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Heiner und Barbara

Hermann Eris Busse: Heiner und Barbara - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
booktitleHeiner und Barbara
authorHermann Eris Busse
year1936
firstpub1936
publisherPaul List
addressLeipzig
titleHeiner und Barbara
pages304
created20180205
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Junge Leidenschaft

Die Tage der frohen Fülle gingen vorüber, langsam legte sich die Erregung der mit vollen Fässern beglückten Weinbauern. Der Neue stürmte in den Kellern und geisterte wie ein Heer von Gespenstern, 120 blies Lichter aus, mit denen vorsichtige Männer in den Keller gingen.

Der Suser hatte auch vielen Städtern zu schaffen gemacht, ein paar Sonntage lang. Im Tal erwiesen sich alle Wirtsstuben als zu eng. Im »Goldenen Sternen« ging es toll zu. Um endlich Feierabend zu bekommen, mußten die drei währschaften Geschwister meistens die seßhaftesten Gäste die Staffel mit höflicher Gewalt hinabgeleiten. Die Sina hielt die ganze Zeit Seifenbrühe in Bereitschaft, um allerlei Spuren der gärenden Geister den Garaus zu machen.

Soviel auch von dem jungen Most getrunken wurde und soviel Fässer voll von neuem Süßen, mit Sträußchen geziert, auch aus dem Tal in die Städte weithin geführt wurden, die Rebbauern hatten doch Sorge um den rechten Absatz. Zwei gute Weinjahre hintereinander waren selten, fast taten sie einander weh. Der alte Danner mußte sich ein Faß lehnen vom Sohn, er kam ins Greisenkichern vor Wonne über seinen unerwarteten Reichtum. Er wurde überhaupt merkwürdig tappelig in letzter Zeit. Pia beobachtete es am ersten. Der Vater verleerte die Suppe beim Löffeln und war doch vorher so peinlich auf ein sauberes Brusttuch bedacht gewesen. Pia sah aufmerksamer nach dem Rechten bei ihm. Der Severin brauchte es nicht gleich zu merken, daß es mit dem Vater bergab ging.

An einem Spätnachmittag mußten sie sogar einen kleinen Brand löschen, der in des Vaters Stube aus herausgefallener Pfeifenglut entstanden war. Der war über dem Schmauchen eingenickt. Hätte nicht der Bari, der oft beim Großvater im Ofenwinkel seine 121 alten Knochen wärmte, mit wuchtiger Stimme gebellt und gejault, der Florian Danner wäre wohl bei lebendigem Leib verbrannt. Fortan hieß es auf dem Dannerhof stets: Der Bari, das gute Tier. Das gute Tier bewährte sich auch als Kindswache. Stand der Korb mit dem kleinen Helmut Danner im Grasgarten in der lieben Sonne des Altweibersommers, so legte sich Bari daneben und wich nicht. Dann und wann erhob er sich, sah in das Bettchen und stellte an den zitternd erhobenen Fäusten des Kindes fest, daß es noch da war, umkreiste ein paarmal würdigen Schrittes den Korb und legte sich wieder nieder. Pia konnte ihm unbesorgt das Wächteramt überlassen. Wer hätte das gedacht, daß der alte, faul gewordene Bari noch einmal so unentbehrlich würde?

Um das Kind drehte sich der ganze Haushalt. Es hieß: Wenn der Bub wach ist, mach ich das. Wenn der Helmut seinen Schoppen hat, können wir das machen. Erst wenn der Kleine gebadet ist, kann an jenes gedacht werden. Und wenn er abends in der Schlafkammer schlief, war die Sonne im Hause Danner erst richtig untergegangen. Der Danner trat 122 auf Zehenspitzen in die Stube, wenn im Gang der weiße Pappdeckel wie ein Schild auf dem alten Lichtspanhalter steckte, groß mit dem Worte »Still!!!« bemalt. Er hätte unter Umständen die Stiefel in die Hand genommen, während der kleine Tyrann schlief. Heiner maulte manchmal: »Man könnt grad meinen, ein Prinz geruht zu schlafen.«

Aber er hätte sich dann nie von der Mutter erwischen lassen dürfen, wie er eines Sonntagnachmittags vor dem Korb stand und die Fliegen wegjagte, ja behutsam den Schleier über den Schläfer deckte, den sie vergessen hatte gegen die lästigen Mücken auszubreiten. Die Mutter hatte damals so getan, als wäre es gar nichts Besonderes, den großen Sohn so beschäftigt zu sehen. Sie verlor kein Wort darüber, er bekam ja so feuerrote Ohren vor Scham, daß er ihr leid tat. Sie fragte ihn, wann er am besten mit ihr zum Schneider gehe, er müsse doch ein paar neue Anzüge für Tirol haben.

