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Heiner und Barbara

Hermann Eris Busse: Heiner und Barbara - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
booktitleHeiner und Barbara
authorHermann Eris Busse
year1936
firstpub1936
publisherPaul List
addressLeipzig
titleHeiner und Barbara
pages304
created20180205
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Ewiger Strom und ewig währender Wald

In den folgenden Tagen sahen sie Heiner nicht auf der Säge. Entweder schritt er durch die Reben mit des Großvaters Flinte und schoß Schreckschüsse gegen die Stare und Amseln ab, die sich an den reifen Beeren gütlich taten. Er holte auch eine Krähe herunter und schoß nach anderen schwierigen Zielen. Oder er bosselte an seinem Motorrad herum und sauste unversehens mit Lärm und Gestank davon. Seine hellen Haare flogen, der schmale Kopf schien im Wind noch schmaler zu werden.

Im Augenblick erreichte er Oberspring und gab ein Zeichen. Es war abgemacht. Wenn Barbara Zeit hatte, kam sie rasch heraus und schwang sich auf den Sitz. Fast stets kehrten sie wieder bald um; denn Barbara wollte es so haben. Lachend stieg sie dann ab, sagte kurz: »Danke, morgen wieder.« Gab ihm nicht einmal immer die Hand, mehr als kurze Worte wechselten sie nie. Dennoch konnte Heiner diese Stunde kaum erwarten.

Die Oberspringer hielten sich nicht viel darüber auf. Sie sahen ja, das Doktorbärbel stieg auf, kaum daß sie den Dannerbuben recht grüßt, und lang blieben sie nicht fort, da war der Spaß schon wieder aus. Das waren Launen. Es konnten auch alle den Zauber der Sache begreifen. Hopp, auf, fort, schnell fort, und wenn sie heimkamen, hatten sie Heidekrautsträuße von der Alexanderschanze, wohin der Fußgänger nur alle Jubeljahr einmal kam. 100

Oft nahm Heiner den Niklaus Vogt mit. Der war freilich nicht mehr so heiter und warmherzig wie früher. Seit der Taufe ging etwas mit ihm um. Er war wortkarg, abwesend, hörte kaum zu, wenn Heiner ihm etwas erzählte, und er fragte nie mehr nach der Mariann, obschon Heiner genau wußte, daß die beiden sich oben am Meisenbuck trafen und miteinander im Eichenbann spazierengingen. Die Mariann hatte doch kürzlich, als Heiner sie einmal mit auf den Kniebis nahm, eine Andeutung gemacht, als wollte sie ihn um Rat angehen. Sie hatte so sonderbar den Klaus mit dem Daniel Hurst verglichen, und es schien fast, als sollte der Daniel dem Niklaus in allem überlegen sein.

Das war am Geburtstag Heiners, achtzehn Jahre alt war er nun. Mariann war vor einem Monat siebzehn geworden, doch sie hielt jeder für zwanzig. Sie hatte ein ruhiges Wesen, sie kam nicht mehr schnell aus dem Häuschen, aber eigensinnig war sie trotzdem. Mit einer unbeirrbaren Beharrlichkeit konnte sie ihren Willen durchsetzen. Der Lehrer Vogt sagte nicht umsonst eines Tages zu seinem Sohn Niklaus: »Schlag dir die Sägbauerstochter aus dem Kopf, Bub, die ist zu nüchtern für dich, zu klar im Verstand und zu selbstsicher, an der kann ein Mann zerbrechen, sie aber zerbricht an nichts. Die ist recht für einen Bauern, für einen Beamten nicht, für einen Arzt dreimal nicht, weil sie keine leichten Hände hat.«

Niklaus entlief dem wohlmeinenden Vater, er konnte das nicht hören, dieses Daraufpochen: »Hör auf mich, wieviel Jahre kenn ich die jetzt schon! Seit dem ersten Schuljahr. Da lernt man eines kennen, als Lehrer vorab, in- und auswendig. Tüchtig ist sie, 101 rechnen kann sie, regieren kann sie, denken kann sie, schön ist sie auch, reich auch, aber nichts für dich, Niklaus.«

Niklaus konnte das nicht immer wieder hören. Er wußte ganz im geheimen, daß der Vater recht hatte, aber er wollte keine andere. Warum hatte sie ihn auch bisher auf dem Glauben gelassen: »Ja, wenn du Doktor bist, womöglich der Nachfolger von Doktor Bachroth« – so weit rechnete sie schon – »dann wollen wir weitersehen.«

Daß sie, noch halbe Kinder, schon über später sprachen, lag im Wesensernst der beiden beschlossen.

