froher Stimmung mild, ja sanft aus, während sie bei Erregung heiß wie Kohlen glühten und ganz verwandelt sein konnten. Ihm kam bei diesem Schweifen durch die Gesichter der Gstettnerleute und ihres zukünftigen Anhangs jedesmal ein Ausspruch des Dannergroßvaters in den Sinn: Des isch e gueti Rass. Von dem Hurst hatte er es erst gesagt, auch von den Erdrich, die hinterm Meisenbuck ihre Höfe hielten. Jetzt ging ihm auf, was der Großvater damit meinte: Es war die Einheitlichkeit im Äußeren und im Wesen zugleich.

Wie er an die Hurst dachte, die im Urteil des Großvaters »e gueti Rass« sein sollten, sah er im Geist die zierliche Petra neben sich treten, die eine echte Hurst war, aber im Gegensatz zu den echten Danners stand. Und er stellte sich im sinnenden Spiel neben Barbara, die ihm schultergleich mitten ins Gesicht sehen konnte, 198 fast ohne das Kinn zu heben, die helles Haar und helle Augen hatte.

Er dachte an Mariann und Daniel, lachte leise, denn da stimmte es schon nicht mit der Einheit, es kamen halt noch andere Dinge in Frage bei der Liebe und der Vernunft.

Hier jedoch, wo er hinschaute in Höfe, herrschte ein Schlag vor, der der Gstettnertöchter und ihrer Freier. Viel mehr Einheit war da.

Heiner hatte oft die eigenwilligsten Gedanken mitten im Treiben der jungen Leute in der Stube. Er las an den langen, brausenden Schneewinterabenden merkwürdige Bücher, die ein Verwandter Gstettners im Bücherbrett in dem Gastzimmer neben Heiners Stube stehen hatte. Der Professor Gstettner lehrte an der Universität und trieb Erbforschung. In den Büchern, die im schlichten Ferienzimmer des Sommergastes standen, hatte er seine Forschungen festgehalten. Meist beschäftigten sie sich mit Darstellungen aus der Tierwelt und Pflanzenwelt. Heiner verstand zwar nur einiges von dem, was er las, aber es war genug, um ihm über manches Geheimnis des Lebens die Augen zu öffnen. Der Professor Gstettner hatte sicherlich nicht daran gedacht, daß ihm ein Bauernbub hinter seine wissenschaftlichen Bücher geraten könne, aber er hatte, als er an Weihnachten für ein paar Tage zum Schneeschuhlaufen heraufkam, sofort gemerkt, daß jemand bei ihm schmökerte. Da Heiner dies nicht heimlich, sondern mit Erlaubnis des Gstettnerbauern getan, erfuhr er natürlich sofort, was für ein Student sich für seine Wissenschaft erwärmte. Aber der Professor hätte es auch nie für möglich gehalten, daß er sich von einem 199 einfachen Bauernsohn als Gegendienst ein Buch ausleihen würde. Heiner hatte ihm kurzerhand angeboten, einmal in seinen Grimmelshausenbüchern zu lesen. Da war dem Professor fast der sorgfältig geschliffene Verstand stehengeblieben. Er hatte bisher zu Heiner du gesagt, jetzt fragte er mit großen Augen hinter der runden Brille: »Sie besitzen die simplizianischen Bücher?«

»Jawohl, die hab' ich alle.«

»Und wie kamen Sie dazu, wenn ich fragen darf?«

»Die haben mir meine Vettern Runz gegen das Heimweh mitgegeben.«

»Gegen das Heimweh?«

»Ha ja, der Grimmelshausen ist doch ein Landsmann von mir.«

»Haben Sie alles gelesen?«

»Natürlich, eine Stelle hab' ich sogar schon über hundertmal gelesen.«

»Holla, die müssen Sie mir aber zeigen.«

Heiner sagte sie gleich auswendig her.

Am Stefanstag dann zeigte Heiner dem Professor die Stelle, es war jene große, unvergeßliche Beschreibung der Heimat: »Ich wohnete auf einem hohen Gebürg, die Moß genannt, so ein Stück vom Schwartzwald und überal mit einem finstern Dannen-Wald überwachsen ist, von demselben hatte ich ein schönes Aussehen gegen Aufgang in das Oppenauer Thal und dessen Neben-Zincken, gegen Mittag in das Kintzinger Thal und die Graffschaft Geroltzeck, allwo dasselbe hohe Schloß zwischen seinen benachbarten Bergen das Ansehen hat wie der König in einem auffgesetzten Kegel-Spil, gegen Niedergang konte ich das ober und unter Elsaß übersehen, und gegen Mitternacht der 200 nidern Marggraffschaft Baden zu, den Rheinstrom hinunter, in welcher Gegend die Stadt Straßburg mit ihrem hohen Münster-Thurn gleichsam wie das Hertz, mitten mit einem Leib beschlossen, hervor pranget.«

Das waren indessen nur Sonntagsvergnügen Heiners, wenn die Tage so lang und das Wetter zu schlecht war, um hinauszugehen, sich als rechter Bücherwurm zu gebärden. Manchmal fand er die Jodlerei und gereimte Singerei in der Gstettner Stube zu fad, obschon er auch da meist übermütig mitmachte. Er stellten sich oft noch Freundinnen der Mädchen ein, und es gab ein lustiges Hin und Her mit Necken und Singen. Der Heiner mit seiner Mundharmonika, der Goschenorgel, wie er sie nannte, spielte zum Tanz auf und tanzte spielend mit. Es war ein »Geriß« um den weißblonden Schwarzwälder, jede wollte einmal mit ihm tanzen. Er fing mit keiner etwas an, soviel Gelegenheit ihm auch geboten wurde. Sie hielten ihn alle für unbelehrt und ungelehrig auf dem Gebiet der Liebe, und manche wäre gern seine Lehrmeisterin geworden. Der Heiner aber tat nicht dergleichen, als ob er merke, worum es ging. So reif war er natürlich, daß er genau wußte, wo der Bartle den Most holt und noch mehr. Es lockte ihn jedoch nichts im Ernste. Die größte Freude machte ihm das Gstettner Gut selber mit dem neuzeitlichen Sägewerk von großem Ausmaß, aber auch mit der stattlichen Viehzucht und dem Rebgeschäft. Alles das konnte er daheim auch treiben im Dannerhof, nur nicht auf so reicher Grundlage und auf so ausgeklügelte Weise. Der Gstettner und der Hochzeiter der Moni schätzten ihn bald als tüchtigen Menschen, den man ganz selbständig handeln lassen 201 konnte. Der Gstettner wäre gar nicht betrübt gewesen, wenn Heiner eine von den Töchtern ihrem Gschpusi abwendig gemacht hätte; er war nach seinem Sinn.

Heiner stand oft so mit Leib und Seele in der Arbeit, daß er Heimat und Barbara darüber vergaß, und die Zeit flog so schnell herum, daß er staunte, als ihm der Gstettner sagte: »Heut bist ein Jahr da.«

Der zahlte ihm von Stund an auch einen Monatslohn aus, den Heiner das erstemal errötend in Empfang nahm, als müßte er sich schämen, Geld bei Fremden zu verdienen.

 

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