Pia hatte bisher nie gemerkt, wie schlecht es um Heiners Kleider bestellt war. Sie hatte stets alles gereinigt und geflickt, es war peinlich sauber, doch merkte sie nicht, wie knochenblank Heiners Handgelenke aus den Ärmeln heraussahen und wie eng die Hosen am Knöchel endigten. Erst am Tauftag Helmuts gingen ihr die Augen auf, daß der Heiner aus den Bubenkleidern vollkommen herausgewachsen war und Mannskleider brauchte. Sie ärgerte sich, daß sie das nicht früher gemerkt hatte. Dem Dannerbauernsohn sollte es doch noch zu passenden Anzügen reichen. Der Heiner selber hätte es doch auch sagen können. Jetzt gab er es zu: »Natürlich brauch ich das, Mutter, 123 schon längst. Die Bachroth und ihr Anhang haben sich schon lang über meine Bubengewändle lustig gemacht.«

»Ach, die Bachroth«, tat die Mutter wegwerfend, »die soll sich selber anschauen, trägt doch auch alle Tag den gleichen Rock und Gott und immer die rote Baskenmütze, nie einen rechtschaffenen Hut.«

»Besser so, als wie ein Pfau herumzustelzen«; widersprach Heiner; »wenn sie wie die Frau Schwalbe herumlaufen würde, wär sie nichts als ein dummer Aff'.«

»Nein, ein Pfau«, lachte die Mutter, »kannst du nicht richtig denken?«

»Mir gleich, Pfau oder Aff', beides sind unnütze Viecher.«

Pia brachte den Jungen mit ruhiger Absicht so weit, daß er von seinem ungattigen Ton abließ und sich mit ihr zum erstenmal, seit der Blumenstrauß auf der Fensterbank ihrer Wochenstube gelegen, richtig unterhielt.

Sie sprachen alles miteinander durch, was er für die Fremde brauche und wie es sein müsse. Und als die Rede darauf kam, daß er durch die drei Mädchen des Gstettner wohl auch zum Tanzenlernen käme, fiel der Name der Barbara Bachroth abermals.

Die Mutter sagte: »Was wohl aus der Bärbel wird, wenn sie ins Sanatorium nach Baden-Baden muß?«

Das war dem Heiner neu! Die Barbara, was hatte die im Sanatorium zu tun?

Ja, diesen Morgen nach der Kirche hatte die Dannerin den Doktor mit einem fremden Herrn getroffen, 124 es war ein Freund und Studiengenosse des Doktors. Der besaß ein vornehmes Krankenheim in Baden-Baden, und dahin sollte, wie Bachroth der Dannerin erzählte, die Barbara eine Zeitlang, um die Krankenpflege von Grund auf zu erlernen und auch einmal eine neue Welt um sich zu haben.

»Und die Barbara, will die denn?«

»Ja, Bub, der ganze Plan geht, denk wohl, von ihr aus.«

»Das glaub ich nicht«, rief Heiner erregt.

»Bub«, mahnte die Mutter, »ihr seid doch beide noch viel zu jung.«

»Ganz gleich«, sagte Heiner, und es klang hart über ein Schluchzen hinweg, »ganz gleich – die oder keine!«

Er stand auf, er hatte neben der Mutter auf der Truhe gesessen, stand rasch auf und verließ poltrig die Stube.

Der Helmut fuhr aus dem Schlaf und schrie sofort mit heller Stimme wie am Spieß. Die Dannerin hob ihn aus der Wiege und schimpfte: »Oh, ihr Buben, Männer seid ihr schon in nassen Windeln und immer noch Buben, so alt ihr auch werdet.«

Den Heiner hörte sie gleich danach auf seinem Motorrad aus dem Hause brausen.