Heiner und Barbara beredeten solche Dinge nicht. Da herrschte eine andere Stimmung. Da knisterte es zuweilen gefährlich zwischen Pol und Gegenpol. Da brannte die Gegenwart auf der Haut im Augenfeuer, gab sich aber nicht deutlich kund. Was morgen wird? Ach, wieder eine Motorradfahrt so herrisch herrlich! Und es war gar nichts drum und dran als manchmal ein staunender Ausruf über ein plötzlich sich auftuendes Wunder der Landschaft, über den weiten Blick von einer Höhe hinaus in die ganze Heimat zwischen Schwarzwald und Rhein. Wie wogten die bunten Buchenwälder über die Vorberge hernieder, wie stieg Wald steil an zur Moos, zur Hornisgrinde, zum Kniebis in unheimlichem Tannicht. Wie glitzerte und gleißte die grüne Ebene herauf mit den Dörfern und Städten um Kirchtürme geschart, wie zeichnete sich an den westlichen Rand der Umriß des Straßburger Münsters wie eine der zarten Silberstiftzeichnungen in Doktor Bachroths Sammlung kostbarer graphischer Blätter. Sie mühten sich, mit Karten 102 herauszukennen, was alles zu sehen sei, wie die Stadt da und dort heiße, und ganz weit im Süden die deutlich aufgetürmte Bergmasse, die scheine der Belchen im südlichen Schwarzwald zu sein, der strecke doch seine stolze Nase so weit vor. Drüben ruhe das Elsaß, die Flur der Verwandten: Äcker, Matten, Reben, Wälder, Bäche, Stromufer der Verwandten.

Heiner sagte: »Drüben ist dasselbe wie hüben. Der Vater war im Krieg dort. Er war wie in der Fremde und doch daheim.«

»Reden tun sie auch fast wie wir untereinander, alemannisch. Aber es ist halt jetzt Frankreich«, sagte Barbara.

»Halt's Maul«, entfuhr es Heiner. Er hatte ganz vergessen, wer bei ihm war, und die rauhe – nicht bösartige – Tonart von seinesgleichen angewandt. Barbara kehrte sich nicht einmal hochnäsig ab. Sie sah ihn nur mit großen, erstaunten Augen an. Heiner vergaß auch, sich zu entschuldigen. Er schwang sich aufs Rad, machte sofort Lärm. Barbara mußte sich gehörig eilen, sonst wäre er womöglich ohne sie abgebraust.

Ein Flegel ist er, zürnte sie und schämte sich, daß sie immer wieder mit ihm fuhr. Der Vater hatte auch schon ein paarmal so eigen gefragt: »Was hast du eigentlich von dem Fortgebraus mit dem Bauernburschen? Dem wachsen noch Hörner in die Stirn, so bockig sieht der Kerl seit einiger Zeit aus.«

Richtig bockig, das war der Heiner auch manchmal, das wußte Barbara, und sie beschloß bei sich, morgen sagst du: »Danke vielmals, ich hab' keine Lust heut!« Und übermorgen: »Tut mir leid, es fehlt mir an 103 Zeit.« Dann wird er aber gewiß nie wiederkommen. Das wollte sie auch nicht. Doch er wird am dritten Tag wieder unten vor dem Haus sein Zeichen geben!

Sie brachte es wahrhaftig über sich, am nächsten Tag zu sagen: »Oh, schade, ich kann heut nicht!« 104

Er schaute sie entsetzt an, faßte sich aber dann, nickte kurz und machte mit ungeheurem Lärm kehrt, zurück nach Tiefenspring.

