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Heiner und Barbara

Hermann Eris Busse: Heiner und Barbara - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
booktitleHeiner und Barbara
authorHermann Eris Busse
year1936
firstpub1936
publisherPaul List
addressLeipzig
titleHeiner und Barbara
pages304
created20180205
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Tod greift ein

Zu der langen Fahrt durchs heimische Land kam es nicht zwischen Heiner und Barbara. Eines Morgens fuhr sie im großen Wagen des Vetters Pitt fort, denn beide hatten dasselbe Ziel: das Sanatorium des Freundes von Bachroth. Auch die Frau Schwalbe stieg, vornehm gekleidet, ihrem Wesen gemäß, im herbstlichen Schiefergrau eines neuen Kostüms in den Kraftwagen. Pitt führte das Steuer, neben ihm saß schlicht und rank Barbara, aufmerksam seiner Lenkung zuschauend und nur mit Fragen über Kraftwagen und Fahrtechnik an ihn beschäftigt. Die Doktorsfrau fand sich völlig vergessen, eine leise Eifersucht befiel sie; denn sie hatte eine Schwäche für Pitt, diesen abenteuerlichen Mann. Barbaras blondes Haar war dicht an den 174 schmalen Kopf gekämmt und lag in großen Wellen fest. Dies sollte nicht lange währen, bald mußte das lichte Gekräusel, das ihrem Haar eigen war, über die vom Friseur klassisch gebändigte Ruhe siegen, besonders nun, da sie ihre Mütze abnahm und die Luft durch die geöffneten Scheiben blies.

Pitt war schweigsam; es ging ihm nicht gut, in seinen Knien zuckte die Gicht, er mußte sich schon im Zuge haben, um die Fahrt zwischen Oberspring und Baden in kürzester Zeit schneidig zu bewältigen. Die junge Barbara äußerte dabei soviel sportliche Freude an seinem Können, daß er sie durchaus nicht Lügen strafen wollte.

Flüchtig hatte sie, als sie an der Säge des Danner vorüberbrausten, daran gedacht, schnell hinüberzueilen, den Leuten Lebewohl zu sagen; aber der Pitt fuhr sehr rasch das Tal hinunter, unaufhaltsam in die Ferne. Sie wollte nun von Baden aus dem Heiner einen Brief schreiben, vielleicht ihn bitten, sie einmal zu besuchen. Das fand sich alles.

Pitt sagte, als sie den Sägbauernhof schon weit hinter sich gelassen hatten: »Der junge Danner ist anscheinend ziemlich eingenommen von sich. Na, Millionär ist ja sein Vater nicht!«

Barbara sagte dagegen: »O nein, auf Geld ist der nicht stolz, bloß auf den Besitz. Er ist ja auch kein einfacher Junge, er weiß viel.«

Pitt schwieg eine Weile, meinte dann: »Mir ist ein einfacher Bauernbub, der schafft und nicht so viel weiß, lieber als ein Stehkragenbesitzer auf dem Acker.«

Barbara gab das für Heiner nicht zu: »Kann einer 175 wie der Heinrich Danner nicht Herr sein und trotzdem ein tüchtiger Mann in seinem Beruf?«

Pitt biß sich auf die Unterlippe, die sonst kraftvoll vorstand. Er nahm sich vor, nichts mehr gegen den Heiner zu sagen, die Barbara sah ja so in ihn hinein, daß sie wahrscheinlich kaum mehr herausfand. Schad um das Mädel! Er hoffte, der Aufenthalt in Baden würde ihr andere Augen geben und womöglich ein anderes Herzenserlebnis, obschon auch der Gedanke daran dem Pitt merkwürdig weh tat. Alles in allem, er gab es sich zu, während er eine große Kurve sauber ausfuhr, gab es sich hart zu – daß er dem Mädchen gut sei wie nie zuvor einer Frau. Doch dabei mußte es bleiben, er war ein ausgebrauchter Kerl, hatte Gicht im Bein und Sehnsucht nach Ruhe. Er mußte auch schaffen, seine Studien unter Dach und Fach bringen, Bücher schreiben; was tut er da mit einer Familie. Er war ganz voll Selbstverspottung, während er dies dachte.

Barbara schaute einmal in sein Gesicht; eine tiefe Falte teilte vom Nasenflügel bis unters Kinn die harte, sehnige Wange. An dem ist alles hart und fest, denkt Barbara. Er hatte auch noch feste, weiße Zähne, an denen der Zahnarzt wenig Geld verdiente. Er mußte Ernstes denken; denn er preßte die Lippen fest aufeinander. Die englische Kappe saß ihm tief im Nacken, doch sah Barbara, daß der Haaransatz überm rauhen, braun gegerbten Hals wie bei einem Bauern begann, dicht und struppig. Auch der Schläfenbart war bäuerlich. Der Großvater Danner trug diese Raupen auch noch. Die scharfe, gebogene Bollnase, auch die Bachroth hatten sie, gab dem Gesicht etwas Adlerhaftes. 176 Barbara fand, daß alles ausgeglichen zueinander paßte, auch die langen Finger an starken Handtellern. Pitt gefiel ihr gut.

