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Heiner und Barbara

Hermann Eris Busse: Heiner und Barbara - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
booktitleHeiner und Barbara
authorHermann Eris Busse
year1936
firstpub1936
publisherPaul List
addressLeipzig
titleHeiner und Barbara
pages304
created20180205
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Heiner

Der Winter zog ins Land, ehe es jemand gedacht. Am Allerseelentag fuhr Heiner allein auf die Grinde. Im Tal sandte die Sonne bleichen Frühschein über die abgeerntete Flur. Als er auf die waldentblößte Höhe kam, stürzte Schnee in dichtem Fall über ihn, und er mußte schleunigst das Rad wenden, um noch ohne Gefahr aus dem durchstürmten Gebiet zu kommen. Einsam standen die riesigen Wälder im grauen Tag. Es dämmerte schon gegen Mittag in ihnen, als zöge die Winternacht bereits in sie ein mit ihren großen Geheimnissen zwischen Erde und Himmel. Gespenstisch tauchte Heiner in die Kurven der Waldstraße, ein seltsamer Widerhall prallte gegen sein Ohr, und er glaubte, mehrere Motorräder sausen zu hören. Er hielt einmal an und staunte mit Grauen. Da lief ein Rauschen und Pfauchen durch die Luft, aber er sah nur die Tannenkreuze hoch oben sich bewegen, unten jedoch herrschte Windstille. Er schwang sich über sein Rad und machte, daß er in die Tiefe kam.

Auch in Oberspring schneite es; von der hohen Grinde herab sprang der Winter in die Täler hinein. Der Schnee löschte auf den Gottesäckern die stillen Allerseelenlichter und legte sich dick in der Nacht auf Busch und Baum, auf Dach und Zaun. Er legte sich so dick auf die Straßen, daß der Bahnschlitten gefahren werden mußte. Heiner zog ihn aus dem Schopf und spannte drei Pferde davor. Den ganzen Tag war er unterwegs mit weiten Schritten in Rohrstiefeln neben den Rössern, die Geißel in der Hand. Er hätte 182 das nicht tun brauchen, das Bahnen besorgte ja seit langen Jahren der taubstumme Vinzenz; aber Heiner war so unruhig geworden, er faßte jede Gelegenheit beim Schopf, die Tage mit schwerer Arbeit zu füllen, und so wurden sie kurz, eilten vorüber, und in die Nächte tappte schwerer, traumloser Schlaf so dick und dumpf wie der Schnee von Allerseelen.

Der Schnee zerging im Lautertal meist rasch, es war eben ein warmes Tal ohne strenge Winter. Auch diesmal schmolz er schnell, und die Lauter gewann dadurch ein stolzes Aussehen: wie ein Strom breithüftig, gefährlich um die weißen Steine im Bett wirbelnd, eilte sie dahin.

Früher hatte sich Heiner mit Niklaus und mit anderen Buben vergnügt, ein Floß zu bauen und mit Stangen bewehrt ein Stück weit talab zu treiben. Bergauf luden sie dann die Bretterbohlen auf ein heimfahrendes Fuhrwerk von der Dannersäge. Einmal ertrank auch ein Gefährte bei diesem gefahrvollen Spiel, dennoch unternahmen sie im folgenden Jahr dieselbe Floßfahrt. Das steckte seit Väterzeiten in ihnen wie der frühe Umgang mit der Flinte. Auch hier hatte manche Familie Bitteres erfahren müssen, trotzdem schloß jeder männliche Sproß die Hand um den Schaft, noch ehe sie in der Schule recht schreiben gelernt hatte. Dies Jahr lehnte es Heiner ab, den Floßbau mitzumachen. Er schritt nur mit jüngeren Burschen gönnerhaft zum Lagerplatz und gab ihnen das passende Holz heraus, damit sie es nicht heimlich zu nehmen brauchten. Dann konnten sie sich seinetwegen mit dem gefährlichen Spiel abgeben.