Heiner sauste das Tal hinauf, er wollte im ersten Unmut sofort zu Barbara, um die Botschaft von ihr selbst zu hören; aber er blieb im Hespengrund bei den Runzbrüdern hängen. Dort sassen Studenten aus Heidelberg und sangen aus vollem Hals. Es waren auch Studentinnen dabei. Es dauerte nicht lange, so hatten sie den blonden Bauernburschen in ihrer Mitte, und 125 es ging ihm gut zwischen zwei hübschen norddeutschen Fräulein mit lustigen Augen und herzhaftem Wesen. Sie machten kein Geschwänzel und Gekitter um ihn, sie stießen mit ihm an und fragten, was er sei und was er für ein Motorrad habe und andere einfache Dinge seines Alltags. Er konnte Rede und Antwort stehen, ohne zu zaudern. Sie hörten ihm gut zu; denn er erzählte auf einmal von seiner Heimat, vor allem von dem Gebirge, der langen, hohen Moos, der Hornisgrinde mit dem Mummelsee, erzählte vom Kniebis und den Harzsuchern, es fiel ihm alles ein, was er wußte, und er spürte mit Stolz die Aufmerksamkeit, die er bei dem ganzen Kreis erregte.

»Sie wissen aber mehr als ein Bauernjunge«, lobte ihn einer.

Heiner meinte, er wisse nur das, was ihm zugewachsen sei. Es gäbe alte Leut in der Gegend, die könnten viel mehr erzählen. Ha, wer die Augen aufmacht, der sieht halt mehr als einer, der eine Schlafhaube ist. Er erzählte, daß er Ahnen habe, die Vögte, Richter, Bürgermeister, wie man heutzutag im Tal sage, gewesen seien. Er erzählte von den Müttern im Dannergeschlecht, die als Hexen gepeinigt worden waren. Ein Dannerbauer habe sich auch vom Verdacht mühsam reinigen müssen, als es hieß, er sei ein Hexer. Er berichtete, wie die meisten großen Bauern miteinander verwandt seien und wie der Dreißigjährige Krieg und andere Kriege übel mit dem Bauerngut gehaust hätten.

Die Runzbrüder, stolz auf ihren jungen Vetter, setzten sich bald dazu, und nun ging erst recht ein Berichten los. Die Studenten lauschten und vergaßen schier Singen und Trinken. 126

Die Brüder erzählten von dem Schauenburgischen Gutsverwalter Johann Jakob Christoph von Grimmelshausen, der im Tal gelebt hatte und ein Bücherschreiber gewesen war.

»Ach«, riefen die Studenten aus, »den kennen wir, der hat den ›Simplizissimus‹ geschrieben.«

»Eben das«, sagte Xaver Runz, der Bescheid wußte, »und in einem Kalender, es ist ein ewigwährender, da steht alles drin, was für Wunder und Unwesen und was für Sonderbares in der ganzen Welt geschehen ist.«

»Es kommt oft ein Herr in den ›Sternen‹, der Grimmelshausen hat ja auch eine Wirtschaft zum ›Sternen‹ gehabt in Gaisbach, der forscht allem nach, was den Grimmelshausen angeht, und wenn er etwas Neues entdeckt hat, so erzählt er es uns ausführlich«, erklärte Franz Runz, »deshalb wissen wir fast alles aus der Quelle.«

Von dem hatten sie auch die Bücher von Grimmelshausen, und am besten gefielen ihnen natürlich die saftigen Abenteuer der Courasche und des Springinsfeld.

»Es ist, bi Gott, zugegangen in unserm Tal, vorab wo der Sauerbrunnen ist, das reinste Sündenbabel. Schier nit zum verzelle.«

»Ja, es ist besser, ihr verzellt nit so viel«, mahnte Sina ab, »das sind welsche Sachen.«

Wenn Sina die Brüder abmahnte, wußten sie, daß es nötig war. Sie merkten nämlich fast zu spät, daß die jungen Frauenzimmer, diese gescheiten Studentinnen, das tolle Zeug doch nicht hätten hören sollen. Auch dem Heiner brauchten nicht alle Stare auf 127 einmal gestochen werden. Der gerade paßte auf wie ein Häftlemacher. Den »Simplizissimus« hätte er gern schon lang dem Xaver abgefuggert, doch der lenkte immer ab, wenn die Rede darauf kam.