Sie waren jetzt in Baden. Pitt stand im weiten, hellen Mantel neben ihr, groß und schlank, nur die kleine, laute, aufgeregt wippernde Frau Doktor Bachroth störte den großen Stil, in dem Barbara und Pitt gemeinsam erschienen. Das dachte der Geheimrat, der die breite Treppe herabkam, die Ankömmlinge zu begrüßen. Bachroth hatte ihm im Brief, der die Ankunft von Pitt und Barbara ankündigte, anbefohlen, die Barbara dienstlich streng zu halten, ihr aber auch genügend Freizeit zu lassen, dem Leben ein wenig ins leichtere Antlitz zu schauen, als dies an Krankenbetten möglich sei und möglich gewesen in der kleinen Stadt Oberspring, wo es außer Brunnengästen doch nur Engbürgerei in Reinkultur gäbe.

Demnach ließ der Geheimrat sogleich Barbara durch eine Schwester unbestimmten Alters, die mit langen, lautlosen Schritten neben Barbara herging, in ihr Zimmer führen und mit der Hausordnung vertraut machen, während Pitt in seine Zimmer vom Geheimrat selber geleitet wurde, wobei sie Frau Schwalbe umgurrte mit vielen schwärmerischen Redensarten über das reizende Haus, die fabelhafte Lage und die Lobeshymnen, die sie schon über die Führung des Heimes gehört habe. Der Geheimrat lieh ihr nur ein halbes höfliches Ohr, während er Peter Boll als Gast zu schätzen wußte, hoffte er doch auf manche Stunde frohen, erinnernden Austausches, denn auch er hatte früher an Schiffsfahrten und wissenschaftlichen Forschungsreisen teilgenommen. 177

Als Barbara ihre Stube sah, sie war freundlich eingerichtet, durchaus nicht unbehaglich, aber auch ohne Eigenwärme, überkam sie plötzlich das Gefühl grenzenloser Verlassenheit. Es war ein Glück, daß die Schwester Marta rasch verschwand, so konnte Barbara sich schütteln lassen vom Heimweh, das sie mit hinterlistiger Gewalt, ohne es vorher nur ahnen zu lassen, überfallen hatte. Es war gut für sie, daß sie am folgenden Morgen bereits der ausgefüllte Stundenplan einer Hilfskrankenpflegerin in seine strenge Obhut nahm und auch der Geheimrat mit keiner Miene verriet, daß er die junge Hilfe schon länger kannte als seit dem letzten Tage. Sie mußte mit zu den Krankenbesuchen an der Seite der stillen Marta und staunte über die merkwürdige Zusammensetzung der Gäste.

Abends todmüde in ihre Stube entlassen, sann sie den Tag durch und stellte mit leiser Empörung fest, daß die meisten Kranken an eingebildeten Krankheiten litten, nur den zähen Peter Boll hatte es anscheinend richtig gepackt. Der lag mit einem Fieberanfall gelb im Bett und fluchte in einer fremden Sprache. Er steckte ja voll fremder Sprachen! Der Geheimrat erkannte die Mundart als eine, die ihm auch geläufig war, und verarztete den ungebärdigen Weltfahrer in der Sprache eines innerafrikanischen Stammes. Das hörte sich für Barbara, die mit Schwester Marta dabei stand, schier gespenstisch an. Barbara war vor allem ängstlich berührt, weil sie der Kranke in ihrer Pflegerinnentracht nicht erkannte. Pitt hatte aber gar nicht zu den Schwestern hingeschaut.

Die Tage liefen hurtig dahin, sie forderten alle 178 Kraft der jungen Barbara, und der Geheimrat dachte vorerst auch gar nicht daran, die Jungschwester in das gesellschaftlich leichtere Leben der Kur- und Fremdenstadt einzuführen. Er hatte seine Erziehungsgrundsätze: erst mußte eines die Strenge und Bitternis der Fremde kosten, ehe die andere Seite schaubar wurde, und das beste Mittel gegen Heimweh ist ein todmüd geschaffter Körper. Das mußte Barbara wohl spüren. Sie konnte nicht an den Vater, nicht an Oberspring, nicht an Heiner denken, ohne schwere Füße und einen aufrührerischen Magen zu bekommen. An Heiner zu denken, bedrückte sie eher, als es sie traurig machte. Ohne Abschied, vollkommen feig hatte sie sich davongemacht und konnte nun auch nicht schreiben. Sie schob es auf allzu große Müdigkeit am Abend, daß ihr schon bei der Anrede Schwierigkeiten in den Weg kamen, und als sie es einmal darüber hinaus brachte, ließ ihr Hochmut es nicht zu, sich zu entschuldigen. Ihre Offenheit verwahrte sich aber auch dagegen, so zu tun, als wäre alles in Ordnung. Nun, da unterblieb das Schreiben! Täglich plagte sie die Unterlassung, täglich räumte sie diese mit Ausflüchten beiseite.