Erst als er sie abstoßen sah, zuckte es ihm in den 183 Beinen, mit raschem Sprung doch noch das Floß zu gewinnen, um mitzufahren, aber er ließ es dann sein und stieg mit den Holzfällern in die Hütte auf die Moos hinauf. Vier Wochen lang mußten sie oben bleiben und ein rauhes Männerleben führen; der Danner hatte Heiner nicht zu- und nicht abgeraten. Er selber hatte das auch einmal als junger Mensch mitgemacht und war heilfroh, als die derbe Zeit ein Ende fand. Der Heiner zwar, so dünkte es ihn, war aus anderem Holz. Der sah zart aus wie ein Prinz und war zäh wie Ramse; der ertrug das rauhe Leben aus Eigensinn, aus Hochmut: Seht, ich kann alles, was ich will!

Pia Danner wollte jammern und ihm vorhalten, wie unnötig diese Übung für ihn sei, niemand verlange doch so etwas von ihm. Er solle dem Vater in der Säge helfen. Aber nein, je mehr sie dagegen vorbrachte, indem sie bald das Jammern aufgab, dafür jedoch alle anderen mütterlichen Töne anschlug, um so fester stellte sich Heiner zu seinem Entschluß. Der Danner half Pia nicht, wie sie wollte, sie gerieten deshalb in schweren Zwist miteinander, der tagelang unter dem Schweigen der Eheleute wie ein verborgenes Feuer knisterte. Der Danner blieb dabei, es sei gut für den Heiner, rauher zu leben als bisher, das vertreibe ihm wohl bald die Sonderlaunen und den mürrischen Geist. Seit er mit dieser Barbara angebändelt habe, sei er so störrisch und unfreundlich, behauptete Severin. Als ob das eine Frau für den Dannerhof wäre! Der würde sich noch vergucken. Seit einiger Zeit war er auch gegen den Bachroth gereizt, weil er in einer wasserrechtlichen Streitfrage, die den 184 Danner auch anging, als Gemeinderat von Oberspring gegen die Tiefenspringer gestimmt hatte. Sein Unmut gegen Bachroth führte sogar so weit, daß er sich zu einer Unbesonnenheit hinreißen ließ, die er später bitter büßen mußte. 185

Ein Wirt von Oberspring, ein Verwandter Bachroths, wollte bauen und sich hierfür eine Bürgschaft verschaffen. Bachroth lehnte sie ab. Der Dannerbauer sagte sie dem Wirt an seiner Statt zu. Bachroth, so gab der Wirt an, wolle nicht, daß er baue, weil sonst dem Doktorhaus die Aussicht versperrt würde. Der Danner, sonst nie streithähnig, er verachtete andere Leute, wenn sie händelten und hinterrücks handelten, ging so vom adlig-klaren Weg der Danner ab und unterzeichnete eine hohe Bürgschaft.

Man soll mit seinem Leben für das wertvolle Leben eines anderen bürgen, niemals aber mit Geld für die Luftschlösser eines andern. Diese Sünde wider die lautere Vernunft beging Severin Danner in seiner dann und wann zutage tretenden Unbesonnenheit. Er hatte Sorgen deswegen, und es war ihm recht, daß Pia ihm diese Sorgen nicht ansah. So händelte er lieber mit ihr wegen Heiner. Er führte sie auf falsche Fährte. Heimlichkeiten und Lügen geben sich ja immer die Hand. Beide waren Sünden wider den Geist der Danner.

Heiner blieb sechs Wochen bei den Holzfällern als einer der ihren. Er lernte sehr bald ihre Gewohnheiten, ihre Sprache, ihre Ansichten kennen und schloß sich von keinem aus. So kam es allen vor, er wurde dabei stärker und breiter, als er kurz vor Weihnachten wieder in der Säge stand und Bahnschwellen zuschneiden half.

