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Heiner und Barbara

Hermann Eris Busse: Heiner und Barbara - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
booktitleHeiner und Barbara
authorHermann Eris Busse
year1936
firstpub1936
publisherPaul List
addressLeipzig
titleHeiner und Barbara
pages304
created20180205
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Spiel und Ernst

Das Leben im Hof ging seinen geregelten Gang, und es war, als schlösse sich die Lücke, die Pia gelassen, fugenlos. Mariann meisterte den Alltag genau wie die Mutter, nur mit mehr Nachdruck und Selbstgefälligkeit im Befehlen und hastigen Übereifer bei der Aufsicht über die Mägde und die Vorräte. Manchmal dachte der Vater schmunzelnd: Na, unter der ihrer Fuchtel ist nicht so einfach Meister sein wie unter der Fuchtel der Pia. Was Pia mit sanfter Zähigkeit ihrem Willen gefügig machte, suchte Mariann mit heftigem Handeln zu erreichen. Sie vergrämte leicht die Leute, wo sie Pia durch ihr Beispiel und ihre Würde überzeugt hatte.

Mariann war noch jung und herrisch, ohne Herrin durch Reife zu sein. Es gab mancherlei Wortwechsel in Küche und Stube, Pia war ohne das ausgekommen. Auch mit Heiner verfuhr Mariann nicht glimpflich, wenn er ihr zu spät zum Essen kam oder abends noch einmal vom Hof fuhr, um spät in der Nacht erst heimzukehren. Heiner lachte sie aus, das ertrug sie dann freilich schlecht.

Der Danner schmunzelte nur, wenn sich Mariann so ausdrucksvoll in ihrer Schlüsselgewalt betätigte. Die wurde recht für den Hurst, den viel zu altgescheiten Hoferben in Helgenzell. Die brachte neuen Geist in den mächtigen Hof.

Der Daniel kam dann und wann herüber, aber er fuhr stets ein wenig ab bei Mariann. Sie war abends zappelig, müde und fühlte sich unwillkürlich dem bäuerlichen Wollen des zielbewußten Burschen nicht 162 gewachsen. Man erzählte sich nicht von ungefähr im Lautertal, daß die Helgenzeller niemals eine Katze im Sack gekauft hätten, sondern für Erben gesorgt, ehe die Hochzeit gefeiert war. Davon wußte Mariann natürlich auch. Es war ihr aus diesem Grund recht, daß sich Niklaus gleichfalls abends einfand und daß dem Helgenzeller auf diese Art vorgeführt wurde, wie die Dannertochter an jeder Hand einen Freier haben konnte und es nicht nötig hatte, bei einem Gescheiten die Probe zu bestehen.

Der Helmut gedieh von Tag zu Tag besser. Mariann hegte ihn liebreich und inbrünstig, wenn sie allein mit ihm war. Nun hatte auch Heiner öfters Gelegenheit, den kleinen Zappelmann ohne Zeugen zu besichtigen und ihn mit allerlei Faxen zum Lachen zu bringen. Es war nun kühl in der Schlafkammer, die Herbstnebel krochen über das Bett der Lauter und verhängten Halden und Hänge. Daher stand der Wagen des Kindes viel in der warmen Stube, und auch der Danner fand stille, heimliche Minuten, wo ihm der Kleine zum glücklichen Spielzeug wurde und ihn mit seinen lichten Sternenaugen anblickte, daß es ihm durch und durch ging. So wurde das Kind während der Abwesenheit der Dannerin zum Pol aller seligen Gesichter im Haus Danner, ja es schien allen, Knecht und Magd gehörten auch dazu, als könnten sie vor dem reinen, strahlenden Lächeln des Kindes nicht bestehen, wenn sie Schlechtes tagsüber getan hätten, wider das ferne, wachsame Wesen der Hofbäuerin gehandelt hätten. Das kleine Kind hatte die Macht im Haus, die Macht des Guten in seine winzigen, festen Fäuste genommen wie an silbernem Zügel. 163

Barbara Bachroth kam sonntags herunter aus Oberspring und sah sich das wachsende Büblein mit stillem Staunen an, ließ sich von Mariann erzählen, was alles auf ihr laste und wie es ihr trotzdem von der Hand ginge, daß wohl niemand beweisen könne, daß die Mutter zuviel Vertrauen auf sie gesetzt habe.

