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Heiner und Barbara

Hermann Eris Busse: Heiner und Barbara - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
booktitleHeiner und Barbara
authorHermann Eris Busse
year1936
firstpub1936
publisherPaul List
addressLeipzig
titleHeiner und Barbara
pages304
created20180205
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Das kranke Kind

An einem Sonntagmittag rief der Danner den Doktor Bachroth an, der Helmut habe Fieber. Es werden wohl die Masern sein, meinte Pia, aber der Doktor soll doch herabkommen in die Säge, damit man weiß, was mit dem kleinen Kerl los ist. Bachroth versprach, sogleich zu kommen. Es wird wohl so sein, wie die Pia sagt.

Das Kind hatte schon die ganze Nacht gewimmert, und am Morgen durchlief die Kunde von seinem Fieber das ganze Haus. Der Heiner und die Mariann hatten auch die Kinderkrankheiten bekommen, aber soviel Wesens war nicht um sie gemacht worden. Lindenblütentee und ein fester Wickel als Allheilmittel wirkten stets Wunder. Bei Helmut verließ sogar Pia die ihr eigene mütterliche Sicherheit. Sie durfte nur die Angst nicht zeigen, die bei der kleinsten Krächzerei des Buben sie erbeben machte, die Angst, ihn wieder hergeben zu müssen. Alle im Haus bis zum Vinzenz bewegte das Wohl und Wehe des jüngsten Danner tief. Es schien, als wäre mit dem Kind ein zarterer Geist in das sonst derbkräftige Heimwesen eingezogen, als gingen alle in den groben Arbeitsschuhen leiser, als fielen weniger heftige und rauhe Worte. 130

Mariann wich nicht vom Wiegenbett des Kleinen. Tränen liefen ihr übers Gesicht, wenn sie die glühenden Bäckchen des kranken Kindes berührte. Sogar Heiner kam herein und steckte seinen Finger in das Fäustchen und sagte: »Ach, du armes Brüderle«, und bekam es mit der Angst zu tun, als die kleine Hand nicht wie sonst den Finger fest umschloß, sondern matt zitterte.

»Jesses«, sagte er zur Schwester, »wenn nur der Doktor bald kommt!«

Sie aßen alle ohne Freude zu Mittag, sie sprachen nur zögernd dem Wein zu. Pia Danner fragte immer wieder: »Er kann sich doch nicht verkühlt oder etwas Unrechtes bekommen haben!«

Und Mariann wehrte dann: »Wir haben doch so achtgegeben, auch beim Baden.«

Das ging so hin und her, immer wieder im Beben, bis der Danner aufstand und unwirsch mahnte: »Jetzt machet doch nit aus einer Muck en Elefant, der Kerle wird Backenzähn kriegen.«

Er verließ die Stube. Von den Völkern ging keines vom Hof, ehe der Doktor nicht dagewesen. Sie saßen in der Altweibersonne draußen auf dem Holzplatz, die Männer in weißen Hemdsärmeln.

Der Bachroth kam mit seiner Tochter Barbara angefahren. Ja natürlich, sie konnte doch nicht daheim bleiben, wenn ihr Patenkind krank war. Der Doktor gebot Heiner auszuspannen: »Wir können ein wenig bleiben, Danner, wenn's recht ist, ich hab' sonst nichts vor.«

Bachroth mußte dann bleiben; denn es stand schlimm mit dem Kleinen. Der Arzt stellte Lungenentzündung 131 fest. Obschon er obenhin sprach, das wird schon wieder werden, kannten ihn die Danners doch viel zu gut, um nicht zu spüren, daß es nun hart auf hart ging, weil der Tod an die Tür pochte, das junge Leben auszulöschen.