Von Barbara hörte er nichts. Sie schrieb nicht. Der Doktor Bachroth kam nicht mehr in die Säge. Die Runzbrüder wußten samt ihrer Schwester Sina nichts. 186

Heiner wartete zwar heimlich immer noch auf eine Botschaft, doch zeigte er das niemand. Er konnte am Postboten lässig vorbeigehen, ohne ihn zu fragen, ob er etwas für ihn habe. Neuerdings schloß sich Daniel Hurst mehr an Heiner an als Niklaus. Selten kam der Freund noch in die Säge. Mariann vermißte ihn dann und wann, sie hatte ihm gegenüber ein wehes Gewissen, ihr kam es vor, als hätte sie ihm ein Wort gebrochen. Sie beschwichtigte diese Not, die ihr Gemüt bei einsamen Arbeiten befiel, mit der Ausrede: Ach, wir haben doch nur ein Spiel gemacht, es war nicht wirklich. Niklaus mied es auch, mit ihr allein beisammen zu sein, seine abendlichen Gänge unters Fenster der Mariann hatte er längst schon eingestellt. Langsam gewöhnten sich beide daran, daß sie nichts mehr voneinander zu erwarten hatten. Mit leiser Wehmut ging eine Jugendliebe zu Ende wie ein verblühter Frühling, und bei keinem blieb zuletzt Bitterkeit zurück oder Enttäuschung.

Gottlob! dachte Pia Danner. Manchmal hatte sie dem Niklaus eine Unbesonnenheit zugetraut, ein Abtun des jungen, eigensinnigen Lebens; das wäre dann eine Aufstörung der ganzen Dannerfamilie geworden; denn Niklaus war der einzige Sohn des Lehrers.

Auch Mariann dachte, gottlob, als der Heiner ihr eines Abends erzählte, er sei mit Niklaus in Oberspring zusammengetroffen, und auf der gemeinsamen Heimfahrt habe der Niklaus ganz ruhig von Daniel Hurst gesprochen und gemeint, in Helgenzell sei ja Mariann eines Tages gut aufgehoben. Das sei immer noch sein Höchstes, solch ein Hof. Er komme zwar jetzt doch langsam ins ernsthafte Studium hinein und sei 187 entschlossen, Tierarzt zu werden. Mariann fand dies ganz vernünftig. So konnte sie Niklaus, wenn er später auf den Hof kam, froh wie ehedem begegnen. Doch Niklaus fand keine Anlässe mehr, in die Säge zu gehen, er wandte sich seinen städtischen Freunden zu. Nur als er hörte, die Mädchen aus Straßburg seien zum Sonntagsbesuch da, stellte er sich mit einer ersonnenen Botschaft ein, und Annette lachte glücklich, wo nur Gelegenheit zum Lachen sich fand.

So wandte sich äußerlich alles in eine klare Ordnung, nur war der Danner nicht mehr der gleiche und der Heiner zuweilen ungebärdig wie ein junges Pferd, obschon er jetzt aus den unberechenbaren Flegeljahren hinauswuchs wie schon längst aus dem Jünglingskittel.

Weihnachten brach an mit allem Brauch und aller Güte, mit den dunklen durchwisperten Nächten, in denen manchmal unvermutet Schwaden warmen Hauches aus geschützten Halden und Mulden frei wurden, ja nach Veilchen dufteten, stiller Atem des ewigen Frühlings aus der Tiefe der Erde. Heiner wehten solche Wunder ins Gesicht, wenn er abends noch durch Tiefenspring schritt, sonderbare Unrast im Blut. Er hielt es in der Stube bei den andern nicht mehr aus, wenn der Bub im Bett war, mit dem er sonst spielte, weil der kleine Kerl keine Ruhe hatte, bis sich der große Bruder mit ihm abgab. Der Vater ging neuerdings viel in die Wirtschaften, oft auch nach Oberspring. Mutter und Mariann rüsteten den Hanf zu oder sonst etwas, was zum zukünftigen Frauengut Marianns gehören sollte.

An Silvester zogen die jungen Leute durch die Gaststuben, tanzten und trieben allerlei Schabernack. Auch 188 Mariann war zum erstenmal dabei als Daniel Hursts Tänzerin. Heiner fuhr mit dem Motorrad nach Oberspring. Im Doktorhaus brannte nirgends Licht, er hörte, der Bachroth sei in Baden bei seiner Tochter.