Barbara hörte fast gelangweilt zu. Es gefiel ihr nicht, wenn sich eines so brüstete.

Heiner blieb draußen im Schopf und fummelte am Rad herum. Er wartete darauf, daß Barbara sagte: Nun, wann wollen wir die große Fahrt machen? Beim Abschied sagte sie aber nur, ohne ihn zu bitten, sie nach Oberspring zu bringen: »Das Neueste ist, daß heute abend der Vetter Boll kommt. Ich muß jetzt schnell heim.«

Da machte er das Rad rasch fertig, und sie konnte nicht anders als aufsteigen; aber es fuhr nur eine kurze Strecke und blieb dann eigensinnig stehen, kein Schalten und kein Treten half, es blieb dabei, nicht gehen zu wollen. Da machte sich Barbara, halb mitleidig mit Heiner, halb schadenfroh, allein auf den Heimweg.

 

Endlich war der Pitt da, und man konnte ihn ausführlich besichtigen. An einem Sonntagmittag kam er mit Bachroth und in Begleitung Barbaras herunter in die Dannersäge. Der Danner schüttelte in Gedanken den Kopf, wenn er den Kameraden ansah. Der große, straffe Mann wie vor sieben Jahren stand nicht mehr vor ihnen.

Ja, konnten sie denn so vergessen, daß sieben Jahre eine lange Zeit sind und den Menschen nicht jünger 164 machen? Zu Severin sagte Pitt, ihm die lange, knochige Hand auf die Schulter legend: »Junge, du bist aber noch der gleiche, werdet ihr denn nicht älter hier in der Heimat? Na, mich hat eben das Fieber zu scharf angepackt zuletzt. Weiß, daß ihr das Maul nicht zubringt vor Verwunderung, wie klapprig der Pitt geworden ist, während ihr noch für Nachwuchs sorgt wie Junge. Zeigt mir mal das neue Dannergewächs her.«

Barbara ging mit Mariann in die Kammer, den Helmut zu holen. Als er den Fremden sah, brüllte er so jämmerlich, daß ihn Mariann mit Lachen wieder in die Einsamkeit seines Wiegenbettes brachte. 165

Alle, die den Pitt schon lange kannten, fanden, er sei außergewöhnlich still und ernst.

Heiner kam für eine Weile in die Stube, schön hergerichtet in einem seiner neuen Anzüge, die hellen Haare mit Wasser straff gestrählt, weil er Locken nicht leiden konnte, seine Haare aber die Neigung hatten, sich leicht zu wellen. Barbara hätte es gern gelockter und freier gesehen, aber sie sagte nichts, der Bub war mit seinen strengen Ansichten so eigen. Er stellte sich bei der Begrüßung ziemlich ungewandt an, und Barbara regte sich ein wenig darüber auf. Neben dem sorgsam gepflegten Vetter Pitt, wie sie ihn nennen mußte, das Wort Onkel konnte Pitt nicht leiden, erschien Heiner wahrhaftig wie ein linkischer Bauernbub aus dem hintersten Zinken der wilden Lauter. Das ärgerte sie, und sie reichte daher Heiner nur leicht die Hand, wie einem nebensächlichen Bekannten. Still, mit schmal gepreßtem Mund setzte sich Heiner in den Ofenwinkel neben seine Schwester Mariann. Pitt und die Männer mit Barbara saßen am Tisch. Mariann und die Magd hatten Speck, Schwarzbrot und Wein aufgetischt. Der Pitt wehrte sich gegen jeglichen Aufwand mit Geschirr und besonderem Tischzeug. So schnitten sie den festgeräucherten, rosazarten Speck auf den alltäglichen Buchenbrettchen, brachen das würzige Brot dazu, in das die Dannerin gern ein wenig Koreander statt des üblichen Kümmelgewürzes buk. Der Koreander gab dem Brot einen eigentümlichen, ja einen vornehmen Geschmack. Der Pitt wußte das nicht genug zu rühmen und erzählte von allen Broten der Welt, die er gekostet und auch hatte backen sehen. Dabei liefen seine hellen, merkwürdig leuchtenden Augen 166 über die Gesichter, sie auszuforschen, als trüge jedes ein Geheimnis.