Am anderen Spätnachmittag ertönte das Zeichen abermals. Sie brachte es über sich, ihn zu quälen, und sagte: »Ach, wie dumm, es geht jetzt wieder nicht, arg dumm ist das, gelt?«

Der Bub nickte heute nicht, warf nur sein zerwehtes Haar aus der Stirn und fuhr weiter, das Tal hinauf. Es war schon tiefe Nacht, da hörte sie sein Zeichen fern auftönen. Er wählte die andere Straße heimwärts, jetzt erst. Sie hatte ein merkwürdiges Gefühl im Magen, sie wußte, daß sie falsch gewesen. Er wird morgen nicht wiederkommen, dachte sie, es wird aus sein.

Heiner war jedoch um die gewohnte Zeit unten, ließ den Motor weiterlaufen, fragte nur ganz lässig und eigentlich schon im Weiterstreben hinauf: »Willst du mit? Dann aber rasch!«

Sie rief, ein wenig erregt: »Ja, in fünf Minuten. Bitte, wenn du nicht solang warten kannst, fahr halt allein!«

Sie stand dann hinter der Haustür, sah oft auf die Uhr. Die fünf Minuten mußten abgewartet werden. Sie dehnten sich, als wäre jede Minute eine Stunde.

Diesmal fuhren sie talabwärts. Es war ein herrlicher Herbstnachmittag. Die Matten glühten im neuen Grün nach der Mahd, Herbstzeitlosen wehten mit großen blassen Glocken über dem niederen Gras. Sie fuhren langsam talab. Heiner wollte einmal mit voller Bewußtheit Barbara an den vielen Sägen 105 vorbeiführen, die das ganze Tal entlang an den Wassern der Lauter saßen. Er sagte nur zu ihr: »Paß einmal auf, wie viele Sägen da sind, das gehört einfach zu unserem Tal.«

Ach, was soll das nun wieder heißen, dachte Barbara bei sich, will er wohl auftrumpfen, wie fein es ist, daß auch er eine Säge besitzen wird?

Als sie einmal warten mußten, weil die Straße durch riesige Lastzüge mit Bauholz verstopft war, die sich so knapp vor Feierabend noch auf den Überlandweg begaben, fertig gerüstet für weite Fahrten nach Norddeutschland, fragte er sie: »Hast du auch gesehen, was Bauernsägen und was Industriesägen sind? Wenn du scharf schaust, kannst du sofort feststellen, wo es ordentlich oder schlampig hergeht. Das sieht man schon dem Holzplatz an. Schon wie die Stämme vor den Schwemmgumpen liegen, das zeigt, was für ein Meister die Augen über dem Sach hat.«

Barbara schaute hin, das schien ihr wohl sehenswert, aber sie dachte doch: Weiß der nichts anderes als fachsimpeln heut?

Was weiß er denn sonst? sann sie nach.

Im Wald, ja, da ist er in seinem Gebiet, kennt jeden Baum, jedes Tier, weiß, wo Fuchs und Dachs wohnen, Wiesel und Marder, kennt die merkwürdigen Pflanzen, die seltenen Käfer und Raupen, und aus der ganzen Umgegend weiß er die Sagen. Sogar geschichtliche Ereignisse weiß er mit den Jahreszahlen. Barbara war oft erstaunt, daß ein Volksschüler soviel wissen konnte. Dabei vergaß sie, daß Heiners bester Freund Niklaus Vogt war, ein gescheiter Bursche, immer vornedran im Gymnasium, 106 das auch Barbara jahrelang besucht hatte. Von Niklaus hatte Heiner viel gehört und auch Bücher bekommen. Lesen, das war eine Leidenschaft Heiners, die er von Vater und Mutter geerbt hatte.