»Du kriegst die Bücher alle emmal, aber jetzt ist's noch zu früh.«

Sie kamen dann von dem Grimmelshausen ab, der Heiner seit langem beschäftigte, und die Runz holten ihre Schifferklaviere. Es wurden dann ihre Leib- und Magenlieder gesungen: badische Soldatenlieder.

Zu Rastatt ist die Festung,
Und das ist Badens Glück.

Als spät in der Nacht die große Schar den Kraftwagen bestieg, der sie wieder nach Heidelberg zurückfuhr, waren alle mit den Runzgeschwistern und dem Heiner auf du und du. Heiner machte es wieder einmal bitter, daß er nicht hatte studieren dürfen. Obschon ihn die Sina nicht heimlassen wollte, ließ er doch das Motorrad mit talstörendem Lärm anlaufen und fuhr ohne Fährnis nach Tiefenspring. Er hatte gar nicht viel getrunken, ein oder zwei Glas Wein. Das hatten die nicht gerade vermutet, ihm selber kam es sonderbar vor. Sonst war er nicht zurückhaltend beim Weintrinken. Vor lauter Erzählen und Aufmerken hatte er aber alles andere vergessen. Eines der Mädchen erinnerte ihn zuweilen an Barbara, es war lieber als Barbara, aber lange nicht so eigen und stark wie sie. Nein, über die Bachroth ging nichts! Diese Senta Fricke war freilich wirklich liebenswert zu ihm gewesen, so freundschaftlich, wie es Barbara noch nie gewesen. Senta durfte er zu ihr sagen. Die Senta 128 hatte zwischen dem Bauernsohn Danner und der Professorentochter Fricke keine Lücke gesehen. Es wäre gut gewesen, wenn ihn jemand aus Oberspring so unter den Studenten wie ihresgleichen hätte sitzen sehen, damit es die Barbara hätte erfahren können. Auch daß so gescheite Mädchen wie eine Senta Fricke neben Heiner saßen, dicht neben ihm.

Es kamen in den nächsten Tagen schon Kartengrüße von den neuen Freunden an Heiner. Auch eine dichtbeschriebene Karte, unterschrieben »Deine Senta«, worin sie die Hoffnung aussprach, ihn recht bald wieder zu sehen, sicherlich aber im Sommer in Tirol, wohin sie wie jedes Jahr reisen wolle. Die Gstettnermühle kenne sie ja, das treffe sich gut. Deine Senta!

Heiner trug diese Karte mit einer Aufnahme Sentas im Kreise anderer Studentinnen bei sich. Er wollte sie Barbara bei Gelegenheit zeigen. Die Gelegenheit gab sich ein paarmal, seine Hand zuckte schon nach der Karte in der Brusttasche, doch er nahm sie nicht heraus. Es kam ihm dann jedesmal unfein vor, und er hatte auch eine leise Furcht, vor den hochmütigen Augen der Barbara nicht zu bestehen, noch weniger zu bestehen, wenn er sich mit der Freundschaft zu Senta Fricke brüstete, die, weiß Gott, doch ganz zufällig entstanden war.

Heiner machte sich selber kein X für ein U vor, er war nur so unruhig, nur so verzweifelt in sich selber. Er konnte es manchmal kaum erwarten, bis der Tag der Abreise nach Tirol da sei. Ob Barbara nach Baden-Baden gehe, hatte er bisher nicht von ihr erfahren, auch nicht danach gefragt. Das Fragen fiel ihm wahrscheinlich schwer, solange er lebte: Bauern 129 fragen nicht gern, sagen auch nicht gern dankschön, ohne daß sie etwas gegen ein Geschenk geben können. Es nimmt ihnen die Freiheit.

Vielleicht ist Barbaras Plan auch wieder verworfen worden, dachte der Heiner oft bei sich.

 

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