So erwischte er auch einen sonderbaren, selbstvergessenen Blick Heiners und sah, daß Barbara das Ziel war. Barbara gab den Blick zurück. Oha, dachte er, immer weiter erzählend, die beiden haben etwas miteinander, das in ihnen kämpft. Der Blickwechsel war nicht scheu, auch nicht zärtlich, es war wie ein Gegeneinander, das doch nicht voneinander lassen konnte. Pitt legte den langen, schweren Arm auf Barbaras Schultern und schob ihr einen Reiter, eine schmale Schnitte mit Brot und Speck, in den Mund. Er linste blitzschnell zu Heiner hinüber und stellte befriedigt fest, daß dessen Ohren glühten und er nicht wußte, wohin er schauen sollte. Warte, Alterchen, dachte der Schalksnarr bei sich, dir werden wir nicht Brücken bauen zu der Arzttochter, die ist nichts für dich. Er wunderte sich, daß Roman immer wieder den Burschen ins Gespräch zog.

Severin Danner war nicht ganz bei der Sache. Am folgenden Tage sollte die Pia zurückkommen und das Regiment wieder aufnehmen, wahrscheinlich so, als ob sie sich in Straßburg verdoppelt hätte. Sie hatte es also nicht länger als zwei Wochen ausgehalten. Er freute sich einesteils, daß sie wiederkam; denn es hatte ihm in der Zeit viel gefehlt, vor allem die Aussprache in der Abendstube, die ruhige Stimme der Frau, die Fürsorge in den kleinen Dingen des Werktags, mit denen Männer so schlecht zu Streich kommen. Das fing doch schon damit an, daß er nicht wußte, welche Wäsche, welche Schuhe er anlegen sollte, die 167 Schreine nicht kannte, in denen das alles verwahrt wurde. Bis zum Rasierzeug hatte ihm die Frau doch alles in die Hände gegeben, und Mariann ahnte nicht, wieviel einem so verwöhnten Mann fehlen konnte. Im Kampf mit solchen einfachen Sachen wurde mancher Mann mürb, dem die Frau nicht so tief das A und O des Lebens bedeutete wie dem Danner, selbst wenn er der jungen Magd, wo es sich gab, ein wenig näher geriet, als das schicklich war. Das lag im Dannerschen Blut, die Seele hatte glücklicher Weise keinen Teil daran. Aber dieses Blut war schuld daran, daß Severin nicht ganz wohl in der Haut steckte, wenn er von der Pia in einer stillen Feierabendminute bis auf den Grund des Herzens angesehen, und er gezwungen sein würde, zwar obenhin, aber doch sehr reuevoll zu bekennen: Na ja, 's ist blöd, ich weiß es, aber es ist nichts passiert, was eines Tages die Spatzen vom Dach pfeifen könnten. Gelegenheit macht halt Diebe. Ja, so könnte er sagen und hätte wahrhaftig nichts verschwiegen.

Der Wein, sie tranken einen letztjährigen, schönen vollen Klingelberger, wirkte schon bei den Gästen, und die Männer gerieten bald in lautes Gelächter. Barbara schlüpfte unterm Arm des Vetters weg, ohne daß der es gewahr wurde, und ging hinaus. Heiner trottete ihr nicht lang darauf nach und fand sie im Grasgarten, wo sie sich an späten Herbstpflaumen, die zum Brennen bestimmt waren, aber zuckersüß schmeckten, gütlich tat. Heiner trat hinzu, griff auch in die Äste und aß von den Früchten. Sie wußten jedoch nichts miteinander zu reden. Schließlich ging Barbara hastig auf Heiner 168 los, langte mit gespreizten Fingern in sein Haar und sagte herrisch: »Strähl dich doch nicht so wüst; ich glaub gar, du klebst die Strähnen mit Nußöl fest.«