Eines Tages hielt er es nicht für unmöglich, daß er auch nach Baden finde, nur um einmal zu sehen, wie es dort sei. An Lichtmeß packte er's. Der Zufall war ihm hold, er sollte im Rebgut Fremersberg wegen junger Rebstöcke fragen. Der Danner war auf einmal merkwürdig versessen, neue Weinberge anzulegen, überhaupt das Bauerngeschäft bei der Säge stärker zu fördern.

Pia fiel es längst auf, wie rastlos und voller Pläne und Gedanken Severin war und wie hastig er vieles zu gleicher Zeit begann und ungeduldig in Zorn geriet, wenn ihm etwas dazwischenkam. Soviel lautes Rufen und Befehlen über den Hof und über die Lagerplätze hin hatte der Dannerhof noch nie gehört, seit Severin ihm vorstand. Und Pia wußte immer noch nicht, was den Mann so verwandelt hatte. Sie machte sich um alle Sorgen, um Heiner, weil er so wenig sprach, um Danner, weil er so ungattig war, um den Alten, weil er in letzter Zeit so rasch zusammenschnurrte, und um Mariann, weil die so bedrückt war und den Hurst hochmütig nahm, wenn er sich auf dem Hof sehen ließ. Doch der Daniel lächelte still zu diesen Launen; Pia sah das Lächeln nie genau, sonst wäre sie hellsehend geworden.

Heiner fuhr also nach Baden. Er mußte, da er vom Fremersberg herabkam, ganz nahe am Kurheim, wo sich Barbara mit Kranken abgab, vorüber. Es hätte Heiner nichts ausgemacht. wenn sie gerade aus dem 189 großen Portal zwischen dem Vater und dem Peter Boll getreten wäre. Heiner hätte dann die Hand zum Gruß erhoben und wäre weitergefahren. Ganz einfach.

Es war ein warmer Tag; Föhn strich über die Hügel und Wälder. Selbst auf der Hochstraße, die er fuhr, über dem Kamm der hohen Schwarzwaldwälle lag kein Schnee mehr. Der Winter war dies Jahr ungewöhnlich mild. Im Westen ragte das Straßburger Münster ganz scharf umrissen aus der elsässischen Ebene empor, im Süden, das sah er von der Höhe aus, während er ein Weilchen vom Rad stieg, schob sich das Gebirge in blauen Ketten in den klaren, feucht glimmenden Himmel; er glaubte, den Belchen und den Feldberg zu erkennen, ja sogar die gleißenden Ränder der Alpen. Die Vogesen wogten drüben in langen Zügen über der stillen Ebene mit den Siedlungen, den Städten und Dörfern. Alles war greifbar nahe und deutlich: Rappoltsweiler und Straßburg, drüben, er konnte sie ganz genau bezeichnen, Kehl mit den Brücken ruht dort drunten und hüben vom Strom das Hanauerland mit den großen Dörfern. Der Strom selber glänzte stahlblau herauf, und die Flüsse und Bäche, die von den Hängen des Gebirgswalles, auf dessen Höhe er stand, wild herniederstrebten, schimmerten in silbernen Bändern durch die Ebene, ruhig dem Strom entgegen.

Heiner sah, wie reich das Land war, das sie in der Schule mit Heimat hatten bezeichnen müssen. Es hatte Strom und Bach, war Ebene und Hügelvorland und Gebirge, und mit dem Blick konnte man nach Frankreich und in die Schweiz schweifen. Er wußte genau, wo die burgundische Pforte und Belfort lagen. Zum 190 erstenmal kam es ihm, daß er bald in die Fremde und aus der Heimat gehen mußte, wo er doch die großen Züge erkannte, die sich in der Weite bewegten oder wie Ruhe aussahen, von der Nähe nicht zu reden. Da wußte er die Flurnamen und Gewannamen, wie sie oft alte Leute nicht mehr kannten. Der Lehrer Vogt, Niklaus' Vater, hatte ihnen alles gesagt und nahegebracht, auch vieles aus der Geschichte der Bauernsippen und vererbten Höfe. In Tirol würde er dumm dastehen, dümmer als die Ochsen im Stall. Er würde nicht einmal die Sprache dort verstehen. Jäher Zorn befiel ihn: Warum mußte er das eigentlich auf sich nehmen?