Im Tal war, wie der Vater schrieb, bei beginnendem Winter die Grippe ausgebrochen; er hatte viel zu tun und vermißte Barbara sehr, doch sollte sie unter allen Umständen bleiben, wo sie sei, und wenn seine Kranken es erlaubten, würde er sie besuchen. Barbara wußte genau, daß der Vater nicht gern aus dem Tal fortreiste und sie wohl lang warten mußte, bis er sein Versprechen einlöste. Er schrieb auch, daß Frau Schwalbe von der Grippe ernstlich aufs 179 Krankenlager geworfen sei, und er für eine tüchtige Pflegerin habe sorgen müssen. Das ging an Barbara vorüber wie nicht gesagt, so wenig dachte sie an die zweite Frau des Vaters, und sie fiel darum aus allen Wolken, als der Vater ihr drei Tage nach seinem ersten Brief mitteilte, die Frau sei an einer Herzlähmung verschieden.

Zur Beerdigung fuhren Pitt und Barbara nach Oberspring. Barbara hegte im stillen die Hoffnung, der Vater würde sagen: Ich meine, du bleibst jetzt bei mir. Als sie aber nach dem Begräbnis daheim eine stille Stunde für sich am Abend hatten, hielt es Bachroth für gut, daß Barbara anderntags wieder mit Pitt nach Baden fuhr, er war ja versorgt mit der Paula, der Wirtschafterin, die schon bei der ersten Frau Bachroth treu gedient hatte.

Barbara hatte wohl die Danners im Leichenzug gesehen. Pia Danner und Mariann, den Severin Danner und die Sina Runz, doch war es ihr nicht möglich gewesen, mit jemand von ihnen zu sprechen. Nachts wachte sie auf, sie glaubte, ein Motorrad vor dem Haus laufen zu hören. Sie lauschte, vernahm aber nichts mehr. Sie sprang aus dem Bett und spähte auf den mondbeschienenen Platz, doch war niemand drunten. Von weither brummte es freilich, als führe ein Motorrad das Tal hinab. Sicher ist es Heiner gewesen, dachte sie. Traurig legte sie sich wieder nieder. Gegen Mittag nahm sie Pitt, der seinen Fieberanfall leidlich überwunden hatte, in seinem leise summenden, mächtigen Wagen mit nach Baden.

Bachroth trug sein Geschick gelassen. Barbara hatte ihn nicht erschüttert gesehen, nur still war er und fast 180 versonnen. Es schien, als ließe die Heimgegangene keine Lücke zurück. Sie war wie eine gute Laune weniger Jahre aus dem Leben des Doktors geflogen, jung noch, unzerstört an Leib und Gesicht, sie hat, so dachte Bachroth still lächelnd bei sich, als er ihr von einem heimischen Maler gut erfaßtes Bildnis sah, nicht die tägliche Tragödie aller eitlen Frauen erleben müssen, das Alter um Schläfen und Mundwinkel schleichen zu sehen. Engelhaft schön und kummerlos hatte sie als Tote dagelegen, wie ein Liebling Gottes in ihrer leiblichen Glätte und geistigen Einfalt.

Dieses Lächeln war das letzte, das Bachroth der Frau schenkte; denn tags darauf wurde er zum Sterbebett eines jungen Menschen gerufen, eines Sportlehrers, der ihr Tennispartner gewesen. Und er erfuhr, daß der Freund seiner Frau dies Leben ohne sie nicht mehr zu ertragen vermochte. Es gab also, so dachte Bachroth erschüttert und traurig wie ein Gekränkter, es gab also einen Menschen, der ohne sie nicht mehr die Lust zum Dasein hatte, und er, Bachroth, hatte eigentlich gleichgültig das Höchste eines anderen besessen. Das warf ihn innen ganz durcheinander. Es war ein Glück, daß er mehrere schwere Fälle zu behandeln hatte; er mußte da ringender Arzt sein, Tröster und Helfer. Doch schien sein Arztglück auch gebrochen, die Leidenden starben ihm unter den Händen weg. Er wurde fast schwermütig vor Sorge und Einsamkeit. Barbara jedoch erfuhr nichts davon. Mag sein, daß dem Doktor äußerlich niemand etwas anmerkte, die Sina Runz ausgenommen. 181

 

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