»Will kein Lockenaff sein wie ein Ladendiener«, war die kurze Antwort Heiners. 169

Barbara nahm die Hand nicht aus seinem Haar, sie näherte ihr Gesicht mit einem schreckenden »Huh« dem seinen und wandelte es auf einmal in ein lächelndes Antlitz, sagte ganz leise, ihre Augen dicht vor seinen Augen: »Wenn ich dich aber lieber als Lockenkopf mag?«

Heiner starrte sie zuerst an, dann aber wandelte auch er sich und lachte leuchtend: »Habt ihr immer Ideen! Ihr wollt aus allen Menschen Leut machen wie im Modeheft, gedrechselt vom Kopf bis zu den Füßen und immer wie aus dem Schächtele, als ob man beim schweren Schaffen weiße Händ und einen kerzengeraden Scheitel brauchen könnt. Und Locken auch noch.«

»Na, einen kerzengeraden Scheitel hab' ich an dir noch nie gesehen«, meinte Bärbel, zog ihren Kamm aus der Tasche und machte sich daran, ihm links einen kerzengeraden Scheitel zu ziehen. Das mißlang. Sie versuchte es rechts. Es mißlang ebenfalls. Sie schimpfte lustig und ungeduldig vor sich hin, und Heiner hielt wortlos lächelnd still.

Sie merkten es im Eifer nicht, daß Mariann in den Grasgarten gekommen war und ihnen schon lange hinter einem Apfelbaum hervor zuschaute. Guck einmal, die Bärbel, die ist ja auf dem Mannsfang, dachte Mariann und wußte im Augenblick nicht, sollte sie sich bemerkbar machen oder die heimliche Zuschauerin spielen. Schließlich ertrug sie es nicht, mehr zu sehen, trat ohne Hast hinter dem Baum vor und rief, sich zu ein paar am Boden liegenden Bohnäpfeln niederbückend: »Das ist alles umsonst, vergebene Liebesmüh, Barbara, der Heiner hat doch den Kopf voller Wirbel.« 170

Die beiden erschraken heftig, rot schoß es ihnen ins Gesicht, aber sie lachten danach und atmeten heimlich auf. Das Spiel war so aus, keines von ihnen hätte weiter gewußt, wenn nicht Mariann aufgetreten wäre.

Heiner sagte dann sachlich, indem er derb ordnend über sein Haar strich: »Ich muß jetzt leider auf die Säge«, und verabschiedete sich höflicher als sonst.

Barbara half Mariann Obst auflesen, die letzte vor Überreife abgefallene Frucht des Jahres. Dann gingen sie noch selbander in den Blumengarten der Dannerin. Die ganze Pracht der Astern blühte noch, ein paar dunkle Rosen, Kissen voller nachtblauer Stiefmütterchen, eine Schar leuchtender Zinnien, blauer, aufgeschossener Rittersporn und zwischen den Stachelbeerbüschen Veilchen mit starkem Duft.

Auch Barbara bückte sich und zog Unkraut heraus. Wie Freundinnen unterhielten sie sich jetzt und halfen einander. Die Bienen orgelten noch über den kleinen Sonnenblumen, hingen an den unscheinbaren Reseden, die Barbara über alles liebte. Sie trugen den letzten süßen Sog, den letzten duftenden Staub des Jahres in ihr Immenheim.

»Wie die noch fleißig sind«, sagte Barbara und blies ein verflogenes, überlastetes Bienchen zart von ihrer Hand.

Mariann dachte an die mächtigen altertümlichen Bienenkörbe, die im Helgenzeller Hof an der südlichen Hauswand auf dem Holzbord standen.