Als der Dannergroßvater die erste Kunde vernahm, Mariann war zu ihm hinübergelaufen, tränenüberströmt, da rief er laut mit seiner noch hart tönenden Greisenstimme, daß es die draußen auf dem Holzplatz hörten: »Jesses, Jesses, könnt jetzt nit ich sterben für das junge Blut!«

Das sagte der Großvater, der so zäh am Leben hing wie ein Junger, der Großvater, der jüngst zur Mariann geäußert hatte: »Eure Kinder möcht ich noch sehen, Deinen Buben, einen jungen Hurst, und einen jungen Danner.«

Der Großvater hatte Hurst gesagt! Das war Mariann wie ein Stich durch und durch gegangen. Die rechneten also mit dem Hurst?

Der Großvater zog schnell seinen Rock über die rote Weste an und schritt an Marianns Seite schier kraftvoll ins Haus hinüber. Er sagte zur Enkelin: »Wir dürfen uns nicht allein auf den Doktor verlassen. Es gibt noch andere Mittel, von denen die modernen Dökter nichts wissen wollen. Wenn der Schaufler noch leben tät im Bühlertal, der müßt mir her, der hat mit der Sympathie Tote wieder lebendig gemacht.«

»Ach, Großvater, das ist doch alles Schwindel, das Kurpfuschen.«

»Halt's Maul, Schneegans, der Schaufler hat mehr können als hundert Studierte. Der hat den Leuten nur in die Augen geschaut und auf den Tupfen 132 ihre Queschtione (Gebresten) gewußt. Und hat Mittel dagegen gehabt und eine Kraft in seinem Wesen. Es hat jeder glauben müssen, der Schaufler macht mich gesund.«

Der alte Danner konnte sowieso den alten Bachroth nicht leiden. Er hatte einmal mit dem Vater Bachroths schweren Händel gehabt wegen der Ursula Geltrich aus dem hinteren Tal, er hatte gemeint, eine Geltrich wäre just für den Danner gewachsen. Der Bachroth hat aufgetrumpft: Nein, die wird alle zehn Finger nach einem Bachroth strecken. Die Ursula Geltrich ist aber bei einem Witwer Geltrich mit Geld zu Geld als Ehefrau eingezogen. Der Bachroth hat behauptet, sie sei nach einer Kirchweih dem Veltlin Geltrich nicht streng genug entgegengetreten. Aus einem Muß wurde die stolze Ursel in die Ehe mit dem Hofbauern Geltrich getrieben. Florian Danner glaubte die Ehe der Ursula reinigen zu müssen, indem er einen unaustilgbaren Haß auf den bösen Bachroth warf, der noch tiefgehender wurde, als sich die beiden abermals als Freier auf dem Hof der bald verwitweten Ursula trafen. Danner trug den Sieg davon. Die Witwe Geltrich ging als glückliche Frau in die Dannersäge, als Herrin, und überließ den Geltrichhof allein dem Hoferben, dem erwachsenen Sohn Geltrichs aus erster Ehe. Sie selbst brachte dem Danner, der mittlerweile den Vierzig entgegenging, ein Mädchen zu, das nicht alt wurde. Sie gebar ihm dann Severin, den Erben.

Bachroths und Geltrichs waren seit langem miteinander versippt. Geltrichs mit Danners desgleichen. Viele Ringe griffen ineinander, viel Verwandtes ging 133 von Blut zu Blut. Obgleich die Bachroth, die Bachroder, die Bachreuter, Bachreiter sich in Bauern und Städter trennten, wie sich die Geltrich nach einer alten, sagenhaften Überlieferung in die bäuerlichen Erdrich, die Erdreichs und die stadtliebenden Geltrichs, die Geldreichs, zu denen sich die Boll gesellten, getrennt hatten, war den Gliedern in den Städten mancherlei triebhaftes Bauerntum erhalten geblieben. Bartlin Bachroth, der Vater Roman Bachroths war Vieh- und Menschendoktor gewesen, geblieben im Rahmen der Heimat. Roman war Kur- und Landarzt geworden. Viele Bachroth und einige Boll, die männliche Linie starb aus, waren in den Arztberuf gegangen. Einer von ihnen, der Vetter Peter Boll, ein Schiffsarzt und Weltfahrer, ein Forschungsreisender und Abenteurer, hatte erst jüngst geschrieben, er sei von Tiflis aus unterwegs nach Deutschland. Das Heimweh habe ihn wieder einmal gepackt.