Der Heiner hätte studieren sollen, das dachten manche Leute, die den begabten Buben kannten. Sie wiesen auch den Sägbauern oft darauf hin, aber der knurrte, wurde sogar böse, wenn es ihm zu oft gesagt wurde: »Müssen denn alle Gescheiten den Doktor machen, kann man vielleicht bei den Bauern keine Gescheiten brauchen? Wer einen guten Kopf hat und sonst gut beschaffen ist, der leistet damit etwas, wo er auch hingestellt wird. Geht mir weg mit den Studierten! Der Bub hat seine Zukunft in der Säge, beim Wald und beim Bauerngeschäft, dazu ist er wie wir alle bestimmt, und damit fertig! Ich will nichts anderes mehr hören.«

Als der Helmut auf die Welt kam, sagte der Lehrer Vogt zum Danner: »Jetzt könnte es der Heiner doch noch packen mit dem Studieren, jetzt rückt ja noch ein Hoferbe nach.«

Da wurde der Danner fuchsteufelswild und schrie: »Redet keinen Blödsinn, Vogt! Mit einem Wiegenkind rechne ich nicht. Für den Helmut gibt's auch noch ein Erbgut. Dafür sorg ich. In die Stadt kommt mir keiner. Die geraten alle ins Elend, die jetzt in die Stadt bauen. Ein Schwamm kann nur Wasser saugen, bis er voll ist, dann ist jeder Tropfen dazu überflüssig und verkommt. So geht's mit der Stadt. Die braucht nur Leut, soviel sie nähren kann.«

»Danner, Ihr könnt etwas gut begreiflich machen, Ihr redet praktisch.« 107

»Und doch«, winkt der Danner ab, »wer schwätzt, schafft nicht. Das sagt der Vater immer, und der hat noch in allem recht gehabt.«

Der Heiner hörte, ohne daß es die beiden ahnten, das Gespräch mit an. Er stand hinter einem Roßgespann und vesperte, als es ablief. Ja, er hatte studieren wollen, Medizin, ein großer Arzt werden; aber das ist jetzt vorbei, schon seit einiger Zeit. Er hatte auf einmal Augen für das eigene Erbteil bekommen und wollte es antreten und mehren, Herr werden über allem, herrischer als der Vater, dazu ein freier Mann mit Jagd- und Fischrecht weitum.

Er schlug in seinen Träumen weiter über die Stränge. Er hatte von großen Grundherren gelesen, die nicht allein ihr Hauswesen beherrschten, sondern Gemeinde und Landschaft, und überall waren sie die ersten gewesen. Das schwebte ihm vor. Ein großer Hochmut stieg ihm in die blanke, hohe Stirn, und daher trat er gegen Barbara härter auf, als es seine Art war, ließ sich durch ihre Abweisungen nicht kränken, die mußte einfach, die würde er schon kleinkriegen.

Achtzehn Jahre war er jetzt alt. Länger als bis zum einundzwanzigsten würde er nicht warten, sich zum Herrn zu machen. Der Vater konnte ruhig bald ins Leibding gehen. Und Barbara mußte dann ja oder nein sagen, mußte. Es gab keinen Aufschub. Und wollte sie nicht, dann suchte er sich rasch eine andere, und sie sollte dann gar keine Hoffnung mehr auf ihn haben.

Eine andere würde er freilich nicht so mögen wie die Barbara, die gab es nicht noch einmal.

Barbara ahnte diese anschlägigen Pläne Heiners natürlich nicht, doch spürte sie, daß er anders war 108 gegen sie, nicht mehr scheu und linkisch, nicht mehr so wichtig darauf bedacht, ihr etwas Besonderes zu zeigen, sie zu behandeln wie eine Prinzessin auf der Erbse.

»Willst du mit? Dann aber dalli!« Das war der neue Ton.

Er gefiel ihr nicht, und doch widerstand sie ihm nicht. Dieser neue Ton zwang, daß es beinahe wohltat. Barbara wäre nicht mehr imstande gewesen, eine Ausrede zu finden: Heute kann ich leider wieder nicht mit. Heiner wäre zu hochmütig abgebraust.

Heiner und Barbara fuhren langsam an den Sägen vorüber. Die Sägen arbeiteten noch alle, erfüllten das schöne, immer weiter werdende Tal mit ihrem Pochen und Schleifen und Schwirren. Der Duft frisch geschnittener Bretter und Bohlen hing eigen im Tal. Hier roch es förmlich nach Lautertal, konnte man sagen. Nach Bach und Matte, nach Holz und Pferd.