Barbara lehnte bei den Kapuzinern am Hag, einzelne Blüten glühten noch in feurigem Gelbrot. Vom Gartenhag aus konnte sie weit das Tal hinabschauen, 171 andere Höfe saßen oft eingeschmiegt hoch droben an den Hängen, stolzes Eigentum alter Bauerngeschlechter. Kleine Gütchen klebten wie verschwiegene Nester an der Steilhalde, bewohnt von bitterarmen Leuten. Barbara kannte die Stuben und Kammern der Armen so gut wie die der Reichen. Doktor Bachroth machte keine Rechnungen für die armen Taglöhner, wenn sie im Stall nur eine Geiß hatten, für die sie kaum das Futter aufbringen konnten. Und er ließ einen reichen Kranken ruhig warten, wenn sich eine arme Seele in den kleinen dumpfen Kammern mit dem Tod abquälte. Dafür war Doktor Bachroth bekannt und der Fürsprache im Gebet gewiß. Dieser Fürsprache nach hätte der Vater die oberste Sprosse in der Himmelsleiter zu beanspruchen, sann Barbara, während sie beobachtete, wie aus den Kaminen oder den Rauchlöchern zarter Dunst in den reinen, von der sinkenden Sonne verklärten Himmel stieg.

Ihre Brust plagte sie mit seltsamer Enge oder mit zuviel Fülle, Barbara wußte nicht, woher das kam. Es war wie Angst und Glück in ihr und dann wie ein Heimweh.

Sie wandte sich der Mariann zu, die in den Beeten häckelte. Morgen kam die Mutter, da sollte auch der Garten gut aussehen.

»Ihr habt eine gute, schöne Mutter«, sagte Barbara in das Schweigen. Marianne hielt nicht inne im Häckeln. Etwas in der Stimme der Barbara klang auch für sie werbend, so als suche die Arzttochter die Güte der Bauerntochter. Es kam ihr ein, welch großes Leid es für alle gewesen wäre, wenn die Mutter siech geworden und gestorben wäre. Daher meinte sie 172 schlicht: »Ja, ohne sie wüßten wir alle nicht wie wir leben sollten.«

»Ach, leben schon«, sagte Barbara langsam, »leben schon, ich leb ja auch als Halbwaise. Aber da kommen Stunden, und man hätt' gern etwas gefragt, was man niemand sonst fragen kann. Oh, vielleicht hätte man gar nicht fragen brauchen. Mütter hören ja das Gras wachsen. Aber – – –« Barbara schluckte und sagte danach laut: »Man wär halt nicht immer so allein.«

Mariann sah nicht zu ihr hin, gottlob, trotzdem wußte sie, der sprangen die Tränen aus den Augen. Das war ein ganz armes Ding.

In diesem Augenblick rief der Doktor nach Barbara. Sie fuhr sich mit dem Handrücken rasch über die Augen, lachte kurz und scheu zu Mariann hinüber.

»Ich weiß nicht«, suchte sie eine Ablenkung, »ich weiß nicht, der Blumenduft hier und der warme Herbst, das macht einen ganz dubedänzig, da wird man heulig wie ein Backfisch oder eine alte Jungfer. Dazu haben wir kein Talent, gelt Mariann?«

»Nein, bi Gott nit«, seufzte die, »aber mir geht's auch manchmal so. Man möcht 'naus, wo kein Loch ist, und drinn bleiben, wo kein Platz ist. Es hat halt jedes sein Binkele zu tragen.«

So redeten sie sich tröstsam die gerührte Stunde aus dem Gemüt gleich reifen Frauen, die vom Leben schon alle gerechten und ungerechten Wahrheiten erfahren hatten. Bei Mariann wirkte die eingestandene Verlassenheit der Barbara Bachroth doch so tief nach, daß sie sich vornahm, der Mutter künftig alles an 173 den Augen abzulesen, was sie nur konnte, und schob den leisen Unmut beiseite, der sie seit ein paar Tagen beherrscht hatte, so oft sie daran dachte, das Regiment wieder in die Hände der Sägbäuerin zurücklegen zu müssen. Sie hatte sich sogar Forderungen an die Mutter zurecht gelegt: das Geflügel wollte sie weiterhin ganz selbständig unter sich haben und die Vorräte; aber davon ging sie jetzt ab, warum hatte sie sich je einbilden können, so tüchtig wie die Mutter zu sein und so sicher in allen Dingen, die den Vater angingen. So hurrte und burrte sie, als die Gäste fortgegangen, auch der Danner war mit ihnen in den »Sternen« gezogen, im Haus herum, rüstete alles in ernster Freude zum Empfang der Heimkehrenden.

 

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