Der Dannergroßvater mochte auch den Roman Bachroth nicht leiden. Er traute ihm nicht viel ärztliches Können zu, obschon er über den trefflichen Arzt nur Gutes vernommen hatte; das ging ihm gegen den Strich. Er haspelte sich jetzt förmlich die Stiegen außen am Haus hinauf, um an das Bettchen des Enkels zu kommen. Es mußte andere Mittel geben, dem Buben zu helfen. Die studierten Dökter konnten nur schneiden und Rezepte schreiben für den Apotheker. Doch als er vor dem kranken Kinde stand und in das glühende Gesichtle starrte, erkannte er selbst, daß dem Helmut nur ein Wunder helfen würde, weder der Schaufler noch der Bachroth. Er murmelte vor sich hin. Selbstgespräch oder Gebet, niemand verstand ihn, 134 kauerte sich dann zuhinterst in den Ofenwinkel der Kammer und redete mit niemand mehr.

Am Tisch in der Stube saßen der Doktor und die Barbara, der Heiner und der Severin. Zuweilen kamen Mariann oder die Dannerin aus der Kammer kurz herein, wo sie Wache hielten.

Sie tranken Kaffee, danach einen Schoppen Wein und redeten gedämpft miteinander. Barbara und Heiner gingen einmal ums Haus und blieben eine Weile im Grasgarten stehen. Sie wußten nichts miteinander anzufangen, sie sprachen zwar viel über alles Mögliche, wie aufgeregte Leute es gerne tun. Barbara schlug schließlich vor, eine kleine Fahrt zu machen. Sie könnten doch nichts helfen, der kleine Helmut müsse die schwere Krankheit ganz allein durchringen. Der Vater habe nicht viel Hoffnung.

Doch Heiner wehrte ab: »Nein, ich geh jetzt nicht vom Hof.«

Barbara gab ihm recht.

Sie kehrten wieder in die Stube zurück.

Bachroth brach schließlich in der Dämmerung mit ihr auf. Der Heiner sollte sich nur mit dem Rad in Bereitschaft halten, notfalls konnte er dann den Doktor rasch abholen, wenn es mit dem Kleinen schlimmer würde.

Sie fuhren langsam aus Tiefenspring. Ein stiller, traumverlorener Herbstabend florte mit zartem Nebelsteigen das Land ein. Bachroth war ungewöhnlich ernst. Es ist hart, keinen Sohn zu haben, sann er, härter aber, einen zu haben und ihn verlieren zu müssen. Das Kind ist nicht stark. Die Danners sind eigentlich alle keine Athleten. Es nahm ihn wunder, 135 daß sie trotzdem keinen Siechen hatten. Der Severin sah kraftvoll aus, doch der Arzt wußte mehr. Sie waren voller Willenskraft und Zähigkeit, alle Danner. Das besiegte nahe Gefahr ihrer nicht ganz felsenfesten Gesundheit. An den Heiner durfte auch nichts Schweres kommen, so warf es ihn tüchtig nieder.

Wie stark war seine Barbara dagegen! Sie hielt jetzt die Zügel, er durfte sinnen. Ob die beiden, Heiner und Barbara, wirklich etwas miteinander hatten? Ob sie an später dachten? Barbara sollte eine Bäuerin geben? Er sann nach, wie das sein mochte, dachte alle Arbeiten einer Dannerin durch, ließ sie Barbara verrichten. Er sah in Gedanken die beiden: Heiner schaffte auf der Säge, ging in den Wald und bestimmte die Arbeit, er herbstete, mähte und säte, er handelte und rechnete. Es war anders als früher. Die Lücke in der Lebensanschauung zwischen der ländlichen Arzttochter und dem Bauernsohn war nicht mehr so groß wie ehedem. Die Jugend wuchs anders auf.

 

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