Sie kamen in das weite Land, wo das Tal breit in die Ebene sich öffnete. Still und friedsam zog der arbeitgewohnte Fluß seinem Strombruder zu. In den klaren Abend ragte drunten am Himmelsrand der Schattenriß des Straßburger Münsters auf.

Die beiden jungen Menschen fuhren so lautlos dahin, wie sie nur konnten, weiter in den Abend hinüber; das schwere Rad schwebte schier. Es war wie ein Wunder über Menschen und Metall gekommen, weil dieses riesige Gotteshaus im Elsaß so feierlich mitten in der weiten, ebenen Flur zu stehen schien, ganz allein umglüht vom Glanz des herbstlichen Abends. 109

Keines sprach ein Wort. Heiner fuhr und fuhr dem Wahrzeichen entgegen, dem Strom zu. Sie dachten nicht an den Heimweg, es zog sie zu den mächtigen Schaustücken ihrer Heimat, dem Rhein und dem Gotteshaus vor dem Goldgrund des kostbaren Abends, der wie auf den alten gotischen Meisterbildern in verhaltenem Glanz verharrte. Als sie aber fast am Strom angelangt waren, zerfloß dieser Zauber schnell. Schwere, aus der Nacht gestreckte Hände zogen den herbstlichen Nebeldunst, ein graues, stark riechendes Gespinst, vor die westliche Landschaft, aus dem Strom hoben es die Hände der Nacht und aus den Matten auf wie ewige Gewebe, die nie bleichen, solange sie auch auf Gras und Feuchte liegen.

Sie kamen an das Ufer des Rheines, Heiner und Barbara, und lauschten seinem starken Strömen. Ein Lastschiff zog mit Lärm vorüber, ein Faltboot mit einsamem Manne hinterher. Vom Münster sahen sie nichts mehr, es war wie weggeblasen aus dem jenseitigen Elsaß.

Barbara gedachte des Jahres, das sie drüben bei den strengen Frauen des Sacré-Cœur verbracht hatte. Das erste Jahr der neuen Ehe des Doktor Bachroth. Frau Schwalbe, so nannte Barbara die Stiefmutter, weil sie immer zwitscherte und schwirrte, war keine böse Stiefmutter, leider sowenig wie möglich Mutter. Der Doktor konnte ruhig seine Tochter heimrufen, und wie gern tat er das, die kleine, oberflächliche Frau störte sie nicht.

So lebte Barbara neben der Frau Mama – sie sagte nicht Mutter zu ihr, das brachte sie nicht heraus – her wie neben einer zufällig auf Besuch 110 weilenden fernen Verwandten, höflich und, soweit es ging, getrennt. Da Frau Bachroth kein Verständnis für den Beruf des Mannes hatte, überließ sie auch Barbara das Feld, und es wäre vielleicht das einzige gewesen, worum Barbara mit heftiger Leidenschaft gekämpft hätte. Sie hielt schon als Schulmädchen dem Vater die Instrumente sauber und in Bereitschaft und stand ihm in der Sprechstunde und auf Krankenbesuchen bei. Niemand forderte sie auf dazu, sie blieb einfach immer beim Vater und wuchs wie im Spiel zu ihm hin als Kamerad in seinem opferreichen und schönen Beruf. Es fragte sie niemand, was willst du werden, sie war es einfach geworden, Helferin eines großen Arztes, dessen Größe nicht in wissenschaftlichen Entdeckungen niedergeschrieben, in dicken Büchern zu beweisen war, aber durch den Mund geheilter Kranker aus großen und kleinen Bauernhäusern bestätigt wurde. Einmal kam es Barbara in den Sinn, sie könnte Medizin studieren, und sie schlug es auch dem Vater vor.

Der wehrte ab: »Kind, sei vernünftig, du bist zum Heiraten geboren; laß höchstens deinen Mann, meinen Nachfolger, die Völkerschaften unserer Heimat verarzten. Was willst du auch, du kannst ja jetzt schon soviel wie mancher Arzt nicht.«

Da kam sie nie mehr darauf zurück. Heute wußte sie, der Vater hatte recht gehabt. Sie nahm am End einmal keinen Arzt, sondern – – –

Heiner und Barbara hielten am Rheinufer, sie stiegen nicht ab vom Rad, sondern schauten nur, wie sich die Fluten stießen, wie der Nebeldunst auch die silbernen Spiegel langsam behauchte, die zuweilen eine 111 glatte Wasserfläche aufblitzen ließ. Der Strom sah bleiern aus, glanzlos, unsäglich traurig, gebannt in schweres Grau.