Da fiel ihm Pitt ein, weil ein großer, langschnittiger Kraftwagen die Höhenstraße heraufkam und leise surrend an ihm vorüberglitt wie ein Traumgesicht, wie ein Fabeltier auf tausend unsichtbaren Füßen. Drinnen saß in hellem Mantel ein Mann mit einer englischen Mütze. Das erinnerte ihn an Pitt, den Mann, der sich vor der Fremde nicht gefürchtet hatte wie er, Heiner Danner, der sich jetzt Angst machen ließ vor einer Reise nach Tirol, die für den Boll vielleicht weniger bedeutet hätte als ein Katzensprung.

Du Aff', du einfältiger, schalt Heiner sich selber aus und fuhr mit Lärmen die Straße niederwärts in den schwermütigen Traum der Wälder.

Als er später in die Nähe des Sanatoriums kam, fuhr er ganz langsam. Eine Straße bog ab, führte wohl als Eigenweg am Krankenheim entlang und endigte wie eine Sackgasse vor einem Parkgitter. Heiner war in diese Straße ohne Überlegung hineingefahren, und es mußte so sein, daß Barbara gerade am 191 Parkgitter neben dem großen Pitt entlang wandelte, der ein wenig die Hand unter ihren Arm geschoben hatte und im übrigen am Stock ging. Beide sahen dem 192 unvermutet heransurrenden Motorradfahrer entgegen, und Barbara erkannte Heiner früher, als er begriff, wem er da wie ausgemacht unter die Augen fuhr.

»Ja, Heinerle, bist du's wirklich?« rief Barbara im ersten Überschwang der Überraschung. »Heinerle, bist du's wirklich?« Und sie griff mit beiden Händen an die Gitterstäbe und sah leuchtend und rot zu ihm hinaus.

Pitt brummte: »Da haben wir den Salat. Kommt doch dieser Frechdachs auf die hoffärtigsten Pläne.«

Er sah wohl, wie es in Barbaras Augen feucht wurde, während sie mit Heiner durch das Gitter sprach, hastig nach allen daheim fragte und stockend von Heiner darauf Antwort erfuhr. Lang und breit verweilten sie bei Helmut.

Da wurde Heiner schon sicherer in der Sprache. Er versuchte nicht mehr, halb schriftdeutsch zu reden, sondern verfiel in seine Mundart. Barbara hatte gleich in ihrer Oberspringer Art gesprochen, sie ließ sich nicht beirren.

Im Haus begann ein Gong zu tönen, Pitt erhob angenehm berührt den Kopf, Barbara sah ihn im gleichen Augenblick fragend an und spürte sogleich, daß er Heiner nicht einladen würde, wie sie gehofft hatte. Der Vetter war sonst gar nicht so unzugänglich. Sie wunderte sich halb, halb ahnte sie aber auch den Grund seiner Abneigung gegen Heiner. Sie streckte in hellster Liebenswürdigkeit, hinter der sie ihre leise Scham über Peters ichsüchtige Unfreundlichkeit verbarg, Heiner beide Hände entgegen und rief: »Auf Wiedersehn, Heinerle, grüß mir alle! Ich bin so froh, 193 dich zufällig gesehen zu haben. Du bist doch hier sicher nicht mit Absicht falsch gefahren.«

»Nein«, sagte Heiner und wußte nicht weiter. Er hatte ihre Hände kaum angefaßt. Sein Blick irrte immer wieder von ihr ab zu dem Vetter hinüber, der langsam dem Haus zuschritt, nachdem er ihm»Wiedersehn, grüß daheim« zugerufen hatte.

»Und weißt nichts mehr?« fragte Barbara still.

»Doch, Heinerle sollst du nicht zu mir sagen, das mag ich nicht. Und –« Er stockte.

»Was und?« fragte Barbara leise, fast ärgerlich.