Da wendete Heiner das Rad, fuhr, wie er es noch in der Gewohnheit hatte, mit furchtbarem Lärm an, ein Vogelschwarm zuckte kreischend vom Damm empor und flog in schwarzer Wolke ab.

Sie hatten nichts miteinander gesprochen. Barbara hatte wunders gemeint, was der Heiner mit ihr plane. Sein beharrliches Kommen mußte doch ein Ziel haben, aber er sagte kein Wort davon. Wie immer ließ er es dabei bewenden, daß er kam, sie auflud und davonbrauste, irgendwohin ins Land, und danach wieder vor das Doktorhaus fuhr, sie abzuliefern. Indessen hatten sie doch jedesmal Unvergeßliches erlebt, so wie heute den Abend, den goldenen Hintergrund des Münsters, das unheimliche Ziehen des Nebels, der Glanz und Schönheit erstickte. So wie kürzlich die Gewitterwucht am Mummelsee und einmal die endlose, einsame Fahrt immer durch Wald, Wald, Wald auf der Moos. Barbara mußte davon träumen, wie sie in dem ungeheuren Meer der Bäume, im dämmernden Grün des ewig währenden Waldes auf Wegen oft dahinfuhren, die nur von Füßen zu begehen waren, und manchmal mußten sie sich fragen: Sind wir nun in der richtigen Richtung noch? Sie hatte vor dem einsamen Wald ein wenig Angst bekommen, in dem sie sich verirrt hatten, wenn es auch Heiner nicht zugab. Aber er war zuletzt wie ein Gespenstischer gefahren, und der Wald hatte widergetönt vom Lärm des Motors, die Bäume hatten so seltsam still gestanden, gleich Wächtern, die der Wahnsinn zwischen ihren Schäften 112 nicht berührt. Und Heiners helle Mähne flog ganz unnatürlich hell. Die Nacht kam in den Wald mit Grauen und Geheimnis für die beiden, die versuchten, endlich aus dem weglosen Dunkel zu finden, in das sie geraten waren.

Davon träumte sie seither und wachte in Schweiß gebadet auf. Es hatte etwas nach ihr gegriffen, sie wußte nicht, wie es aussah, wenn sie wach war. Etwa ein Waldwesen, dessen Ruhe sie durch den Lärm ihres Teufelskarrens geschändet hatten, durch das kalte, stechende Licht ihres Scheinwerfers. Es hatten ja hinter allen Stämmen Wesen gestanden und hatten, wie mit Händen aneinander geschlossen, auf beiden Seiten ihres Weges gleichsam eine Wache gebildet.

Barbara hatte nie so schwer geträumt. Morgens hatte der Vater schon ein paarmal gesagt: »Mädel, du siehst so mondsüchtig aus.«

Gedacht hatte er wohl: Nun, das gibt es manchmal in ihrem Alter. Barbara hatte seine ärztliche Hilfe noch nie beansprucht. Ihre Kinderkrankheiten hatte die Mutter allein behandelt.

Krank war sie ja auch nicht.

Während sie jetzt heimfuhren, schaute sie immer gegen die schwarze Wand der Berge, zu denen sie hinstrebten. Das weite Tal wurde förmlich in einen Schlauch der Dunkelheit hineingezogen, wo es enger ward. Und sie mußte an alle diese Dinge denken; denn Heiner sollte beim Fahren aufpassen, und bei dem Lärm und bei der Eile konnten sie sich doch nur schwer verständigen.

Barbara war zuletzt froh, daß sie daheim anlangten. Heiner hatte beim Abschied gesagt: »Drei Tage lang 113 kann ich nun nicht, aber danach wollen wir auf die Grinde fahren. Es ist dann Sonntag.«

»Gut«, erwiderte sie hell und hart, ganz die alte, feste Barbara.

 

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