»Ach, nichts – auf Wiedersehn also!« Er machte eine kurze Verbeugung zu ihr hin, das sah seltsam aus, weil er nur mit dem Kopf vorhackte. Barbara mußte ein Lachen unterdrücken, obschon es ihr vor Heimweh fast schlecht wurde. Sie irrte mit den Blicken hilflos zum Tor im Parkgitter und wußte genau, daß es verschlossen war, sonst wäre sie vielleicht in raschem Entschluß zu Heiner hinaus, aufs Motorrad gestiegen und heidi ab mit dem Burschen, der gar nicht wußte, wie man herrisch handelte und selbst einem Peter Boll Achtung abringen konnte.

So stotterte er seinen Abschied, beinahe wehleidig bocklig, sprang neben dem Rad her, und als es auflärmte, schwang er sich auf den Sitz, war im Augenblick wieder in der Hauptstraße und fort.

Barbara schritt still und verärgert dem Vetter nach. Ganz innen bohrte ein seltsames Gefühl, das weh tat, ohne eigentlich Schmerz zu sein.

Heiner erledigte rasch seine Aufträge, es konnte ihm nicht schnell genug gehen, und fuhr mit voller Fahrt wieder zurück, am Kurhaus vorbei, und gewann bald 194 die Höhe. Dort, im Mittagslicht der hellen, weiten Frühlingslandschaft, kam ihm erst recht das Erlebnis mit Barbara zum Bewußtsein. Er dachte alles noch einmal durch, sah sie vor sich, blasser und schmaler, als er sie im Gedächtnis behalten hatte, sah ihre feuchten, leuchtenden Augen, sah, wie sie die Hände so rasch und freudig zu ihm herausgestreckt hatte, ohne daß er auf den Gedanken gekommen, die Hände fest anzufassen, sie herzhaft zu küssen. Nein, das machen nur Kinoherren! Nein, nein – so nicht! Plötzlich konnte er nichts mehr denken, er mußte sich herumwerfen, das Gesicht auf den sonnenwarmen Wasen am Wegrand pressen und schluchzen, als müßte ihm der ganze Leib zerbrechen. Danach war er so erschöpft, daß er einschlief, wehrlos, traumlos.

Eine Regenhusche eilte über die Sonne und über ihn. Er wachte nicht auf, ein voller Sonnenkuß wärmte und trocknete ihn wieder. Große Waldklammern, braun-schwarze Ameisen huschten über seine Hände, und es weckte ihn nicht. Ein Buchfink stieg auf seine Schuhspitze und schmetterte kurz. Alles das weckte ihn nicht.

Erst als es gegen Abend ging, wachte er von der Kühle auf, war ganz wirr und steif und ganz kleinmütig. Er nahm sein Rad auf, es bockte zuerst ein wenig, danach kam es in Gang, und er fuhr gemächlich über die Höhen ins Lautertal hinüber. Es war schon spät, als er Oberspring erreichte. Dort stellte er etwas an. Er nahm sein Taschenmesser, an dem auch ein Glasschneider saß, vor dem Schaukasten des Photographen Rathgeb heraus und durchschnitt die Scheibe in breitem Rechteck, drückte sie ein und holte sich das Bildnis Barbaras heraus, das seit ein paar Wochen 195 schon ausgestellt war. Das Städtchen schlief oder spielte Karten am Stammtisch, niemand beobachtete den Dieb. Mit seiner Beute zog Heiner glücklich heim. Ihm war, als habe er sein dummes Benehmen Barbara gegenüber wieder gutgemacht. Daheim schützte er Kopfweh vor und machte, daß er in seine Stube kam, den Schatz zu bergen.

Er lachte am andern Abend verschmitzt, weil im »Blättle« stand, daß ein unverfrorener Diebstahl am Schaukasten des Lichtbildkünstlers Rathgeb begangen worden sei. Der Übeltäter müsse einer empfindlichen Strafe zugeführt werden.

Ho, die Nürnberger hängen keinen, sie hätten ihn denn, dachte Heiner!

In Oberspring aber wurde es für ein paar Tage Stadtgespräch, wer wohl das Bildnis der Barbara Bachroth habe stehlen können. Auf den Bauernburschen in Tiefenspring kam natürlich niemand.

 

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